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Sieben Frauen (1989)

Die Poesie des alltäglichen Kannibalismus’

 

Mit "Sieben Frauen" beendet Rudolf Thome seine Triologie Formen der Liebe 

 

Ein Film wie ein Traum, von jenem goldenen Zeitalter, in dem das Denken und das Handeln, das Sinnieren und das Zupacken wie von selbst zur Einheit kommen, zu jener Selbstverständlichkeit, wie sie bislang am reinsten im amerikanischen Action-Kino zu erleben war. Ein Anfang wie in einem Western: Ein Mann tritt ins menschenleere Bild, den Rücken zur Kamera. und schaut in die Weite der Landschaft. Ach, dieses Land ... Eine Heimkehr auf Zeit, ein Augenblick zwischen Ankunft und Weiterfahrt, bewegend wie der Beginn von Wenders "Falsche Bewegung”.

 

Hans Hummel (Johannes Herrschmann) ist der Heimkehrer. Jahre hat er auf einer Südseeinsel verbracht, so weiß er, das Paradies ist anderswo. Erst mag er einem noch ein wenig vorkommen wie der naive Henry Fonda in Preston Sturges' "Lady Eve", am Ende aber sieht man, daß er von Anfang an der Hans im Glück war, der seinen Batzen Gold tauscht gegen das Glück.

 

"Sieben Frauen”, der dritte Film aus Rudolf Thomes Trilogie zu den "Formen der Liebe”, ist reiner noch als die beiden vorangegangenen Filme ein Märchen: Hans Hummels Lehrjahre der Gefühle und der Geschäfte, auf der Suche nach dem verschwundenen Vater. Der zwar gestorben ist, aber weiterlebt in dem Computer, den er Hans hinterläßt, und in dem Programm, das er für den Sohn ausgedacht hat. Auch das ein Traum: der Vater als Spieler, sein Vermächtnis eine Schatzsuche, ein Ostereiersuchen. Hans läßt sich darauf ein, er akzeptiert die Regeln. "Spiel und Kontrolle", sagt Thome, "das sind ja keine Gegensätze."

 

Auch sein neuester Film forscht den Zusammenhängen von Stimulus und Respons nach, jenen Gesetzen, nach denen Anstöße von außen sich in Eigenbewegung umwandeln. In Spielszenen versucht er, das Natürliche in seinen Akteuren faßbar zu machen, mit Hilfe seiner behutsamen Inszenierung kommt die Kamera direkt an die Realität heran. Aus solcher Handelnsfreiheit entsteht die Transparenz seiner Filme. "Alle Dinge, die wir tun", sagt Thome, "spielen sich in einem völlig offenen Raum ab." Sieben Frauen, man sollte bei diesem Titel keine falschen Erwartungen hegen, er ist nicht mehr als - eine Erinnerung an einen alten Film, den letzten, den John Ford gedreht hat, 1965. Ein wenig verunsichernd muß der erste Auftritt der Frauen aus dem Nachbarhaus wirken, Großmutter und Mutter und fünf Töchter (die eine erst mal nur auf einem Foto). aber schnell merkt man, daß sie kein dominierendes - Matriarchat darstellen, eher eine in sich versponnene Familienbande. Fürsorglich, lustvoll und ironisch spielen sie mit Hans ein wenig Katz und Maus, ohne daß er deshalb in Panik geraten würde. Eine entspannte Atmosphäre, in der auch die drohenden Gebärden der Vertreter der (kriminellen) Geschäftswelt ihre Gefährlichkeit verlieren.

 

Der Film ist voller kleiner Idyllen, sanft angespielt, nicht ausgemalt im Detail. Ein heißes Bad, sich ein wenig verschlafen noch an den gedeckten Frühstückstisch setzen, im Gras in der nachmittäglichen Sonne liegen. Aus solchen Momenten setzt eine Welt sich vor unserem Blick zusammen, in die wir eintreten, Einstellung für Einstellung, wie Hans bei seiner Rückkehr ins väterliche Haus.

 

Ein Abenteuerfilm aus dem Alltag. Aber auch wenn der Vergleich naheliegen könnte: im Grunde hat das Kino Thomes nichts zu tun mit dem Rivettes. Bei dem führen Kinder sich auf wie Erwachsene, bei Thome kommen Erwachsene daher, als wären sie wieder Kinder. Die Intrigen von "Sieben Frauen” erinnern eher an Lubitsch als an Hawks. Beim Abendessen reden Hans und die in ihn verliebte Ati (Adriana Altaras) über Frau und Mann, mit wie vielen Frauen er schon geschlafen habe, will sie wissen, und dann erklärt sie ihm, sie schlafe nur mit Männern, die sie liebt. Ein Gespräch, bei dem es wichtig ist, darauf zu schauen, wie die beiden essen, hastig Hans, adrett Ati, um mitzukriegen, was da zwischen ihnen passiert.

 

Eine Passionsgeschichte mit einem Happy-End. Zum Schluß gibt es die Erlösung für den Sohn wie für den Vater, als Medium fungiert der Computer. Der Anti-Ödipus kehrt in den Schoß der Familie zurück, und die Zukunft läßt, das ist in der Tat beruhigend, so gut wie alle Fragen offen. 

 

Fritz Göttler

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Kölner Stadtanzeiger

 

 

Sieben Frauen (1989)

BR Deutschland - 1989 - 89 min. Verleih: NEF 2 - Erstaufführung: 16.11.1989 - Produktionsfirma: Moana-Film - Produktion: Rudolf Thome

Regie: Rudolf Thome

Buch: Rudolf Thome

Kamera: Martin Gressmann

Musik: Wolfgang Böhmer

Schnitt: Dörte Völz, Inge Schneider

Darsteller:

Johannes Herrschmann (Hans Hummel)

Adriana Altaras (Ati)

Elisabeth Zündel (Johanna)

Alexandra Schnaubelt (Sylvie)

Margarete Raspé (Catherina Hellmann)

 

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