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Der
zwinkernde Tod. Psychoanalytische Überlegungen zur Rezeption von Splatterkomödien,
an Hand von Christopher Smiths Severance,
dem Eröffnungsfilm des Fantasy Film Fests 2006.
„Das
Großartige [des
Humors] liegt
offenbar im Triumph des Narzißmus, in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit
des Ichs.“
Sigmund
Freud: Der
Humor.
Laut Freud ist die Ausgangsposition des Humors, dass
man von jemandem, auf Grund seiner momentanen Situation eine negative
Affektäußerung erwartet. „Der Zuschauer-Zuhörer ist bereit,
ihm darin zu folgen, die gleichen Gefühlsregungen bei sich entstehen zu
lassen. Aber diese Gefühlsbereitschaft wird enttäuscht, der andere
äußert keinen Affekt, sondern macht einen Scherz; aus dem ersparten
Gefühlsaufwand wird nun beim Zuhörer die humoristische Lust.“ (Freud:
Der Humor in Studienausgabe Bd. IV, S. 278) Die Einstellung des Humoristen selbst beschreibt
Freud als eine (behauptete) trotzige Überlegenheit gegenüber seinem
Schicksal, sein „Ich verweigert es, sich durch die Veranlassung aus der Realität
kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, daß
ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahe gehen können, ja es zeigt,
daß sie ihm nur Anlässe zum Lustgewinn sind.“ (Ebd. S. 278) „Die
Woche fängt gut an“, sagte der Mann, der am Montag gehängt werden
sollte. (Ebd. S. 277)
Im Fun-Splatter (in eindeutiger Abgrenzung zur reinen
Genre-Parodie, etwa der Scary Movie-Serie) wird dem Zuschauer, wie in allen Spielarten des
Splatterfilms, die Verletzbarkeit des eigenen Körpers vor Augen geführt
– allerdings auf humoristische Weise, anstatt die negativen Affekte Ekel oder
Angst zu verursachen macht die Inszenierung ihn Lachen. (Auch wenn das Zuschauergefühl
oft ambivalent ist und ihm manchmal das Lachen sprichwörtlich im Halse
stecken bleiben mag.) Wenn ein Mann in Severance in eine Bärenfalle tritt, die auf Grund hilfloser
Hilfeversuche seiner Begleiter so oft zuschnappt, bis das Bein ab ist, wenn
ein anderer Mann nachdem ihm der Kopf abgeschlagen wurde, zur Bestätigung
eigner Theorien, noch einmal blinzelt oder sich ein dritter beim Hinfallen ein
Jagdmesser in die Weichteile rammt, dann lässt die Inszenierung den Zuschauer
Anteil an den dargestellten Schmerzen nehmen, konfrontiert ihn mit eigenen Ängsten
und lässt ihn sie doch sogleich überwinden. Indem er lacht, wehrt
sich sein Ich gegen das Unbehagen, dessen Grundlage das Wissen um die eigene
Verletzbarkeit, die eigene Vergänglichkeit bildet. Fasste man die beschriebenen
Szenen als Kastrationsbilder auf, ließe sich der Fun-Splatter als Sieg
des Lustprinzips über die Kastrationsdrohung lesen. Wovor sollten wir schon
Angst haben, wenn noch der Tod uns zuzuzwinkern scheint?
In Severance macht die europäische Abteilung eines internationalen
Rüstungskonzerns zwecks „Teambildung“ eine Wochenendexkursion in ein Waldhaus
irgendwo im ehemaligen Ostblock. Als ihr Busfahrer, offenbar aus Aberglaube,
sich weigert weiterzufahren, landet die Gruppe in einem heruntergekommenen Haus
im Wald, in dem sie sich bald mit ein paar degenerierten und bis an die Zähne
bewaffneten Söldnern konfrontiert sieht.
Trotz aller Absurdität und dem rabenschwarzen Anarcho-Humor,
behält die Inszenierung oftmals die „ursprünglichen“ Affekte des Geschehens,
Schrecken und Schmerz, bei. In einigen Szenen entwickelt die Handkamera eine
bedrückende Nähe zu den Figuren, die beinahe an „ernsthafte“ zeitgenössische
Genrebeiträge wie Wolf Creek oder das The Hills have Eyes-Remake heranreicht. Die Gewaltdarstellung wird nicht
durch gigantische Blutfontänen oder haufenweise abgetrennte Gliedmaßen
ins Comichafte übersteigert, sondern bleibt – verhältnismäßig
– realistisch.
Dass der Film als Fun-Splatter so hervorragend funktioniert, liegt
vor allem daran, dass Regisseur und Drehbuchautor Christopher Smith (Creep) den Splatter als Fortsetzung des Humors mit anderen
Mitteln begreift, und andersherum. In einer Szene krabbelt einer der Teilnehmerinnen
der Exkursion eine riesige Spinne über den Rücken. Als sie das Tier
entdeckt, bricht sie nicht in Geschrei aus, sondern nimmt sie in die Hand und
setzt sie behutsam aus dem Fenster in einen Baum. In einer anderen Szene drückt
eine andere Frau eiskalt ab, als einer der Söldner hilflos vor ihr liegt,
anstatt hysterisch schreiend zu warten, bis er wieder aufsteht. Es solle nur
später keiner behaupten, sie hätte ihre Chance nicht genutzt. Der
Humor entsteht auch hier durch ein Missverhältnis von Ursache und Wirkung.
Der Lustgewinn des Zuschauers ergibt sich durch die Subversion seiner – durch
die Genrekonventionen vorgefertigten – Erwartungen. Man mag diese Form des Humors
postmodern oder dekonstruktivistisch nennen, aber sie ist doch nie reiner Selbstzweck.
Durch das Spiel mit Genre-Versatzstücken und Zitaten lernen wir lachend
auch immer etwas über die Konstruktion von Angst (nicht nur) im Horrorkino.
Neben Hostel und dem französischen Ils (lief ebenfalls auf dem FFF, hab’ ich aber nicht gesehen)
ist Severance der dritte westliche Genrefilm der letzten Zeit, dessen
Handlung in Osteuropa angesiedelt ist. In Hostel wird der ehemalige Ostblock zu einem gesetzlosen Reich
des Bösen stilisiert (ob das (nur) Kulisse oder (auch) Ideologie ist, sei
dahingestellt). Fragt sich, ob Severance diesen Diskurs fortführt oder parodiert. Haben die
Waffenhändler, die schon zu Beginn in einem Werbespot ihre Produkte – Robocop-like – mit der Sicherung von Freiheit und Demokratie
anpreisen, am Ende also doch recht? Sind sie die Guten,
weil sie auf einem gemütlichen Waldspaziergang die Humanität von Landminen
vs. Guillotinen diskutieren und die Welt gegen das Böse verteidigen werden,
so oft es auch zurückkehren mag? Lächerlich? Lachhaft geradezu? Na
eben!
Großbritannien
2006, ca. 92 min.; Regie: Christopher Smith; Drehbuch: Christopher Smith, James
Moran; Produzent: Jason Newmark; Darsteller: Danny Dyer, Laura Harris, Toby
Stephens, Tim MacInnerny, Claudie Blakley, Andy Nyman.
Dt. Start: 30.11.2006
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