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Silentium
Neuer
Film mit Josef Hader
„Stop!
Mann! Scheiße!“
Vom
Mord, den Leute aus gutem Grund begehen: Wolfgang Murnberger hat nach „Komm,
süßer Tod“ wieder zugeschlagen. In dem neuen Brenner-Kriminalfilm
sehen wir wieder den unglaublichen Josef Hader auf den Spuren des unglaublichen
Humphrey Bogart.
Dashiell
Hammett, so hat Raymond Chandler 1950 geschrieben, in seinem wunderschönen
luziden Essay über „The Simple Art of Murder“, Dashiell Hammett also gab
den Mord jenen Leuten zurück, die ihn aus guten Gründen begehen –
und nicht nur, um den Krimis ihre Leiche zu liefern. Das gleiche könnte
man von Wolf Haas sagen, der die Romanserie um den (Ex-)Cop Simon Brenner schrieb,
und von Josef Hader, der den Brenner in den Verfilmungen spielt, und von Wolfgang
Murnberger, der dabei Regie führt.
Die
besten Gründe für die simple Kunst des Mordens scheint es gegenwärtig
in Salzburg zu geben, der Festival-, der Mozart-, der Touristenstadt, die ganz
dem Motto „Get this feeling“ vertraut. Salzburg, das ist Bourgeoisie total,
das heißt, hier herrscht die nackte Korruption, eine Art Kulturfaschismus.
„Und wenn so ein Milieu wie ein aufgeblasener Luftballon ist“, erklärt
Wolf Haas, „dann kriegt man einfach unbändige Lust, da mit einer Stecknadel
hineinzugehen und zu schauen, was danach noch übrig bleibt.“
Nur
wenig ist zum Beispiel übrig geblieben von Gottlieb Dornhelm. Er war der
Schwiegersohn des Festspielpräsidenten und eine so verkorkste, unglückliche
Existenz, dass manche versucht sind, ihn als Heiligen anzusehen. Aber eines
Tages hat der Gottlieb ein Erlebnis aus seiner traurigen Jugend hervorgekramt
und den Erzbischof der Diözese beschuldigt, er hätte ihn vor 25 Jahren
sexuell belästigt, als er noch Erzieher im Marianum war, dem Elite-Knabengymnasium.
Und dann ist der Gottlieb plötzlich tot, runtergeschubst vom Mönchsberg,
der berühmt ist für seine Aussicht und dafür, dass er immer wieder
Selbstmörder anzieht.
An
diesem Punkt fängt, von der Witwe instruiert, Brenner das Ermitteln an,
unterstützt von seinem alten Kumpel Berti (Simon Schwarz), er schleicht
sich als Obdachloser ins Marianum ein – wo es jede Menge Tischfußball
und philippinische Hausmädchen gibt und den Sportpräfekten Fitz (Joachim
Król) – und danach in eine wüste Opernprobe für eine Festspiel-„Entführung“.
Der Opernregisseur dort – gespielt von dem jungen Alleskönner Christoph
Schlingensief, der im Vorjahr den Parsifal in Bayreuth inszenierte – führt
sich wunderlich und emphatisch gegenüber der Sängerin auf: „Stop!
Mann! Scheiße!“
Der
neue Film, durch die Vorgänge in der Anstalt von St. Pölten mit unerwarteter
Aktualität beladen, geht weit über den erfolgreichen ersten Brenner-Film
„Komm,
süßer Tod“
hinaus, hier gibt es nur noch die allerletzten Reste des grotesken Grand Guignol,
den die tollkühnen Wiener Sanitätsfahrer in ihren rasenden Kisten
veranstalteten, und der Hader hat nichts mehr von einem Kabarettisten, ist eine
Mischung aus müden Blicken und kargen Vierwortsätzen, aus Resignation
und Widerspruchslust und Sarkasmus. Dieser Hader ist vielleicht der beste Marlowe,
den man sich heute denken kann, und einen besseren wird man auch im amerikanischen
Kino nicht auftun.
Einmal
sucht er, bei einem Kumpel untergekommen für ein paar Nächte, verbissen
und ohne Rücksicht auf Verluste oder Kratzer auf einer Schallplatte die
Stelle, wo das richtige Stück kommt, und man wünscht sich fasziniert,
er möge es nie finden. „Silentium“ ist ein wunderlicher kleiner Heimatfilm
geworden, ein Film über die Heimat oder, wie man’s nimmt, die Heimatlosigkeit,
über jenes Hinundher zwischen verschiedenen Orten, das der Brenner süffisant
in die Parabel von dem Leberkäs und den Knackwürsten packt.
Eine
Schwester im Geiste meint er in Konstanze zu finden, die Gottliebs Witwe ist
und die Tochter des Festspielpräsidenten (Maria Köstlinger). Sie ist
der Ausputzer der Familie, und sie versucht, das beste aus der Rolle zu machen.
Die erste Begegnung der beiden findet in einem Kaufhaus statt, da erwischt Brenner
sie, wie sie einen heißen Slip klaut. Das ist als kleine Studie in Voyeurismus
inszeniert und wird dann fast zu einem sexuellen Akt. Kurz darauf läuft
sie ihm auf dem Mönchsberg über den Weg, hält ihn für einen
Selbstmörder, so wie ihr Mann angeblich einer war, und sagt deshalb schnell:
Sagen Sie was Blödes, damit ich nicht weinen muss ... Sie weiß natürlich,
es war kein wirklicher Selbstmord, es war ein lächerlicher Tod, von Intrigen
bedingt und daher unvermeidlich. „Es ist nicht komisch“, schrieb Chandler, „wenn
ein Mensch umgebracht wird, aber es ist manchmal komisch, wenn er für so
wenig umgebracht wird und dass sein Tod die Münze dessen sein soll, was
wir Zivilisation nennen.“
Der
Film erspart einem nichts, im Grausamen und Brutalen wie im schaurig Lächerlichen
– aber er übersteht sogar solche Albernheiten wie eine Christus-unterm-Kreuz-Einlage
von Hader, einen Kicker-Alptraum und eine blöde North-By-Northwest-Parodie.
Bis zum Ende behält er die stille Zärtlichkeit bei, die er dem kleinen
Gottlieb widmet – am Anfang hat er uns im Schnelldurchlauf durch Familienaufnahmen
eine Kindheit erleben lassen, die das Zeichen der Unschuld trägt.
Fritz
Göttler
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in der: Süddeutschen Zeitung
SILENTIUM,
Österreich 2004 – Regie: Wolfgang Murnberger. Buch: W. Murnberger, Josef
Hader, Wolf Haas. Kamera: Peter von Haller. Schnitt: Evi Romen. Musik: Sofa
Surfers. Mit: Josef Hader, Simon Schwarz, Joachim Król, Maria Köstlinger,
Udo Samel, Jürgen Tarrach, Rosie Alvarez, Anne Bennent, Johannes Silberschneider,
Christoph Schlingensief, Herbert Fux. Senator, 116 Minuten.
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