Smoke
Eine Momentaufnahme des alltäglichen Lebens in Brooklyn. Doch dieses
Gemeinschaftswerk von Wayne Wang und dem amerikanischen Bestseller-Autor
Paul Auster ist noch mehr als das. Nach einer Einleitung rücken fünf
(durch Zwischentitel angekündigte) Kapitel jeweils eine der Hauptfiguren
ins Zentrum des Interesses. Die Kombination der ruhigen, fast statischen
Kameraführung, der diskreten, gefühlvollen Klavier- und Synthesizermusik
von Rachel Portman und das zurückhaltende Spiel der Darsteller erzeugt
trotz der an sich trivialen Story eine atmosphärische Dichte auf die
Leinwand, wie es kaum ein anderer amerikanischer Film der letzten Jahre
geschafft hat. Es gelingt dem Regisseur Wang, eine so intime Stimmung zu
erzeugen, daß man sich Großaufnahmen der Charaktere oftmals geradezu
herbeisehnt.
Doch diese werden stets in ihr Umfeld - die schmuddeligen und doch
liebenswerten Wohnungen in downtown Brooklyn - eingeordnet gezeigt, die
Kamera dringt nicht in ihre Seelenwelt ein: Halbtotalen und lange,
ungeschnittene Einstellungen herrschen vor. Beide Prinzipien werden nur
an den zwei zentralen Stellen des Films durchbrochen: Die eine bringt den
schwarzen Jungen Thomas Cole in einer dynamischen, schnell geschnittenen
Szene mit seinem seit Jahren verschollenen Vater zusammen, die andere
zeigt den von Harvey Keitel verkörperten Verkäufer eines unscheinbaren
Tabakladens in einem kaum merkbaren Zoom, der bis zur Detailaufnahme
fortschreitet, während er seine "Weihnachtsgeschichte" - zugleich eine
wunderschöne Charakterisierung dieser Figur - erzählt, deren
Wahrheitsgehalt er lächelnd offen läßt (im Abspann wird seine Erzählung
dann aber in Schwarzweißbildern ausgespielt).
Diese Sorgfalt in der Inszenierung, die auch bedachtsam ins Bild
gerückte Gegenstände und Beschriftungen mit einschließt, konnte man in
dem spontan entstandenen, improvisierten Fortsetzungsfilm Blue in the
Face freilich nicht mehr beibehalten.
Johann Georg Mannsperger
Dieser Text ist zuerst erschienen in:
Smoke
USA 1995 R: Wayne Wang B: Paul Auster D: Harvey Keitel, William Hurt