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Smog
"Damit ist
der ganze Spuk vorbei"
Es gibt Mechanismen in modernen Gesellschaften, die
sich immer wieder, wenn auch in anderen Zusammenhängen, beobachten lassen.
Das gilt besonders dann, wenn drängende Probleme angesichts der sekundären
Kosten, die bei ihrer Beseitigung möglicherweise oder sicher verursacht
werden, zunächst nur von wenigen gesehen, von der Mehrheit aber verleugnet
oder als Problem gar nicht wahrgenommen werden. Die Umwälzung der industriellen
Produktion ab Mitte / Ende der 70er Jahre angesichts der heute für viele
kaum noch vorstellbaren Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung war
zunächst vor allem von der Industrie nicht gewollt. Viele Flüsse waren
damals reine Kloaken, in industriellen Ballungszentren herrschte eine Luftverschmutzung,
die heutzutage unter den Straftatbestand der schweren Körperverletzung
subsumiert werden könnte.
Dieser Themen nahmen sich 1973 Wolfgang Petersen
- heute eigentlich nur noch als "Actionfilmer" in Hollywood bekannt
- und Wolfgang Menge ("Das Millionenspiel") an - in einer Zeit, in
der das öffentliche Bewusstsein für den Schutz vor Lärm, Schadstoffen
usw. nicht sehr ausgeprägt war, einer Zeit, in der die ersten Bürgerinitiativen
entstanden, die sich gegen die heute unvorstellbaren Ausmaße der Luft-
und Wasserverschmutzung und andere Umweltdelikte wandten.
"Smog" ist eine Art semi-dokumentarisches
Spiel, eine Mischung aus Dokumentation und Fernsehspiel, gedreht, könnte
man sagen, fast in Echtzeit (so wirkt der Film jedenfalls) über vier Tage
einer Katastrophe, wie sie bis dahin noch nicht inszeniert worden war. Petersen
und Menge zeigen die Familie Rykalla, eine ganz normale Familie in Duisburg.
Franz (Wolfgang Grönebaum, bekannt als Egon Kling aus der "Lindenstraße")
ist dabei, den schmierigen Dreck von den Scheiben des Familienautos zu wischen,
während Elvira (Marie-Luise Marjan, Frau Beimer aus der "Lindenstraße")
besorgt ist, weil das Baby ständig weint und Schmerzen hat. Opa Rykalla
(Heinz Schacht) denkt an Flucht in die Eifel.
Duisburg liegt unter einer nebligen, verdreckten
Smog-Glocke. Aber nicht nur das. Der Dreck zieht nicht ab. Es herrscht eine
Inversions-Wetterlage (1), und die Meteorologen befürchten, dass dies noch
etliche Tag andauern wird. In den Messstellen registriert man ein ständiges
Steigen der Schwefeldioxidwerte - die einzigen, die dort gemessen werden -,
in den Kaufhäusern sieht man Frauen, deren Nylonstrümpfe plötzlich
kleinere und größere Löcher aufweisen. Der Nachrichtensprecher
(Egon Hoegen) verkündet schließlich den Beschluss der Landesregierung
aufgrund der Empfehlungen der Landesanstalt für Immissionsschutz: Smog-Alarmstufe
1. Doch diese Alarmstufe bedeutet nicht viel mehr, als dass man die Autofahrer
z.B. bittet, ihre Wagen nur im dringenden Notfall zu benutzen.
In einem TV-Studio wird ständig über die
aktuelle Situation berichtet. Bei einem Fußballspiel kippt ein Spieler
um und hat erhebliche Atemprobleme. Schließlich ist ein erster Toter zu
beklagen. Ein Mann am Steuer erleidet einen Herzanfall und stirbt. Der am Ort
anwesende Arzt (Jürgen Hilken) glaubt, der Smog sei schuld am Tod des Mannes.
Doch Prof. Steinbrück (Alf Pankarter) relativiert im Studio des Fernsehens:
Der Mann wäre früher oder später sowieso gestorben, weil er herzkrank
gewesen sei. Der Smog habe dies nur um ein paar Tage beschleunigt.
Bei diesem Zynismus, der die wirklichen Gefahren
nicht nur ausklammert, sondern auch menschenverachtend ist, bleibt es nicht.
Es herrscht Verdrängung der wirklichen Gefahren. Und das, obwohl die Krankenhäuser
sich mit Smog-Geschädigten füllen und immer mehr Menschen mit Kreislauf-
oder Herzbeschwerden auch sterben.
Auch die Industrie wiegelt ab. Die uralten Argumente
tauchen auf. Eine Stilllegung oder auch nur Einschränkung der Produktion
würde unabsehbare Folgen für Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum
nach sich ziehen. Und der Chef der GLOBAG, Grobeck (Hans Schulze), geht noch
weiter: Man könne die Produktion auch in andere Städte verlegen oder
gar ins Ausland verlagern. Auch ein immer wieder vorgetragenes "Argument".
Nur wenige demonstrieren. "Qualm mir das Lied
vom GLOBAG-Tod" ist u.a. auf Transparenten zu lesen. Gegner des Unternehmens
argumentieren - wie damals en vogue - mit Kapitalismuskritik. Auch sie blenden
aus - nämlich die Tatsache, dass auch in den realsozialistischen Ländern,
sowohl in der Sowjetunion, als auch in China, die gleichen Folgen industriell
hemmungsloser Produktion zu beobachten sind.
Petersens semi-dokumentarisches Horror-Gemälde
einer in keiner Weise unrealistischen Umweltkatastrophe, die in Wirklichkeit
eine Krise industrieller Produktion darstellt, schockte 1973 das Publikum in
einer Zeit, in der Umweltschutz noch ein Fremdwort war und die wenigen Menschen,
die sich für den Schutz der natürlichen Ressourcen und der Menschen
in Ballungszentren wie dem Ruhrgebiet einsetzten, als Spinner, Außenseiter
oder linke Demagogen, als Gegner der Marktwirtschaft diffamiert wurden. Es wundert
kaum, dass ausgerechnet Wolfgang Menge das Drehbuch zu diesem Horrorszenario
schrieb, ein Autor, der ein Feingefühl für die Probleme der modernen
Gesellschaften hatte.
Eine besondere Mixtur machte "Smog" zu
einem erschreckenden Erlebnis: Gestellte, aber durchaus echt wirkende und von
wirklichen Journalisten gespielte Reportagen, Fernsehsendungen und Interviews
wechseln mit gespielten Szenen der Familie Rykalla und der Industriellenfamilie
Grobeck und mit den Bemühungen der Behörden und politischen Verantwortlichen,
die Krise in den Griff zu bekommen. Und gerade in diesem letzten Punkt zeigt
sich in "Smog" die Unfähigkeit staatlicher Behörden, die
Übel an der Wurzel zu packen. Zwar wird der Autoverkehr in etlichen Räumen
während der Smog-Alarmstufe 2 verboten; zwar werden Appelle an die Bevölkerung
losgelassen, auf das Auto zu verzichten und Obst und Gemüse nicht außerhalb
der Geschäfte zu verkaufen; zwar wird ein Mundschutz empfohlen, der angeblich
die giftigen Stoffe von den Atemwegen fernhalte. Aber das alles täuscht
nicht darüber hinweg, dass die Behörden nur auf eines hoffen: die
Änderung der Wetterlage, d.h. der Inversions-Wetterlage. Danach sei alles
wieder im Lot, wird behauptet.
Und tatsächlich verkündet ein Regierungsdirektor
namens Engelbrecht nach der Änderung des Wetters auch das Ende der Krise,
weil der Dreck und Dunst jetzt endlich abzieht. "Damit ist der ganze Spuk
vorbei", meint Engelbrecht. Das Baby der Rykallas allerdings und etliche
andere Menschen sind tot.
Am Schluss bleibt das, was - abseits der konkreten
industriellen Krise - auch noch heute aktuell ist: Wirkliche Krisen werden behördlich
verwaltet und abgewickelt, ohne dass deren Ursachen bekämpft worden wären.
Erst viel später setzt durch die Parteigründung der Grünen und
die Arbeit von Bürgerinitiativen ein langsames Umdenken ein, das sich erst
Jahre später dann auch in der Programmatik und Praxis anderer Parteien
wiederfindet. Zunächst aber stehen behördliche Unfähigkeit und
Unwilligkeit, Leugnung der wirklichen Gefahren an der Tagesordnung.
Das Perfide solcher Situationen und Entwicklungen
aber ist ein Prozess, der dem einer wirklichen Aufklärung - ganz im Kantschen
Sinn des Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit
- und damit auch dem demokratischen Prinzip diametral entgegengesetzt ist: ein
Prozess der Gegenaufklärung, des Verschleierns.
Mit "Smog" haben Petersen und Menge damals
nicht nur ein wichtiges Stück Zeitgeschichte festgehalten. Sie haben auch
diese Mechanismen, fast ausschließlich durch dokumentarische Mittel und
insgesamt im Stil einer Dokumentation, d.h. unter Verzicht auf dramatische und
dramatisierende Mittel, offengelegt. Und sie haben bloßgestellt, wie ein
Konglomerat aus Behörden, Industrie und Medien dafür sorgte, dass
dieser Prozess der Gegenaufklärung zumindest für eine gewisse Zeit
wirken konnte.
Auch heute noch ist "Smog" ein sehenswertes
Horrorszenario, das von seiner Aktualität in Bezug auf das staatliche "Verarbeiten"
tiefgreifender gesellschaftlicher Krisen nichts verloren hat.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei:
(1)
vgl. zu dieser Inversionswetterlage:
http://de.wikipedia.org/wiki/Inversionswetterlage
Smog
Deutschland
1973, 86 Minuten
Regie:
Wolfgang Petersen
Drehbuch:
Wolfgang Menge
Kamera:
Jörg-Michael-Baldenius, Günter Kiesling
Schnitt:
Liesgret Schmitt-Klink
Ausstattung:
Manfred Lütz
Darsteller:
Marie-Luise Marjan (Elvira Rykalla), Wolfgang Grönebaum (Franz Rykalla),
Heinz Schacht (Opa Rykalla), Michaela Henner (Andrea Rykalla), Hans Schulze
(Grobeck), Doris Gallart (Frau Grobeck), Edda Dohrmann-Pastor (Frau von Schulz),
Rudolf Jürgen Bartsch (Regierungsdirektor Engelbrecht), Wilfried Zubries
(Timpe, Amt für öffentliche Ordnung), Alf Pankarter (Prof. Steinbrück),
Jürgen Hilken (Dr. Schwind), C. W. Koch, Hajo Jahn (Moderatoren), Hans
Werner Conen, Gisela Marx, Werner Sonne (Reporter)
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