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Session
9
Schön, wie der Film bereits mit der allerersten
Einstellung sein narratives Prinzip einfängt: Die gewohnte Wahrnehmung
wird hier buchstäblich auf den Kopf gestellt, dem Blick der Kamera sollte
lieber mit Misstrauen begegnet werden. Gleichzeitig scheint sich hier eine entrückte
Perspektive zu korrigieren; Erinnerungsfragmente zwingen den Blick förmlich
zur Bodenständigkeit. Wir befinden uns in den Abgründen des unzuverlässigen
Erzählens und die Exposition lässt da keine weiteren Unschlüssigkeiten
zu.
Im Auto unterhält sich Gordon, Chef seiner eigenen
Gebäudereinigungsfirma, mit seinem Kollegen und Freund Phil über ein
in Aussicht stehendes Engagement. Wir hören als erstes Phils Stimme, die
mahnend und mit leicht autoritärem Unterton auf Gordon einredet. Im anschließenden
Schuss-Gegenschusserfahren ist der Winkel jedoch ein wenig zu schief angesetzt,
mit dem naheliegenden Effekt, dass beide aneinander vorbei zu reden scheinen
und so recht dezent der Boden für die Skepsis in die Vertrauenswürdigkeit
des Kamerablickes geebnet ist. Diese Methode ist heutzutage weiß Gott
nicht neu; man könnte den Film abschätzig als Blaupause für Andersons
drei Jahre später realisierten und von der Kritik hofierten The Machinist betrachten. Indes, und das ist es nunmal, was jede
(auch vermeintliche) Genreerzählung zu einem hochkarätigen Diamanten
schleift, der Weg ist das Ziel. Andersons Weg in "Session 9" ist unprätentiöser,
vor allen Dingen erheblich selbstironischer ausgefallen, als im doch recht penetrant
auf Verfall getrimmten Machinist. Sein Verlauf ist mit Spuren gespickt, Anhaltspunkten
aber auch Irrwegen, die in erster Linie genregeschulte Sehkonventionen in die
Enge treiben wollen.
Spätestens nachdem der Auftrag zur Sanierung
eines seit den 80er Jahren leer stehenden Psychiatriegebäudes unter Dach
und Fach ist, sich Gordon mitsamt seiner vierköpfigen Phalanx daran begibt,
alle Artefakte des Vergangenen abzutragen, ist das Haunted-House-Motiv evident.
Shining-Referenzen, unheimliche Stimmen, zunehmende Spannungen
in der Gruppe und so manche Szene, die direkt dem Baukasten des Horrorfilms
entnommen sein könnte, zeugen davon. Insbesondere diese: Im Keller des
Gebäudes findet Mitarbeiter Mike einen Karton mit den Unterlagen samt Tonbandaufnahmen
einer ehemaligen Insassin. Neugierig an seinem Auge herumkratzend, öffnet
er ihn mit Hilfe eines Messers. In einer schönen Parallelmontage sehen
wir nun Gordon, der sich im selben Augenblick an der Wange verletzt; die düstere
Tonspur leistet ihr übriges. Das Böse scheint entsprungen, Verdorbenes
dringt hervor und wird von nun an die Gemüter in Beschlag nehmen. Meint
man. Das ist auch gar nicht so falsch, allerdings wird sich dieses Böse
von gar nicht allzu metaphysischer Natur präsentieren, wie der Film es
konstant in seinem Duktus vorzugeben scheint. Stattdessen erweist sich das Auge
selbst als schwächstes, angreif- wie manipulierbarstes, aber auch gefährlichstes
Organ. Zahlreiche Detailaufnahmen, Gespräche, Inschriften, finale Attacken
samt Vorgeschichte rücken es immer wieder an exponierte Stelle, so dass
sich die anfangs etablierte Skepsis als vollkommen berechtigt heraustellen soll.
Nicht dem mutmaßlichen Haunted House ist die
Gefahr inhärent, sie entspringt vielmehr dem fehlgeleiteten Blick nicht
nur der Protagonisten: Unser Vertrauen in die Eindeutigkeit des Abgebildeten
ist blanker Hohn.
Sven Jachmann
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei:
Session
9
USA
2001, 96 Minuten;
Regie:
Brad Anderson;
Drehbuch:
Brad Anderson, Stephen Gevedon;
Produzenten:
Dorothy Antiero, David Collins, Michael Williams;
Mit
Peter Mullan, David Caruso, Stephen Gevedon, Josh Lucas, Brendan Sexton III.
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