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Sherlock Junior
Im Oktober 1923 hatte Buster Keaton die Dreharbeiten
zu Our Hospitality abgeschlossen, und im Frühjahr 1924 stand er
auf dem Set zu The Navigator, seinem erfolgreichsten Film, dessen Premiere ein
halbes Jahr später zum ersten Höhepunkt in seiner Karriere führen
sollte. In der Zwischenzeit - exakt: im Januar 1924 - drehte er mit Sherlock Junior
ein Impromptu, einen Essay, ein schräges und höchst eigenwilliges
Brevier über sich selbst und sein Metier. Der „Gigant der Idylle“,
der „Riese der Bescheidenheit“, der „Lächler ohne Lachen“ (so titulierte
ihn der „Film-Kurier“ wenig später) war seit 1920 sein eigener Regisseur
und Produzent, aber erst 1923 hatte er sich nach etlichen Kurzfilmen auf das
Genre des längeren (wenn auch keineswegs „abendfüllenden“) Spielfilms
verlegt. Sherlock Junior ist gerade 42 Minuten lang und faßt alles,
was 1924 über das Kino als Katapult der Träume, als Wunschmaschine
und Beschleunigungsapparat zu sagen ist, in einem geistvollen und bildersprühenden
Kompendium zusammen.
Kinovorführer - dieser Beruf prädestiniert
dazu, in die Leinwand hinein und durch ihre turbulente Schattenwelt hindurch
seine Gedanken spazierengehen zu lassen. Doch Keaton analysiert den Job
so genau und materialistisch-streng wie Buster einen Dollarschein: Wer Filme
vorführt, steht in einem Arbeitsverhältnis, in dem das Gesetz unmittelbarer
Ausbeutung herrscht und der Unternehmer seinen Angestellten wie
einen Sklaven behandeln kann. Ein Job, zu dem der Müll gehört, den
Buster wie ein selbstvergessener Hans im Glück aus dem Kino kehrt, während
er es anderen überläßt, die Geldscheine herauszuklauben.
Die dramaturgisch beiläufige Exposition dieses
Films gehört zum Genialsten, was im Kino bisher ersonnen wurde: Geld, dieses
abstrakte Äquivalent aller Dinge, gewinnt in der Gestalt des Dollarscheins,
der im Kehrichthaufen herumliegt, eine ungeahnte Körperform - verlangt
doch Buster, der sich dabei einer Selbstschulung als Detektiv unterzieht,
von der jungen Dame, die den Müll durchwühlt, eine präzise Beschreibung
der Banknote, die sie verloren hat. Sie malt ein Viereck in die Luft - völlig
korrekt, Banknoten sind viereckig, Buster gibt ihr den Schein zurück
und bewerkstelligt so eine Rückverwandlung des Äquivalents in die
Körperform der Dinge, die im Geld zum Zeichen geronnen und in den
vom Geld überformten menschlichen Beziehungen sich längst
verflüchtigt hat.
Aus dem Müllhaufen läßt sich das
Geld, aus der Geldform die Gegenständlichkeit der Sachen und aus dem falschen
Leben das wahre herausschälen - es bedarf nur einer geeigneten Philosophie,
als deren Verkörperung Buster Keaton durch diesen Film wandert - oder
vielmehr: zwischen Sein und Schein vagabundiert. Wenn er stocksteif neben seiner
Verlobten Ruth (Kathryn McGuire) auf dem Sofa sitzt und ihr eine Pralinenschachtel
überreicht, deren Preis er eigenhändig manipuliert hat, ist die Zeichensprache
der Liebe noch überlagert von der Semiologie der Warenwirtschaft,
sind die Dinge nur kraft ihrer Preisform existent; auch der Verlobungsring,
den er ihr auf den Finger streift, repräsentiert ja als Zeichen-Ding nur
das allgemeine Tauschmittel einer Gesellschaft, die alles Gegenständliche
in seiner Geldform verschwinden läßt. Entsprechend nähert sich
die Körpersprache der Liebe der mechanischen Funktionsweise technischer
Apparate an - ja, die Entfremdung durch das Kapitalverhältnis geht so weit,
daß Buster am Schluß, wenn er sein Mädchen in die Arme nehmen
will, das gestische Alphabet der „wirklichen Gefühle“ mühsam
vom rituellen Repertoire eines Happy Ends auf der Kinoleinwand ablesen
und seinen Wünschen anverwandeln muß: die fiktionale Realität
als Lehrbuch und Bilderfibel für das wirkliche Leben.
Daraus, daß in Sherlock
Junior alle zwischenmenschlichen
Beziehungen (die eine und einzige große Liebe ausgenommen) vom Geld gestiftet
und unter seinem Diktat in die Veitstanz-Bewegungen des Slapsticks versetzt
werden, resultiert Busters „heroische Einsamkeit“, sein „Für-Sich-Sein
im Zentrum der Leere“ (Karl Prümm): im Zentrum einer von humanen Regungen
ebenso wie von Naturresten leergesaugten Industrielandschaft. Die „reale
Welt“, durch die sich Buster bewegt, tritt ihm in den Sachen und Signaturen
einer mechanisierten Zivilisation entgegen: in Eisenbahn-Containern, Wassertürmen,
technischen Fortbewegungsmitteln jeglicher Art, die der Filmvorführer und
träumende Detektiv teils als eine Welt feindlicher Automatismen erfährt,
teils kühn und sportiv für die jeweilige Situation zu nutzen
versteht (wobei er die Gefahren der Mechanik - ohne recht zu wissen, wie ihm
geschieht - dank den Berechnungen eines nicht minder mechanisch agierenden deus
ex machina überwinden kann - z.B. wenn er mit dem Motorrad über eine
zusammenbrechende Holzbrücke rast).
Die Natur jedenfalls „fehlt“; sie ist explizit ans
Kino, an die topische (und tropische) Willkür einer medialen
Realität delegiert. Sobald der Zivilisationsmensch träumt, sobald
er ins Kino geht oder sich gar, wie Buster, träumend in die Bilder
auf der Leinwand einmischt, findet er sich in der Wüste, im Urwald, auf
einem Berggipfel oder in der Meeresbrandung buchstäblich „ausgesetzt“
- zumal dann, wenn ihn jeder Filmschnitt in eine neue Szene katapultiert, wenn
der Regisseur und Monteur Keaton sein Traum-Ich Buster zum passiven Helden
und Demonstrationsobjekt einer kleinen Philosophie über
Filmmontage macht. Ein Filmvorführer erträumt sich einen zweiten Ausbildungsweg
als Detektiv und begibt sich, sozusagen auf direktem Weg, in die Welt der
Möglichkeiten, die ihm das Kino offeriert. Doch das Kino schlägt
zurück, indem es die Montage als Destruktionsprinzip, als Mittel der
Zerstörung jeglicher Kohärenz gegen ihn ausspielt. Der Schnittmeister
Keaton freilich deckt, indem er sein alter ego Buster von einer Bergspitze
ins Meer plumpsen läßt, dialektisch auf, daß Filmmontage im
Regelfall nicht die Zerstörung der Narration, sondern das Prinzip
des Zusammenhangs verfolgt, d.h. unablässig trügerische Synthesen
produziert.
Buster Keaton, schreibt Fritz Göttler, habe
fortgesetzt, was mit Marey oder Muybridge begann; er habe „wissenschaftliches
Kino“ gemacht, „strukturell im eigentlichen Sinn des Wortes“. Nicht nur das
Spiel der Hände, wenn Buster und seine Braut nebeneinander auf dem Sofa sitzen und doch nicht zueinander
finden können, und auch nicht nur die auf den Millimeter genau berechneten
Turbulenzen der Verfolgungsjagden - auch die Verschlingungen aus Zufall und
infamem Intrigenspiel, die den dilettierenden Detektiv plötzlich als jenen
Betrüger erscheinen lassen, nach dem er selber sucht: alle diese Verstrickungen
und Verwinklungen der Handlung wie auch der Bewegungsabläufe dieses Films
lassen sich als glasklare Strukturen beschreiben; sie sind - wie das Billardspiel,
das Buster ahnungslos mit einer explosiven Kugel und um diese herum betreibt
- „reine Mathematik“. Bauformen, die in die Transparenz des Surrealen entschweben
und sich in der Absolutheit des schönen Scheins behaupten.
Auch Busters Gratwanderung zwischen Schein und Sein,
zwischen gelebter und geträumter Wirklichkeit, zwischen seinem Dasein als
„Projektionist“ und den Projektionen, die seine Wünsche auf die Leinwand
werfen - auch dieser Balanceakt resultiert aus einer strukturellen Logik, in
der die Dialektik von Kino und Wirklichkeit reziprok umgedeutet wird: Nicht
in der geträumten Rolle als Kino-Detektiv (die ihn schließlich hilflos
im Wasser rudern läßt), sondern im „wirklichen Leben“ (in dem er
neben dem Projektor eingeschlafen ist) findet Buster am Ende aus seiner heroischen
Einsamkeit heraus und an seiner Seite eine liebenswerte junge Frau - nämlich
seine Braut. Mit dieser Figur hat Keaton seiner kunstvoll verspiegelten Geschichte
eine kleine ironische Fußnote hinzugefügt. Sieht sich Busters Verlobte
in seinem Traum als Opfer eines Frauenraubs auf eine passive Rolle reduziert
(die eines heldenhaften Retters bedürftig ist), so beweist sie realiter
in Sachen Liebe und auch sonst im Leben mehr Energie und detektivisches Gespür
als ihr ehrgeiziger Phantast, der sich zwar träumend abstrampelt,
um eine Verbrecherbande zu zerschlagen, letztlich jedoch nur virtuose Bruchlandungen
produziert.
Eine kleine Enzyklopädie der Warenwirtschaft,
eine philosophische Erörterung der Filmmontage, eine Psychoanalyse des
gespaltenen Daseins zwischen Erwerbsarbeit und Traum - schließlich die
strukturalistische Passion, die in allem erkennbar ist: Was hindert uns daran,
Buster Keatons Sherlock Junior einen faszinierenden, rundum gelungenen wissenschaftlichen
Film zu nennen?
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Filmgenres – Komödie; Herausgeber: Heinz-B. Heller, Matthias Steinle; erschienen bei Reclam, Stuttgart 2005
Buster
Keaton - Sherlock Junior
SHERLOCK
JUNIOR
Sherlock
Junior
USA
- 1924 - 42 min. – schwarzweiß - Verleih: Neue Filmkunst - Erstaufführung:
22.5.1925/10.5.1970 NDR/6.6.1974 Kino/27.12.1975 ARD - Produktionsfirma: Joseph
M. Schenck/Buster Keaton Prod. - Produktion: Joseph M. Schenck
Regie:
Buster Keaton, Roscoe "Fatty" Arbuckle
Buch:
Clyde Bruckman, Jean Havez, Joseph A. Mitchell
Kamera:
Elgin Lessley, Byron Houck
Musik:
Rolf Rosemeier
Darsteller:
Buster
Keaton (Filmvorführer/Sherlock jr.)
Kathryn
McGuire (Ruth)
Joe
Keaton (Ruths Vater)
Ward
Crane (der Rivale)
Jane
Connelly (Schokolodenfräulein)
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