zur
startseite
zum
archiv
Shortbus
Verzagter Skandal
»Shortbus« will ein Pornofilm sein
– und Kunst noch obendrein.
Mit gezielt auf den Körper klatschenden, doch
nicht besonders enthusiastisch servierten Peitschenhieben treibt die freakige
Domina ihren Yuppie-Kunden zum Orgasmus. Das Ejakulat fliegt, fliegt, fliegt
und landet…auf einer Jackson-Pollock-Reproduktion. Versonnen schaut die Domina,
wie dekorativ das zähe Tröpfchen zu den anderen Drippings passt, die
der Meister des abstrakten Expressionismus vor 50 Jahren auf dieser Fläche
arrangiert hat.
Ein szenisch nicht übler Kalauer fügt sich
mit einer Weisheit aus dem dritten Semester Kunstgeschichte – Thema: Maskulinismus
und Malerei, Pinsel und Phallus. Diese Konstellation aus Kessheit und etwas
ratloser Spät-Hipness trifft Stimmung wie Qualität eines Filmes sehr
gut, der in den leicht erregbaren USA gerade Furore an der Grenze zum Skandal
macht. John Cameron Mitchells "Shortbus" ist nämlich ein Pornofilm
für das Arthouse-Milieu, ein expliziter Sexstreifen für das Programmkino.
In Internet-Foren äußert sich eine Verstörung
beim amerikanischen Publikum, die sich nicht nur mit dessen Puritanismus abtun
lässt. Hetero-Männer beschweren sich, dass sie neben heterosexuellen
und lesbischen auch schwulen Geschlechtsakten zusehen müssen. Dies sei
in hohem Maße irritierend. Man kann es sich vorstellen: Die noch frische,
vom Anblick nackter Frauenkörper ausgelöste Hetero-Erektion soll plötzlich
einen ausufernden schwulen Dreier überstehen. Was macht sie? Abschlaffen?
Dann ist die schöne Erregung weg. Weiterbestehen? Das unterwanderte das
heterosexuelle Selbstverständnis des Porno-Kunden. Finde ich das jetzt
etwa geil? Solche reizenden Verunsicherungen dürfen die Kunden des Porno-Business,
das immer noch strikt die Segregation der sexuellen Orientierungen fixiert,
in "Shortbus" auch mal erleben.
Noch so ein Witz: Die orgasmusgestörte Sextherapeutin
hat mittlerweile den super entspannten queer-polysexuellen Nachtclub entdeckt.
In der Hoffnung auf eine Lockerung des trotz aller Aufgeschlossenheit unbefriedigenden
Ehelebens bringt sie ihren verständnisvollen Ehemann mit in den Schuppen
und denkt sich dies aus: Man amüsiert sich getrennt und bleibt doch in
Kontakt. Zu diesem Behufe schiebt sie sich ein kleines elektronisches Plastik-Ei
in die Vagina, dessen verschiedene Vibrationsstufen von einer Fernbedienung
kontrolliert werden. Diese wird dem Ehemann ausgehändigt. Natürlich
fällt das Gerät Leuten in die Hände, die damit einen DVD-Player
zum Laufen bringen wollen, und der Slapstick nimmt seinen Lauf.
Auf das Ei aber hat der Hersteller Realm
of the Senses gedruckt. Auch diese
kleine Allegorie über den Traum der Männer, den Sex der Frauen am
liebsten mit einer Fernbedienung kontrollieren zu wollen, und über die
Bereitschaft der liebenden Ehefrau, dem auch noch entgegenzukommen, winkt mit
dem Zaunpfahl der Filmgeschichte: Anspielung auf das berühmte rohe Ei,
das die weibliche Hauptfigur aus Oshimas Im
Reich der Sinne mit ihren Vaginalmuskeln
festhalten muss, um bei hohem Verletzungsrisiko deren Beherrschung zu demonstrieren.
So ist "Shortbus". Ein Film, der sehr ernst gemeinte Liebes- und Lebenskrisengeschichten
im späten Selbstverwirklichungsmilieu von New York erzählen will,
aber aus Angst vor dieser Ernsthaftigkeit immer wieder schmunzelnd in die Anspielungskultur
abtaucht. Er bindet eine aktuelle Stimmung einer Szene, die sich für alternative
Pornografie und einen urbanen Neo-Hippie-Tribalismus mit dazugehöriger
avanciert-improvisierter bis sentimentaler Folkmusic begeistert, zum Bilderbogen.
Die echten Bands, etwa das großartige Animal Collective, machen bei der
Filmmusik mit, Stars der dazugehörigen Kleinkunst sind unter den Darstellern.
Doch der Film kann sich zwischen drei Dingen nicht entscheiden. Will er sexualpsychologische
Porträts heutiger Personen zeichnen? Einige einander überlagernde
Netz- und Subkulturtrends aufblättern? Oder will er einen Beitrag zur Diskussion
der Frage leisten, ob zur neuen Polysexualität eine eigene neue Pornografie
gehöre?
Die konventionell-psychologischen Erzählungen
von existenziellen Problemen der Hauptfiguren werden nicht nur durch die leicht
betuliche Heiterkeit des Clubs entwertet, der den auseinander strebenden Erzählungen
ein Zentrum liefert, sie haben auch nicht viel mit Sex zu tun – bis auf die
fast kalauerhaft erzählte Geschichte von den Orgasmusproblemen. Die künstlerischen
und sexualpolitischen Inhalte, die das skizzierte New Yorker Hipster-Milieu
und seine Künstler zusammenhalten, werden hier auf freundlich karikierte
Stichwörter und einfältige Witze über Intellektuelle verkürzt.
Nun bleibt noch der durch die verschiedenen Cum-Shots
echter Ejakulationen schon im Intro artikulierte Anspruch, trotz aller Psychologie,
anspielungsreicher Dialoge und Arthouse-Anmutung einen zwar »alternativen«,
aber eben doch einen Porno gedreht zu haben. Ein Thema, das gerade viele umtreibt:
das Berliner Stadtmagazin Tip hat es auf dem Titel, ein international besetzter
Kongress an der Berliner Volksbühne hat soeben nach einer neuen, anderen,
progressiven Pornografie gefragt, und auch die Zeitschrift Texte
zur Kunst widmet ihm ihre nächste
Ausgabe.
"Shortbus"
versucht seine verschiedenen auseinander strebenden Anliegen mittels einer alten
Selbstverwirklichungsidee zu verklammern. Den pornografischen Authentizismus
(echtes Ejakulat!) überblendet er mit dem der Selbstverwirklichungskultur,
wenn er im Nachspann erklärt, das Skript sei gemeinsam mit den Darstellern
entwickelt worden, die zum Teil ihre bürgerlichen oder auch anderweitig
verwendeten Künstlernamen als Rollennamen tragen.
Das ist anachronistisch in einer Welt, in der ein
an der Pornografie und ihren geringen Produktionskosten orientierter Authentizitätsbegriff
das Reality-TV dominiert und wo es zum biopolitischen Imperativ der postindustriellen
Stunde geworden ist, sein »wahres Selbst« zu verwerten.
Die von anderen Porno-Kulturen, etwa der surrealistischen,
stets stark gemachte Idee, mittels der Skripthaftigkeit von Sexualität
Wege zu finden, »ein anderer zu werden«, wäre zwar eine zu
schlichte Gegenidee, aber ein erster Schritt. In der Figur des Voyeurs und anderen
kleineren Schlenkern des Films kann man dieses Motiv auch in John Cameron Mitchells
"Shortbus" erahnen. Insgesamt aber bleibt der Skandalfilm zu verzagt.
Diedrich Diederichsen
Dieser Text ist zuerst
erschienen in: Die Zeit
Zu diesem Film gibt’s
im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Shortbus
USA 2006
- Regie: John Cameron Mitchell - Darsteller: Lee Sook-Yin, Paul Dawson, Lindsay
Beamish, PJ DeBoy, Raphael Barker, Jay Brannan, Peter Stickles, Justin Bond
- Prädikat: besonders wertvoll - FSK: keine Jugendfreigabe - Länge:
98 min. - Start: 19.10.2006
zur
startseite
zum
archiv