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Schwarze
Schafe
Schwarze Schafe rettet respektabel ein neudeutsches
Genre, das nach seinen bisherigen Einträgen eigentlich keine Rettung verdient
hätte.
In die Liga dieser elenden Berlin-Filme der letzten
Jahre, dieser furchtbar authentischen Milieu-Wichsereien, dieser verlogenen
Ensemble-Tragikomödien übers hiesige Prekariat, diesem eitrigen Dreieck
zwischen Andreas Dresens Nachtgestalten und Werken wie Vanessa Jopps Komm
Näher oder zuletzt Bernd
Böhlichs Du bist nicht allein, in dieses Koordinatensystem passt Schwarze
Schafe nun erfreulicherweise überhaupt
nicht rein, obwohl oberflächlich alle obigen Attribute ihre Anwendung finden:
Er ist ein Ensemble-Film über Berliner Milieus, er lebt vom Authentizitäts-
und Wiedererkennungseffekt der präsentierten Typen und Situationen, er
schildert Figuren aus der Unterschicht, scheint einen gewissen Improvisationsanteil
zu haben und ist Tragikomödie. Okay, der Improvisationsanteil könnte
ein bisschen geringer sein als üblich, und es ist auch ein bisschen mehr
Komödie als Tragi. Die Hauptunterschiede sind aber andere.
Der Stilwille ist höher, das Werk ist größtenteils
in Schwarzweiß mit gelegentlichen Farbtupferbetonungen und sonstige Spielereien
(vor allem viele Koyaanisqatsi-Intermezzos) gehalten, es scheint keine Angst zu
bestehen, sich als primär künstliches Werk mit Unterhaltungswillen
auszustellen, die Pointen sind häufiger, besser getimed und lauter, aggressiver,
sie reichen ins genüsslich Perverse und Bösartige, das Werk ist smarter
und hipper und rücksichtsloser, sein Zielpublikum ist, wie seine Figuren,
offenkundig jüngeren Alters und urbaner gedacht als das provinzielldeutsche
übliche Berlinfilm-Publikum.
Anstelle der mitleidig-mitfühlenden Milieufiguren-Porträts
à la Du bist nicht allein wird hier ganz offen — und hierin ist der Film als
Milieukino näher an Detlev Bucks Knallhart als am üblichen Berliner Authentizitätsfilm
sozialdemokratischer Prägung — mit Stereotypen jongliert, sogar Ressentiment-geladenen
Stereotypen und unverhohlenen Karikaturen, die Türken-Atzen, die pöhse-weichen
Satan-Grufties, die zugekifften Anti-Imps, die Tucke, der asoziale Säufer.
Die Figuren werden als das, was sie sind oder sein mögen, sorglos lächerlich
gemacht, ohne sie dabei allerdings in irgendeiner Form moralisch zu bewerten.
Das ist aufgeklärter als jede sonst übliche Elendsveredelung.
Jeder moralische Schleim, der irgendwo vielleicht
doch in der einen oder anderen Ritze des Films rumeitern mag, wird sowieso weggespült
von dem befreienden Wahnwitz, in den Schwarze
Schafe lieber gleitet, dem Spaß
mit Fäkalien und Kotzerei, der satanistischen Omafickerei nach Anton LaVey,
den überdreht-unerträglichen Asozialen-Wirrkopf-Nervereien Milan Peschels
(der Mann ist gut darin, er kann so wunderbar irritieren, im Nachhinein muss
ich immer positiver an Thomas Imbachs Lenz denken), der künstlerisch exzessiven, vielleicht
besten Drogentripszene, die das deutsche Kino je hervorgebracht hat, und den
erigierten Türkenschwänzen, die als Schlussbild gewählt worden
sind.
Im schleimvoll zugeeiterten Genre des Berlin-Films
ist Schwarze Schafe so jedenfalls eine aufkratzende Erlösung.
Christian Heller
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei:
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Schwarze
Schafe
D/CH
2006. R,B: Oliver Rihs. B: Daniel Young, Thomas Hess, David Keller, Michael
Auer. K,B: Olivier Kolb. S:
Andreas Radtke, Sarah Clara Weber, Bettina Blickwede, Till Ufer. M: King Khan.
P: Oliwood Productions. D: Marc Hosemann, Bruno Cathomas, Jule Böwe, Robert
Stadlober, Tom Schilling, Oktay Özdemir u.a. 94 Min. BBQ Distribution ab
2.8.07
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