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Solaris
Wie aus heiterem Himmel ...
Andrei Tarkovsky (1932-1986) gilt als der bedeutendste
russische Regisseur nach Sergej Eisenstein. Sein nach einem Roman von Stanislaw
Lem gedrehter Film „Solaris“ gilt unter Kennern als Meisterstück, vergleichbar
nur noch mit Kubricks „2001: A Space Odyssee“. Soderberghs Remake aus dem Jahre 2002, oder sagen wir besser: zweiter Versuch
an Lems Stoff ist mit Tarkovskys Interpretation teilweise zu vergleichen, aber
in seiner ganzen Inszenierung doch anders geartet. Im Gegensatz zu Kubricks
stark zivilisationskritischer Tendenz, die von spärlichen Dialogen und
dafür umso eindrucksvolleren Bildern und Montagen getragen wird, setzt
Tarkovsky mehr auf die Frage, was Menschsein letztlich ausmacht und welche Umstände
der Mensch selbst geschaffen hat, um die Substanz menschlichen Daseins zu gefährden.
Dass Tarkovsky damit der herrschenden marxistisch-leninistischen
Ideologie und den weiterhin wirkenden Tendenzen des Stalinismus, Menschen nur
als Funktion einer geschichtsphilosophischen Bestimmung (Geschichte als schematische
Abfolge von Klassenkämpfen) gelten zu lassen, entgegentrat, sei nur am
Rande erwähnt, ist für die Geschichte des russischen respektive sowjetischen
Films allerdings nicht ohne Bedeutung. Tarkovskys Film ist eines derjenigen
Werke, die viel Raum für Interpretation lassen, ein Streifen allerdings
auch, in den man sich einfühlen muss, da ihm das gewohnte Tempo des konventionellen
damaligen wie heutigen Kinos fremd ist.
• I N H A L T •
Solaris – das ist etwas, was der herrschenden Nomenklatura
in der Sowjetunion gerade noch gefehlt hätte: ein Planet, der aus einer
Art „Ursuppe“ besteht, deren Farbe ständig wechselt, der einmal unstrukturiert
erscheint und dann „wie aus heiterem Himmel“ Strukturen erzeugt, vor allem aber
offenbar eine Art denkendes Etwas ist, eine Intelligenz, die jeder menschlichen
Intelligenz (möglicherweise) spottet, ein Ozean der Gedanken, sprachlos,
aber später dann doch zu Wort kommend in Gestalt materialisierter menschlicher
Figuren (wie kann eine andere Intelligenz klüger sein als „die Partei“?).
In der Nähe von Solaris befindet sich eine Raumstation, auf der merkwürdige
Dinge passieren. Ein ehemaliges Mitglied dieser Station namens Berton (Vladislav
Dvorzhetsky) hatte vor Jahren von diesen Dingen einer wissenschaftlichen Konferenz
berichtet, die sich mit Solaristik befasste, also der Wissenschaft, die die
Geheimnisse von Solaris erforschen sollte, aber nie irgendwelche besonderen
Erkenntnisse zutage fördern konnte. Außer Professor Messenger (Georgi
Tejkh) hatte Berton damals niemand geglaubt; man hielt seine Beobachtungen für
Hirngespinste, Phantasien, die unter den besonderen Bedingungen eines langen
Aufenthalts auf der Raumstation entstanden seien oder dem Einfluss des Planeten
geschuldet sein mochten.
Jahre später geschehen jedoch wieder merkwürdige
Dinge. Ein Wissenschaftler der Raumstation, Dr. Gibaryan (Sos Sargsyan), hat
Selbstmord verübt. Berton berichtet dies dem Psychologen Kris Kelvin (Donatas
Banionis), der sich irgendwo auf dem Land im Haus seines sterbenden Vaters (Nikolai
Grinko) befindet. Kelvin ist skeptisch, was Bertons Beobachtungen und ihn selbst
angeht, während sein Vater Kelvin dazu überreden will, den Vorschlag
Bertons anzunehmen, sich auf die Raumstation zu begeben.
Dort angekommen trifft Kelvin auf die beiden letzten
Besatzungsmitglieder, die Wissenschaftler Dr. Snauth (Jüri Järvet)
und Dr. Sartorius (Anatoli Solonitsyn), die sich bedeckt halten, aber offenbar
nicht wahnsinnig sind. Gibaryan hat eine Bandaufzeichnung zurückgelassen,
in der er Kelvin kurz vor seinem Selbstmord den dringenden Rat gibt, Solaris
durch radioaktive Bestrahlung zu zerstören. Kelvin begreift nicht, was
auf der Raumstation passiert ist, auch nicht, wer der Zwerg ist, den Sartorius
in seinem Labor zu verstecken sucht, und das Mädchen, das plötzlich
durch die Raumstation wandert.
Fast verliert er den Verstand, als plötzlich eine
Frau auftaucht, die wie Kelvins Frau aussieht, die sich vor Jahren umgebracht
hatte, weil sie sich von Kelvin nicht geliebt fühlte, und die sich ebenfalls
Khari (Natalya Bondarchuk) nennt und behauptet, seine Frau zu sein. Dr. Snauth,
äußerlich gelassen, aber aufgerieben durch die Ereignisse an Bord,
versucht Kelvin zu erklären, dass es sich bei Khari um eine Materialisierung
seiner Erinnerungen an Khari handelt, die Solaris erzeugt hat. Khari hat Selbstbewusstsein,
kann sich an manches erinnern, an manches aber auch nicht, insbesondere nicht
an die wirkliche Khari, sie ist intelligent und stellt Kelvin Fragen zu dessen
Frau und wie sie umgekommen ist. Zunächst ist Kelvin derart erschüttert,
dass er die zweite Khari in einer Rakete ins All schießt, um diesem Horror
zu entgegen. Doch dann muss er feststellen, dass seine in dieser Khari materialisierten
Erinnerungen an seine wirkliche Frau immer wieder reproduziert werden.
Während Sartorius skrupellos dafür plädiert,
Khari durch ein spezielles Verfahren zu liquidieren, verändert sich Kelvins
Haltung zu ihr. Er beginnt, sich in die zweite Khari zu verlieben. Je mehr Khari
selbst von einer „künstlichen“ zu einer „menschlichen“ Gestalt wird, desto
mehr Angst bekommt sie und versucht sich zu töten. Kelvin ist entschlossen,
Khari mit auf die Erde zu nehmen, doch Khari kann nur unter den Bedingungen
auf der Raumstation, in der Nähe von Solaris, existieren ...
• I N S Z E N I E R U N G •
„Solaris“ ist dramaturgisch gesehen durch, nennen wir
es: drei Stränge gekennzeichnet, die in Bild und Ton Ausdruck finden und
immer wieder in Beziehung zueinander und in Gegensatz gebracht werden.
Der erste Strang ist der streng wissenschaftliche, die
Solaristik, die zivilisatorische Tendenz, die nur auf „Fakten“ setzt, die nur
„gesicherte“ Erkenntnisse zulässt, die skrupellos ihren Weg geht, der materialistische,
auf handfesten Erfolg ausgerichtete Strang, verkörpert zum Beispiel durch
Dr. Sartorius oder den Leiter der wissenschaftlichen Tagung über Solaris
(Yulian Semyonov). Exemplarisch ist für diese Tendenz etwa auch Bertons
Rückfahrt in die Großstadt, nachdem er wütend Kelvin im Haus
von dessen Vater verlassen hat. In einer langen, vielleicht fünf Minuten
dauernden Einstellung, sieht man Berton, im Auto sitzend und über breite
Autobahnen fahrend. Die Umgebung ist trostlos, düster, bedrückend,
grau, nur ab und zu durchbricht ein „Stück“ Farbe, etwa ein rotes Auto,
die uniforme und konforme Umgebung. Die Szenerie ist kalt, der Ton, Motorengeräusche
und andere Geräusche einer Großstadt werden immer stärker. Die
Fahrt wirkt wie die Tour eines Verzweifelten durch die Hölle, das Leid,
das Berton angesichts seiner Erlebnisse auf der Raumstation, die ihm niemand
abnimmt, durchmacht. Ebenso kühl und grau ist die wissenschaftliche Konferenz,
von der Berton Kelvin eine Bandaufnahme zeigt: ohne Emotion.
Den zweiten Strang repräsentiert u.a. und vor allem
die Anfangssequenz des Films. Tarkovsky lässt die Kamera über den
Teich vor dem Haus von Kelvins Vater fahren. Er zeigt: Natur, sicherlich schon
menschlich veränderte Natur, aber dadurch eben auch die Rückbeziehung
zu einem menschlichen Verhältnis, das mehr als den Menschen selbst einbezieht,
umfasst, berücksichtigt. Dahin gehören auch die beiden Kinder und
Kelvins Vater.
Die dritte Tendenz ist das Metaphysische, das Transzendente,
repräsentiert durch Solaris, den „denkenden“ Planeten, die Ursuppe, die
in Aussehen und Bewegung, Größe und Macht eine Rückbesinnung
auf die Entstehung des Lebens, aber auch auf das Bewusstsein und das Gewissen
verkörpert, musikalisch untermalt durch Bachs Choral-Präludium in
F-Moll (BWV 639) „Ich ruf’ zu Dir, Herr Jesu Christ“, das sozusagen die „Verbindung“
zwischen Transzendenz und Natur aufrechterhält.
Man könnte auch sagen, dass alle drei „Tendenzen“
– Natur, Zivilisation, Transzendenz – im Wettstreit miteinander ringen. Doch
sie drücken letztlich nur drei Seiten der gesellschaftlichen Entwicklung
aus – und damit auch den inneren Kampf in jedem Individuum, wobei bei allen
Figuren – Kelvin, Snauth, Sartorius, Berton – jeweils die eine oder andere Tendenz
überwiegt oder – wie bei Sartorius – eine die Oberhand gewonnen hat. Natur,
Zivilisation, Transzendenz: man könnte auch sagen: Geburt und Herkunft
– Leben und Kultur – Vergänglichkeit und Tod, sowohl in gattungsgeschichtlicher
wie individualgeschichtlicher Hinsicht.
In das Zentrum des Geschehens stellt Tarkovsky in diesem
Kontext Kris Kelvin. Er hat seine Frau verloren, sein Vater ist todkrank, sein
Freund Gibaryan hat Selbstmord begangen – und nun soll er, Psychologe, das Mysterium
auf der Raumstation aufklären. Kelvin steht vor einem Scherbenhaufen; er
fühlt sich für den Tod seiner Frau verantwortlich, weil er sie nicht
wirklich geliebt hat. Als er mit ihrer virtuellen Verdopplung – aus Fleisch
und Blut – auf der Raumstation konfrontiert wird, sieht er eine zweite Chance.
Doch wieder ist es der Tod, der Kelvin einen Strich durch die Rechnung macht:
Khari Zwei kann nur auf der Raumstation existieren, will aber nicht, dass Kelvin
sein Leben auf dieser gottverlassenen Station mit ihr fristet.
Kelvin hat keine Macht, in diesem Konflikt wirklich zu
handeln, zu entscheiden, die Richtung zu bestimmen. Solaris steht für das
Schicksal. Die virtuelle Khari ist nur der Möglichkeit nach die Liebe,
an der Kelvin zuvor gescheitert ist. Und aus dieser Perspektive heraus wird
zweierlei deutlich: der durch die „geballte Macht“ des zivilisatorischen Prozesses
„hinweggefegte“ Tod tritt wieder in das Bewusstsein. Die industrielle Gesellschaft
– ob in Gestalt einer zentralen (diktatorischen) Zwangsverwaltungswirtschaft
oder des so genannten freien Marktes – reproduziert sich ständig selbst
in Gestalt der Waren und Dienstleistungen, die sie hervorbringt. Die Reproduktion
erfolgt in Form von Geld und Kapital, und schon der alte Marx wusste zu berichten,
dass Kapital keine wirklichen – weder räumliche, noch zeitliche – Grenzen
kennt. Diese materielle Entgrenzung, die die modernen Gesellschaften kennzeichnet,
scheidet den Tod aus dem Leben. Der Tod wird marginal, zum bedeutungslosen Ereignis
im Leben einzelner. Ebenso verhält es sich mit der Transzendenz. Die Religion,
soweit nicht herrschaftsstützend und in dieser Hinsicht bedeutend, wird
zur subjektiven Nebensache. Und die Natur? Sie verkommt zum Objekt einer Kultur,
die nur Nutzbarkeits- und Verwertbarkeitskriterien kennt. (Tarkovsky drehte
1972, in einer Zeit, in der der Rhein zum Beispiel an manchen Stellen einer
Kloake glich und der Begriff „Umweltschutz“ – wohl auch in der UdSSR – einer
staatsfeindlichen Kampfparole gleich kam.)
Man könnte „Solaris“ auch als eine Art Katharsis
– besonders vom Ende des Films her betrachtet – verstehen, als eine Art reinigenden
Traum, in den Kelvin gestoßen wird und in dem ihm die Grenzen menschlichen
Daseins wie die Bedeutung des Lebens verdeutlicht werden, die weder in der Religion,
noch in der Wissenschaft zu finden sind. Die Wissenschaft – hier die Solaristik
– ist der Irrglaube, diese Grenzen überwinden zu können, die neue
Ersatzreligion, wie Lem schreibt, „der Kontakt, das Ziel, dem sie entgegen strebt,
ist ebenso nebelhaft und dunkel wie die Gemeinschaft der Heiligen oder die Herabkunft
des Messias. Die Erkundung kommt einem in methodologischen Formeln existierenden
Liturgie-System gleich; die demütigende Arbeit der Forscher ist das Warten
auf Erfüllung, auf die Verkündigung, denn Brücken zwischen Solaris
und Erde gibt es nicht und kann es nicht geben“.
Dem Weltall ist es – in anderen Worten – „unendlich gleichgültig“,
wie Menschen leben, was sie denken, fühlen, wie sie handeln. Die Ereignisse
auf der Raumstation sind eine Art Metapher für verquere menschliche Vorstellungen.
Die „Wiedergeburt“ Kharis hat eben auch einen „Touch“ von Nekrophilie. Khari
ist tot. Es sind Kelvins Erinnerungen an sie, die Gestalt annehmen, das heißt
der Wunsch Kelvins, sie so wiederzubeleben, wie er sie sich wünscht, nicht
wie sie war! „Und das Wort wird Fleisch“ schrieb Lem. Und die Wissenschaft?
Sie ist die anmaßende Art des Menschen, Wahrheit zu schaffen, zu verkünden
– und es war nicht selten unter Strafe verboten, ihren Erkenntnissen zu widersprechen.
Nicht zuletzt wurden – nicht nur in der kirchlich-organisierten Religion, sondern
auch in der Wissenschaft – Phänomene, die nicht in das Weltbild passten,
der Zerstörung preis gegeben. Sartorius und Gibaryan plädieren für
den radioaktiven Beschuss des Planeten Solaris. Die gläubige Wissenschaft
erzeugt Angst. Angst erzeugt destruktive Wünsche.
• F A Z I T •
Tarkovsky lässt seinem Helden, vor allem aber seinem
Publikum nur die Rückbeziehung bzw. Rückbesinnung auf Humanität,
nicht in einem abstrakten Sinn, sondern in der Bedeutung, was letztlich – ohne
Dazwischenkunft von Zivilisation, Wissenschafts(gläubigkeit) und herrschaftsvermittelnder,
kirchlich organisierter Religion – bleibt: die Fähigkeit des Menschen,
zu leiden und zu lieben, und die Erkenntnis der eigenen Herkunft und des Todes
als Teil des Lebens. Aber davon wollen die wenigsten etwas wissen.
„Solaris“ ist für mich nach Kubricks „2001: A Space
Odyssee“ einer der besten Sciencefictionfilme – und beide Werke sind im eigentlichen
Sinne und in erster Linie gar keine Sciencefiction. Sie lassen uns für
einen Moment innehalten, setzen – trotz Aufregung und Faszination – eine Art
Ruhepunkt, um den plötzlich alles zu kreisen scheint.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst – unter dem Namen POSDOLE - erschienen bei: ciao.de
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Solaris
SOLJARIS
UdSSR
1971/72
Regie:
Andrej Tarkowskij - Buch: Friedrich Gorenstein, Andrej Tarkowskij, nach Motiven
des Romans Solaris von Stanislaw Lem. - Kamera: Wadim
Jusow. 2. Kamera: E. Schwedow. - Schnitt: Ljudmila Fejginowa. - Ton: Semjon
Ljudmilow. - Musik: Eduard Artemjew (Variation über das Präludium
f-moll von Johann Sebastian Bach). - Bauten: Michail Romadin. - Kostüme:
N. Fomina. - Maske: W. Rudina. - 2. Regie: Ju. Kuschnerow. - Regie-Assistenz:
A. Ides, Larisa Tarkowskaja, M. Tschugunowa. - Spezialeffekte: A.Klimenko, W.Sewastjanow.
Darsteller: Natalja Bondartschuk (Harey), Donatas Banionis (Kris Kelvin), Jurij Jarvet (Snaut), Anatolij Solonizyn (Sartorius), Nikolaj Grinko (Kelvins Vater), Sos Sarkisjan (Gibarjan), Wladislaw Dworshezkij (Berton), O. Barnet, W. Kerdimun, T. Ogorodnikowa, O. Uisilowa, T. Malych, A. Mischarin, W. Oganesjan, Ju. Semjonow, W. Stanitzkij, S. Sumjonowa, G.Tejch.
Produktion:
Mosfilm. - Produktionsleitung: Wjatscheslaw Tarasow. - Drehzeit: Mai 1971. -
Drehort: Mosfilm-Studio/Pavillon 5; Bezirk Swenigorod; Krimküste; am Fluß
Rusa. – Format: 35 mm, sw und Farbe (Sowcolor). – Original-Länge, Deutsche
Länge: 167 min. - Uraufführung: 20.3. 1972, Moskau. - Erste Aufführung
außerhalb der UdSSR: Mai 1972, Filmfestspiele Cannes. – Deutsche Erstaufführung:
19.8. 1978 (TV: ARD). - Weitere TV: 30.1. 1980 (S3); 28./29.6.1983 (NDR III);
14.4. 1987 (BR III). - Verleih: Freunde der deutschen Kinemathek (35 mm, Originalfassung
mit deutschen Untertiteln); Atlas (16 mm).
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