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Sissi
Verpackte
Botschaften
"Das
pappt mein Leben lang
wie Grießbrei
an mir."
(Romy Schneider
zu ihrer
Rolle als "Sissi")
"Es
ist besser Leidenschaft zu
erleben und
unglücklich zu sein,
als sich
mit Mittelmäßigem
zufrieden
zu geben."
(Romy Schneider)
"Ich
kann nichts im Leben,
aber alles
auf der Leinwand."
(Romy Schneider)
Ich mag auch keinen Grießbrei.
Aber die Perspektiven verschieben sich - nicht nur "einfach" mit der
Zeit. Der eigene Erfahrungshorizont verändert sich stets und das kulturelle
Outfit einer Gesellschaft macht Sprünge. Der Blick auf einen Film (und
seine beiden Sequels) aus dem Jahr 1955 ist schon lange ohne einen Blick auf
Romy Schneider kaum möglich. Damals, mit 16, 17 Jahren, die im wahrsten
und ehrlichsten Sinn des Wortes reine, schöne Unschuld - und heute? In
der Erinnerung an sie eine Frau, die von sich selbst sagte - so ehrlich, wie
man es kaum ehrlicher sagen konnte -, dass sie mit ihrem Leben, mit sich selbst,
mit Männern, mit Deutschland, mit kaum etwas zurecht gekommen war. Diese Dinge
sind bekannt. Ich muss sie nicht wiederholen. Da geht es mir so wie mit "Sissi":
Das Verhältnis des Films (und seiner beiden ebenso erfolgreichen beiden
Sequels) zur Wirklichkeit, nicht nur der wirklichen Elisabeth von Österreich,
sondern auch zur Wirklichkeit der damaligen Bundesrepublik ähnelt dem Verhältnis
von Romy Schneiders Rolle zu ihrem eigenen Leben - fast zumindest.
Und trotzdem, bei aller Veränderung,
bei allem Kitsch, bei aller Verkleisterung, bei allem Hellen, wo doch nur Dunkel
ist, ist die Geschichte von "Sissi" auch die einer unglaublichen, nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit
unwahrscheinlichen Beständigkeit. Schon
in den 50er Jahren nach "Der Förster vom Silberwald" (28 Millionen
Zuschauer) die erfolgreichste deutsche Trilogie (zwischen 20 und 25 Millionen
Zuschauer) hält sie sich behände in den Köpfen, den Herzen und
seit einiger Zeit auch in den DVD-Regalen des Publikums. Man könnte auch
sagen: Die Konstanz des Erfolgs der Trilogie deutet auf die Konstanz von Sehnsüchten
und Defiziten, Wünschen, Wunschproduktionen und seelischen Mängeln,
die in der Gesellschaft der Bundesrepublik vielleicht "Formveränderungen"
durchgemacht haben, in ihrer Substanz aber bestehen blieben.
Nur eine bestimmte Form falsch
verstandener "political correctness" hält bestimmte Menschen
von dem "Geständnis" ab, "Sissi" nicht nur gesehen,
sondern in diesem Film auch für sich etwas "gefunden" zu haben
- und sei es nur zeitweise.
"Ich fliehe
vor der Welt samt ihren Freuden,
und ihre
Menschen stehen mir heut fern;
es sind ihr
Glück mir fremd und ihre Leiden;
Ich stehe
einsam, wie auf and`rem Stern...
(Elisabeth: An
die "Zukunfts-Seelen" 1887)
Die filmische wie die reale Elisabeth
von Österreich waren von Schicksalsschlägen geprägt. Auch diese
Fakten sind bekannt. Und trotzdem gibt es zwischen der filmischen und der wirklichen
Elisabeth fundamentale Unterschiede. Im Film gibt es nur Probleme, die sich
mehr oder weniger leicht lösen. Die reale Elisabeth ist zeit ihres Lebens
nie damit zurecht gekommen, sich in das strenge Reglement am Wiener Hof einzufügen.
Ihre Flucht in Krankheit und eine ausgedehnte Reisetätigkeit waren die
Fluchten eines Menschen, der auch den Entzug seiner Kinder durch die herrschsüchtige
Schwiegermutter Sophie letztlich nie verkraftet hatte. Ihre besonders in den
letzten Jahren ausgeprägte Todessehnsucht deutet auf eine Frau, deren Tragik
in der filmischen Trilogie keinen Ausdruck fand.
Kitsch also. Aber sagt das alles?
Natürlich nicht.
Der Inhalt des ersten Films ist
sicherlich mehr als bekannt: Die Mutter des österreichischen Kaisers Franz
Joseph (Karlheinz Böhm), Sophie (Vilma Degischer), sucht eine Frau für
den Regenten. Nach einigen diesbezüglichen Fehlschlägen einigt sie
sich mit der Herzogin Ludovika (Magda Schneider) auf deren Tochter Prinzessin
Helene (Uta Franz), genannt Nene, als künftige Gemahlin. Als sich Ludovika
mit Nene und ihrer weiteren Tochter Elisabeth (Romy Schneider) in Bad Ischl
mit Ludovika und Franz Joseph treffen, verliebt sich der Regent nicht in die
ihm unbekannte Nene, sondern in deren Schwester Sissi - und setzt sich gegen
seine herrschsüchtige Mutter durch. Die Verlobung der beiden wird bekannt
gegeben. Im Film trifft Franz Josef Sissi zunächst zufällig auf dem
Weg nach Bad Ischl, ohne ihre wahre Identität zu kennen, und verliebt sich
in die vermeintliche "Lisl", für die sich Sissi ausgibt. Der
Film deutet gegen Schluss bereits an, dass Sissi mit den höfischen Regeln
und vor allem mit ihrer Schwiegermutter nicht zurecht kommt. Und die junge
Romy-Sissi, im Arm ihres Franz Josef, sagt: "Ach Franz, es wär' alles
so schön, wenn du kein Kaiser wärst."
Die erst 15jährige Sissi
fährt per Schiff auf der Donau nach Wien - begleitet von ihr zujubelnden
Menschen an den Ufern. Eine "Traumhochzeit" bildet den Abschluss des
Films.
Sissi - wer wollte das bestreiten
- ist jung, unschuldig, und zugleich wild, süß, intelligent, lebensfroh,
zart, ungezwungen. Und damit schufen Ernst Marischka und Romy Schneider jene
Ikone des bedeutendsten deutschen Nachkriegs-Heimatfilms, die bis heute nachwirkt
- also in Neuhochdeutsch: eine nachhaltige Ikone. Die "Nachhaltigkeit"
dieser Fiktion geht vor allem, aber nicht nur auf Romy Schneider und ihre Rolle
zurück. Marischka wusste genau, mit was und wem er das Publikum zu bedienen
hatte. Wir sprechen hier von den 50er Jahren, der Adenauer-Ära - auch wenn
der Film in Österreich produziert wurde -, also einer Zeit der erwartungsvollen
Hoffnungen und unstillbaren Sehnsüchte nach dem Völkermord. Während
Adenauer in den Wahlkämpfen jener Zeit verkündete "Keine Experimente"
und damit nicht nur eine Front gegen den Osten meinte, sondern auch konservative
Stabilität in jeder Hinsicht, waren die plakativen politischen Tendenzen
doch mehr Illusion, mehr Schein als Realität. Trotz Wirtschaftswachstum
und -"wunder" brodelte es längst in den überholten Strukturen
- bis hinein in die Familien. Dass sich solches Brodeln nicht in aufständischem
Eifer breit machte, konnte niemand nach 1945 eigentlich wirklich erwarten -
schon gar nicht in Deutschland. Nein, es äußerte sich u.a. in der
Sehnsucht nach der Fremde und dem Fremden: der Illusion des Mediterranen. Welche
Familie, die es sich nicht irgendwie leisten konnte, war ab Mitte der 50er Jahre
und in den Folgejahren nicht mindestens einmal in Italien - mit dem Bild eines
verklärten Italien im Kopf.
In "Sissi" werden nicht
jene Konflikte filmisch materialisiert, die es in der Zeit der Habsurger-Monarchie
wirklich gab. Das war auch nicht Sinn und Zweck der drei Filme. Die Konflikte,
die Marischkas Drehbuch vorsah, waren handlich, überschaubar, regelbar
und lösbar - jeder dieser Konflikte. Selbst die negativen Figuren, vor
allem die Erzherzogin Sophie, wurden durch einen gewissen Sympathiezuschuss
handhabbar dem Publikum serviert. Daneben erlaubten Witzfiguren wie Major Böckl
oder der von einer Schein-Schwerhörigkeit befallene Gemahl Sophies für
das nötige Quentchen Komik, um den handhabbaren Konflikten selbst noch
eine "weiche Landung" zu erlauben.
Nicht zuletzt aber die Verwurzelung
der Hauptfigur selbst in einem Elternhaus, das mehr einem lustigen bäuerlichen
Heim entspricht denn dem einer Adelsfamilie, bereitete den Humus, auf dem sich
die Botschaften des Films entwickeln konnten. Der Vater Sissis ist ein Naturbursche
im positiven Sinne, einer, der keine Standesdünkel kennt, der mit dem Adels-Verwandten
genauso spricht wie mit dem Knecht im Stall, der zudem in der "unberührten"
Natur die Quelle allen Daseins zu sehen scheint, während er das höfische
Gehabe in Wien genauso hasst, wie Sissi sich ihm nicht unterordnen will. In
dieser Gegenüberstellung von idyllischem, fast-bäuerlichen Frohsinn
hier, Lebensmut und fast kalt und skrupellos dargestellter Lebensart am Hof
drücken sich die Zweifel darüber aus, dass "das" so sein
müsse. Die Figur der Sissi steht auch auf das "Eindringen" des
Menschlichen, des Natürlichen, des Lebhaften in die Sphäre des Politischen.
Marischka "serviert"
also eine handhabbare, überschaubare, kontrollierbare Geschichte in drei
Teilen - nicht nur für seine Akteure, sondern vor allem für sein Publikum.
Der erste Teil der ersten Botschaft der Trilogie ist damit schon genannt. Der
zweite Teil ist die Hauptfigur des Films selbst, die sich - trotz aller "Wirrungen
und Irrungen" - von niemandem und nichts unterkriegen lässt. Sissi
kämpft an verschiedenen Fronten, selbst später in den beiden anderen
Teilen der Trilogie gegen ihren Mann, als er sich zu deutlich auf die Seite
seiner Mutter stellt. Sissi transportiert die Botschaft, sich durch nichts und
niemanden daran hindern zu lassen, Gegensätze zu lösen, Widersprüche
zu beseitigen. Hier findet sich die Befriedigung einer der Sehnsüchte des
Publikums: das eigene Leben in den Griff zu bekommen und das Glück zu finden,
das man so sehr braucht in dieser Zeit.
Die zweite Botschaft ist das Mittel,
das Marischka und Romy Schneiders Sissi darreichen. Sissi "arbeitet"
mit Zuneigung, Liebe, aber auch Entschlossenheit, Berechenbarkeit und Unverbrüchlichkeit.
Sie bleibt sich treu, zumindest aber versucht sie es. Sie versucht immer wieder,
verlorenes Glück wiederherzustellen, wieder aufzubauen, was durch andere
zerstört wurde. Sie ist gar die Lehrmeisterin ihres Manns, der durch Karlheinz
Böhm eher als die schwächere Figur von beiden dargestellt wird, einer,
der manchmal doch zu sehr dem Machtdenken seiner Mutter verhaftet ist. Sissi
führt in der Fortsetzung des Films die Versöhnung mit den ungarischen,
adeligen Rebellen herbei.
Und hier kommt ein drittes Moment
ins Spiel, eine unterschwellige Botschaft, die dennoch ihren Zweck kaum verfehlen
kann: Das, was Erzherzogin Sophie verkörpert - Macht im öffentlichen
wie privaten Bereich -, wirkt langfristig zerstörend. Das, was Sissi verkörpert
- Liebe in ihren vielfältigen Formen -, wirkt langfristig aufbauend und
führt zu Glück.
Dass dies alles in den Formen
des Kitsches (vom hüpfenden Rehkitz bis zum Hochzeitspomp, von der Vergötterung
einer scheinbar unberührten Natur bis hin zur verklärten Darstellung
des Adels als bodenständigem Stand), der historischen Illusion (was die
Zustände in der K.U.K.-Monarchie betrifft) und der biografischen Verfälschung
(was die reale Elisabeth angeht) präsentiert wird - gut und schön
oder schlecht und hässlich. Wer allerdings vor allem darauf abhebt, verkennt
die enorme Bedeutung der Botschaften, die sich dahinter verbergen und eben auch
heute noch mächtig zu wirken scheinen. Sissi - im Elternhaus mit etlichen
"randalierenden" Geschwistern glücklich - betritt eine andere
Bühne: die Bühne der Macht, noch dazu einer Macht, die keiner im demokratischen
Sinne auch nur ähnelt. Sie operiert jedoch weiterhin mit dem, was sie gelernt
hat: mit Verständnis, Zuneigung, Liebe, Kommunikation, Zugehen auf andere
und so weiter. Sie betätigt sich politisch, wie sie sich immer politisch
betätigt hat. Denn ob im privaten oder gesellschaftlichen Bereich ist der
Versuch, verlorenes Glück wiederherzustellen, eine politische Äußerung.
Während im privaten Bereich, wo Überschaubarkeit gegeben ist, das
Gelingen eines solchen Versuchs überprüfbar ist, ist dies in großen
gesellschaftlichen Zusammenhängen viel schwieriger. Und gerade hier ist
der Ort, wo "Sissi" eben auch eine Botschaft an das Politische, an
die Kräfte die dort wirken, beinhaltet.
Man mag solche Botschaften für
lächerlich oder zumindest unwirksam halten, für verkitscht und illusionär.
Die Wirkung solcher Filme wie der Sissi-Trilogie bis heute weist eigentlich
auf etwas anderes - ob man das und die Filme nun mag oder nicht. (1)
DVD
Format: Dolby, Mono, PAL
Sprache:
Deutsch
Region:
Region 2
Bildseitenformat:
4:3
FSK:
Freigegeben ab 6 Jahren
DVD-Erscheinungstermin:
18. Oktober 2005
Studio:
Kinowelt Home Entertainment/DVD
Die
von Kinowelt editierte DVD - Teil der sog. "Royal Edition" mit allen
Filmen der Trilogie - enthält neben dem Trailer und Starinfos zu Romy Schneider,
Karlheinz Böhm, Gustav Knuth und Magda Schneider Auszüge aus einem
Interview mit Karlheinz Böhm aus dem Jahr 2005 (ca. 19 Minuten) sowie eine
Kurzdokumentation zu Böhms Stiftung "Menschen für Menschen"
aus dem Jahr 2001 (ca. 10 Minuten).
Ulrich Behrens
Dieser Text ist
zuerst erschienen in:
(1) Oskar Negt und Alexander Kluge erzählten in ihrem Buch
Maßverhältnisse des Politischen. 15 Vorschläge zum Unterscheidungsvermögen
(Frankfurt am Main 1993) folgende Geschichte:
"In der Wahlnacht des 25. Januar 1987 war die Befragung der
Spitzenpolitiker beendet. Das ZDF zeigte den Spielfilm Wenn die Alpenrosen blühn.
In diesem Film spielt die zwölfjährige Christine Kaufmann ein Mädchen,
dessen Eltern sich in Scheidung befinden. Auf dem höchsten Gipfel der deutschen
Alpen gedeihen wilde Rosen, die, wenn jemand sie pflückt und dabei sich
etwas wünscht, diesen Wunsch in Erfüllung gehen lassen. Das Kind pflückt
die Rosen und wünscht sich, dass sein Papa wiederkehren möge. Dann
stürzt es in einen Abgrund. Der Vater, vom Verschwinden seines Kindes benachrichtigt,
besteigt den Berg, Rettungsmannschaften setzen sich in Bewegung. Das Kind wird
gerettet und hat den Vater, der sein Leben riskierte, wiedergewonnen. Die Eltern
geben den Gedanken der Scheidung auf. Dieses Kind hat sich politisch betätigt.
Der Löwenanteil an politischer Energie mag sich in solchen Beziehungsnetzen
finden, in denen die Wiederherstellung von verlorenem Glück versucht wird.
Eine große Sendeanstalt wie das ZDF drückt sich durch
die Zeitordnung der Sendeplätze aus. Die Bundestagswahl, von der bei der
Terminierung nicht bekannt sein konnte, wie sie ausgeht, war mit der Botschaft
dieses Films gleichgestellt. Es beweist geringe politische Wahrnehmungskraft,
sich an der kitschigen Form dieser Botschaft zu reiben und darüber die
Nachricht, die sie übermittelt, zu unterschätzen." (S. 35 f.)
Das Motto der SPD für den damaligen Wahlkampf lautete "Versöhnen
statt spalten".
Sissi
Österreich 1955, 102 Minuten
Regie: Ernst Marischka
Drehbuch: Ernst Marischka
Musik: Anton Profes, Frédéric Chopin, Georg Friedrich
Händel
Kamera: Bruno Mondi
Schnitt: Alfred Srp
Ausstattung: Fritz Jüptner-Jonstorff
Darsteller: Romy Schneider (Prinzessin Elisabeth von Bayern,
Kaiserin Elisabeth, Sissi), Karlheinz Böhm (Kaiser Franz
Joseph),
Magda Schneider (Herzogin Ludovika von Bayern), Uta Franz
(Prinzessin Helene von Bayern, Nene), Gustav Knuth (Herzog Max
von
Bayern), Vilma Degischer (Erzherzogin Sophie), Josef Meinrad
(Gendarmerie-Major Böckl), Erich Nikowitz (Erzherzog Franz-Karl)
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