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Die
Sonnengöttin
Menschenleerer,
steinerner Strand, ein Lagerfeuer brennt. Eine junge Frau, nackt, tanzt, scheint
Flammen und Elemente beschwören zu wollen, ver- und entschleiert sich mit
einem leuchtend blauen Tuch. In ekstatischer Trance umkreist sie die Flammen,
tanzt ein unerklärtes magisches Ritual. Dazu Klänge, die in ihrer
spröden Harschheit fast der Natur entsprungen zu sein scheinen. Mit ihr
am Strand ein Mann, der fasziniert, gebannt alles mit der Kamera dokumentiert.
Der
Regisseur Rudolf Thome sagt von dieser Szene, er würde für sie alles
hergeben, was er bisher gemacht hat. Seine Faszination ist verständlich,
wird hier doch Ekstase, Verausgabung, Intensität deutlich, die ganz offensichtlich
nicht erst im Endprodukt Film, auch bei den Dreharbeiten außerordentlich
erstaunt haben muß: Tiefe der Konzentration, Momente künstlerischer
Erleuchtung.
Marthas
Feuertanz ist der Höhepunkt von Thomes SONNENGÖTTIN - leider aber
ist, wenn uns Bilder und Töne endlich solcherart fesseln und faszinieren,
der Film auch schon (fast) an seinem Ende angelangt. Was vorher war, läßt
eher kalt, was nachher kommt, ist eher peinlich.
Worum
geht es? Zwei Menschen, die sich - materiellen Notwendigkeiten gehorchend -
trennten, treffen - die Umstände erlauben es nun - wieder aufeinander.
Er, Richard, Filmkritiker aus New York, sie, Martha, Malerin amerikanischer
Herkunft in Berlin und um die zwanzig Jahre jünger. Er hat ein Stipendium
bekommen, um ein Buch über Murnau zu schreiben in Berlin - sechs kurze
Wochen, um wieder zueinander zu finden, zu sehen, was geht und was nicht.
Am
Ende soll es wohl gelingen, doch geheimnisvolle mystische Verwicklungen sind
dazu vonnöten. Die Hauptrolle hierbei spielt eine halbverfallene Friedhofsfigur,
die Darstellung einer Sonnengöttin, die mit bewegter Geste ihre Hände
dem Himmel entgegenstreckt, Kopie einer frühgriechischen Statue der Ausgrabung
Akrotiri auf Santorin. Von weiterer Bedeutung ist ein Erinnerungsfoto von Martha,
das sie in ganz ähnlicher Position zeigt, als Kind an einem griechischen
Strand. Die Analogie des gestischen Ausdrucks produziert - vor allem bei Richard
- einen detektivischen Aufdeckungszwang, der die beiden mehr und mehr in seine
Gewalt bringt. Murnau wird nebensächlich, Marthas Malerei war es eh schon,
die Entdeckungsreise zum geheimen Zusammenhang hinter den alltäglichen
Erscheinungen immer wichtiger. Geographisch führt die Suche auf besagten
Strand und in die Ausgrabungsstätten der Agäisinsel, geistig zur Transfiguration
Marthas in eine Reinkarnation der Sonnengöttin und der Vorstellung, in
einem vorherigen Leben vor einigen tausend Jahren schon einmal vereint gewesen
zu sein, „er als Maler und sie als sein Modell", wie Martha am Ende ergriffen
konstatiert.
Fast
alle, auf jeden Fall die letzten Filme Rudolf Thomes kreisen um die Liebe, ihre
Möglichkeit, ihre Formen, ihre Rätsel. Auch DIE SONNENGÖTTIN
will und soll eine Liebesgeschichte sein. Doch so viel auch die Liebe permanent
behauptet und besprochen wird, bildlich präsent ist sie nicht, außer
in den bekannten Ritualen erotischer Attraktion - von Thome (Buch und Regie)
und Kameramann Reinhold Vorschneider allerdings sinnlich in Szene gesetzt. Sonst:
ein Mittelstandspärchen auf Griechenlandurlaub. Ferienwohnung mit Meerblick,
man tanzt Sirtaki. So unpräzise und allgemein ist das Verhältnis der
beiden, so unklar bleibt, was Martha und Richard eigentlich aneinander fesselt,
daß, so scheint es fast, gar nichts anderes übrigbleibt als der Griff
in die mystische Trickkiste, um dem, was sich da angeblich emotional ereignen
soll, Ausdruck und Glaubwürdigkeit zu verleihen: In den Bildern ist es
kaum wahrnehmbar. Und die Geschichte führt uns weniger die Liebe vor als
eine Spielart fast schon fetischistisch übersteigerter Projektion: Einer
macht sich ein Bild und versucht mit aller Gewalt, dieses Realität werden
zu lassen. Eine verkehrte Pygmaliongeschichte - die Transformation der Malerin
Marthe erst zur Sonnengöttin und dann zum Abbild und Modell, Richards Entwicklung
vom Kritiker zum (Foto-)Künstler als Ausdruck männlicher Schöpferphantasien
-, geadelt durch die Liebe. Vielleicht, wahrscheinlich sogar (ist doch Thome
selbst ein ausgewiesener Verehrer des Regisseurs F. W. Murnau) ist dies auch
zu verstehen als Selbstreflektion des Filmregisseurs Thome selbst: der Weg von
kritischer Reproduktion (Thome begann seine Laufbahn in den sechziger Jahren
als Kritiker) zu künstlerischer Kreativität, die Aneignung der Welt
durch den Sucher der Kamera. Doch auch in solcher Hinsicht, als filmische Befragung
von Standort und Rolle des Künstlers, Will DIE SONNENGÖTTIN das vom
Stoff vorgelegte Niveau nicht halten. Eine Vielzahl von Punkten wird zwar thematisch
angeschnitten - das Verhältnis von Künstler und Objekt, der kleine
Tod im Abbild der Fotografie, die Nacktheit des Objekts vor dem Betrachter -,
doch löst sich jede mögliche Differenz, jeder ernsthafte Konflikt
in der Allgemeinheit alles Menschlichen und der Großartigkeit der Liebe
im Besonderen wohlig auf.
Ein
„Roadmovie durch Raum und Zeit" solle DIE SONNENGÖTTIN auch sein,
sagt Thome in einem Interview. Die Reise von der Neuen Welt über Berlin
bis in die untergegangene Stadt Akrotiri, von moderner Beliebigkeit zurück
in archaische Wesentlichkeit spiegelt sich wieder in der Struktur des Films
- die Intensivierung gegen Ende ist kein Zufall. Doch zu unvermittelt stehen
die eher banalen und langweiligen Episoden in hübschen Appartments und
bei Ausstellungseröffnungen den ekstatischen Momenten des Feuerzaubers
gegenüber, durchdringen tun sie sich nicht. Rossellinis VIAGGIO IN ITALIA,
auch ein „Roadmovie durch Raum und Zeit" - wo die Krise einer Liebesbeziehung
zwischen neapolitanischem Kindergeschrei, Katakomben und den Ruinen von Pompeji
ausgetragen wird -, zeigt, wie es auch anders gehen kann, das Alltägliche
sich im Unheimlichen findet und reflektiert. Allerdings, und das ist sicher
kein Zufall, beschwört Rossellinis Reise weniger die geheime und überwältigende
Macht der Liebe als ihr offensichtliches Versagen vor der Unbeständigkeit
des Lebens und der Gefühle.
DIE
SONNENGÖTTIN ist schon in der Originalfassung ein synchronisierter Film.
Thome, eigentlich Originaltonfanatiker, wollte nicht aus sprachlichen Gründen
auf die Darsteller seiner Wahl - zum großen Teil Amerikaner - verzichten.
Nach anfänglichen Zweifeln fand er dann sogar Gefallen am technischen Kunstgriff
der Nachsynchronisation, bietet diese doch die Möglichkeit, das Spiel von
Laiendarstellern durch die sprachliche Überarbeitung zu professionalisieren.
Resultat ist allerdings eine gewisse Kälte und Glattheit. Am gelungensten
sind so die Szenen, in denen auf Sprache ganz verzichtet und auf die großartige
Musik des Jazzmusikers Chico Hamilton vertraut wird (für den Soundtrack
verantwortlich auch schon bei Thomes letztem Film LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK),
der auch eine kleine feine Nebenrolle als New Yorker Portier spielen darf.
Die
ersten Filme Thomes waren radikale Abrechnungen mit Spießertum und Biedersinn:
analytisch, radikal, präzise - und auch traurig. 1968 hat Enno Patalas
ihn in der „Filmkritik" als Feministen gebrandmarkt und geehrt. Dann, mindestens
seit den achtziger Jahren, hat er sich immer stärker zu den Sinnstiftern
und Kunstfilmern geschlagen. Mit der SONNENGÖTTIN ist er nun auf dem besten
Weg, neben Kieslowski und Herzog zu einem der großen Mystiker des aktuellen
Films zu werden. Das mag sein Ziel sein, es wäre sein gutes Recht. Vielleicht
hat er sich aber auch einfach nur verliebt, ohne so recht zu wissen, warum.
Silvia
Hallensleben
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: epd film
1/94
DIE
SONNENGÖTTIN
BRD
1992. R,
P, B: Rudolf Thome. K:
Reinhold Vorschneider. Sch: Dörte Völz. M:
Chico Hamilton. T:
Uwe Griem. A,
Ko: Anina Diener. Pg: Moana-film. V:
Prometheus. L: 110 Min. St: 30.12.1993. D: Radhe Schiff (Martha Ashberger),
John Shinavier (Richard Todd), Susan Chesler (Mädchen ohne Wohnung), Marie
Soranno (Dame mit dem Scheck), Chico Hamilton (Portier), Robert Rutman (Musiker),
Markus Weiss (Franz), Johannes Herschmann (Fotograf), Janina Szarek (Marthas
Mutter), Hannes Stelzer (Totengräber).
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