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Shaun of the Dead
Die wohl bekannteste Persiflage des Splattergenres bekommt man in
Deutschland selten zu sehen: Peter Jacksons Braindead ist seit geraumer Zeit indiziert, und den Fassungen,
die immer wieder in den Regalen der Kaufhäuser zu finden sind, fehlt das Wesentliche: die Gewalt. Braindead nutzte die Gewalt des Splatterfilms, die explodierenden
Köpfe, die fliegenden Gliedmaßen und die ausgerissenen Gedärme,
um das Schockierende in sein Gegenteil zu verwandeln – den Humor. Als gelungene
Persiflage stürzte sich Jacksons Film auf die wesentlichen Elemente des
Splatterfilms und verdrehte sie auf groteske Weise. Da saßen die Zombies
um einen Tisch verteilt beim Essen und der Protagonist flößte ihnen
ihre Nahrung ein, indem er ihre Köpfe kurzerhand nach hinten bog und den
direkten Zugang über die Speiseröhre wählte. Der grausig-skurrile
Humor entstand, weil die überbordende Gewalt des Splatterfilms im alltäglichen
Ritual des gemeinschaftlichen Mahls sublimiert wurde.
Shaun
of the Dead wählt eine andere Herangehensweise, und das gereicht ihm leider
nicht zum Vorteil. Statt sich auf die Elemente des Splatterfilms zu stützen
und sie wie Jackson in Humor zu überführen, wird hier der Splatterfilm
mit einem anderen Genre gekreuzt: Regisseur Wright bedient sich bei der Sitcom
und schafft damit einen unwahrscheinlichen Bastard. Dabei beginnt Shaun of the Dead durchaus vielversprechend: Die allmähliche Zombifizierung der
Gesellschaft, die die meisten Genrefilme ausführlich zeigen, sie wird hier
vom Protagonisten gar nicht wahrgenommen. Die Jugendlichen stapfen als Zombies
auch nicht wesentlich geistesabwesender durch die Straßen als tags zuvor
mit ihrem Walkman im Ohr, der Bus ist auch mit den vermeintlich Lebenden auf
dem Weg zur Arbeit ein Sammelsurium an Scheintoten, ihre Blicke gehen ins Leere,
ihre Gedanken vermutlich auch. An jenem Morgen, an dem die Bevölkerung
ganz Londons von dem rätselhaften Virus in Untote verwandelt wurde, merkt
Shaun (Simon Pegg) es gar nicht, dass der Besitzer seines Stammkioskes eine
wandelnde Leiche ist, er merkt es nicht, dass der Obdachlose ihm seine Hand
nicht entgegenstreckt, um zu betteln wie sonst, sondern um einen Fetzen seines
Fleisches zu ergattern. Der Humor aber, der anfangs so trefflich das Genre karikiert,
er geht verloren in den langen Sequenzen, in denen Shaun und einige Gefolgsleute
sich zum Pub durchzukämpfen versuchen. Zu wenig Splatter hier, um Freunde
des Genres zufrieden zu stellen und zu wenig Handlung, zu wenig Konflikte oder
Charakterisierung der Figuren, um zu einer dramatischen Form zu finden, zu wenig
Komik schließlich für eine gelungene Sitcom.
Shaun
of the Dead ist tatsächlich aus einer Sitcom entstanden: 1999 strahlte Channel Four die Serie Spaced aus, der Protagonist wurde ebenso wie Shaun von Simon Pegg gespielt und in einer der Folgen verirrte sich der
Held in den Welten des Computerspiels Resident Evil 2, in dem er sich mit Horden von Zombies herumschlagen musste. Dass
die Idee auf der Länge einer durchschnittlichen Sitcom-Folge funktioniert,
kann man sich vorstellen – mutig genug ist das Aufeinanderprallen der beiden
Genres ja, das eine aus der filmischen Subkultur geboren, das andere der stetige
Begleiter des spießigen Vorabendserien-Genießers. Auf Spielfilmlänge
ausgewalzt jedoch verliert die Sache merklich an Reiz, zu wenig wird Rücksicht
genommen auf die Eigenheiten beider Genres, zu wenig Comedy, zu wenig Splatter,
zu repetitiv die Dialoge. Die Werbung zitiert Peter Jackson, sie zitiert George
Romero, Stephen King und Sam Raimi, die angeblich allesamt Shaun of the Dead ganz großartig fanden und ihm einen ebensogroßen Kultstatus
einräumen wie ihren eigenen Filmen. Ganz verstehen mag man das nicht, und
jenen, die noch nicht alles gesehen haben im Splatterfilm, denen seien die Arbeiten
der erwähnten Regisseure und Autoren ans Herz gelegt. Wenn es etwas Neues
sein soll, dann lieber das jüngst erschienene Remake des großen Vorbildes
Dawn of the Dead, Anfang des Jahres im Kino und mittlerweile in den Videotheken erhältlich
und eine weit gelungenere Verbeugung vor den Meistern des Metiers als Shaun of the Dead.
Diese Kritik
ist zuerst erschienen bei:
Zu "Shaun of the Dead" gibt es im archiv mehrere Texte
Shaun
of the Dead
Großbritannien
2004 - Regie: Edgar Wright - Darsteller: Simon Pegg, Kate Ashfield, Nick Frost,
Lucy Davis, Dylan Morgan, Bill Nighy, Penelope Wilton, Jessica Stevenson, Peter
Serafinowicz, Rafe Spall, Jeremy Thompson - FSK: ab 16 - Länge: 96 min.
- Start: 30.12.2004
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