zur startseite
zum archiv
Solaris
Die Überraschung war groß,
als Tarkowskij im Oktober 1968 der zuständigen Abteilung von Mosfilm vorschlug,
ein Science-fiction-Thema zu verfilmen. Nach den Schwierigkeiten mit ANDREJ
RUBLJOW
erschien dies wie ein Einlenken des Regisseurs, eine Konzession an die auch
in der Sowjetunion zum maßgeblichen Kriterium ernannten Publikumspräferenzen;
die Filmverantwortlichen mochten überdies eine Bereitschaft Tarkowskijs
gegenüber ihren Bemühungen erkennen, mit Hilfe auch im Westen erfolgreicher
Filme das Devisengeschäft zu beleben. Mit Stanley Kubricks 2001:
A Space Odyssey
(1968) - einem Film, von dem sich Tarkowskij allerdings entschieden distanzierte
- hatte das westliche Kino Maßstäbe für das Science-fiction-Genre
gesetzt, und auch auf diesem Gebiet ging es der sowjetischen Kulturbürokratie
letztlich um den Anschluß ans Weltniveau. Der Regisseur selbst war flexibel
genug, schon im Exposé zu versichern, »daß der Film vor allem
ein finanzieller Erfolg werden wird«[Maja Josifowna Turowskaja, Felicitas Allardt-Nostitz: Andrej
Tarkowskij. Film als Poesie - Poesie als Film. Bonn: Keil 1981, S.52] Tatsächlich wurden ihm bei
der Realisierung seiner dritten Arbeit von den politischen und bürokratischen
Stellen keinerlei Schwierigkeiten gemacht. Nicht nur das - der im März
1972 fertiggestellte Film wurde unverzüglich als offizieller Beitrag der
UdSSR zum Festival nach Cannes geschickt, wo er den Großen Preis der Jury
erhielt.
Der Film entstand in Anlehnung
an den 1961 in Kraków erschienenen Roman Solaris von Stanislaw Lem. Dieses Buch behandelt die Geschehnisse in
der Forschungsstation über der Solaris, einem viele Lichtjahre entfernten
Planeten, der die irdische Wissenschaft vor schier unlösbare Probleme stellt.
Seitdem sich die These durchgesetzt hat, der den ganzen Planeten umgebende gallertartige
Ozean sei eine hochorganisierte intelligente Substanz, haben sich Generationen
von Forschern vergeblich bemüht, mit dieser »Hirnmasse« im
Weltraum Kontakt aufzunehmen. Die Solaristik ist in eine schwere Krise geraten;
die Beobachtungsstation, einige hundert Meter über dem Ozean des Planeten,
ist nur noch mit drei Wissenschaftlern besetzt. Deren Nachrichten sind besorgniserregend
konfus, was die internationale Solaris-Kommission veranlaßt, den Psychologen
Kris Kelvin zum Planeten zu entsenden; er soll herausfinden, was auf der Station
vor sich geht. Mit seiner Ankunft auf dem Flughafen der Station beginnt Lems
Roman. Tarkowskij hat eine Veränderung im Aufbau vorgenommen: die
Vorgeschichte, die Lem im Laufe der Handlung interlinear einfließen läßt,
erzählt der Film in einem langen Prolog.
*
Im ländlichen Domizil seines
Vaters (Nikolaj Grinko) bereitet sich Kelvin (Donatas Banionis) auf seinen Start
zur Solaris vor. Hier hält sich auch ein Freund des Vaters auf, der Raumfahrer
und Solaris-Kenner Andre Berton (Wladislaw Dworshezkij), der seit seinem letzten
Expeditionsflug bei den seriösen Mitgliedern der Solaris-Kommission als
klinischer Fall gilt. Er will in den Nebelmassen über dem Ozean die künstliche
Nachbildung eines Gartens und die Gestalt eines etwa vier Meter großen
Kindes gesehen haben. Zu seiner Verbitterung haben die Experten seinen Bericht
als Ausgeburt eines halluzinatorischen Syndroms zurückgewiesen. Auch Kelvin
ist nicht bereit, Bertons Beobachtungen ernstzunehmen. Er will die Möglichkeit
nicht ausschließen, mit harten Strahlungen auf den Ozean Einfluß
zu nehmen, um einen »Kontakt« herzustellen. Kelvin und Berton streiten
über die Frage der Moral in der Wissenschaft; sie kommen zu keiner Einigung.
- Eine Fernsehsendung berichtet über die drei Wissenschaftler, die gegenwärtig
auf der Solaris-Station tätig sind: den Astrobiologen Sartorius (Anatolij
Solonizyn), den Kybernetiker Snaut (Jurij Jarvet) und den Physiologen Gibarjan
(Sos Sarkisjan). In der Nacht verbrennt Kelvin alte Aufzeichnungen und Briefe;
am nächsten Tag tritt er seinen Flug zur Solaris an.
Bei seiner Ankunft findet er eine
im höchsten Grade vernachlässigte Station vor. Snaut ist verletzt
und am Rande nervlicher Zerrüttung; von ihm erfährt Kelvin, Gibarjan
habe in einem Zustand tiefer Depression Selbstmord begangen. Snaut warnt den
Psychologen vor ungewöhnlichen Erscheinungen auf der Station. In Gibarjans
Kabine findet Kelvin eine auf Video aufgezeichnete Nachricht des Toten: vielleicht
habe der Ozean die Versuche zur Kontaktaufnahme schon beantwortet. Was ihm auch
widerfahre - Kelvin dürfe nicht glauben, er sei geisteskrank.
Auch Sartorius hat offenbar Schwierigkeiten;
irgendwelche Wesen oder Unwesen in seinem Labor sind nur schwer unter Kontrolle
zu halten. Gedankenverloren blickt Kelvin durch eines der runden Fenster der
Station auf den Solaris-Ozean. Plötzlich huscht die Gestalt eines Mädchens
durch die röhrenartigen Gänge und verschwindet wieder. Erschöpft
schläft Kelvin in seiner Kabine ein. Mitten in der Nacht wacht er auf:
ein Mädchen sitzt in seiner Kabine und betrachtet ihn ruhig. Der Psychologe
reagiert wortlos, aber in Panik. Er bemüht sich, den unerwarteten, ihm
aber offenbar vertrauten Gast loszuwerden, und drängt das Mädchen
unter einem Vorwand in eine kleine Raumrakete; beim Start setzt er die Abschußhalle
und sich selbst beinahe in Brand.
Kelvin spricht mit Snaut über
sein Erlebnis. Das Mädchen war Harey (Natalja Bondartschuk), seine frühere
Geliebte, die schon vor zehn Jahren seinetwegen Selbstmord begangen hat. Snaut
erläutert: was er gesehen habe, sei die Materialisierung seiner Vorstellung
von dieser Frau - die Antwort des Ozeanplasmas auf die Kontaktversuche der Menschen
bestehe darin, ihre geheimen und unbewußten Gedanken körperlich nachzubilden.
Tatsächlich kehrt Harey in der folgenden Nacht in Kelvins Kabine zurück.
Sein Versuch, sie abzuschütteln, mißlingt. Mit übermenschlichen
Kräften sprengt sie die stählerne Kabinentür auf, dabei verletzt
sie sich schwer, aber ihre Wunden sind innerhalb von Sekunden wieder geheilt.
Sie selbst weiß nicht, wer sie ist, obwohl sie vage Erinnerungen an ihr
irdisches Leben und ihre Liebe zu Kelvin hat. Auf Vorschlag von Sartorius untersucht
Kelvin Hareys Blut; er zersetzt es mit Säure und stellt fest, daß
es sich erneuert. Sartorius' Theorie lautet, die vom Ozean geschickten »Gäste«
auf der Station seien aus Neutrinos zusammengesetzt, Bausteinen, die kleiner
seien als Atome. Zwischen Kelvin und dem ehrgeizigen und skrupellosen Biologen
entsteht eine scharfe Auseinandersetzung. Gleichwohl erklärt sich Kelvin
bereit, das Plasma des Ozeans mit einem Enzephalogramm seiner bewußten
und unbewußten Gedanken zu bestrahlen.
Kelvin zeigt Harey einen von zu
Hause mitgebrachten Videofilm mit Bildern einer Schneelandschaft; sie zeigen
ihn selbst als Jungen, Aufnahmen der Mutter und Bilder mit Harey (oder einem
Mädchen, das Harey ähnlich sieht), das Holzhaus des Vaters in einer
Vorfrühlingslandschaft. Sie versuchen, ihre gemeinsame Vergangenheit zu
rekonstruieren: Kelvin hat sie eines Tages verlassen - aus welchem Motiv, bleibt
unklar. Harey ist davon überzeugt, daß sie »jemand anders«
sei. Kelvin aber beteuert ihr, daß er sie liebe - nicht die Harey der
Vergangenheit.
Zur Feier seines Geburtstages
hat Snaut seine Kollegen in die Bibliothek der Station geladen; auch Harey ist
anwesend. Sie sprechen über Gibarjans Tod, doch für Sartorius sind
das nur »seelische Selbstzerfleischungen dostojewskijscher Natur«.
Harey mischt sich in die Diskussion; sie verteidigt Kelvin gegen den Zynismus
von Sartorius. Der verhöhnt sie: sie sei nur eine Kopie, eine Matritze.
Harey entgegnet, sie werde immer mehr zum Menschen. »Ich liebe Kris, ich
bin ein Mensch.«
Eine Szene der Schwerelosigkeit
- von Snaut als Raummanöver angekündigt - unterbricht den Ablauf der
Ereignisse und geht über in Bilder eines traumhaften Schwebezustands. Danach
liegt Harey leblos am Boden; sie hat versucht, sich mit flüssigem Sauerstoff
umzubringen, kommt jedoch wieder zu sich. Sie ist verzweifelt. Kelvin versichert
ihr: »Wir bleiben zusammen, solange es geht.« Fiebernd legt er sich
zu Bett; in einem Traum sieht er seine jugendliche Mutter und wird wieder zum
Kind. Als er erwacht, ist Harey fort; Snaut überreicht ihm ihren Abschiedsbrief:
Freiwillig hat sie ihrer Auslöschung durch »Annihilation« -
ein von Sartorius entwickeltes Verfahren - zugestimmt. Auch die anderen »Gäste«
sind von der Station verschwunden - Kelvins Enzephalogramm hat, so scheint es,
den Ozean besänftigt. Kelvin philosophiert mit Snaut über die Geheimnisse
des Glücks, des Todes und der Liebe. Während die Wolkengebilde über
dem Solaris-Ozean zu sehen sind, zitiert seine Stimme aus der Schlußpassage
des Romans von Stanislaw Lem: »Hoffnung hatte ich nicht. Aber in mir lebte
das letzte, was mir davon noch verblieben war: die Erwartung. Erwartung - auf
was? Auf neue Erfüllungen?« - In der letzten Szene ist Kris Kelvin
wieder auf der Erde, im Garten der väterlichen Datscha. Durch das Fenster
blickt er ins Haus - am Eingang sinkt er vor dem Vater auf die Knie: der verlorene
Sohn ist heimgekehrt. Eine sich ins Universum ausdehnende Totale zeigt Haus
und Garten als Insel in der Weite des Solaris-Ozeans.
*
Der von Tarkowskij zitierte Romanschluß
enthält einen Satz, der nicht in den Film übernommen wurde: »Ich
wußte nichts, und so verharrte ich im unerschütterlichen Glauben,
die Zeit der grausamen Wunder sei noch nicht um.«[Stanislaw Lem: Solaris. Deutsch von Irmtraud Zimmermann-Göllheim.
München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1986, 5.237] Mit diesen Worten endet Lems Roman; sie lassen durchblicken, daß
der Held den Entschluß gefaßt hat, auf der Solaris-Station zu bleiben,
denn »fortzugehen, das hieße diese vielleicht winzige, vielleicht
nur in der Vorstellung existierende Chance auszutilgen, die in der Zukunft verborgen
war«.
Wie auch immer das Schlußbild
des Films - über dem Vaterhaus Kelvins steigt die Kamera gleichsam gen
Himmel, bis sie sich zu einer »kosmischen Totale« öffnet, die
das Haus, den Teich, die Bäume als winzige Insel mitten im Solaris-Ozean
zeigt - zu interpretieren sein mag, ob als pantheistische Vision oder als eine
der Hirnmasse des Ozeans eingeschriebene Fantasieprojektion Kelvins: das Ende
des Films kehrt zum Anfang zurück; Tarkowskij schließt den Kreis
mit den harmonischen Bildern von Heimat - Haus - Natur, die den Film eröffnen;
der menschliche Mikrokosmos ruht, als »Auge des Ozeans«, geborgen
in der unendlichen Vielfalt und Einheit des Alls. Während am Ende des Romans
Kelvins bittere Einsicht steht, »ein Repetierwerk zu sein für die
Qual, die sich um so mehr vertieft, je komischer sie wird durch die Vielzahl
der Wiederholungen«, schwingt der Film in einer Harmonie der universalen
Kräfte aus, in der der Einzelne und das All, Zeit und Unendlichkeit, Diesseits
und Transzendenz zum Ausgleich gelangen.
Diese entscheidende Abweichung
vom Stoff beleuchtet nicht nur Tarkowskijs Methode im Prozeß der Aneignung
und Anverwandlung einer literarischen Vorlage, sondern auch wesentliche Elemente
seines Denkens. In der Phase der Drehbucharbeit gab es zwischen dem Regisseur
und dem polnischen Autor einen bezeichnenden Dissens. Die erste Drehbuchversion
sah noch eine weitere Hauptfigur vor, Kelvins Ehefrau Maria. »Die Begegnung
mit Harey in der Raumstation«, so kommentiert M.J.Turowskaja die frühen
Intentionen Tarkowskijs, »brachte Kris Selbsterkenntnis und Katharsis.
Er verhalf ihr dazu, allmählich zum Menschen zu werden, indem er mit ihr
die Stationen ihrer irdischen Existenz nochmals durchlebte. Als er zum Schluß
wieder auf die Erde zu Maria zurückkehrte, hatte er die Schuld gesühnt.
«[Turowskaja, a.a.O., S.53]
Dem Regisseur schwebte die Geschichte
einer Läuterung sozusagen im engsten Familienkreis vor; tatsächlich
nimmt ja auch die Konstellation Ehefrau/Geliebte-Mutter in SOLARIS ein zentrales
Motiv des autobiografischen DER SPIEGEL vorweg. Lem erhob postwendend Einspruch:
das Drehbuch reduziere »das Problem erkenntnistheoretischer und ethischer
Widersprüche auf ein familiäres Melodram«
[zit. n. Turowskaja, a.a.0., S.53].
Die Verwässerung zur Familienschnulze
mit pantheistischer Moral hat Lem verhindern können - nicht aber den Umbau
seines Romans zu einer Art filmischer Kathedrale, in der Tarkowskij, den Blick
ins Unendliche gerichtet, ein Pontifikalamt der Läuterung und Liebe zelebriert.
Würde man, was nicht zulässig ist, SOLARIS primär als Romanverfilmung
betrachten, müßte man sein Scheitern konstatieren. Aber auch als
intellektuelles Projekt, als spiritueller Gegenentwurf kann sich der Film des
Russen nicht mit dem Buch des Polen messen. Lems Roman - ein Glücksfall
in der philosophisch inspirierten Science-fiction-Literatur, eine ebenso geistvolle
wie spannende Lektüre - formuliert eine exzellente Kritik am Anthropozentrismus
in der modernen Wissenschaft und an der daraus resultierenden Macht- und Zweckrationalität,
die auch Kris Kelvin nur romantisch verbrämt. Am Ende des Romans durchschaut
Kelvin den Mythos von der Allmacht der Liebe - »jenes finis vitae sed
non amoris« [Lem, a.a.O., S.237] - als Lüge: als eine Lüge, die nicht lächerlich,
aber vergeblich ist. Auch er wird, als Mensch in seinen menschlichen Grenzen,
das Bild der Geliebten (oder das Bild des Bildes? die Kopie der Kopie?) bis
an sein Ende mit seinen Gedanken und seiner Sehnsucht umspielen, aber er weiß,
daß den Ozean die Tragödie zweier Menschen nicht rühren wird.
Begreift man die Solaristik allgemeiner als eine Lehre des Erkennens, so beschreibt
Lem eine Reise ans Ende der Verstandeskräfte mit letalem Ausgang - die
anthropomorphe Konzeption vom Leben im All, das anthropozentrische Weltbild
bleiben auf der Strecke. Im Bemühen, mit unbekannten Kräften des Universums
zu kommunizieren, gerät der wissenschaftliche Mensch in einen Erkenntnisstrudel,
in dem er selbst zum Rätsel aller Rätsel wird und sich als Spielball
»grausamer Wunder« erfährt: für sie empfänglich zu
sein, bleibt seine einzige Hoffnung.
Tarkowskij hat Bruchstücke
der lemschen Dialoge übernommen, sie dabei jedoch ihrer philosophischen
Tiefenschärfe beraubt; der Diskurs über die Grenzen der Erkenntnis
gerät bei ihm zu einer Predigt über Schuld und Verantwortung, Gewissen
und Moral. Schon die Botschaft des Physiologen Gibarjan intoniert die Metaphysik,
die priesterlichen Obertöne, die den erkenntnistheoretischen Disput zwischen
den Wissenschaftlern immer stärker dominieren: es sei kein Wahnsinn, wenn
das Wort Fleisch werde; die Produktion der ozeanischen Intelligenz habe ihren
Ursprung im Gewissen der Menschen. Nicht die Angst habe Gibarjan getötet,
sagt Kelvin, sondern die Hoffnungslosigkeit. Später wird er sich korrigieren:
Gibarjan sei vor Scham gestorben. Und er fügt, etwas unvermittelt, hinzu:
»Scham, das ist ein Gefühl, das die Menschheit rettet.«
Tarkowskijs religiöser Fundamentalismus - in ANDREJ RUBLJOW noch Gegenstand
der Auseinandersetzung, eine mögliche, aber nicht die einzige Dimension
radikaler Infragestellung der Welt, wie sie ist - kündigt sich bereits
an; seine Stellvertreter-Neigung, der Welt den Weg ihrer Erlösung, der
Menschheit das Programm ihrer Errettung zu insinuieren, verleiht den gesprochenen
Texten hier schon jenen imperativen Charakter, der in den späten Filmen
an die Stelle der Ambivalenzen treten wird.
Tatsächlich verkleinert Sartorius
das Problem, wenn er Kelvin »seelische Selbstzerfleischung« in der
Art Dostojewskijs vorwirft. Tarkowskijs Anachoreten wandeln gleichzeitig im
Schatten Dostojewskijs und Tolstois; ihre Pein ist stets
auch die der Menschheit, und Kelvin erinnert Snaut ausdrücklich an Tolstoi,
wenn er von der »Qual der Unmöglichkeit« spricht, »die
Menschheit überhaupt lieben zu können«. Auch im Anblick der
in unablässiger Produktion aufgewühlten, gestaltenreichen, in farbigen
Spiralen träumenden Ozeangallerte der Solaris, Lichtjahre von der Erde
entfernt, geht es letztlich um die Frage der Nachfolge Christi und ihre geschichtliche
Gültigkeit. Kelvins Läuterung - die Heimkehr des verlorenen, ehemals
dem Rationalismus ergebenen Wissenschaftlers zu den verborgenen Quellen der
Existenz - resultiert, ganz im Sinne des frühen Drehbuchentwurfs, aus der
allmählichen Menschwerdung Hareys, die sich in dem Maße, wie sie
Kelvin liebt und von ihm wiedergeliebt wird, von ihrer Phantomexistenz als bloßer
Kopie einer Produktionsvorlage befreit und soweit zu menschlichem Selbstbewußtsein
erwacht, daß sie sich mit Sartorius auf einen Streit über seine Verantwortung
einläßt. Ihre Zustimmung zur eigenen »Annihilation« ist
- als Selbstopferung für Kelvin, der mit ihr nicht zur Erde zurückkehren
kann - die Krönung ihrer Menschwerdung.
Auch bei Stanislaw Lern ist der
(innere) Gestaltwandel Hareys ein wichtiges Thema, aber er wird differenzierter
entwickelt und »praktischer« behandelt. »... wir sprachen
viel davon«, berichtet der Ich-Erzähler Kelvin, »wie wir auf
der Erde leben wollten, irgendwohin in die Nähe einer großen Stadt
ziehen und nie wieder den blauen Himmel und die grünen Bäume verlassen,
und wir dachten uns gemeinsam die Einrichtung unseres künftigen Hauses
aus ...«[Lem,a.a.O.- S. 215] Die gemeinsame Sehnsucht nach der Erde berührt den Leser
um so stärker, als er weiß, daß hier wissentlicher Selbstbetrug
im Spiel ist - eine Liebe, die in dem Maß an Intensität gewinnt,
wie ihre Aussichtslosigkeit erkennbar wird. Auch die Harey des Romans opfert
sich - aber sie begeht zugleich, wie ihr irdisches Urbild, Selbstmord in einer
Situation, die für sie unerträglich geworden ist. Es leuchtet ein,
daß Kelvin ohne sie die Station nicht verlassen will, sondern nun, soweit
menschenmöglich, die »grausamen Wunder« des Ozeans bis zur
Neige auszukosten bereit ist. Die Figur der Harey bei Tarkowskij (ungeachtet
der anrührenden Darstellung von Natalja Bondartschuk) ist abstrakter -
sie bleibt letztlich Instrument eines angestrengten Läuterungsplans. Scheinbar
paradox, aber doch sinnfällig ist in Lems Anthropozentrismus-Kritik die
Liebe zwischen Mann und Frau weltlicher, »menschlicher« - während
Tarkowskij eine Erlösungsgeschichte, in gut anthropozentrischer Tradition,
in planetarische Räume projiziert. Die Schwächen seines Films haben
somit mehr, als allgemein angenommen wurde, mit den Schwächen jener Science-fiction-Filme
gemeinsam, die sich darauf beschränken, terrestrische Konstellationen wie
Machtkämpfe, gesellschaftliche oder amouröse Verstrickungen um des
Sensationseffekts willen in der Galaxis anzusiedeln.
Freilich hatte der Regisseur an
den sensationellen Aspekten des Raumfahrt-Genres das allergeringste Interesse.
Eher ging es ihm darum, die Szenerie, in der sich die letzten Solaristen bewegen,
als Endstation und Schrotthalde des wissenschaftlich-technischen Zeitalters
zu zeigen - daraus wurde eine surreal anmutende Collage, die der ästhetischen
Originalität keineswegs entbehrt. »Technische Exotik« habe
er vermeiden wollen, sagte Tarkowskij, und gegen Kubricks 2001 grenzte er seinen Standpunkt
folgendermaßen ab: »Wenn man beispielsweise das Einsteigen der Fahrgäste
in eine Straßenbahn so aufnimmt, als hätte man noch nie eine Tram
gesehen und wüßte auch nichts von ihr, dann erhält man etwas
Ähnliches wie Kubrick in der Episode mit der Raumschiff-Landung. Filmt
man jedoch dieselbe Landung im Kosmos so wie eine Trambahn-Haltestelle in einem
Gegenwartsfilm, wirkt sie ungekünstelt.« [zit. n. Turowskaja, a. a.0., S. 58 f.]
Wirklich blickt Tarkowskij auf
das verrottete technische Ambiente dieser Raumstation, wie man ein Depot mit
den letzten, längst stillgelegten Straßenbahnen betrachten würde:
mit einem Blick, der aus einer nach-planetarischen Zukunft kommt und gleichzeitig
an den Dingen vergangener Jahrhunderte hängt. Diese finden sich in der
Stationsbibliothek, einem behaglich eingerichteten musealen Ort, an dem die
Raumfahrer zusammengetragen haben, was ihnen (will sagen: Tarkowskij) erhaltenswert
erscheint, eine Komposition sublimer europäischer Kulturgüter: alte
Möbel, bunte Glasfenster, kostbare Gefäße, Kupferstiche an den
getäfelten Wänden, Kerzenleuchter, einen Kristallüster, antiquarische
Bücher - darunter eine Don Quichote-Ausgabe mit den Stichen Gustave Dores,
aus der Kelvin Sancho Pansas Rede über den Schlaf vorliest. In Kelvins
Kabine findet sich, nur flüchtig von der Kamera gestreift, eine Reproduktion
der Dreieinigkeitsikone von Andrej Rubljow. Der später so schrankenlose
Kunst- und Geistesaristokratismus Tarkowskijs hat hier bereits die Interieurs
ausgestattet, eine Haltung der Idolatrie, von der nur dann alles Dünkelhafte
abfällt, wenn er ein besonders verehrtes Bild wie Breughels Winterlandschaft
liebevoll von der Kamera abschwenken läßt, Details wie das Bauernhaus,
die schwarzen Vögel, die Schlittschuhläufer heraushebt und sie - in
Kelvins Videofilm - assoziativ mit den russischen Landschaften seiner Kindheit
verknüpft: Bilder eines Heimwehs,
das weniger auf irgendeinen konkreten Ort der Welt gerichtet ist, als daß
es dem Versunkenen, Unwiederbringlichen nachhängt, dessen Signaturen unser
Inneres aufbewahrt.
Er sei allen Neuerungen abhold,
sagt schon im Prolog Kelvins Vater, der sein Haus dem seiner Großeltern
nachgebaut hat und in dessen Arbeitszimmer, wie in der Solaris-Bibliothek, farbige
Kupferstiche von Montgolfieren hängen, das Flugmotiv aus ANDREJ RUBLJOW
mit den Ballonaufnahmen in DER SPIEGEL verbindend. Doch nicht nur in diesen
Interieurs mit ihren Zitaten, auch nicht nur in den Bildern des heilen, in ökologischem
Frieden träumenden Welt-Gartens mit seinem stillen Teich, den Wasserpflanzen,
hohen Gräsern, dem Holzhaus im Hintergrund, dem einsamen Pferd und rauschendem
Regen - nicht nur in diesen Erinnerungen an Kindheit und Heimat ist das Hauptthema
des nächsten Films bereits vorformuliert. Vielmehr nehmen das »Familien-Video«,
das Kris Harey vorführt, vor allem aber der Traum von seiner jugendlichen
Mutter miniaturhaft auch schon die Struktur, das spezifische Bewegungsmuster
von DER SPIEGEL vorweg. Mit diesen Einsprengseln hat Tarkowskij die Warnung
Lems vor einem Familienmelodram raffiniert unterlaufen: wie in einem Palimpsest
scheint hier die Intention des frühen Drehbuchs durch und weist zugleich
auf Thema und Gestalt des nächsten Projekts.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: Andrej Tarkowskij; Band 39 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek
von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien
1987, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung
des Carl Hanser Verlags
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Solaris
SOLJARIS
UdSSR
1971/72
Regie:
Andrej Tarkowskij - Buch: Friedrich Gorenstein, Andrej Tarkowskij, nach Motiven
des Romans Solaris von Stanislaw Lem. - Kamera: Wadim
Jusow. 2. Kamera: E. Schwedow. - Schnitt: Ljudmila Fejginowa. - Ton: Semjon
Ljudmilow. - Musik: Eduard Artemjew (Variation über das Präludium
f-moll von Johann Sebastian Bach). - Bauten: Michail Romadin. - Kostüme:
N. Fomina. - Maske: W. Rudina. - 2. Regie: Ju. Kuschnerow. - Regie-Assistenz:
A. Ides, Larisa Tarkowskaja, M. Tschugunowa. - Spezialeffekte: A.Klimenko, W.Sewastjanow.
Darsteller: Natalja Bondartschuk (Harey), Donatas Banionis (Kris Kelvin), Jurij Jarvet (Snaut), Anatolij Solonizyn (Sartorius), Nikolaj Grinko (Kelvins Vater), Sos Sarkisjan (Gibarjan), Wladislaw Dworshezkij (Berton), O. Barnet, W. Kerdimun, T. Ogorodnikowa, O. Uisilowa, T. Malych, A. Mischarin, W. Oganesjan, Ju. Semjonow, W. Stanitzkij, S. Sumjonowa, G.Tejch.
Produktion:
Mosfilm. - Produktionsleitung: Wjatscheslaw Tarasow. - Drehzeit: Mai 1971. -
Drehort: Mosfilm-Studio/Pavillon 5; Bezirk Swenigorod; Krimküste; am Fluß
Rusa. – Format: 35 mm, sw und Farbe (Sowcolor). – Original-Länge, Deutsche
Länge: 167 min. - Uraufführung: 20.3. 1972, Moskau. - Erste Aufführung
außerhalb der UdSSR: Mai 1972, Filmfestspiele Cannes. – Deutsche Erstaufführung:
19.8. 1978 (TV: ARD). - Weitere TV: 30.1. 1980 (S3); 28./29.6.1983 (NDR III);
14.4. 1987 (BR III). - Verleih: Freunde der deutschen Kinemathek (35 mm, Originalfassung
mit deutschen Untertiteln); Atlas (16 mm).
zur startseite
zum archiv