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Short Cuts
Menschen ...
"Short Cut" bedeutet Abkürzung – ohne
Umweg gelangt man schnell zum Ziel. Der Titel von Altmans Meisterwerk aus dem
Jahre 1993 kann aber auch anderes bedeuten: kurze Schnitte etwa, die den Film
auszeichnen, der sich mit nicht weniger als neun Paaren (wenn ich richtig gezählt
habe) befasst, acht zusammen oder getrennt lebenden Paaren samt eventuell vorhandenen
Kindern und einer Mutter-Tochter-Beziehung irgendwo in Los Angeles. Short Cuts,
das könnte in einem übertragenen Sinn aber auch heißen: kurze,
heftige Schnitte, die der eine dem anderen verpasst, seien sie psychisch oder
körperlich. Umwege gehen sie alle und meinen doch, sie gingen keine. Denn
Altman seziert die Beziehungen zwischen den Paaren und deren mehr oder weniger
zufällige Verbindungen zueinander messerscharf als Geflecht von aus allen
sozialen Schichten stammenden Menschen, die überwiegend Verantwortung,
Zuneigung, Zuhören usw. aus dem Wege gehen, den Weg des geringsten Widerstand
eingeschlagen haben und den ihnen am nächsten stehenden Menschen nicht
wahrnehmen (können). Sie befinden sich also in gewisser Hinsicht doch auf
langen Umwegen, Irrwegen – vor allem zu sich selbst, wenn sie sich denn je erreichen.
Dabei scheint es nur so, als ob Altman keine Sympathie für
seine Figuren habe; es handelt sich eben um eine kritische Sympathie. Und so
lässt er seinen Flug durch die Niederungen des Lebens mit einem Einsatz
von Hubschraubern beginnen, deren Piloten über Los Angeles aufgebrochen
sind, den Krieg gegen eine Invasion von Fliegen mit Schädlingsbekämpfungsmitteln
aufzunehmen. Und es ist Krieg da unten. Die Gefahren allerdings gehen kaum von
den Insekten aus.
Anfangs ist „Short Cuts“ verwirrend, eine Art Puzzle mit tausend
Einzelteilen, die erst zusammengefügt werden müssen. Endlos scheinende
Szenenwechsel von einem Schauplatz zum nächsten vermitteln den Eindruck
von Chaos. Am Ende wird bewusst, wie geschickt Altman die verästelten Einzelepisoden
zu einem Ganzen geschmiedet hat. Je deutlicher die Entwirrung, desto klarer
die Beziehungen und Personen in ihrer Entwicklung.
• I N H A L T •
Wir treffen auf Ann und Howard Finnigan (Andie MacDowell, Bruce
Davison), deren Sohn auf dem Weg zur Schule von Doreen Piggot (Lily Tomlin)
angefahren wird. Der Junge kehrt nach Hause zurück, weil seine Eltern ihm
eingebläut haben, nicht mit Fremden zu sprechen oder gar in ihr Auto zu
steigen. Doreens Angebot, ihn zu seinen Eltern zu bringen, lehnt er ab. Und
als Ann ihren Sohn findet, liegt er bewusstlos im Sessel vor dem Fernseher.
Sie müssen um sein Leben fürchten. Überraschend taucht Howards
Vater Paul (Jack Lemmon) auf, der seine Frau und Howard vor langer, langer Zeit
verlassen hat, weil ihn seine Schwägerin verführt und seine Frau die
beiden dabei überrascht hatte. Nun hat er angesichts des kritischen Zustands
seines Enkels nichts besseres zu tun, als sich für sein Verhalten bei Howard
zu entschuldigen. Bei Paul dreht sich fast alles nur um sich selbst.
Doreen bedient in einem dieser Schnellrestaurants und lebt mit
Earl (Tom Waits) zusammen, der ständig streitet und im Verdacht steht,
sich vor einiger Zeit an Doreens Tochter Honey Bush (Lili Taylor) vergangen
zu haben. Honey hasst ihren Stiefvater. Sie weiß wenig darüber, dass
ihr eigener Mann Bill (Robert Downey Jr.) mit seinem Freund, dem Pool-Reiniger
Jerry Kaiser (Chris Penn), Frauen nachsteigt. Jerry ist mit Lois (Jennifer Jason-Leigh)
verheiratet, die mit Telefon-Sex mehr verdient als er mit Pool-Reinigen. Uninteressiert
an dieser Arbeit, die aber viel Geld bringt, und abgebrüht gegenüber
den anrufenden Kunden denkt sie sich allerlei Worte aus, um die zu befriedigen
– ob sie gerade Baby füttert, sich die Nägel lackiert oder was auch
immer. Jerry, anstatt mit Lois liebevoll zu sein und ebenso liebevollen Sex
zu haben, beneidet statt dessen die anrufenden Männer bezüglich der
Phantasien, die seine Frau beim Job benutzt. „Warum sagst du so etwas nicht
auch zu mir?“ fragt er.
Jerry reinigt den Pool bei den Finnigans und deren Nachbarin,
der Barsängerin Tess Trainer (Annie Ross), die nichts weiter zu interessieren
scheint als ihre Arbeit mit einer Jazzband (Annie Ross & The Low Note Quintett),
während sie den katastrophalen Zustand ihrer eigenen Tochter, der Cellistin
Zoe Trainer (Lori Singer), nicht wahrnimmt oder wahrnehmen will. Als Jerry dies
bei seiner Arbeit am Pool beobachtet, ist er entsetzt, wohingegen er sein eigenes
katastrophales Verhältnis zu Lois nicht als solches begreift.
Der durch den Unfall verletzte Sohn der Finnigans wird von Dr.
Wyman (Matthew Modine) im Krankenhaus behandelt, der eifersüchtig über
seine Frau, die Malerin Marian (Julianne Moore) wacht, von der er vermutet,
dass sie drei Jahre zuvor bei einer Party mit einem anderen Mann geschlafen
hat. Die Ehe der Wymans ist zu einem banalen Einerlei verkommen.
Bei einer Theateraufführung hatten die Wymans Claire und
Stuart Kane (Anne Archer, Fred Ward) kennen gelernt und die beiden zum Essen
eingeladen. Stuart versprach, von seinem geplanten Angler-Ausflug Fisch zur
Party mitzubringen. Während Claire als Berufs-Clown arbeitet, ist Stuart
arbeitslos und zieht mit seinen Freunden Gordon (Buck Henry) und Vern (Huey
Lewis) los zu einem entfernt liegenden Angelplatz. Dort entdecken sie im Wasser
eine nackte Frauenleiche, entscheiden sich jedoch, nicht sofort wieder zurückzukehren,
um die Polizei zu verständigen, sondern ihren Angler-Kurzurlaub zu genießen.
Schließlich ist die Frau ja tot und daher scheint es den drei Männern
egal, wann sie den Fund melden. Immerhin mussten sie ganze vier Stunden zu Fuß
gehen, um ihre Angelfreuden genießen zu können. Und dann angeln sie,
Scherze machend, dort, wo sie die Leiche festgemacht haben.
Marians Schwester Sherri (Madeleine Stowe) ist mit dem Angeber
Gene (Tim Robbins), einem Polizisten, verheiratet. Während Sherri mit den
drei Kindern der beiden mehr als die Hände voll zu tun hat, flüchtet
Gene vor der Familie und dem ewig ihn ankläffenden Hund in Affären
mit verheirateten Frauen. Gerade hat es ihm Betty Weathers (Frances McDormand)
angetan, die mit ihrem Sohn Chad (Jarrett Lennon) zusammenlebt und von ihrem
getrennt lebenden Mann, dem Hubschrauberpiloten Stormy (Tom Waits) ständig
belästigt wird. In – ja, rasender kann man nicht sagen, sondern fast schon
skrupellos ruhiger Eifersucht greift der eines Tages zur Motorsäge und
zerstört das gesamte Mobiliar der Wohnung Bettys. Nur der Fernseher bleibt
heil.
Und die Finnigans? Die werden zu allem Unglück von dem Konditor
Andy Bitkower (Lyle Lovett) telefonisch belästigt. Bei ihm hatte Ann eine
Torte zu Caseys Geburtstag bestellt, aber nicht gesagt, wie die Torte aussehen
soll. Aus Verärgerung hierüber terrorisiert Andy Ann anonym über
das Telefon.
Diese munteren Frauen und Männer, deren Pläne so gut
wie sämtlich scheitern, sind abhängiger voneinander, als jeder von
ihnen denkt. Vier Tote sind ein Ergebnis ihres Handelns. All ihr Leben ist mehr
oder weniger von Katastrophen bestimmt, die sie selbst für sich oder andere
herbeigeführt haben. Doreen lässt sich von dem kleine Casey davon
abbringen, ihn ins Krankenhaus zu fahren, nur weil der Widerstand leistet. Der
Pool-Reiniger Jerry greift zum Schluss, als ein Erdbeben Los Angeles und die
Umgebung erschüttert, zur Gewalt gegen eine junge Frau, die Opfer seiner
Frustrationen wird. Die Wymans spielen bei der Party mit den Kanes heile Welt
und alle vier ergehen sich in mehr oder weniger kindischen Spielchen. Claire
ist entsetzt über das Verhaltens ihres Mannes, die tote Frau nicht sofort
gemeldet zu haben. Paul Finnigan verschwindet aus dem Krankenhaus, als klar
ist, dass Casey den Autounfall nicht überleben wird. Nur Gene scheint zu
spüren, dass sein Leben bislang mies war; er bringt seinen drei Kindern
den verschwundenen Hund wieder. Ob er sich künftig um sie und seine Frau
kümmern wird, bleibt fraglich, ist aber nicht ausgeschlossen. Doreen und
Earl scheinen am Ende guten Mutes, aber vielleicht macht Earl sich und ihr auch
nur leere Versprechungen, wenn er ihr sagt, er wolle mit ihr weg. Irgendwann?
Und die Sängerin Tess steht nach ihrer letzten Nacht in der Bar vor dem
Scherbenhaufen ihres Lebens, als sie nach Hause kommt.
Einzig der verkorkste Konditor Andy scheint sein Fehlverhalten
einzusehen. Als Ann und Howard ihn zur Rede stellen, zeigt er Mitgefühl
und Scham.
• I N S Z E N I E R U N G •
„Short Cuts“ ist eingerahmt vom Krieg gegen die Fliegen und vom
Erdbeben am Schluss des Films. Man könnte meinen, dass hier eine schon
fast religiöse Beschwörung stattfindet. Das Erdbeben erscheint wie
eine Drohung Gottes – und doch muss dieser Gott wissen, dass sich da unten am
Kleinkrieg nicht viel ändern wird. Die Vernetzung fast aller Figuren in
ein Konglomerat von Verantwortungslosigkeit und Gefühlskälte, Belanglosigkeit
und Beliebigkeit, Gedankenlosigkeit und Egoismus, fehlender Scham und ebenso
fehlender Intimität erscheint in der Summe wie eine besonders bedrohliche,
unheimliche Art von Geschichts- und Gesichtslosigkeit. Wie Attrappen, Aushängeschilder,
einer Gesellschaft, in der nur der medial vermittelte und verinnerlichte Konsum,
gleich welcher Art, das Verhalten zu steuern scheint, funktionieren sie, die
doch selbst diese Art des Zusammenlebens mit geschaffen haben und reproduzieren.
Scheinbar ohne Vergangenheit, die eigenen Kinder als Nebensache oder funktionales
Anhängsel, wandern sie durch ein Tal der Ernüchterung.
Sicher, für Ann und Howard ist der Verlust von Casey eine
Katastrophe. Aber auch sie verlieren sich direkt nach dem Tod ihres Sohnes darin,
einen anonymen Anrufer ausfindig zu machen, statt sich ihrer Trauer hinzugeben.
Alles, was mit Zuneigung, Liebe usw. zu tun hat, verkommt bei den meisten zum
Kick (wie bei Gene) oder zu einer seltsamen Selbst-Gefangennahme in die Abhängigkeit
zu einem anderen (wie bei Doreen). Am konsequentesten in dieser Hinsicht mag
noch Stormy Weathers sein, der immerhin den gewählten Lebensweg zu Ende
geht und alles zertrümmert, was seiner Egozentrik schaden könnte.
Dass er einzig den Fernseher heil lässt, symbolisiert in gewisser Weise
unbewusst den fatalen Respekt vor der medialen Vergesellschaftung, die bei vielen
längst an die Stelle von Hautnähe getreten ist.
Wenn man genau hinschaut allerdings, gibt es auch „fühlende
Nischen“ in diesem Chaos, beispielsweise Claire, die völlig entsetzt ist,
es nicht fassen kann, dass der Mann, den sie liebt, Stuart, die nackte Leiche
der Frau wegen des Angelspaßes einfach liegen gelassen hat, die noch weniger
versteht, dass Stuart überhaupt nicht nachempfinden kann, was an seinem
Verhalten so kalt und unnahbar ist. Der Tod löscht für Stuart und
die beiden anderen Angler die Individualität eines Menschen endgültig,
weil Individualität für die drei nur einen instrumentellen Wert besitzt.
Sie sprechen darüber, dass die Tote doch gut aussehe, ihre Brüste
usw.
• F A Z I T •
„Short Cuts“ führt keine Personen à la Hollywood vor,
weiß Gott nicht. Niemand in diesem menschlichen Konglomerat hat sein Leben
wirklich einigermaßen im Griff. Sicher, man müht sich ab, manche
strampeln sich ab, aber die meisten schauen weg, wenn es gilt hinzusehen. Dem
Emotionsmangel entspricht, dass vor allem auch Sexualität nicht Ausdruck
sich liebender Menschen ist, sondern ein Instrument, auf dem jeder sein Ego
„spielt“. Der Kick beherrscht die Szenerie, kein „freier Wille“, und auch kein
ideologisch verbrämter Individualismus à la Hollywood mit den sattsam
bekannten Zutaten. Die stattliche und größtenteils berühmte
Schauspielergarde sorgt zudem für eine überzeugende Inszenierung dieses
großartigen Films, über den Andreas Thomas in seiner Besprechung zu Recht schrieb, dass er nie langweilig werde. „Im Gegenteil,
je länger ‘Short Cuts’ dauert, desto süchtiger macht er nach diesem
ungeheuerlichen, deprimierenden, aberwitzigen, nach Menschen riechenden, nach
Wahrheit schmeckenden Film.“
Dem muss man abschließend nichts hinzufügen.
Wertung: 10 von 10 Punkten.
Prädikat: Besonders wertvoll.
Ulrich Behrens (12.09.2003)
Dieser Text ist zuerst unter dem Usernamen Posdole erschienen
bei: ciao.de
Short Cuts
(Short Cuts)
USA 1993, 187 Minuten
Regie: Robert Altman
Drehbuch: Robert Altman, nach den Kurzgeschichten von Raymond
Carver
Musik: Gavon Friday, Mark Isham
Director of Photography: Walt Lloyd
Schnitt: Suzy Elmiger, Geraldine Peroni
Produktionsdesign: Stephen Altman, Jerry Fleming, Susan Emshwiller
Hauptdarsteller: Andie MacDowell (Ann Finnigan), Bruce Davison
(Howard Finnigan, TV-Kommentator), Jack Lemmon (Paul Finnigan, Howards Vater),
Lane Cassidy (Casey Finnigan, Sohn von Ann und Howard), Julianne Moore (Marian
Wyman, Malerin), Matthew Modine (Dr. Ralph Wyman, Arzt), Anne Archer (Claire
Kane, Berufs-Clown), Fred Ward (Stuart Kane, arbeitsloser Vertreter, Angler),
Jennifer Jason Leigh (Lois Kaiser, Hausfrau, verdient ihr Geld mit Telefonsex),
Chris Penn (Jerry Kaiser, Pool-Reiniger), Joseph C. Hopkins (Joe Kaiser, Sohn
von Lois und Jerry), Josette Maccario (Josette Kaiser, Tochter von Lois und
Jerry), Lili Taylor (Honey Bush, Tochter Doreens), Robert Downey Jr. (Bill Bush),
Madeleine Stowe (Sherri Sheppard, Marians Schwester), Tim Robbins (Gene Sheppard,
Polizist), Dustin Friel, Cassie Friel und Austin Friel (Will, Sandy und Austin
Sheppard, Kinder von Sherri und Gene), Lily Tomlin (Doreen Piggot, Bedienung),
Tom Waits (Earl Piggot), Frances McDormand (Betty Weathers), Peter Gallagher
(Stormy Weathers, Hubschrauberpilot), Jarrett Lennon (Chad Weathers, Sohn von
Betty und Stormy), Annie Ross (Tess Trainer, Barsängerin), Lori Singer
(Zoe Trainer, Tochter von Tess, Cellistin), Lyle Lovett (Andy Bitkower, Konditor),
Buck Henry (Gordon Johnson, Angler), Huey Lewis (Vern Miller, Angler)
Internet Movie Database:
http://german.imdb.com/Title?0108122
Weitere Filmkritik(en):
„Chicago Sun-Times“ (Roger Ebert) (4 von 4 Punkten):
http://www.suntimes.com/ebert/ebert_reviews/1993/10/885112.html
„Movie Reviews“ (James Berardinelli) (3,5 von 4 Punkten):
http://movie-reviews.colossus.net/movies/s/short_cuts.html
„filmzentrale“ (Andreas Thomas):
http://www.filmzentrale.com/rezis/shortcuts.htm
© Ulrich Behrens 2003 für
www.ciao.com
www.yopi.de
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