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Sitcom
Voila
!
„Ich
wollte vor allem die Geschichte
einer
Familie erzählen. Auf die Idee,
die
Mittel einer Sitcom zu benutzen,
kam
ich, weil ich darin auch andere
Genres,
die ich mag, benutzen konnte,
wie
Horrorfilme, Melodramen und
Komödien.
Die Bedingungen unter
denen
mein Film entstand, waren auch
eher
die einer Sitcom: wenig Geld,
unbekannte
Schauspieler, ein einziger
Drehort,
kurze Filmdauer.” (1)
François
Ozon war eigentlich immer für eine Überraschung gut. Man denke an
„Unter
dem Sand”
(2000), „8
Frauen”
(2002) oder zuletzt „Swimming
Pool”
(2003). 1998 drehte Ozon einen – ja, soll man sagen makabren – Film, den er
schlicht und ergreifend "Sitcom" nannte. Was eine Sitcom ist, dürfte
inzwischen jeder wissen, zumal diese Art der Fernsehunterhaltung inzwischen
die meisten Kanäle überschwemmt. „Sitcom” hingegen ist in mehrerer
Hinsicht eben eine auf Spielfilmlänge ausgedehnte „normale” Sitcom und
zugleich doch etwas ganz anderes. Ozon benutzt zunächst einmal die (mehr
oder weniger) strengen Regeln dieses Fernsehvergnügens oder TV-Missvergnügens:
Die Geschichte einer Familie in Episoden, streng genommen aber – entgegen der
Sitcoms – eine Geschichte mit Abschluss, während die entsprechenden TV-Sendungen
ja zumeist in Serie gedreht werden. Trotzdem ist nach dem bizarr anmutenden
Schluss des Films eine Fortsetzung durchaus denkbar, wenn auch sicher nicht
beabsichtigt.
Es
geht um die „gutbürgerliche” Familie von Elaine (Évelyne Dandry)
und Jean (François Marthouret) und deren Kinder Sophie (Marina de Van)
und Nicolas (Adrien de Van). Daneben treffen wir noch auf die Haushälterin
Maria (Lucia Sanchez), deren Mann Abdu (Jules-Emmanuel Eyoum Deido) aus Kamerun,
der als Lehrer arbeitet, und auf Sophies Freund David (Stéphane Rideau).
Elaine und Jean sind um die 50, die beiden Kinder, schon volljährig, wohnen
noch zu Hause.
Der
Film spielt ausschließlich im Haus der nachnamenlosen Familie. Schwung
kommt ins Haus, als Jean, der in der medizinischen Forschung zu arbeiten scheint,
eines Tages eine (natürlich gesunde) weiße Laborratte mit nach Hause
bringt, vor der sich Elaine ekelt. Von dieser Ratte scheint ein gewisser Zauber
auszugehen. Ein magischer Blick der Ratte scheint Nicolas zu veranlassen, beim
abendlichen Diner, zu dem Elaine auch Maria eingeladen hat (die ihren Mann Abdu
mitbringt), der versammelten Gemeinde zu gestehen, er sei homosexuell.
Von
nun an spielt der Film sozusagen auf zwei Ebenen: einer „offiziellen” und einer
„inoffiziellen”. Die „normale” Familiengeschichte spielt sich in den Bereichen
des Hauses ab, die für alle zugänglich sind: Treppen, Gänge,
Küche, Wohnzimmer: klassische Sitcom. Hinter den verschlossenen Türen,
den Privatgemächern der Beteiligten jedoch, kommen Dinge zum Vorschein,
von denen die TV-Sitcom nicht zu sprechen wagt.
„Die
Sitcom könnte ein wunderbares
Experimentierfeld
sein und heute die
gleiche
Rolle spielen wie früher die so
genannten
B-Filme. Doch um möglichst
viele
Menschen anzusprechen, wirft man
oft
alles aus der Sitcom raus, was
missfallen
könnte. Der kleinste
gemeinsame
Nenner wird angestrebt,
alles
wird entschärft: bloß keine Grenzen
überschreiten!
Mir dagegen macht es Spaß,
Konflikte
aufzudecken und den Zuschauer
kräftig
zu rütteln!” (1)
Elaine
möchte, dass ein Unbeteiligter mit ihrem Sohn spricht. Abdu begibt sich
in das Zimmer von Nicolas – und erweist sich selbst als Homosexueller, der dem
jungen Mann nicht nur die Brust zeigt und fragt, ob ihn das errege – während
die anderen bei Tisch über Homosexualität reden und Papa einen Vortrag
über Homosexualität im alten Griechenland hält.
Nicht
nur das: Sophie scheint mit ihrem Freund David in sexueller Hinsicht unzufrieden,
legt sich auf das Sofa und lässt die Ratte über ihren Körper
laufen und an äußerste empfindlichen Stellen schnuppern. Wenig später
springt Sophie aus dem Fenster. Folge: Sie verbringt nach einer Zeit im Koma
ihr Leben fortan im Rollstuhl.
Dieser
abrupte „Zwischenfall” hat keine sichtbaren Ursachen. Aus welchen Gründen
Sophie todessehnsüchtig ist, bleibt völlig offen. Ozon zeigt einmal
mehr, wie „diktatorisch” ein Regisseur sein visuelles Anliegen vorträgt.
Er lässt eine junge Frau aus dem Fenster fallen, einen Sprecher aus dem
Off sagen „Einige Monate später” und kann dann zum nächsten übergehen.
Dieser dramaturgische Kniff ist in „Sitcom” allerdings so offensichtlich und
durchschaubar, dass er in gewisser Weise Kino als etwas (auch) Absurdes erscheinen
lässt. Es kann uns in diesem Fall sogar egal sein, warum Sophie aus dem
Fenster gesprungen ist. Fortan sitzt sie im Rollstuhl, mit zwei Haarknüsten
rechts und links am Kopf und instrumentalisiert David für ihre Sexualität:
Sadomaso ist angesagt, aber David versagt auch als „kleines Hündchen” und
lässt sich im Bad von Maria auf besondere Art befriedigen – bis Sophie
die beiden fotografiert, das Foto in die Hände von Abdu gerät, der
es seinen Schülern zeigt, woraufhin er entlassen wird usw. usf. Abstrus!
Währenddessen
ersinnt Elaine – immer noch verzweifelt über des Sohnes Schwulsein – die
Theorie, durch Verführung des eigenen Sohnes diesen „umzupolen”. Gesagt,
getan. Inzest versus Homosexualität. Nicolas bekommt einen Orgasmus in
seiner Mutter – und bleibt schwul. Und Jean? Jean hält sich aus allem heraus,
liest den Wirtschaftsteil der Zeitung und kommentiert fast alles mit einem Sprichwort.
Den Beischlaf seiner Frau mit Nicolas kommentiert er auch: Sie sei eine sehr
intelligente Frau. Und Abdu erweist sich als Schwuler, was Maria gerade recht
ist, denn sie fühlt sich als Lesbe, und Sophie denkt über einen Beischlaf
mit ihrem Vater nach.
Über
allem scheint die immer noch namenlose Laborratte zu wachen – bis Elaine eine
Entscheidung trifft: Die Familie muss in die Therapie. Was man dort wohl feststellen
wird?
„Die
Kulisse einer Sitcom, das sind drei
Wände.
Ich wollte aber auch Decken
und
Böden; ein Haus filmen wie ein
Puppenhaus,
in dem Spielzeugfiguren leben.
Ich
wollte eine Geschichte erzählen wie ein
Kind
– diese unglaublichen Geschichten,
die
man sich als Kind ausdenkt – und
keine
Zensur auf mich ausüben, also die
niedrigsten
Instinkte, Vulgäres, Lächerliches,
Gefühle
... alles ohne läuternde Absichten
zeigen.
So gesehen ist ‚SITCOM’ der Film
eines
– perversen – Kindes.” (1)
„Sitcom”
mag man oder eben nicht. Man kann den Film für belanglos halten, für
übertrieben in den sexuellen Anspielungen und Vorkommnissen, Phantasien
usw., in der Selbstverständlichkeit, mit der alle auf den Inzest, die Sadomaso-Praktiken,
den schwulen Zirkel, den Nicolas in seinem Zimmer gründet, reagieren. Oder
mit einer cineastischen Bewunderung, wie ein Regisseur das Kino auf den Kopf
und wieder auf die Beine stellt.
Ozon
lässt das Haus, in dem sich alles abspielt, von solchen, nicht nur sexuellen,
kindlichen, kindlich-erwachsenen Phantasien geradezu überschwemmen, eingebettet
in eine „normale” Familiengeschichte, die eigentlich gar keine ist – und dann
doch wieder. In diesem „Puppenhaus”, wie er das nennt, kann er sich austoben,
können sich seine Figuren austoben, kann sich die Logik breit machen und
zugleich die Unlogik, und das Unwahrscheinliche – die Ratte. Dieses Tierchen
steht für das Paradoxon sowohl des „Genres” Sitcom, als auch für das
des Kinos überhaupt: etwas auf die Leinwand zu zaubern, was von vorne bis
hinten erstunken und erlogen ist – oder eben wahr. Die Ratte ist der dramaturgische
deus ex machina, der Katalysator, der unwahrscheinliche Auslöser. Und jeder
denkt: So ein Quatsch! Eine Ratte. Am Schluss setzt Ozon der Verführung
des Zuschauers die Krone auf, indem er die Ratte zu dem macht, an was man eben
nicht glaubt: den Magier.
„Sitcom”
ist ein einziger Inzest, denn jede Sitcom ist es ebenso: ein sich ausschließlich
selbst immer wieder und gnadenlos befruchtendes leeres Etwas, das nie über
sich selbst hinaus kann – und man denke bloß nicht, das habe etwas mit
Realität zu tun. Es ist diese vorgetäuschte Realität, die in
ihrer mehr oder weniger perfekten Suggestion den Laden am Laufen hält (siehe
„Lindenstraße” mit mehr 800 oder 900 Folgen). Ozons Film hätten alle
für eine ganz normale Sitcom gehalten – und wahrscheinlich wären dann
alle völlig enttäuscht aus dem Kino gekommen –, wenn er den Film nicht
mit Unwahrscheinlichem, Vulgärem, Kinderphantasien, Erwachsenenphantasien,
den Ängsten und den Leimruten für den Zuschauer gefüllt hätte,
die das Kino und jede Sitcom ad absurdum führen. Und weil er das getan
hat, gehen wir in den Film – wie in viele andere auch.
Und
bei alldem ist „Sitcom” dennoch ein ernst zu nehmender Film – selbst was die
Konflikte in der Familie um Jean und Elaine, Sophie und Nicolas angeht. Der
merkwürdige, aber nichtsdestotrotz krönende und logische Schluss des
Films ist eine von zwei möglichen Lösungen des „Falls” – und zugleich
ein Happyend von der Sorte, bei der einem im Magen etwas mulmig zumute ist.
Und zugleich ein Schluss, der einem Kriminalfilm angemessen wäre: Massenmord
oder Rattenmord? Eins von beiden musste es sein. „Sitcom” ist zum Kotzen und
zum Lieben – eben so ähnlich wie das Leben.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei:
(1)
François Ozon, zitiert nach: http://8mm.kinokiller.de/sitcom/
Sitcom
(Sitcom)
Frankreich
1998, 85 Minuten
Regie:
François Ozon
Drehbuch:
François Ozon
Musik:
Éric Neveux
Director
of Photography: Yorick Le Saux
Schnitt:
Dominique Petrot
Produktionsdesign:
Angélique Puron
Darsteller:
Évelyne Dandry (Elaine), François Marthouret (Jean), Marina de
Van (Sophie), Adrien de Van (Nicolas), Stéphane Rideau (David), Lucia
Sanchez (Maria), Jules-Emmanuel Eyoum Deido (Abdu)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0157044
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