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Science of Sleep
Mit Eternal
Sunshine of the Spotless Mind
(Vergiss mein nicht) drehte Gondry vor gar nicht langer Zeit nach einem
Drehbuch von Charlie Kaufman den vielleicht schönsten Liebesfilm des US-Indiekinos
der letzten Jahre (neben, versteht sich, Punch-Drunk
Love und Lost
in Translation). Sein einer neuer
Film - parallel läuft im Panorama der Berlinale sein anderer neuer Film,
eine Dokumentation - ist ebenfalls eine Liebesgeschichte, diesmal allerdings
selbst geskriptet und sie spielt ganz in Frankreich, wo der Film auch produziert
wurde. Beides mag von Vorteil gewesen sein, denn Gondry - der schon in den 80er
Jahren für seine eigene Band kleine Musikvideos bastelte - ist vor allem
am abwegigen Einfall, an der absurden Idee, am kreativen Umgang mit dem Material
und einer generellen Unfertigkeit interessiert - Elemente, die einem das französische
Kino vielleicht noch eher verzeiht als das, bei aller gern gesehenen Verspultheit
der Ausfertigung, doch auf Transparenz und innere Schlüssigkeit pochende
us-amerikanische Indiekino.
Entsprechend herrlich fällt The
Science of Sleep auch auseinander,
von Anfang an. Es geht um eine Liebesgeschichte auf einem Stockwerk eines Wohnhauses,
Gael Garcia Bernal gibt den in Mexico aufgewachsenen Halbfranzosen Stéphane
mit Künstlerseele, der Realität, Traum und Wunschdenken nicht recht
auseinanderhalten kann, in die Wohnung nebenan zieht die von Charlotte Gainsbourg
gespielte Stéphanie ein, die eine ähnliche Vorliebe für hübsche,
obskure Gegenstände, Basteleien am groben Material und wattiger Kleinkunst
wie ihr Nachbar hat. Makel allein: Sie ist nicht recht an einer Partnerschaft
interessiert. "Why me?", wird sie ihn später vorwurfsvoll anblaffen,
nachdem er es in seinem naiv-euphorischen Kleinkunst-Überschwang so ziemlich
verbockt hat, "because all others are boring and you are different",
wird er antworten - wer könnte es ihm verdenken (und wem ginge es beim
schwärmerischen Sich-Verlieben jemals anders?)?
Wobei nicht wirklich ganz klar wird, was alles zwischen
den beiden läuft und lief. In die Konstruktion einer objektiven Erzählwelt,
glaubhaft versichert durch die schwenkende Handkamera, bricht immer wieder das
Abstruse, der verspielte Wahnsinn Gondrys ein, der hier, nach dem digital gestützten
Sunshine-Film,
wieder ganz an die Do-it-yourself- Tradition seiner Musikvideos anschließt
und hemmungslos Filz, Watte, Pappe, Zellophan und Tonpapier zu einer herrlichen
Stop-Motion-Collage verarbeitet.
Anfangs wirkt das zunächst beliebig und unkonzentriert;
aber schon bald hat das Konzept das Herz gewonnen und man wartet sehnsüchtig
auf den nächsten Einfall, auf den nächsten von allen Digitalismen
befreienden Trick aus der Schatzkiste der Filmgeschichte. Das Menschliche vergisst
Gondry dabei nun nicht: Es wird zwar viel gelacht in diesem Film, doch eine
kleine Träne vergisst man insgeheim dann gerne für diese beiden, die
sich gefunden haben und doch nicht finden.
Mithin erkennt man im Verlauf auch das utopische
Projekt Gondrys, der in dem verspielt-verträumten Stéphane ganz
offensichtlich ein Uhustift-schwingendes Alter Ego in Szene setzt: Seine Kunst
lädt zum Mitmachen ein, zum Selbermachen, zum eigenen Animationsfilm, zur
eigenen Mini-Musik auf schrottigen Keyboards. Die Unfertigkeit des Materials,
so Stéphane an einer Stelle, strahlt Freundlichkeit aus; dies gilt im
gleichen Maße für den ästhetischen Entwurf Gondrys, dem es nicht
so sehr um künstlerischen Ausdruck, um die Monade des kunstschaffenden
Subjekts geht, sondern vor allem um eine Aufsprengung von Möglichkeiten,
sich Material anzueignen und Miniuniversen zu entwickeln. Er will, so scheint
es, das Publikum retten, das vor jeglichem Nachahmungspotenzial entrückter
CGI zum bloß passiven Bestaunen reduziert wird; Merian C. Coopers King Kong mag zu Harryhausen und unzähligen Super-8-Monster-Homemovies geführt
haben, Peter Jacksons King
Kong hingegen führt lediglich
zum Trailer-Download. Dem setzt Gondry, darin Wenzel Storch nicht vollkommen
unähnlich, die Physis des Materials entgegen: Eine Klorolle kann, so recht
für sich besehen, auch eine Fernsehkamera abgeben, auf Flohmärkten
und in verlassenen Hobbykellern tun sich ganze Ausstattungsfilme auf, das Filmband
selbst bleibt bei ihm haptisch und wird, bedingt durch eine erfundene Zeitmaschine,
die allerdings nur Sekundensprünge nach vorne und zurück ermöglicht,
gerne mal in hektische Loopsprünge zerhäckselt. Konservativ ist das
nun gerade nicht, was Gondry vorschwebt, im Gegenteil um Pluralismus und nicht
zuletzt um die Schönheit einer ideenreichen Kunst bemüht, die noch
danach trachtet, den Zuschauer zum ehrlichen Staunen zu bringen.
The Science of Sleep ist darin ein warmer, schöner
Film.
Thomas Groh
Dieser Text ist zuerst erschienen
im:
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Science
of Sleep - Anleitung zum Träumen
Frankreich
2005 - Originaltitel: La Science des Rêves - Regie: Michel Gondry - Darsteller:
Gaël Garcia Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat, Miou-Miou, Emma
de Caunes, Aurélia Petit, Sacha Bourdo - FSK: ab 6 - Länge: 105
min. - Start: 28.9.2006
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