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Der
Sohn
Die
Kamera sitzt ihm im Nacken, als wolle sie ihn antreiben. Eine Handkamera, immer
ganz nahe dran an diesem Mann, dem Schreinermeister Olivier (Olivier Gourmet).
Sie verfolgt ihn, und ihn verfolgt etwas und er verfolgt jemanden. Olivier ist
um die 40, vielleicht auch etwas jünger. Er bildet Jugendliche aus in einer
Art Trainings-Center, so genannte "gestrauchelte" junge Kerle, die
etwas lernen sollen. Der kleine, kräftige Olivier, ein wortkarger, immer
ernst drein blickender Mann ist konzentriert bei der Arbeit. Kein Wort zu viel
kommt ihm über die Lippen. Sein ganzes Dasein scheint auf die Ausbildung
der jungen Männer ausgerichtet. 15, 16 sind sie, seine derzeit vier Lehrlinge.
Olivier wird nur selten wirklich ungeduldig, böse sowieso nicht. Seine
Sinne sind konzentriert auf das, was er tun soll und tun will. Die Jungens gehorchen
ihm, lernen, zumeist schnell.
Wir
sind an Olivier "dran", ständig, die ganze Zeit. Wir stehen per
Kamera hinter ihm, blicken ihm in Augen, hautnah, betrachten ihn von der Seite,
wie er sich bewegt, alles was er tut. Was er sieht, sehen auch wir. Jean-Pierre
Dardenne und Luc Dardenne, bekannt geworden u.a. durch "Das
Versprechen"
(1996) und "Rosetta"
(1999), vormals dem Dokumentarfilm verschrieben, dokumentieren auch hier über
eine Spielhandlung, die so reell erscheint, dass man manchmal nicht weiß,
ob man Schauspieler oder wirkliche Schreiner und Lehrlinge vor sich hat.
Szenenwechsel.
Olivier richtet sein Essen für die Arbeit. Es läutet. Eine Frau betritt
die Wohnung. Magali (Isabella Soupart) tritt herein. Beide sprechen kaum ein
Wort. Olivier druckst herum. Magali scheint etwas zu wollen. Aber zunächst
schweigt sie. Dann die Ankündigung, sie werde wieder heiraten und sei schwanger.
Szenenwechsel.
Die Werkstatt. Holz, Werkzeug, alles wohlgeordnet. Die kleinen, etwas dicken,
aber äußerst geschickten Hände Oliviers werkeln, zeigen, korrigieren.
Es wird gemessen, angepasst, alles muss "sitzen". Bohlen aus verschiedenen
Holzarten, man riecht das Holz förmlich. Doch schon zu Anfang des Films
scheint Olivier auch nervös, nicht bei der Arbeit, aber in den kleinen,
sekundenlangen Pausen, die er hat, bevor er sich wieder einem Lehrling widmet.
Ein fünfter Lehrling will bei ihm Schreiner lernen. Zunächst lehnt
er ab, dann nimmt er ihn doch. Francis (Morgan Marinne) heißt der 16jährige.
Er saß fünf Jahre im Gefängnis. Olivier schleicht um ihn herum,
beobachtet ihn, verfolgt ihn nach der Arbeit, schaut, wo er hingeht, nimmt am
nächsten Tag gar Francis Hausschlüssel und dringt heimlich in dessen
Zimmer ein. Sucht er etwas? Francis lernt schnell, auch wenn ihm eine Bohle
beim Heraufsteigen auf eine Leiter herunterfällt. Er sitzt auf dem Boden,
die Arme über den gesenkten Kopf geschlagen, fast autistisch wippend.
Olivier
scheint Francis wie die anderen zu behandeln, kein größeres Interesse
an ihm zu haben. Das täuscht, das täuscht er vor. Er will etwas wissen,
Gewissheit hat er schon und doch wieder nicht. Zwischen dem knappen "Guten
Morgen" und dem abendlichen ebenso kurzen "Bis morgen" wird nicht
viel gesprochen. Und wenn, dann zur Arbeit. Doch dann kommen die Fragen, mal
hier eine, mal dort, in größeren Abständen, dann in immer kleineren.
Ob er am Wochenende nicht nach Hause fahre? Nein, der Freund seiner Mutter wolle
nicht, dass Francis komme. Warum er im Gefängnis war? Weil er ein Autoradio
gestohlen habe. Dafür habe er fünf Jahre gesessen? Nein, es sei jemand
zu Tode gekommen. Schweigen. Olivier hat Francis, weil er das Wochenende eh
zu Hause ist, gefragt, ob er mit ihm zum Betrieb seines Bruders fahren wolle,
um Holz zu holen.
Francis
scheint den Meister zu mögen. Er ist kurz angebunden, dieser Olivier, aber
weder ungerecht, noch hysterisch. Francis fasst Vertrauen zu ihm, fragt ihn
gar, ob er sein Vormund werden wolle. Er ist fasziniert von der Art, wie präzise
und korrekt Olivier seine Aufgabe versteht. Olivier ist in der Lage, als Francis
ihn danach fragt, den Abstand zwischen dem rechten Fuß des Lehrlings und
dem linken des Meisters haargenau zu schätzen: vier Meter elf Zentimeter.
Aber
was steht für Olivier zwischen ihm und Francis? Man spürt es förmlich,
permanent. Er scheint Francis zu kennen. "Ist er das?" fragt Magali
ihren Ex-Mann und will schon auf Francis los gehen, wovon Olivier sie gerade
noch abhalten kann.
In
der Schreinerei seines Bruders - nach stundenlanger Fahrt - wird weiter ausgebildet:
Was ist das für ein Holz? Francis schaut in seinem Lehrbuch nach: Pinie.
Aber welche Sorte? Francis erkennt die Sorte. Man holt vier, fünf lange
Bohlen, einige sägt man in zwei Teile, um sie in dem Anhänger transportieren
zu können. Und dann, ganz plötzlich, wie aus heiterem Himmel diese
"Aussage", die für Francis alles ändert und doch nichts
ändert, die für Olivier kaum eine Art Befreiung darstellt. "Den,
den du getötet hast, das war mein Sohn." Wie eine Art "Zeugenaussage"
kommt es aus dem Mund Oliviers - ganz ruhig, als ob er nur gesagt hätte:
"Er habe auch einmal einen Sohn gehabt, und der ist tot." Warum sagt
er das zu dem Mörder seines Sohnes? Olivier wird es selbst nicht genau
wissen.
Francis
flüchtet zwischen die großen Stapel Holz. Olivier hinterher. Er will
ihm nichts tun. Er weiß gar nicht, was er eigentlich will. Er sieht diesen
Jungen vor ihm, der jetzt vielleicht so alt ist wie sein Sohn heute wäre.
Im
nachhinein erweist sich der Film als ein einziges Trauma, ein sozusagen in engen
Grenzen, in abgesteckten Bahnen eingepferchtes "zivilisiertes" Trauma.
Francis, der nachts nicht schlafen kann und regelmäßig Schlaftabletten
nimmt, ein 16jähriger, der einen Mord "hinter sich" hat und deswegen
immer vor sich, vor Augen, pfercht sich in die Hoffnung auf einen Mann, den
er zu mögen beginnt, der ihm einen gewissen Halt geben könnte - und
dann ist es der Vater ...
Olivier
quetscht sich schon jahrelang in dieses "Trauma mit wachen Augen".
Der Schreinerberuf wird ihm zur Berufung im Sinne des Aushaltens seiner Erinnerung
an den Tod seines Sohnes. Er, dessen Ehe gescheitert ist, hält sich fest
am Holz, an den Werkzeugen, an der Ausbildung, an seinen Lehrlingen. Er hält
sein Trauma in mehr oder weniger erträglichen Grenzen, um nicht "einfach"
kaputt zu gehen. Die Kamera hält uns hautnah an diesen Traumen der beiden.
Als
es gesagt ist, ergreift Francis zunächst die Flucht, bis ihn Olivier vor
der Schreinerei im Wald festhalten und überwältigen kann. Sie laden
das Holz auf den Anhänger. Dieser Moment ist erträglich und unerträglich
zugleich. Man atmet auf, keiner kommt zu Schaden. Olivier will Francis nicht
töten. Rache steht nicht im Raum. Oder doch? Was steht im Raum? Im Raum
steht, das Unerträgliche ertragen zu müssen, das Töten als Elfjähriger
wie das Verlieren eines Sohns. Das Unerträgliche - verschlimmert es sich
durch den Satz Oliviers, er sei der Vater des Sohnes, den Francis getötet
hatte? Keiner weiß es, selbst die beiden werden es im Moment nicht wissen.
Oliviers Blick auf Francis drückt die ganze Zeit des Films über diese
Unmöglichkeit, das Unerträgliche zu ertragen aus, ebenso wie die Notwendigkeit,
es zu müssen. Der Alltag wird zum Gefängnis, zum Korsett der nicht
mehr durchschaubaren Gefühlswelten der beiden, die noch dazu selbst Vater
und Sohn sein könnten! Sie laden das Holz auf. Sie schauen sich an. Ende.
Kein
Mensch weiß, was dann wird. Jean-Pierre und Luc Dardenne muten viel zu,
aber das ist gut so, denn es weist über den Film hinaus. Die handwerkliche
Geschicklichkeit des Meisters und die Lernwilligkeit und Konzentration des Lehrlings
korrespondieren mit der Permanenz der Tragik - für beide. Das kann jedem
(in anderen Konstellationen) auch passieren. Wenn man den Film ob seiner im
positiven Sinne penetranten Dreistigkeit, "am Ball" zu bleiben, das
heißt, diesen Olivier und dann auch diesen Francis immer und immer wieder
im Alltag verstrickt, "aufgefangen" in ihrer Tragik deutlich sichtbar
zu machen, nicht für langweilig hält - irgendwo las ich, man hätte
das alles auch in 20 Minuten zeigen können; ein erschreckender Unsinn -,
dann kann einen "Le Fils" nur erschreckend begeistern.
•
D V D •
Produktion:
Artificial Eye
Erschienen
am: 28.7.2003
Region
2 - PAL
Sprachen:
Französisch (Dolby Digital 5.1), Italienisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel:
Englisch, Holländisch, Italienisch
Bonusmaterial:
Interviews
mit Jean-Pierre und Luc Dardenne (32 Minuten) sowie Oliver Gourmet (33 Minuten)
Fotogalerie
Filmografien
3
Trailer
Warum
es diesen Film auf keiner deutschsprachigen Edition gibt, ist mir ein Rätsel.
Allerdings - wenn man diesen Film liebt - finden sich Mittel und Wege, z.B.
über Amazon Großbritannien. Denn dort gibt es den Film in einer ausgezeichneten
Doppel-DVD-Edition der Artificial Eye Company für derzeit £ 23,99.
Dieser Preis lässt einen leicht säuerlich reagieren, denn umgerechnet
sind dies stolze € 35.-! Was man dafür allerdings geboten bekommt, ist
in hiesigen Gefilden eher außergewöhnlich. Die erste DVD präsentiert
den Film in einer 1-A-Spitzenqualität - sowohl was Bild, als auch was den
Ton anbetrifft.
Die
zweite DVD - übrigens auch in anwählbare Kapitel aufgeteilt - präsentiert
die Interviews mit Regisseuren und Hauptdarsteller - ein den Film ergänzendes
zweites Meisterwerk, denn alle drei Interviewten ergänzen den Filmgenuss
um etliche Informationen und vor allem viele Gedanken zur Handlung und zu den
handelnden Personen. Mit einem Wort: spannend!
Wertung
Film und DVD: 10 von 10 Punkten.
Prädikat:
Besonders wertvoll.
Ulrich
Behrens
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei:
Zu diesem Film gibt's im archiv mehrere Texte
Der
Sohn
(Le
Fils)
Belgien,
Frankreich 2002, 103 Minuten
Regie:
Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Drehbuch:
Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Kamera:
Alain Marcoen
Schnitt:
Marie-Hélène Dozo
Produktionsdesign:
Igor Gabriel
Darsteller:
Olivier Gourmet (Olivier), Morgan Marinne (Francis), Isabella Soupart (Magali),
und als Lehrlinge: Nassim Hassaïni (Omar), Kevin Leroy (Raoul), Félicien
Pitsaer (Steve), Rémy Renaud (Philippo)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0291172
©
Ulrich Behrens 2005
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