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Der
Spiegel
Verglichen mit den drei ersten
Arbeiten Tarkowskijs gilt DER SPIEGEL als ein besonders schwieriger Film. Seine
mangelnde »Allgemeinverständlichkeit« wurde nach seiner Fertigstellung
zum Gegenstand von Auseinandersetzungen innerhalb der sowjetischen Kulturbürokratie
und unter Tarkowskijs russischen Regiekollegen; und auch im Westen löste
der Film vielfach ratlose Ergriffenheit aus. Tatsächlich verlangt DER SPIEGEL
(= SERKALO) vom Zuschauer ein hohes Maß an Konzentration. Die Identifizierung
der Figuren und ihrer biografischen Verkettungen, die zeit- und lebensgeschichtliche
Zuordnung der Episoden und Anspielungen, die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten
Formen filmischer Rede, aber auch filmischer Verrätselung - all dies beansprucht
den Betrachter bei der ersten Begegnung mit diesem Film so stark, daß
er in der Regel erst bei der zweiten oder dritten Besichtigung über die
notwendige Freiheit verfügt, um in den scheinbar willkürlich auseinandergerissenen
oder ineinandergeschobenen Materialfragmenten, in der Arbeit der Erinnerung,
die der Film nachbildet, das architektonische Prinzip auszumachen.
SERKALO sei, schreibt M.J.Turowskaja
[Maja Josifowna Turowskaja, Felicitas Altardt-Nostitz: Andrej
Tarkowskij. Film als Poesie - Poesie als Film. Bonn: Keil 1981, S. 58 f. 5.11], konkret und allegorisch, dokumentarisch
und poetisch. Die Allegorie ist dabei, ganz im Sinne der tarkowskijschen Ästhetik,
das Konkrete, und das konkrete, dokumentarische Material hat vielfach allegorischen
Charakter und einen poetischen Stellenwert. Dies erleichtert die Rezeption keineswegs
- ebensowenig wie der »Kunstgriff« des Regisseurs, die beiden weiblichen
Hauptfiguren mit einer Darstellerin zu besetzen; daraus resultiert ein Quiproquo,
das sich bei genauerer Betrachtung freilich als Grundgedanke der Verspiegelungsstrategie
in diesem Film erweist.
Tarkowskij war etwa vierzig Jahre
alt, als er sich (nach einer frühen Ideenskizze von 1968) intensiver mit
dem Projekt SERKALO zu beschäftigen begann. Es liegt nahe, die im Film
zitierten Eingangsverse aus der Divina Commedia Dantes auf seine eigene Situation zu beziehen: »Als unseres
Lebens Mitte ich erklommen, / Befand ich mich in einem dunklen Wald.«
[Hier zitiert nach: Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie.
Übertragen von Wilhem G. Hertz. Frankfurt, Hamburg: Fischer Bücherei
1956, S.7] Tarkowskij
befand sich in der kritischen »Zone« der Lebensmitte; in SERKALO
wird sie zum Ausgangspunkt für eine biografische Erkundung, für ein
kompliziertes Eintauchen in die Wälder des Bewußtseins mit ihren
Dunkelheiten und Lichtungen, ihren Irrwegen und unerwarteten Schneisen. Ganz
offensichtlich hat der autonome, noch dem Vorspann vorangestellte Prolog, in
dem eine Logopädin einen jungen Stotterer durch Hypnose von seinem Leiden
heilt, eine konkret-autobiografische wie auch eine übertragene Bedeutung:
»Ich kann sprechen!« - dieser befreite Ausruf meint auch ein Sprechen über das
eigene Ich.
Die scheinbar so labyrinthisch
organisierte Stoffmasse des Films gliedert sich in sechzehn Montagesequenzen,
die sich als Teilstücke, Episoden oder »Geschichten« recht
deutlich gegeneinander abheben und häufig durch klare Zäsuren getrennt
sind. Daneben sind vier Erzählebenen mit ihren je spezifischen Erzählformen,
besser: filmischen Redeweisen auszumachen: die epische Gegenwart des Films,
epische Rückblenden, dokumentarische Rückblenden, Traumszenen. Obwohl
sich diese Ebenen (die Begriffe können nur Hilfskonstruktionen sein) in
den einzelnen »Kapiteln« teilweise überlagern, ist es möglich,
mit Hilfe dieser Kategorien den Aufbau des Films chronologisch darzustellen
und gleichzeitig die methodische Struktur unterschiedlicher Darstellungsformen
durchsichtig zu machen.
*
Nach dem Prolog beginnt der Film
mit einer epischen Rückblende. Eine junge Frau, Maria (Margarita Terechowa),
die Mutter des Erzählers Alexej, blickt in eine weite russische Landschaft:
Felder, Wiesen, Wald. Die Stimme des Erzählers, immer aus dem Off, spricht
vom »Haus, wo wir damals vor dem Krieg jeden Sommer verbrachten«.
Ein Mann (A. Solonizyn) nähert sich über das Feld, er erkundigt sich
nach dem Weg. Andeutungen ist zu entnehmen, daß er Arzt ist. Er philosophiert
über die beseelte Natur. Wenn er sich wieder entfernt, blicken er und Maria
sich aus der Distanz lange an. - Im zweiten Teil nimmt diese Sequenz einen Traumcharakter
an. Im Inneren des Hauses ist Maria mit ihren Kindern zu sehen - dem kleinen
Alexej (F. Jankowskij), mit geschorenem Kopf, und seiner Schwester. Nahebei
bricht ein Feuer aus; im prasselnden Regen steht ein Heuschober in Flammen.
Nachts, Alexej liegt im Bett. Wind fährt durch die Bäume, die Stimme
des Jungen ruft: »Papa!« Traumszene: Eine junge Frau, Maria, wäscht sich die Haare.
Die Decke des stuckverzierten Zimmers zerbricht, es regnet in den Raum. In einem
Spiegel sieht sich Maria als alte Frau (L.Tarkowskaja, die Mutter des Regisseurs).
Eine ausgestreckte Hand, wie von innen rot leuchtend, vor einer Flamme.
Epische Gegenwart: In der Wohnung
des Erzählers Alexej klingelt das Telefon. Seine Stimme spricht mit der
Mutter. Man erfährt: der Vater hat 1935 die Familie verlassen; im selben
Jahr hat auch der Heuschober gebrannt. Die Mutter teilt mit, Lisaweta sei gestorben,
eine Kollegin aus den Jahren, in denen sie in einer Druckerei gearbeitet hat.
Epische Rückblende: Die junge
Maria läuft durch strömenden Regen in die Druckerei, sucht nach Korrekturfahnen.
Sie ist verzweifelt, fürchtet, einen Satzfehler übersehen zu haben.
An der Wand ein Stalinplakat. Marias Angst war gegenstandslos. Sie weint vor
Erleichterung, aber plötzlich macht ihr Lisaweta (A. Demidowa) Vorwürfe:
sie sei gleichgültig und selbstsüchtig, ihr Mann hätte schon
früher fortlaufen müssen; sie sei im Begriff, ihre Kinder unglücklich
zu machen.
Epische Gegenwart: Alexejs Ehefrau
Natalja (in einer Doppelrolle: Margarita Terechowa) in der Wohnung ihres Mannes.
Die beiden leben getrennt; sie streiten sich; auch mit seiner Mutter ist Alexej
uneins. - Eingeschoben ist eine kurze epische Rückblende: das Landhaus,
die junge Maria von hinten; Alexejs Stimme sagt, auch in seinen Kindheitserinnerungen
habe die Mutter immer Nataljas Gesicht.
Epische Gegenwart: In Alexejs
Wohnung halten sich spanische Emigranten auf. Einer der Spanier schwärmt
von einem berühmten Torero. - Dokumentarische Einflechtungen: Bilder einer
Corrida. Montage von Bildern aus dem spanischen Bürgerkrieg, das bombardierte
Madrid, Evakuierung von Kindern.
Epische Gegenwart: Natalja mit
ihrem Sohn Ignat (Ignat Danilzew) in Alexejs Wohnung. Eine fremde Frau fordert
Ignat auf, einen Text vorzulesen: Puschkins Brief an Tschaadajew von 1836 über
die Bedeutung Rußlands als Bollwerk Europas und der christlichen Zivilisation
gegen den Ansturm Asiens. Es klopft, vor der Tür steht Alexejs alte Mutter;
sie geht wieder: »Ich habe mich wohl verlaufen.« Das Telefon klingelt;
Ignat spricht mit seinem Vater, der sich an eine Jugendliebe erinnert.
Epische Rückblende: Der junge
Alexej (in einer Doppelrolle: Ignat Danilzew) und ein rothaariges Mädchen.
Jungen bei der vormilitärischen Ausbildung auf dem Schießstand. Einer
der Jungen ist widerborstig, provoziert den Ausbilder, schleudert eine (unscharfe)
Handgranate. Er ist der »Leningrader«: seine Eltern sind bei der
Blockade Leningrads ums Leben gekommen.
Dokumentarische Rückblende:
Sowjetische Soldaten durchqueren ein ausgedehntes Sumpfgebiet. - Die Rote Armee
nach der Eroberung Berlins, Siegesfeuerwerk, die Leiche eines Nazis 37 vor der
Reichskanzlei. - Atombombenabwurf über Bikini. - Massendemonstrationen
in Peking, Mao-Porträts und -Büsten. - Bilder vom sowjetisch-chinesischen
Zusammenstoß am Ussuri. Eingeflochten sind traumartige Bilder: eine Winterlandschaft
nach dem Gemälde von Breughel; der »Leningrader« steht vor
einem Baum, ein Vogel setzt sich auf seinen Kopf.
Epische Rückblende: Die junge
Maria im Landhaus; aus dem Off die Stimme von Alexejs Vater: »Wo sind
die Kinder?« Der kleine Alexej und seine Schwester im Wald. Dann die erste
Einstellung des Films; die erkennbar den Vater (O.Jankowskij) zeigt; er ist
auf Fronturlaub, umarmt seine beiden Kinder; Maria wendet sich ab.
Epische Gegenwart: Natalja und
Alexej (dieser weiter aus dem Off) setzen sich darüber auseinander, wo
Ignat bleiben soll. Natalja betrachtet Fotos, die sie mit ihrer Schwiegermutter
zeigen. Sie überlegt, ob sie wieder heiraten soll - einen Schriftsteller:
»Er schreibt, aber er wird nicht gedruckt.« Traumartig: Natalja
tritt ans Fenster, es regnet, im Hof hat Ignat ein Feuer entzündet: ein
brennender Busch.
Traumszene: Der Wald aus Alexejs
Kindheit; seine Stimme spricht über den immergleichen Traum vom Haus des
Großvaters. Alexej als Kind, mit geschorenem Kopf, die Waldlandschaft,
das Holzhaus; eine Fensterscheibe zerbricht, ein Windstoß wühlt die
Bäume auf.
Epische Rückblende: Alexej
als Junge mit seiner Mutter, sie sind aus Moskau evakuiert worden. Maria bittet
eine entfernte Bekannte - die Frau des Arztes aus der ersten Szene - um Unterstützung.
- Eine traumartige Szene zeigt Alexej allein in der Wohnstube des fremden Hauses,
er beobachtet sich selbst im Spiegel. - Die beiden Frauen betrachten den kleinen
Sohn der Arztfrau in seinem Himmelbett. Die Arztfrau ist schwanger; sie bittet
Maria, die Schlachtung eines Hahns zu übernehmen. - Traumszene: Marias
Gesicht, dann das ihres Mannes, er streichelt sie; ihr Körper schwebt wie
schwerelos im Raum. - Maria verläßt mit Alexej fluchtartig das Haus
der Arztfrau.
Traumszene: Wald, vom Winde bewegt.
Der kleine Alexej im Landhaus, dann schwimmend in einem Teich. Auf einer Bank
vor dem Haus: Maria, seine Mutter, als alte Frau. Epische Gegenwart: Alexejs
Wohnung, ein Arzt, zwei ältere Frauen; Alexej ist krank. Der Arzt sagt:
»Es gibt ein Gewissen, ein Erinnerungsvermögen.«
Vage klingt die Schuldfrage an: Alexejs Verhältnis zu seiner Mutter, seiner
Frau und zu Ignat. Am Bettrand ist sein Arm zu sehen; aus seiner Hand entläßt
er einen kleinen Vogel, der zum Fenster hinausflattert.
Traumszene: Kameraschwenk über
Felder und Wald auf das Landhaus. Die junge Maria und ihr Mann liegen auf einer
Wiese. Maria, in die Ferne blickend, sieht sich selbst: als alte Frau, über
Wiesen und Felder gehend; sie führt den kleinen Alexej und seine Schwester
an der Hand.
*
In der Synopsis fällt der
relativ geringe Anteil »reiner« Traumszenen auf: es überwiegt
bei weitem das epische und dokumentarische Material. Ein genaueres Protokoll
müßte die Übergänge zwischen Schwarzweiß (die dokumentarischen
Sequenzen), Sepia-Braun (einige Szenen aus der frühen Kindheit) und Farbe
(Gegenwart und Rückblenden) festhalten, ebenso die für Tarkowskij
so typische Verwendung akustischer Effekte: Hundegebell, fernes Eisenbahnpfeifen,
knisterndes Feuer, rauschender Regen.
Den träumerischen Rhythmus
flutender, aber auch immer wieder unterbrochener Erinnerung, die bei immergleichen
Bildern und wiederkehrenden Aporien innehält, um neu anzusetzen oder einer
anderen Spur nachzugehen - diesen Rhythmus erreicht Tarkowskij vor allem dadurch,
daß auch die Szenen der erzählten Gegenwart und die Rückblenden
oft in die Atmosphäre des Traums hinübergleiten, erlebte und geträumte
Wirklichkeit eine schwebende Balance halten. Die Irritation des déjà
vu, die Ignat in der Szene mit seiner Mutter thematisch anspricht, ist das dramaturgische
Programm dieses Films. Umgekehrt haben die Träume eine »dokumentarische«
Qualität, halten sie mit beinahe überscharfer Genauigkeit Vergangenheit
als ein Ensemble der Dinge fest, als im Körper der Dinge geronnene und
in ihrer Aura überlebende Zeit: »Alle sind unsterblich, alles ist
unsterblich . . ., das Zukünftige geschieht schon jetzt«, heißt
es in einem der den Erinnerungsstrom hier und da begleitenden Gedichte von Arsenij
Tarkowskij, dem Vater des Regisseurs.
Diese Verse formulieren einen
eigenen Traum-Text, den unmittelbar auf das jeweilige szenische Geschehen zu
beziehen nur trügerische Evidenzen stiften und den Zuschauer auf falsche
Fährten führen würde. Nichts weniger als erläuternder Kommentar,
sind diese Gedichte, als geformte Sprache, ein Stück Dauer in der Flucht
der Zeit: Kunst, die - dem geistesaristokratischen Verständnis Tarkowskijs
zufolge - erhaben ist über Vergangenheit und Gegenwart, so wie die Bilder
Leonardo da Vincis sich über Welt und Zeitlichkeit erheben: als Signaturen
eines im Menschen wirkenden transzendentalen Prinzips. Ein Stratosphärenballon
strebt in die Höhe, darunter liegt eine Musik von Purcell; dann blättert
eine Hand, groß aufgenommen, in einem alten Buch mit Leonardo-Reproduktionen:
das Ballon-Motiv aus ANDREJ RUBLJOW (ein Plakat dieses Films hängt in Alexejs Wohnung) verbindet
sich mit dem Kunst-Motiv - der Mensch, der sprechen gelernt hat, will fliegen,
strebt zu Höherem. Einschübe wie dieser sind keiner der vier Erzählebenen
zuzuordnen; sie bilden eine autonome Ebene der emblematisch-allegorischen Rede,
die in den Strom des Erinnerns Zäsuren setzt, als wolle sie das sich erinnernde
Ich davor bewahren, sich zu verlieren.
Während er Münzen vom
Boden aufliest, spricht Ignat von der Wiederkehr des Immergleichen: »Mir
ist, als ob alles schon mal gewesen wäre.« Die Wirklichkeit ist
von der Konsistenz des Traums. In allen Szenen, die in der erzählten Gegenwart
spielen, hält an einem bestimmten Punkt die Zeit den Atem an, mischt sich
ein Fetzen Vergangenheit, ein Hauch Unsterblichkeit in den Lauf der Dinge und
bringt sie gleichsam ins Stolpern. Das Telefon klingelt und reißt uns
buchstäblich aus dem Traum in die Realität, aus Vergangenem ins Heute:
so beginnt die erste Szene in Alexejs Wohnung. Während des Gesprächs
treiben wir auf einer Woge, die uns beinahe an Land geworfen hätte, wieder
ins Meer der Erinnerung zurück, zurück in die dreißiger Jahre.
Eine lange Kamerafahrt durch eine Zimmerflucht und fernes Eisenbahngeräusch
nehmen diese Bewegung auf; ein harter Schnitt; aus Farbe wird Schwarzweiß:
wir sind im Zeitalter der Angst, im Moskau der Stalin-Ära.
Auch die epischen und dokumentarischen
Rückblenden sind aus jenem Stoff, aus dem die Träume sind, oder werden
von ihrem Material unterwandert, inwendig ausgehöhlt, bis der Bau raumzeitlicher
Kontinuität zusammenbricht und einer anderen Logik Platz macht. Ein starker
Windstoß - bei Tarkowskij immer »Zeichen« einer der Natur
innewohnenden und sie zugleich transzendierenden Kraft - fährt in der ersten
Szene plötzlich wie ein Kamm durch das Getreidefeld, und allmählich
gleitet die Erinnerung in eine andere Dimension der Wahrnehmung, gewinnen die
Dinge, jenseits ihrer Alltäglichkeit, eine »magische« Plastizität:
die Wände und Dielen des Holzhauses, ein Krug mit Milch, ein eisernes Bett
mit seinem verschnörkelten Gestell (es wird von nun an in allen Filmen
Tarkowskijs zu sehen sein), eine gläserne Vase, die - »wie von Geisterhand
bewegt« - über die Tischplatte rollt und auf den Boden fällt.
In die Sprache der Dinge mischt
sich die der Elemente: unvermittelt steht ein Heuschober in Flammen, gleichzeitig
regnet es wie später in der Szene mit dem brennenden Busch im Hof des moskauer
Mietshauses. Die »natura naturata«, die sich der Mensch unterworfen
hat, mutiert zur »natura naturans«, zu einer schaffenden, vitalen
Natur mit ihrem eigenen Bewußtsein und ihren eigenen Gesetzen. Meist ist
es der vom Wind bewegte Wald, der den Traumbildern vorgelagert ist: der Wald
der Kindheit, das Dickicht der unterhalb des Tagesbewußtseins arbeitenden
Erinnerungen, aber auch der »dunkle Wald« Dantes, jene »Zone«
der seelischen Krise, die exploriert, vermessen und bestanden sein will. Und
schließlich: auch in den Rückblenden finden sich verstreut jene Momente
des déjà vu, dessen Wesen ja darin besteht, daß es in unserem
Bewußtsein die Logik lebensgeschichtlicher Kontinuität untergräbt
- daß unsere eigene Biografie uns als Schock einholt. Ein zentrales Motiv
des Films - die Ähnlichkeit von Mutter und Ehefrau - erfüllt präzis
diese Struktur. Alle Zitate und Selbstzitate bei Tarkowskij sind Spielmaterial
jener hellsichtigen Ratlosigkeit, die uns befällt, wenn es uns scheint,
»als ob alles schon mal gewesen wäre«. Dies gilt auch für
jene Einstellungen, die klassischen Gemälden nach-inszeniert sind. Breughels
Winterlandschaft oder Runges Kinderbilder (an die der kleine Sohn der Arztfrau
erinnert`) appellieren ja nicht in erster Linie an unsere kunsthistorische Bildung;
ihre Qualität besteht, wie schon in soi.raxis, vielmehr darin, daß
sie an jene Imago von kindheitlicher Frühe, Heimat und Geborgenheit rühren,
die tief in den Menschen eingelagert ist.
In SERKALO, schrieb Tarkowskij,
sei er daran interessiert gewesen, mit Dokumentarmaterial, Träumen, Erscheinungen,
Hoffnungen, Ahnungen und Erinnerungen ein »Chaos der Umstände«
[Andrej Tarkowskij: Die versiegelte Zeit. Berlin, Frankfurt: Ullstein
1985, S.221] zu
montieren. Die chaotisierende Gewalt der Montage kommt in den »reinen«
Traumszenen zur Ruhe, als wolle sie sich mit neuer Energie aufladen. In diesen
Szenen wird das Phänomen der Zeit plastisch, wird sie von einer abstrakten
zu einer sinnlich greifbaren Kategorie. Tarkowskij gelingt es, uns Zeit empfinden
zu lassen, als träten wir in einen Raum ein - und es ist wohl diese Zeit-Raum-Metonymie,
die SERKALO zu einem der Kunst Ingmar Bergmans vergleichbaren und doch in der
bisherigen Filmgeschichte ziemlich einmaligen Ereignis werden ließ.
Montage dissoziiert in diesen
Sequenzen nicht, sie »kontrahiert«. Sie findet innerhalb der einzelnen
Einstellungen statt, indem sie zeitlich Entferntes zusammenzieht und Gleichzeitigkeit
zum Bild- und Raumerlebnis fügt: am deutlichsten etwa in den Schlußszenen,
wenn der kleine Alexej seine Mutter als alte Frau (als Großmutter seines
eigenen, noch ungeborenen Sohnes Ignat) auf der Bank sitzen oder die junge Maria
sich selbst als Greisin durch die Wiesen gehen sieht. Zugleich verweisen jedoch
die Traumbilder auf ihren Traumcharakter, wie dokumentarische Aufnahmen auf
ihren Abbildcharakter verweisen. Sie sind Medien des Erwachens: »Schon
im Traum weiß ich, daß ich träume«, sagt Alexej, »und
meine unbändige Freude wird ekelhaft durch die Erwartung, wach zu werden.«
Zwischen Traum und Wachen schwebt auch der Zuschauer: seine Optik richtet sich,
schreibt Bruno Jaeggi, »wie unter Hypnose auf die Schatten ein, auf eine
unergründliche, zuschlagende Dunkelheit, in der sich das Entscheidende
blitzschnell, wie im Licht eines näherrückenden Wetterleuchtens, offenbart«
[Bruno Jaeggi, in: Basler Zeitung vom 1. April 1978].
SERKALO bedeutet Spiegel. Die
Ehefrau spiegelt sich in der Mutter, der Erwachsene im Kind, die Biografie in
der Geschichte, die Gegenwart in der Vergangenheit, die Seele in der Natur und
das Individuum in jenem Kollektiv, das Rußland heißt. Die junge
Frau, die sich im Spiegel als Greisin sieht, könnte - doppelte Verrätselung
- Maria, aber auch Natalja sein, Alexejs Ehefrau, die sich im Spiegel als die
Mutter ihres Mannes wiedererkennt. Beide Deutungen sind möglich, weil die
zerbrechende, in Zeitlupe herunterfallende Stuckdecke sowohl das zerbrochene
Elternhaus (»Vater hat uns verlassen«) als auch die gescheiterte
Ehe »bedeuten« könnte. In der mißlungenen Beziehung spiegelt
sich die eine Generation in der anderen - wohl auch, weil die Wünsche sich
wiederholen und nicht zur Selbsterkenntnis erwachen, somit gleichermaßen
ohne Erfüllung wie unerlöst bleiben müssen. »Das einzige,
was deine Mutter braucht, ist, daß du wieder zum Kind wirst, das sie auf
Händen tragen kann«, sagt Natalja zu Alexej. Der ganze Film freilich
kreist um das Problem, daß Alexej keinen anderen Wunsch hegt als eben
diesen und ihn - psychoanalytisch gedeutet - aus einem »Konservatismus
der Triebe« [Diese Deutung findet sich bei Gertrud Koch, in: Frankfurter
Rundschau vom 20. Januar 1979] heraus auf seine Frau projiziert, die ihn zu erfüllen weder
willens noch in der Lage ist.
Im Spiegel wird der einzelne sich
selbst zum Mysterium, wie Alexej, wenn er als Junge im Haus der Arztfrau sich
selbst betrachtet, als wolle er durch sein Spiegelbild hindurch auf den Grund
seiner Seele blicken. Goldenes Licht fällt auf die Wand mit dem Spiegel
und erlischt wieder; Feuer und Licht rahmen die Szene ein: die Glut im Ofen;
eine ausgestreckte Hand, die, von einer Flamme beleuchtet, von innen zu glühen
scheint; die Petroleumlampe, die dreimal aufleuchtet und wieder erlischt. Alle
Helden Tarkowskijs, schrieb die französische Filmzeitschrift Positif
[Vincent Pelissier, Tahsin Celal, in: Positif, Nr.312, Februar 1987, S.28], enden in extremer Einsamkeit;
die Reflexe, die ihnen der Spiegel des Absoluten zeigt, verkümmern in der
»Sackgasse« der menschlichen Beziehungen. Das ist die Selbstrechtfertigung
des Narziß, und in der Tat gerät Tarkowskij in diesem Film über
seine Biografie ins Träumen wie Narziß über sein Ebenbild im
Wasser. Die Welt versinkt im Ich. Eine »Beichte« wurde SERKALO genannt,
und so sollte der Film ursprünglich auch heißen.[Turowskaja, a. a.0., S.61] Doch erst in der Sterbeszene, wenn alle Spiegel verhängt
sind, ist vage von Schuld, Gewissen und Verantwortung die Rede - Tarkowskijs
Lieblingsthemen in den späteren Filmen. Alexej weicht diesen Fragen aus:
»Letztenendes wollte ich nur glücklich sein.«
Die Welt versinkt im Ich: dies
gilt gerade auch für einen Film, der wie kein anderer im Werk des Regisseurs
(IWANS KINDHEIT ausgenommen) sich auf Zeitgeschichte einläßt, mehr
noch: sowjetische Politik von den dreißiger Jahren bis zur Gegenwart in
präzisen Zitaten zu rekonstruieren scheint. M.J. Turowskaja berichtet,
Tarkowskij habe der Studioleitung zunächst einen »Fragebogen-Film«
mit Affinitäten zur Fernsehästhetik vorgeschlagen; die Aufnahme von
Wochenschaumaterial war in diesem frühen Exposé bereits vorgesehen.
[Turowskaja, a.a.0., S.59f.]
In SERKALO ist Zeitgeschichte
alles andere als »Hintergrund«, Alibi für Privates, das sich
im Vordergrund begibt. Die politischen Szenen sind Zitate - so wie die ländlichen
Bilder, das brennende Haus, der Regen, die windgeblähten Vorhänge
als Zitate durch Tarkowskijs Filme wandern; sie sind Material im strikten Sinn,
Baumaterial einer architektonischen Anstrengung, die Erinnerung heißt
und dem Selbstverlust zu entrinnen sucht. Die Bilder in SERKALO gehören
dem gemeinsamen Gedächtnis jener Generation an, die in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts in Rußland geboren wurde und aufgewachsen ist. Diesem
gemeinsamen Gedächtnis haben sich Albtraumbilder eingegraben, die Kafka
ersonnen haben könnte: wenn Maria durch regennasse Straßen und die
gespenstischen Korridore der Druckerei rennt, um einen Korrekturfehler ausfindig
zu machen, der gar nicht existiert, zitiert Tarkowskij aus dem kollektiven Angst-Fundus
der Stalin-Zeit - und erzählt zugleich, wie in der Episode der Evakuierung,
eine authentische Geschichte aus dem Leben seiner Mutter. Und wenn sich sowjetische
Soldaten, in den schmutzig-grauen Bildern der Wochenschau, durch Sümpfe
schleppen, als liefen sie bis ans Ende aller Tage, werden sie zur Allegorie
für das Trauma des Großen Vaterländischen Krieges, so wie die
sowjetische Fahne auf dem Dach des berliner Reichstags allegorisch seinen Triumph
bezeugt. Bilder, Zitate, déjà vus, Wiederkehr des Immergleichen.
Abermals ist Europa - so Tarkowskijs Geschichtsphilosophie - bedroht, abermals
muß Rußland der westlichen Kultur und dem christlichen Erbe als
Bollwerk dienen: heute sind es nicht Tataren, auf die sich noch Puschkin in
seinem Brief bezieht, es sind Chinesen, die am Ussuri bereitstehen, um die westliche
Welt zu überrennen.
Und doch: auch Politik und Geschichte
geraten letztlich, als im Zitat geronnene Zeit, in die Strudel einer Erinnerung,
mit der ein Mensch am Ende nichts als seinen Anspruch auf Glück zu behaupten
sucht. Und sein Recht, »ich« zu sagen - gegen die inneren und äußeren
Zwangskollektivierungen einer gewalttätigen Zeit.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: Andrej Tarkowskij; Band 39 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek
von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien
1987, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung
des Carl Hanser Verlags
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Der
Spiegel
SERKALO
Russland
1973/74.
Regie: Andrej Tarkowsky - Buch: Aleksandr Mischarin, Andrej Tarkowskij. - Kamera:
Georgij Rerberg. - 2. Kamera: A. Nikolajew, L. Schtanko. - Schnitt: Ljudmila
Fejginowa. - Ton: Semjon Litwinow. - Musik: Eduard Artemjew, Johann Sebastian
Bach, Henry Purcell, Giovanni Battista Pergolesi. - Bauten: Nikolaj Dwigubskij.
- Ausstattung: A. Merkulow. - Kostüme: N. Fomina. - Maske: W. Rudina. -
2. Regie: Ju. Kuschnerow. - Regie-Assistenz: Larisa Tarkowskaja, W.Chartschenko,
M.Tschugunowa. - Spezialeffekte: Jurij Potapow. - Darsteller: Margarita Terechowa
(Mutter/Natalja), Ignat Danilzew (Alexej, der Erzähler als Kind/ Ignat,
Sohn des Erzählers), Oleg Jankowskij (Vater des Erzählers), Filip
Jankowskij (Alexej mit fünf Jahren), Alla Demidowa (Lisa), Anatolij Solonizyn
(Gerichtsmediziner, der Spaziergänger), Nikolaj Grinko (Direktor der Druckerei),
Tamara Ogorodnikowa (Nachbarin), Jurij Nasarow (Militärberater), Larisa
Tarkowskaja, Jurij Swentikow, T. Reschetnikowa, E. dei Bosque, L. Korretscher,
A. Gutierrez, D. Garcia, T. Pames, Teresa del Bosque, Tanja del Bosque. - Innokentij
Smoktunowskij (Erzähler), Arsenij Tarkowskij liest seine Gedichte selbst.
Produktion:
Mosfilm. - Produktionsleitungl: E. Wajsberg. - Drehzeit: September 1973 - März
1974. - Format: 35 mm, sw und Farbe (Sowcolor). – Original-Länge: 108 min.
– Deutsche Länge: 105 min. - Uraufführung: April 1975, Moskau. – Deutsche
Erstaufführung: 13.11.1978 (ARD). - weitere TV: 8.12.1980 (ARD); 20.11.1982
(S3); 3.10. 1984 (ZDF). - Verleih: Freunde der deutschen Kinemathek (35 mm,
Originalfassung mit deutschen Untertiteln).
Der
Film enthält historische Dokumentaraufnahmen einer sowjetischen Wochenschau
vom Marsch der sowjetischen Armee durch den Siwasch-See 1943; aus dem Spanischen
Bürgerkrieg; Aufnahmen Mao Tse Tungs in China.
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