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Der
siebente Kontinent
Moral
überstanden
Ein
Eiertanz am Rande der Klischees, zum Erröten "aufrichtig" (ergo
patschert selbstgerecht), zum Verzweifeln verbissen, zum Kotzen emphatisch -
das gilt (dieses mal) nicht für den besprochenen Haneke-Film, nur für
den Artikel über "Der siebente Kontinent" (Ö 1989; R: Michael
Haneke), einen Film übers Sich-Scheiße-Fühlen, der selbst allerdings
nicht nur das Kunststück zuwege bringt, sich von all den pejorativen Adjektiva
in dieser Überschrift nicht beflecken zu lassen.
Wenn
ein Mann seine Werke zu einer Trilogie über "emotionale Vergletscherung"
zusammenfasst, stößt es mir erst einmal sauer auf: Erstens, weil
dieser Begriff eine fortlaufende Verschlechterung impliziert, und wo mag diese
Verschlechterung wohl fortgelaufen sein, wenn nicht aus dem Schoß eines
historisch nebulosen harmonischen Urzustandes, eines Früher, in dem bekanntlich
alles, vom inneren gesellschaftlichen Zusammenhalt über die Rock-Musik
bis zur Kriegsmoral, besser war. Und so einen billigen Trick kann sich vielleicht
gerade noch Rousseau erlauben, aber nach ihm muss man sich schon was Besseres
oder aber wenigstens (wie er) einen etwas phantasievollen und/oder konkreten
Gegenentwurf eines "Früher" einfallen lassen, damit wir die nostalgisch
überzuckerte Krot schlucken.
Denn
wo so ein Wischi-Waschi-Stammtisch-"Früher" einmal straflos behauptet
worden ist, da fehlt nicht mehr viel und man darf das Werk des Herrn auteur
- wenn man nicht recht weiß, was man damit jetzt anfangen soll und sich
nicht die Mühe machen will, genau hinzuschauen, als wäre es ein ganz
normaler Film und kein so "total kritischer" - getrost in die Themen-Schublade
"Entfremdung" stopfen. Man muss es halt meist ein bissel zusammennudeln,
damit es hineinpasst. Aber dass da drin nicht noch immer Platz für ein
weiteres Oeuvre wäre, können gar nicht genug Künstler drin begraben
liegen. Manche (wie Beckett, Kafka oder Radiohead) eher unverschuldet, andere
(wie Ionesco), weil sie's in ihren Äußerungen künstlerischer
und nicht-künstlerischer Natur darauf angelegt haben. Und manche ganz Feige
machen es sich gleich dort gemütlich, weil sie sich dort in Sicherheit
vor Kritik wiegen, im Leo sozusagen. (Man denke bloß an Marc Forresters
lächerlichen "Monster's
Ball".)
Aber
um letztere ist es eh nicht schade. Um erstere dafür halt umso mehr. Zum
Beispiel um "Der siebente Kontinent". Der erweist sich nämlich
als eine sehr wache, gescheite Beschreibung eines sehr konkreten Zustandes:
Das Lustlose am gesellschaftlichen, beruflichen und familiären Funktionieren,
dieses ganz spezielle, von leichter Müdigkeit begleitete Gefühl von
Überdruss und von damit einhergehender Erlahmung der Fähigkeit, zum
anderen durchzudringen. Ja, das ist nur eine Wendung, um sich um das ebenfalls
völlig überreizte Reizwort "Kommunikations-Unfähigkeit"
zu drücken, aber hier hat das eben etwas Konkretes, etwas Echtes, etwas
Gespürtes und Spürbares zu bedeuten, und ist nicht bloß ein
Prügel, um naive Geister mit der eigenen vermeintlichen Gedankenschwere
zu erdrücken.
Diese
Gefühle sind es, die hier körperlich und spürbar übermittelt
werden. Mag sein, dass Hanekes Regie kalt ist, aber die Kälte ist schließlich
zumindest hier auch das Thema, insofern ist die Regie alles andere als distanziert
von den Objekten der Erzählung: In Einstellungen, die statt Gesichtern
Handgriffe zeigen, in hohlen bunten Farben, die die Lustlosigkeit nicht bloß
kontrastieren, sondern positiv verstärken, rekonstruiert Haneke den morgendlichen
Weg vom Aufstehen übers Frühstücken bis zur Ankunft am Arbeitsplatz
als Serie von mechanischen Bewegungen, während derer einem das Selbst-Gefühl
abhanden kommt. Um das zu verstehen, muss man Günther Anders' "Antiquiertheit
des Menschen" nicht gelesen haben. Einmal müde und mit leichter Übelkeit
aufgestanden zu sein, das alltägliche Morgen-Zeremoniell im Halbschlaf
erledigt und dabei nichts mehr gewünscht zu haben, als jetzt nicht bei
sich zu sein, reicht völlig. Wer hat je behauptet, Haneke wäre kein
persönlicher Autor und Regisseur?
Haneke
beschreibt (denn von "Erzählung" kann in dieser statischen Motorik
nur bei den wenigen Szenen, in denen jemand aus der Rolle fällt, die Rede
sein) in 3 aufgebrochenen Episoden, die sich über 2 Jahre erstrecken, den
Alltag einer gutbürgerlichen Kleinfamilie als eine permanente Übung
des Aufrechterhaltens und Ausbauens von -beruflichen, familiären, materiellen
- Standards und den damit einhergehenden Verlust von Lebendigkeit.
"Worin
besteht [...] der Wert eines antibourgeoisen Films, der von und für Bourgeois
gemacht worden ist?", könnte man jetzt mit François Truffaut
fragen, der der französischen Tradition des "psychologischen Realismus"
mit diesen Worten sein eitles Überlegenheitsgefühl in der Selbstanklage
vorwarf. Und anhand dieser Aussagen kann man die Grenzen von Hanekes ganzem
Werk gut umreißen: Denn an Hanekes schonungs- und ausweglosem antibürgerlichen
Pessimismus, der aber immer wieder wie hypnotisiert um dieses Bürgertum
kreist und ihm immer wieder bei der Auflösung zusieht, und seiner verstockten
Haltung gegenüber den Medien im Allgemeinen und der Populärkultur
im Speziellen (wie sie hier noch kaum und umdeutbar, später jedoch - in
"Bennys
Video"
und vor allem "Funny
Games"
- bis ins Unerträgliche gesteigert einen Grundpfeiler der Haneke'schen
Filmgedanken-Welt ausmacht) macht sich tatsächlich ein unbehagliches Gefühl
der Überlegenheit breit: Wer moralisiert, und das tut Haneke ausdrücklich
und an Moral an sich ist ja nichts ästhetisch Verwerfliches, der braucht
große Disziplin, um sich nicht über seine Beobachtungsobjekte zu
stellen.
Trotzdem,
diese Tendenz der Selbstgerechtigkeit des Moralisten - die wohl von der Erfahrung,
als solcher zur Zeit im internationalen Kinozirkus recht allein, eine Art letzter
Aufrechter zu sein, geradezu provoziert wird (das merkt man den Interviews an,
in denen Haneke meist aus einer Defensive heraus bei der Verteidigung seiner
moralischen Filme, den amoralischen oder moralneutralen Löwenanteil der
Filmproduktion angreift) - verunreinigt, gemessen an Hanekes Konsequenz als
solcher, seine Filme in erstaunlich geringem Maß: Das verdanken sie seinen
beachtlichen Qualitäten als Autor und Regisseur, wie sie gerade in "Der
siebente Kontinent" klar sichtbar sind, und die nicht bloß von dieser
Tendenz ablenken, sondern ihr entgegensteuern.
Zuerst
einmal wäre da Hanekes Beobachtungsgabe für Details einer alltäglichen
bürgerlichen Verhaltenspathologie zu nennen, die gleichzeitig zu erkennen
gibt, dass Haneke weiß, wovon er spricht, dass er seine eigenen Entdeckungen
und Erfahrungen plündert (ohne hier irgendwelche plumpen autobiographischen
Entblößungen andeuten zu wollen) und sein Interesse an bürgerlichen
Verstumpfungs-Erscheinungen weniger überlegen-theoretischer, sondern (und
auch das betont er in Interviews) persönlicher Natur ist.
Beispiel:
Der Bruder der Mutter, vom Tod seiner Mutter schwer geknickt, ist bei der Familie
zum Abendessen eingeladen. Gedämpfe Stimmung, im Hintergrund läuft
80er-Kitsch-Pop. Der Vater: "Soll ich leiser drehen?" - Der Schwager
verlegen: "Meinetwegen nicht." - Der Vater dreht leiser. - Der Schwager,
ebenso verlegen: "Danke." Kurz darauf beginnt er zu weinen. Sehr schön
das.
Dann
wäre da, als wichtigstes Argument pro Haneke, seine schon bei diesem ersten
Kinofilm sehr ausgeprägte Beherrschung der filmischen Mittel: Die Kühle,
die sich hier ausbreitet, in den trostlos bunten Farben der Bilder, dem anämischen
Schauspiel, der bis auf Radionachrichten sehr kahlen Tonspur und dem Schnitt,
der unbarmherzig Szenen abbricht, wenn eine Lösung der Dramatik, ein klärendes,
wechselseitiges Durchdringen noch möglich, manchmal sogar erahnbar wäre,
ist in ihrer Konsequenz faszinierend, geradezu anregend anzuschauen.
Und
schließlich triumphiert Haneke gegenüber aller Kleingeistigkeit in
seinem Denken mit seinem Geschick, unter den starren Figuren etwas Begrabenes
erahnbar zu machen: Wenn man zu Beginn jeder Episode aus dem Off einen Brief
der Mutter an die Schwiegereltern mit ihrer Stimme gelesen hört, leblose,
gehoben phrasenhafte Eloquenz, die über den Stand der Dinge unterrichtet,
dann ist das nicht nur Gänsehaut erregend kalt, sondern auch traurig, gerade
aus der strikten Verweigerung von Melancholie heraus: Weil da jemand keine Worte
findet (sie nicht einmal zu finden versucht?), die wirklich etwas über
ihn sagen können.
Letztendlich
weiß man auch nicht, ob unter den bürgerlichen Konventionen überhaupt
etwas ist, das um einen echten Ausdruck ringt, von mir aus eine Seele. Oder
ob all die Kälte, die ja eine Hilflosigkeit darstellt, nun anrührend
sein soll oder nicht. Aber sie ist es. Punktum.
Das
mag auch ein entscheidender Vorteil Hanekes sein, wenngleich nur ein Vorteil
"sich selbst gegenüber": Seine antipsychologische Haltung, die
Ursachen und innere Beweggründe oft verschweigt, und somit einen Interpretationsspielraum
lässt, in dem man sich von seinen moralinsauren Ansichten über die
Schlechtigkeit der modernen vergletscherten Welt und die bitteren Sichtungen
modernen Lebens zu etwas modifizierteren Darstellungen der Dinge davonstehlen
kann. Wie verheerend es enden kann, wenn Haneke etwa seine stock-konservative
Sicht auf die Medien auszubuchstabieren beginnt, kann man ja in "Funny
Games" erfahren.
"Traue
nie dem Erzähler, traue der Erzählung.", um Susan Sontag zu zitieren,
wenn sie D.H. Lawrence zitiert. Und dieser "Erzählung" darf man
trauen. Aufgrund ihrer Ehrlichkeit, ihrer Fähigkeit, ein inneres Zerwürfnis
nicht bloß "darzustellen", sondern zu verkörpern: Den Widerspruch
zwischen dem Selbstgefühl und einem Funktionieren-Wollen, auf das man doch
nicht verzichten kann, eine Tragik, die aus der inneren Widersprüchlichkeit
der Figuren heraus entsteht und am Ende eskaliert: Die Familie beschließt
die Selbstauslöschung als Alternative zu ihrem trostlosen Leben.
Das
wird gefeiert mit großen antibürgerlichen Gesten der Zertrümmerung
des Inventars und dem Hinunterspülen alles Ersparten. Doch diese scheinbare
Selbstbefreiung bleibt nicht ungebrochen: Zuerst einmal, weil Hanekes Kamera
auch bei der Zerstörung bürgerlichen Status' an den Tätigkeiten
statt an den Personen haftet, die also wiederum nicht "sich" finden,
sondern nur neue Tätigkeiten, Arbeiten. Und schließlich, in den Selbstvergiftungs-Szenen
am Ende des Films, die nach dieser so rigiden Filmerzählung quälend
auseinander fließen (an welchen Aktivitäten soll man sich nun auch
festhalten?), sucht die Familie wie selbstverständlich Halt und Trost vor
dem Fernseher, wo man seinen Abschied mit dem Betrachten von Aufzeichnungen
sentimentaler Pop-Konzerte untermalt, die ebenso Teil eines bürgerlichen
Inventars sind wie all die zertrümmerten Möbel - oder auch das honiggelbe
Bild vom Strand am "siebenten Kontinent" Australien, das Haneke als
(nur teilweise) Gegenwelt und Fluchtpunkt in seine Montagen und die Phantasie
seiner Figuren setzt. (Mit diesem Hinweis auf den Grund für den Titel ist
sogar den Vollständigkeitsanforderungen "umfassender" Interpretationen
im Sinne von Deutsch-Maturen genüge getan.) Das Selbst-Gefühl bleibt
verhaftet im Bürgerlichen, Konventionellen. Ist das berührend? Ich
finde ja, ob Haneke nun wollte oder nicht.
Joachim
Schätz
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: http://flourian.ruhezone.net/
Der
siebente Kontinent
(1989)
DER
SIEBENTE KONTINENT
Österreich
- 1989 - 107 min.
Drama
FSK:
ab 16; feiertagsfrei
Verleih:
Sputnik
absolut
MEDIEN (Video)
Erstaufführung:
16.11.1994 3sat/Sept. 1997 Video
Fd-Nummer:
31936
Produktionsfirma:
Wega-Film
Produktion:
Veit Heiduschka
Regie:
Michael Haneke
Buch:
Michael Haneke
Kamera:
Anton Peschke
Musik:
Alban Berg
Schnitt:
Marie Homolkova
Darsteller:
Birgit
Doll (Anna)
Dieter
Berner (Georg)
Leni
Tanzer (Eva)
Udo
Samel (Alexander)
Silvia
Fenz (Kundin)
Robert
Dietl (Oertl)
Elisabeth
Rath (Lehrerin)
Georges
Kern (Bankbeamter)
Georg
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