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Solaris (2002)
(Berlinale-Kritik)
„Solaris“, der Roman von Stanislaw Lem, die erste Verfilmung von Andrej
Tarkowskij und nun auch Steven Soderberghs Version, ist philosophische
Science-Fiction. Das Interesse gilt nicht der Zuukunft, nicht den
Möglichkeiten des technischen oder gesellschaftlichen Fort- oder
Rückschritts. „Solaris“ ist weder Utopie noch Dystopie – nein, es geht
darin allein um ein Gedankenspiel, für dessen Inszenierung die Kulisse
der Science-Fiction benutzt wird. Und Soderbergh tut kaum mehr als das
nötigste, um diese Kulisse einzurichten, wie hingetupfte Zeichen
funktionieren der ferne Planet, die Hilfsmission, die Raumstation. Der
Psychologe Chris Kelvin (George Clooney), so zunächst der reine Plot,
wird per Videobotschaft zu Hilfe gerufen. Ein Raumschiff, das in der
Umlaufbahn des Planeten Solaris liegt, ist in Schwierigkeiten geraten,
welcher Art sie sind, erfahren wir zunächst nicht. Nicht mehr als einige
statische Einstellungen, sehr bewusst Kubricks „2001“ zitierend, des
schwerelos treibenden Raumschiffs, der Raumstation vor dem von
rötlich-lila-gelben Lichtstreifen umgürteten Planeten. Dann ist Kelvin an
Bord.
Dort sind die Farben bleich, auf der Tonspur keine Musik zunächst,
sondern die bedrohlich rauschenden, brummenden Eigengeräusche der
Station. Kelvin stößt auf Spuren von Blut, trifft im Kühlraum auf Leichen
– darunter die von Gibarian (Ulrich Tukur), des Mannes, der ihn zu Hilfe gerufen hatte. Auf zwei Überlebende
stößt Kelvin, ihr Verhalten ist merkwürdig, in Andeutungen sprechen sie
von dem Geheimnis, das hinter den seltsamen Vorgängen im Innere der
Raumstation lauert. Kelvin legt sich schlafen. Soderberghs Kamera (wie
fast stets ist Soderbergh, unter Pseudonym, sein eigener Kameramann)
wählt einen eigenartigen verkanteten Winkel zum Blick auf Kelvins Kopf
und seinen Oberkörper; in dieser fast unscheinbaren Einstellung liegt die
ganze Intelligenz und Präzision des Regisseurs Soderbergh. Ins Bild
gesetzt wird ein Charakter, dessen Welt aus den Fugen geraten wird. Es
ist, als entspränge der schrägen Perspektive alles Folgende. Im Schlaf
und doch nicht im Schlaf, in einem Zwischenreich, das evoziert, nie aber
definiert wird, erscheint Kelvin seine Frau Rheya (Natasha McElhone), die
vor Jahren durch einen Selbstmord ums Leben gekommen ist. Plötzlich,
unerklärlich, aus dem Nichts ist sie da – keine Vision, kein Traum,
sondern fassbare, greifbare Realität. Kelvin reagiert panisch, lockt den
Geist, für den er die Erscheinung zunächst hält, in den Schleusenraum und
stößt ihn hinaus in die Weiten des Alls.
Rheya jedoch kehrt wieder, mit der Insistenz eines Gespensts. Mit der
Insistenz auch einer Sehnsucht, von der man nicht lassen kann. Und als
Verkörperung der Unfähigkeit, Abschied zu nehmen vom Menschen, den man
geliebt hat (eine Szene der Trauerarbeit nach Art der anonymen
Alkoholiker gibt es ganz am Anfang zu sehen). Soderbergs „Solaris“
konzentriert sich fortan auf den fantastischen – oder phantasmagorischen
– Zwischenraum dieser unerklärlichen Wiederkehr, des erneuten Miteinander mit dem Anschein einer zweiten
Chance, das vielfach gefährdet ist: durch die Crew des Schiffs zum einen,
Gordon, die Astronautin, besteht darauf, dass die „Besucher“ (deren
Anwesenheit ist das Geheimnis von Kelvins Auftrag) getötet werden müssen.
Die Gefährdung kommt aber auch aus dem Inneren dieser Wiederkehr. Rheya
ist mehr als bloße Projektion Kelvins, ein eigenständiges Wesen, ein
Mensch aber ist sie nicht. In meditativen Bildern, untermalt von
hypnotischer, repetitiver, pulsierender Musik entfaltet Szenen einer Ehe.
Rheya, auf der Suche nach sich selbst und ihrer Identität, erinnert sich
an das Leben auf der Erde, das erste Kennenlernen, die junge Liebe zu
Kelvin, aber auch Probleme des Zusammenlebens. Die Bilder dieser
Erinnerung (in wärmeren Farben, Brauntönen) schneidet Soderbergh in ihre
Gegenwart hinein. Es handelt sich, technisch gesehen, um Rückblenden, die
aber weit mehr sind als das – und sich zugleich keineswegs eindeutig auf
eine objektive Vergangenheit beziehen. Was man sieht sind Bilder einer
Vergangenheit, die die ihre ist und auch nicht. In nichts anderem nämlich
lebt Rheya als in Kelvins Erinnerungen an sie. Im nicht-linearen Schnitt,
der unheimliche Dopplungen und Parallelisierungen von Vergangenem und
Gegenwart herstellt, treibt „Solaris“ die Erinnerung an die Grenze ihrer
Ununterscheidbarkeit von der bloßen Einbildung. In der fast unmerklichen
Parallelmontage von Erinnerung und Wirklichkeit findet dieses Stilmittel,
das Soderbergh schon in seinen letzten Filmen zum Markenzeichen
entwickelt hat, seinen philosophischen Gehalt. Die Objektivität des Bilds
löst sich auf. Und diese Auflösung setzt Soderbergh im Schnitt ins Bild.
Das Psychodrama von „Solaris“ ist ein Drama der Gegenwart
materialisierter Erinnerung, an der in jedem Moment alles falsch sein
kann. Nur zu konsequent ist das Ende des Films. Hier nämlich löst sich
noch der letzte Halt auf, die Wirklichkeit der Gegenwart des scheinbar
objektiven Bildes.
Diesseits dieser komplexen Sachverhalte ist Soderberghs „Solaris“ nicht
zu haben. Jede nur psychologische Lektüre wird auf eine kalte und glatte
Oberfläche stoßen, ohne deren mit technischen Mitteln erzeugte Faltung in
den Blick zu bekommen. Es ist kein Wunder, dass Soderbergh bei den
Dreharbeiten immer wieder Filme von Alain Resnais vorgeführt hat. Sein
„Solaris“ ist „Letztes Jahr in Marienbad“ im Weltraum. Ein Film über das Trügen des Scheins der
Filmbilder, nicht weniger. Ein philosophische Meditation über Liebe und
den Verlust eines geliebten Menschen ebenso wie über das Medium Film. Auf
der Pressekonferenz hatte ein Journalist nichts weiter zu sagen, als dass
er „Solaris“ langweilig finde. George Clooney, der sich zuvor charmant,
geistreich, witzig und verbindlich zeigte, war kurz davor auszurasten.
„What a jerk“ (freundlich übersetzt: „Welch ein Idiot“), beschimpfte er den Mann – und meinte wohl auch
die Reaktionen der weithin ähnlich gestimmten Filmkritik. „Solaris“ ist
eine Herausforderung. Mal sehen, ob die Jury unter dem Vorsitz des
Kino-Intellektuellen Atom Egoyan sie annehmen wird.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen bei:
Zu diesem Film gibt's es im archiv mehrere Kritiken
Solaris (USA 2002)
Regie: Steven Soderbergh
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