zur startseite
zum archiv
Schwedisch für Fortgeschrittene
Allein die Kleidung in der Anfangsszene signalisiert: hier kollidieren
zwei Frauencharaktere miteinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Elisabeth hastet zur Hochzeit ihres Sohnes. Als wollte sie ihrem Widerwillen
über das Ereignis Ausdruck geben, hat sie sich in ein schrill-schwarzweißes
Kostüm geworfen. Die andere, Gudrun, trägt ihre gestrenge Politessen-Uniform
ebenso ungern, wie sie sich mit falschparkenden AutofahrerInnen anlegt. Aber
Halteverbot ist Halteverbot, daher kriegt sich die scheue Politesse mit der
Powerfrau in die Haare. Ein Schimpfwort gibt das andere, die erregten Damen
gehen im Unfrieden auseinander und treffen sich kurze Zeit später, wie
es der pure Zufall will, in Elisabeths Gynäkologenpraxis wieder. Gudrun
hat Schmerzen im Unterleib. „Ihnen fehlt körperlich nichts", kann
Elisabeth sie beruhigen. Und bald sind sich die entkleidete Staatsdienerin und
die verständnisvolle Ärztin gar nicht mehr so unsympathisch. Am Ende
der Untersuchung bricht Gudrun sogar in schallendes Gelächter aus. Das
Eis ist gebrochen.
So beginnt die wunderbare Freundschaft zwischen zwei Frauen Anfang
Vierzig, von der Regisseur und Drehbuchautor Colin Nutley in seinem Film erzählt.
In der ersten Filmhälfte gelingen ihm hinreißende Momente. Da knistern
die Pointen, was nicht zuletzt aufs Konto der Schauspielerinnen geht: Nutleys
Ehefrau Helena Bergström trumpft als energisch-warmherzige Elisabeth auf,
die in Scheidung lebt und in ihrer Stammdisko „Heartbreak Hotel" (so auch
der Originaltitel des Films) ihren zweiten Frühling erschnuppert. Und Maria
Lundqvist berührt als linkische Gudrun, die sich fälschlich als Witwe
ausgibt und auch sonst mit ihrem ganzen Lebensfrust hinterm Berg hält.
„Die Dinge sind so, wie sie sind", lautet ihr verkniffenes Lebensdogma
- „Have some fun", propagiert dagegen Elisabeth. Und es macht wirklich
Spaß, dabei zuzusehen, wie die muntere Ärztin ihre neue Freundin
aus der Reserve lockt, mit ihr im „Heartbreak Hotel" die Nächte durchtanzt,
Gudrun das Flirten beibringt und ihr, halb freundschaftlich, halb fachärztlich,
einen Vibrator kredenzt, damit Gudrun endlich mal einen richtigen Orgasmus erleben
kann. Sehr witzig auch eine Szene, in der das Gespann nach der Disko sturzbetrunken
durch die Stockholmer Innenstadt taumelt.
So lange Nutley die Komödienmaschine am Laufen hält,
stört es kaum, dass diese Frauenfreundschaft letztlich einem Lehrerinnen-Schülerinnen-Verhältnis
gleichkommt (daher wohl der deutsche Titel „Schwedisch für Fortgeschrittene",
der eher peinlich mit dem Klischee der freizügigen Skandinavierin wirbt).
Irgendwann fragt man sich freilich schon, warum hier weder der einen noch der
anderen Protagonistin eine innere Entwicklung zugestanden wird, warum Elisabeth
immer Recht hat, ihrer Vergnügungssucht niemals der Katzenjammer folgt
und wieso Gudrun kaum eigene Ideen zu Elisabeths ach so perfektem Selbsterfahrungsprogramm
beisteuert. Zugegeben, einmal probt Gudrun den Aufstand, als ihr „toter Mann"
aufkreuzt und sie ihn wieder heiraten will. Aber am Ende kriecht sie dann doch
zu ihrer Leitfigur auf den Beifahrersitz (was ein wenig an „Thelma und Louise"
erinnert). „Willst du meine Frau werden?", fragt Gudrun allen Ernstes.
Da schwingt kein erotischer Unterton mit und kein bisschen Ironie.
Schlechthin eindimensional sind die Männerfiguren gezeichnet:
Elisabeths und Gudruns Ex-Ehemänner sind Unsympathen, wie sie im Emanzipationsratgeber
anno 1980 stehen könnten - beide haben ihre Frauen betrogen, beide wollen
aus Bequemlichkeit und bar jeder Selbstkritik zu ihren Gattinnen zurückkehren.
Elisabeths italienischstämmiger Mann (als Möchtegern-Latin-Lover grotesk
fehlbesetzt: Johan Rabaeus) hat sogar eine von Elisabeths Patientinnen geschwängert,
wie die Gynäkologin zufällig entdeckt. Angesichts solcher Pappfiguren
nimmt es nicht wunder, dass die Heldinnen am Ende ein Leben ohne Männer
vorziehen. Dass ihre Beziehungen gescheitert sind, wird allerdings nur behauptet,
nicht erzählt. Und das ist das große Problem des letzten Drittels:
Colin Nutley zieht sich auf Thesen zurück, zum Beispiel die, dass Männer
per se Schweine sind, wobei man bedenken muss, dass er hier sein eigenes Geschlecht
denunziert. Von gelebtem Komödienleben, mit allen Irrungen und Wirrungen,
bleibt zuletzt keine Spur. Und der Humor, tja, der ist längst im Versuch
der groben Anbiederung erstickt. „Frauenverstehen für Anfänger"
wäre wohl ein passender Titel für Nutleys müßiges Unterfangen,
eine Art „Frauenfilm" zu simulieren. Es versteht sich, dass die Männerperspektive
an dieser Aufgabe scheitern muss.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst
Schwedisch für Fortgeschrittene
Schweden 2006 - Originaltitel: Heartbreak Hotel - Regie: Colin
Nutley - Darsteller: Helena Bergström, Maria Lundqvist, Claes Månsson,
Johan Rabaeus, Erica Braun, Marie Robertson, Christoffer Svensson, Niki Gunke
Stangertz - FSK: ab 12 - Länge: 102 min. - Start: 5.7.2007
zur startseite
zum archiv