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Sehnsucht
Das Schweigen am Weiher
Zum Glück sind die Tage vorbei,
in denen wir nur noch mit flauem Magen in die Starts deutscher Filme schleichen
mussten. Das Kino hier zu Lande ist wieder spannender geworden und daran sind
sicherlich auch die Filme der so genannten Berliner Schule Schuld. Es ist schön
zu sehen, wie Regisseure wie Angela Schanelec, Henner Winckler, Ulrich Köhler
oder Valeska Grisebach das bundesrepublikanische Dasein seiner vermeintlich
zuschauerwirksamen, derb-humorigen oder auch sozialkitschigen Stereotypien entkleidet
haben und vor allem, wie sehr und wie sehr ideologienfrei diese Filme sich auf
ein durchaus interessantes Sujet zu konzentrieren vermögen: Den naturbelassenen
Menschen. Nach all dem Boulevardtheater des lustigen neuen Neuen Deutschen Films
scheint es, als entdecke man eine ganz neue Spezies.
Mit wenig Eingreifen, mit dramaturgischer
Laisser-faire, die ihren jungen Laiendarstellern größtmöglichen
Spielraum ermöglichte und überwiegend mit Nahaufnahmen beobachtete
Valeska Grisebach in ihrem Spielfilmdebüt von 2002 „Mein
Stern“ eine Handvoll
Halbwüchsiger mit ihren Freunden und in der Familie, bei ihrer Suche nach
Lehrstellen und nach Liebe - oder nach dem, was man in dem Alter so dafür
hält. Dabei herausgekommen war eines dieser cineastischen Zwitterwesen,
eine Adoleszenzgeschichte, die so „echt“ wirkt, dass man kaum sagen kann, ob
sie mit versteckter Kamera gedreht (dazu war man freilich immer zu nahe dabei)
oder inszeniert worden war. Die Wahrheit lag - und das ist wahrscheinlich das
Geheimnis dieser Art von Filmen - in der Mitte. Die Jugend blieb sie selbst,
die zwei Protagonisten waren sogar schon vor den Dreharbeiten mal „miteinander
gegangen“, und es hatte offenbar nur einen Schupps gebraucht (und vermutlich
ein großes Vertrauen der Darsteller in die Regie und umgekehrt), um auf
unmittelbar ergreifende Weise (sogar die Darsteller selbst) daran zu erinnern,
wie das mal war und wie das offenbar immer noch ist: die (erste) große
Liebe.
Auch Grisebachs neuer Film „Sehnsucht“
fragt wieder nach großen, echten Gefühlen kleiner, „echter“ Leute,
deren Darsteller Grisebachs Casting-Team getreu ihrem Motto „Jeder Mensch kann
alles empfinden, jeder Mensch kann ein Held, die Hauptfigur eines Filmes sein“
nach einem halben Jahr Suche in Berlin und seiner ländlichen Umgebung,
auf Feuerwehr- oder Dorffesten oder in „Shopping-Malls“, aufspürte.
Jeder kann „Hauptfigur“, kann aber
auch „Hauptdarsteller“ eines Films sein. Für „Sehnsucht“ war Letzteres
programmatische Absicht. Wir in unseren Begrifflichkeiten festgefahrene Kritikaster
bezeichneten bisher von der Straße weggecastete Schauspieler als „Laiendarsteller“,
bis wir vom „Sehnsucht“-Pressearbeiter Höhne per e-Mail die freundliche
Erlaubnis erhielten, doch bitte dieses schreckliche Wort zu vermeiden („nicht
nur weil es immer so klingt, als hätte man Darsteller gesucht, die Laien
spielen; das Wort geht so direkt an dem vorbei, was einen großen Teil
von SEHNSUCHT ausmacht.“)
Zu
Letzterem später, zu Ersterem: Lieber Arne Höhne, einigen wir uns
doch provisorisch aufs Wort „Darstellerlaien“. Und der Begriff müsste passen,
denn in schwierigeren Momenten von „Sehnsucht“ (und sein Drehbuch mutet seinen
Darstellerlaien Schwieriges zu) ist spürbar, dass sie eben nicht direkt
vom Fach sind, obwohl sie es hin und wieder vielleicht hätten sein dürfen
- vielleicht aber auch nicht, denn vielleicht hätte es sowieso nicht funktioniert....
Der
Schlosser Markus (Andreas Müller) ist engagiertes Mitglied der Freiwilligen
Feuerwehr im kleinen brandenburgischen Dorf Zühlen („Sechs oder sieben
Einsätze pro Jahr. Aber das reicht auch“). Als er eines Tages das Leben
eines Mannes rettet, der offenbar aus Liebeskummer Selbstmord machen wollte,
gerät sein Weltbild ins Wanken. Hätte er ihn nicht lieber sterben
lassen sollen? Ist es immer richtig, seine Pflicht zu tun? Ist es immer richtig,
dem Leben in seinen eingefahrenen Wegen zu folgen?
Eine
Totale zeigt Markus blickend auf einen kühlen Weiher, einem wie aus Werner
Herzogs „Woyzeck“,
und sinnend. Deutsche Romantik. Wir bemerken: auch wenn Markus’ Frau Ella (Ilka
Welz) enorm viel Verständnis und Einfühlung für seinen Gewissenskonflikt
aufbietet, es bleibt in ihm noch ein Rest Zweifel und ein Rest Sehnsucht nach
einem irrationaleren, aber dafür leidenschaftlicheren, zumindest „anderen“
Sein. Als Markus ein Paar Tage wegen einer Feuerwehrschulung in einem anderen
Ort verbringt, bricht sein eskapistisches Gefühl sich bei abendlichen Feierlichkeiten
Bahn. Entrückt, und doch ganz bei sich, gibt Markus sich populären
Vibrations hin: Robbie Williams’ „Feel“ und Feuerwehr-Schnaps initiiert ihm
einen schönen, ekstatischen Blackout, mit dem er unschuldig am nächsten
Morgen in einem fremden Bett erwachen kann. Obwohl Rose (Anett Dornbusch), die
Kellnerin des Vorabends, schon angezogen in der Küche hantiert, ahnt Markus,
dass er unangezogene Augenblicke mit ihr geteilt haben muss. Da aber beide eher
gefühls- als wortgewaltige Menschen sind/sein sollen, belässt Markus
es bei einem Ja zum Kaffee und Rose bei einem Ja zu Markus per Augenaufschlag.
Ein Liebe hat begonnen, auch für ihn, obwohl er schon eine davon zuhause
hat und schnell wird klar: Markus kann sich nicht entscheiden. Markus liebt
doppelt.
Jetzt,
da er schon fast komplett ist, der Plot von „Sehnsucht“ (obwohl der Film gerade
erst richtig angefangen hat), Markus also in der Luft hängt mit seiner
Liebe zu zwei Frauen, da beginnt auch der Film in der Luft zu hängen, oder
besser: seine (hier bewusst formuliert:) Laiendarsteller. Darsteller also, die
Laien der Liebe verkörpern sollen. Mit Hilfe ihrer sorgfältig gecasteten
„körperlichen Präsenz“ sollen sie staksig in eigenen Worten die Geschichte
von Romeo und Julia memorieren, sollen sie Rosamunde-Pilcher-Sätze performen
wie „Ich begehre dich so!“, sollen sie zu Romantikern, zu Melodramatikern mutieren.
Doch ihr Spiel wirkt gebremst und unsicher. Eventuell nicht nur deshalb, weil
sie zu schrecklich einfache, schüchterne, sehnsüchtige Menschen spielen,
aber offenbar weil ihre Dialoge, je stärker ihre Sehnsucht sie antreibt,
nicht recht zu ihnen, den Laien, passen wollen und nicht zum Dorf, nicht zum
Schlosser und seiner Frau und erst recht nicht zur Freiwilligen Feuerwehr mit
ihrem hohen pragmatisch-kumpeligen Wiedererkennungscharakter.
„Sehnsucht“
ist ein Film aus drei Komponenten, die leider nicht ganz kleben:
1.
Die gelungene Wiedergabe der Authentizität eines Landstrichs und seiner
erstaunlicherweise in Ost und West auffallend ähnlich gebliebenen ländlichen
Milieus.
2.
Die etwas abweichende Authentizität, sprich Fremdheit, der spürbar
nicht im Dorf integrierten, da extra für den Film eingebürgerten Protagonisten.
3.
Das Drehbuch, das trotz vorhergehender Interview-Recherche, darüber, wie
Sehnsucht unter Erwachsenen funktioniert und trotz einer ihm zu Grunde liegenden
tatsächlichen Begebenheit vor allem ein persönliches Thema der Autorin
und Regisseurin zu reflektieren scheint, die Idee, dass es, so sinngemäß
Grisebach, neben dem sichtbaren Leben, das man führt, auch die „vielen
anderen gibt, die nur in der Phantasie vorkommen“.
Als
hätte man mit einem Leben nicht schon genug an der Backe. Entweder hat
Grisebach zuviele „Star Trek“-Folgen (mit ihren Paralleluniversen und Holo-Decks)
konsumiert oder ihr ist es ernst mit ihrer Wiedererweckung eines Eichendorff
oder Caspar David Friedrich. Die Bewegung führt in beiden Fällen hinaus,
in Fantasy und Nebel und weg vom, was seine Geschichten betrifft, wie wir sahen,
doch so ertragreichen Brandenburger Boden, weg von des Filmes Ouvertüre,
der Polyphonie eines Brandenburger Menschen-Konzerts.
Die
Reduktion auf das Wesentliche dieses Romantizismus, die Expressivität durch
Nahaufnahmen von Gesichtern von Leuten, in denen sich in etwa drei Gefühle
der Liebes-Leidenschaft abbilden, Glück, Sehnsucht und Schmerz, entzieht
den Darstellern ausgerechnet das, wofür sie engagiert wurden, nämlich
ihre autarke und vielschichtige Natürlichkeit, also ihre biografischen
Anteile am Projekt. Dem Ehepaar, das, laut der Synopsis im Presseheft, sich
schon „seit Kinderzeiten unzertrennlich“, liebt, ist auf der Leinwand kaum so
etwas wie Vertrautheit anzusehen oder anzuhören. Scheu und unsicher gehen
Markus und Ella miteinander um, und, machen wir uns doch da nichts vor, nach
über zwanzig Jahren sagt man dem anderen nicht mehr theatralisch: „Ich
würde alles für dich tun“, sondern man tut’s einfach oder man hat
es längst gelassen. Doch „Sehnsucht“ ersetzt Leben durch bedeutungsschwangere
Einsilbigkeit und durch Gesten und Augenaufschläge, die gar im Fall von
Anett Dornbusch den euphorisierten Freund Dietrich Kuhlbrodt an die junge Angela
Winkler erinnerten. Zum Glück ging’s mir nicht so, dennoch erweckte „Sehnsucht“
in mir Sehnsucht nach den unbescholtenen und ungebremsten Teenies aus Grisebachs
Erstling.
Als
hätte die Regisseurin mein Seufzen vernommen, waren sie kurz vor Schluss
wieder da, die Grisebach-Kiddies, am Dorfjugendtreffpunkt, einem dieser typischen
merkwürdigen Bushaltestellen-Beton-Rundells; und sie beginnen diesen Schnack
über große Liebe und über diesen, - als hätten wirs nicht
geahnt - märchenhaften, klassisch-tragischen Mann, der sich nicht zwischen
zwei Frauen entscheiden konnte (Markus kann sich übrigens nicht entscheiden,
weil der Film beide Frauen zu etwa gleich zagen, schüchternen, devoten
Seelchen degradiert). Und sie tun einem Leid, weil dann - auch sie - sich winden,
weil sie verkrampfen, weil sie doch ums Verrecken niemals über irgendwelche
dubiosen alten Männer reden würden, die nicht damit klar kommen, wenn
sie zwei Frauen gleichzeitig lieben. Aber der griechische Chor muss sein, das
Individuelle musste auch hier dem Exemplarischen, der Überhöhung,
untergeordnet werden und gelitten hat natürlich das Exemplarische, weil
es nicht aus dem Individuellen herausmodelliert wurde - ging ja auch nicht.
Die Jugendlichen, in ihren improvisierteren Rede-Anteilen immer noch herzerfrischend
- ebenso wie die kleineren Filmszenen, in denen Jung und Alt munter durcheinander
drauflosreden - auch sie dienen „Sehnsucht“ nur noch als Dekor, um uns einen
merkwürdig rückwärts gewandten und mit einer prekären „Heimat“-Mystik
aufgeladenen, dunkelromantischen Tiefgang anzudienen, der doch eigentlich nur
ein banales spätpubertäres Entscheidungsfindungs-Problem aufbläht.
Die
viel brisanteren Fragen, nämlich warum z.B. es im Brandenburgischen keine
ordentlichen Jugendzentren gibt, behandelt der „Sehnsucht“ in jeder Hinsicht
diametral entgegengesetzte Film „Der
Kick“,
der demnächst anläuft. Darin werden von nur zwei „Profidarstellern“
in einer alten Lagerhalle als Kulisse bis zu 20 Charaktere verkörpert.
Rollen, die nicht nur rein zufällig realen Personen ähneln sollen,
sondern das auf so frappierende Weise auch tun, dass man wirklich meint, einen
horrenden Wochenendtrip nach Brandenburg gemacht zu haben. Aber horrende Wochenendtrips
und Brandenburg waren ja auch nicht die eigentlichen Themen von „Sehnsucht“.
Dafür gab mir „Sehnsucht“ meinen flauen Magen wieder zurück.
Andreas
Thomas
Zu diesem
Film gibt's im archiv mehrere Texte
Sehnsucht
Deutschland 2005 - Regie: Valeska Grisebach - Darsteller: Andreas Müller, Ilka Welz, Annett Dornbusch, Erika Lemke, Markus Werner, Doritha Richter, Detlef Baumann, Ilse Lausch, Jan Günzel, Harald Kuchenbecker - FSK: ab 12 - Länge: 88 min. - Start: 7.9.2006
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