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Sieben
Mulden und eine Leiche
An seinem 40. Geburtstag erreicht den Schweizer Kulturschaffenden
Thomas Haemmerli die Nachricht vom Tod seiner Mutter Brünhilde. Beim Öffnen
der Wohnung werden Haemmerli und sein Bruder Erik mit einem Chaos konfrontiert,
das ihre Befürchtungen auf groteske Weise übertrifft. Brünhilde
Haemmerli war das, was man neudeutsch als „Messie“ bezeichnet. Sie konnte sich
nicht von Dingen trennen und lebte in einer Blase aus Müll und Erinnerungen,
die zu Müll geworden waren. Zudem hatte die Leiche schon einige Zeit in
der Wohnung gelegen, weshalb erst ein Fachmann hinzugezogen werden muss, um
die Reste der Mutter mit einem Spachtel vom Fußboden der Wohnung zu kratzen.
Thomas Haemmerli hat die Kamera angeschaltet, um
sich vor dieser bizarren Erfahrung zu schützen. Es kostete ihn und seinen
Bruder einen Monat, um die Wohnung leer zu räumen. Sieben Mulden, das sind
offene Stahlcontainer, braucht es, bis der ganze Dreck abtransportiert ist.
Bewohnbar wird die Wohnung trotzdem wohl nie mehr, nicht nur wegen des Leichengestanks.
Wahrscheinlich wäre die Räumungsaktion schneller verlaufen, wenn die
Brüder die Gelegenheit nicht dazu genutzt hätten, sich beim Durchwühlen
des Mülls zu einer Rekonstruktion der mütterlichen Biografie und einer
packenden Familiengeschichte inspirieren zu lassen. So erzählt „Sieben
Mulden und eine Leiche“ retrospektiv, anekdotisch und mit einem teilweise grimmigen
Sarkasmus vom Leben Brünhilde Haemmerlis, die nach einer Ausbildung zur
Dolmetscherin und der Heirat mit einem erfolgreichen Anwalt Mitglied der feinen
Zürcher Gesellschaft wurde. Die Weihnachtsferien verbrachte man in St.
Moritz, in der Nähe von St. Tropez besaß das Paar ein Ferienhaus,
zum Bekanntenkreis zählte der frühere UN-Generalsekretär Kofi
Annan. Doch dann geriet die Ehe in eine Krise und wurde 1973 geschieden; es
folgten jahrzehntelange erbitterte juristische Auseinandersetzungen. Brünhilde
Haemmerli bekam einen Teil ihres Lebensunterhalts von den Söhnen, nachdem
ihr Ex-Mann starb. Bis ins hohe Alter blieb die engagierte Tierschützerin
höchst reiselustig. In Griechenland verfügte sie über ein Ferienhaus,
in Zürich mietete sie zahlreiche Keller an, die gleichfalls voller Müll
stecken. Auf die Brüder Erik und Thomas warten noch einige Überraschungen.
Ein Beitrag über das noch relativ junge Phänomen
der so genannten „Messies“ ist dieser Film nur am Rande, wenngleich dies sein
unappetitlichster Aspekt ist. Ungleich interessanter sind die Abgründe,
die sich hinter der geputzten bürgerlichen Fassade auftun und die Biografie
der Protagonistin weit übersteigen. So hinterließ auch Brünhildes
Mutter, deren Lebensgeschichte erstaunliche Parallelen aufweist, nach ihrem
Tod eine zugemüllte Wohnung. Ein Buch über das „Messietum“ trägt
den Titel „Im Chaos werden Rosen blühen“, was in gewisser Weise auch auf
Brünhildes Wohnung zutrifft, die eben auch all das Material bereithält,
aus dem Thomas Haemmerli seinen Film geschöpft hat. Dessen Radikalität
ist nicht zu unterschätzen, denn die Art und Weise, wie hier Leben und
Tod der Mutter behandelt werden, ist von befreiender Kaltschnäuzigkeit
und Pietätlosigkeit.
Mancher erinnert sich vielleicht noch daran, dass
sich die Jugendrevolte in der Schweiz zu Beginn der 1980er-Jahre gegen die „Vergletscherung“
des Gemeinwesens gerichtet hatte; in der Familienbiografie der Haemmerlis würde
man fündig, wollte man dieser Spur nachgehen. Viele hätten über
das Material, das Haemmerli hier ausbreitet, sicher den Mantel des Schweigens
gebreitet, aber die emotionale Distanz zur eigenen Familie und insbesondere
zur Mutter haben „Sieben Mulden und eine Leiche“ erst möglich gemacht.
Jetzt stinkt es zum Himmel, und das Lachen bleibt einem im Halse stecken angesichts
dieser Katastrophenbiografie, die das Aufbahren all der schmerzhaften Erinnerungen
noch rätselhafter macht und masochistische Züge zu tragen scheint.
Alexander Kluge hat die bürgerliche Kleinfamilie einmal als einen „Terrorzusammenhang“
bezeichnet. Dieser großartige, erschreckende, faszinierende Film gibt
ihm auf ganzer Linie Recht. Die Brüder Haemmerli zeigen vor laufender Kamera,
wie man diesen Terror exorziert, indem man ihn ein weiteres Mal durcharbeitet.
Wer zuletzt lacht, lacht am besten! Das Schönste daran ist, dass Haemmerlis
Bruder Erik ebenfalls eine Tochter hat. Fortsetzung folgt, in 40 Jahren, vielleicht.
Ulrich Kriest
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-Dienst
Sieben
Mulden und eine Leiche
Schweiz 2007 - Regie: Thomas Haemmerli - Darsteller: (Mitwirkende) Thomas Haemmerli, Erik Haemmerli, Bruna Haemmerli, Jörg Haemmerli, Isolde Meurer von Infeld, Mark Divo, Ajana Calugar, Ariel Burt - FSK: ab 12 - Länge: 83 min. - Start: 17.4.2008
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