zur
startseite
zum
archiv
Der
Spiegel
"Die
Zukunft geschieht jetzt"
"An
Vorahnungen glaube ich nicht.
Vorzeichen
fürchte ich nicht.
Verleumdungen
und Gift schrecken
mich
nicht. Es gibt keinen Tod in
der
Welt. Unsterblich sind alle.
Unsterblich
ist alles. Man braucht
den
Tod nicht zu fürchten - weder
mit
17 Jahren, noch mit 70. Es
gibt
nur Leben und Licht. Weder
Dunkelheit
noch Tod gibt es in
der
Welt. Wir alle sind schon an
der
Meeresküste. Und ich gehöre
zu
jenen, die die Netze einholen,
wenn
die Unsterblichkeit heranzieht
in
Schwärmen." (1)
Ein
ewiges Warten - aber auf was? Auf wen? Zeitebenen, Zeitstrukturen, historische
Epochen verschwimmen vor dem Auge. Erinnerung wird Gegenwart, Gegenwärtiges
wird Vergangenes. "Der Spiegel" von Andrej Tarkowskij trägt stark
autobiographische Züge. Das Auge des Betrachters bemüht sich, der
historischen Chronologie, der Genese des Biographischen gerecht zu werden -
und scheitert daran.
Ein
Junge schaltet das Fernsehen an. Dort bemüht sich eine Ärztin, einem
Jugendlichen das Stottern abzugewöhnen. Sie beschwört geradezu das
vermeintliche Energiezentrum im Gehirn des Jungen; die Energie solle in seine
Hände strömen, aber dort bewirken, dass er sie nicht mehr bewegen
kann. Wenn sie "Jetzt" sage, könne er sie wieder bewegen und
müsse nicht mehr stottern. Er solle sagen: "Ich kann sprechen."
Und er sagt es - ohne zu stottern. Ein Mensch findet die Sprache wieder. Wie
durch einen Zauber, durch eine Beschwörung. Aber finden wir die Sprache
so wieder?
Schnipsel,
Ausschnitte, Episoden, Träume, Phantasien eines Mannes in der Sowjetunion
der 70er Jahre, seine Erinnerungen an die Kindheit, vor allem seine Mutter vermischen
sich mit den Gedanken und Gefühlen seines eigenen Sohnes. Der Mann, Aleksej,
ist im Begriff sich von seiner Frau Natalia zu trennen, mit der er einen Sohn,
Ignat, hat. Und immer wieder kreisen die Gespräche der beiden um die Mutter
des Mannes, den wir nie zu Gesicht bekommen - so, als ob er hinter der Kamera
steht, als ob die Kamera uns seine Gedanken, sein Bewusstsein zur Sprache bringt.
Ja, in gewisser Weise schauen wir durch sein Bewusstsein hindurch in seine Vergangenheit
und Gegenwart, die ihn nicht mehr loslässt, die ihn fesselt, die es ihm
schier unmöglich macht, das zu finden, was man Identität nennt. Er
schaut in den Spiegel seiner selbst. Wir schauen mit.
Erinnerungen.
1935. Masha, Aleksejs Mutter, sitzt auf einem Zaun vor einem Haus - irgendwo
in einem Wald, schaut auf die Felder. Ein Mann nähert sich, ein Arzt, fragt
nach dem Weg. Eine Scheune brennt ab. Die beiden Söhne Mashas, darunter
Aleksej, schlafen, spielen. Sie wartet auf ihren Mann, die Kinder auf ihren
Vater, der wegging und nicht wiederkommt - vergeblich. Als ob sie in einer anderen
Welt leben würde, wartet Masha, und wartet ...
"Du
kannst mit niemandem normal leben. [...] Du lebst immer in der Überzeugung,
es würde allein die Tatsache deiner Existenz genügen, dass alle in
deiner Nähe glücklich sind", wirft Natalia Aleksej vor. Aleksej
antwortet, seine Mutter sehe in seiner Erinnerung aus wie Natalia. Der Schlüssel
zu seiner Vergangenheit, die er nicht hinter sich lassen kann. Eine ihre Kinder
vernachlässigende Mutter prägt sich in Aleksejs Gedächtnis ein.
Ein selbst seinen Sohn Ignat vernachlässigender Vater scheint das Ergebnis
des Gefangenseins in der Vergangenheit mit einer Mutter, mit der er nicht wirklich
sprechen kann, mit der er nicht ausgesöhnt ist. Das eigene Ich scheint
alle anderen zu überwölben.
Tarkowskij
montiert - jenseits jeder dramaturgischen Logik - Bilder aus verschiedenen Zeitebenen,
verknüpft persönliche Erinnerungen mit Ausschnitten aus dem spanischen
Bürgerkrieg, der deutschen Kapitulation 1945, dem Krieg usw. mit Phantasien,
Träumen, Einbildungen zu einem Gesamtbild, das, wie gesagt, nicht der Chronologie
einer Erzählung gleichkommt, sondern versucht, die Struktur von Erinnerung
und Zeit selbst festzuhalten. Diese Montage widerspricht üblichen Sehgewohnheiten
und fordert vom Betrachter einiges an Aufmerksamkeit. Zeit wird in diesem Kontext
aus dem gewohnten Zusammenhang von sich abspulender durch die Uhr bestimmter
Zeit gerissen und in subjektivem Zeitempfinden aufgelöst. Die gewohnten
und eingeübten Zeitebenen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschwimmen.
Daraus entsteht ein ebenso ungewohntes Bild eines Jetzt der (für uns wie
gesagt nicht sichtbaren) Hauptfigur Aleksej, die das Konstruierte des üblichen
Zeitbegriffes, der durch Zeit als ökonomisches Maß determiniert ist,
verdeutlicht.
Während
Aleksej in seiner eigenen Zeit gefangen zu sein scheint, kontrastiert dies beispielsweise
mit einer Erinnerung an seine Mutter Masha, als diese (wahrscheinlich während
des Krieges oder in den 40er / 50er Jahren) in einer Druckerei arbeitete. Man
sieht Masha durch den strömenden Regen zur Druckerei laufen. Sie hat Angst,
einen peinlichen Fehler in einem Manuskript übersehen zu haben. Alles hängt
davon ab, ob schon gedruckt wurde oder Masha den Fehler noch korrigieren kann.
Sie hat Glück, der Ökonomie der Zeit gerecht geworden zu sein.
"Lebt
im Haus, und das Haus wird
nicht
einstürzen. Ich werde euch
jedes
beliebige Jahrhundert her-
beirufen,
werde hineingehen und
in
ihm ein Haus bauen. Darum sind
eure
Kinder bei mir und eure Frauen
an
einem Tisch. Und es ist ein Tisch
für
Urgroßvater und Enkel.
Die
Zukunft geschieht jetzt." (1)
Man
könnte auch sagen: Tarkowskij kontrastiert seine eigene Subjektivität
mit dem ökonomischen Zeitbegriff. Schon anfangs des Films beklagt sich
der nach dem Weg fragende Arzt über die ständige Hast, der die Menschen
unterlägen und die ihnen jede Zeit zum Nachdenken nehme. Aleksej steht
genau vor diesem Problem: Historische Ereignisse und "die Hast" nehmen
ihm die Möglichkeit, sich selbst zu verorten. Tarkowskij montiert diese
Erinnerungsfelder - wie auch in seinen anderen Filmen - mit der Metaphorik der
Natur. Feuer und Wasser, Wind und die Natur werden in die Szenen eingewoben
- sozusagen als kontrapunktische "Gegenspieler" menschlicher Ökonomie:
der brennende Heuschober, der Regen, durch den Masha rennt. In einerTraumsequenz
- wunderschön inszeniert - sieht man Masha, die ihre langen Haare in eine
Schüssel mit Wasser taucht, dann langsam die Haare aus der Schüssel
zieht. Überall scheint plötzlich Wasser, das von der Decke fließt
und den Putz ablöst. Alles scheint in Auflösung.
Das
Assoziative dieses Fließenden korrespondiert mit der subjektiven Zeit
und dem Erinnern. Man könnte auch sagen: Aleksejs Versuch, sich selber
habhaft zu werden, entspricht dem Bedürfnis, abseits des herrschenden,
des aufoktroyierten Zeitverständnisses eine Einheit mit einer, in gewisser
Weise religiös, zumindest aber transzendent verstandenen Natur zustande
zu bringen. Es mag sein, dass er darin scheitert, scheitern muss. Aber Tarkowskij
wäre nicht Tarkowskij, wenn er Antworten geben würde statt Fragen
zu stellen.
Gerade
der Kontrast der Erinnerungen Aleksejs an seine Kindheit und Jugend zu den Erinnerungsfetzen
an historische Ereignisse - Montagen, die ihm von den Kreml-Führern den
Vorwurf des "Subjektivismus" (ein "beliebter" Verdacht gegen
Unliebsame in realsozialistischen Ländern) eingetragen haben - verdeutlichen
die Intention des Films fast am besten. Man sieht etwa Soldaten im Winter, die
durch Eis und Schnee, Wasser und Matsch sich mühsam auf den Weg machen,
schweres Gerät tragend, und hört dazu die hier teilweise zitierten
(im russischen Originalton von Tarkowskijs Vater selbst gesprochenen) Verse
von Arseni Tarkowskij. In einer anderen Szene sieht man Tausende von Menschen,
die die "Mao-Bibel" vor den Bildern des "Großen Vorsitzenden"
nach oben halten und Parolen rufen. All deren Zeit, Subjektivität, Bewusstsein
scheint fast vollständig fremdbestimmt. Sie werden getrieben und lassen
sich treiben. Aleksejs Erinnerungen sind auch davon nicht frei, aber die Montage
seiner Erinnerungen verdeutlicht letztendlich, dass in einem Menschen ein gewisses
Maß an Eigenhaben vorhanden ist, das ihn gegen eine vollständige
Fremdbestimmung immun macht.
Über
die stark autobiografischen Züge in "Der Spiegel" hinaus bringt
Tarkowskij zum Ausdruck, wie schwierig die Verortung des eigenen Ich in einer
Welt geworden ist, in der eine sich selbst nicht mehr hinterfragende "Kultur"
"Natur" derart überlagert hat, dass selbst der Spiegel als Symbol
des Sich-selbst-Spiegelns, der Reflexion, der Vergewisserung über sich
selbst untauglich geworden zu sein scheint. Wie weit bestimmt uns unsere eigene
Vergangenheit? Sind wir an einem bestimmten Punkt ihr Gefangener? Inwieweit
können wir das "Jetzt" überhaupt bestimmen, beeinflussen?
Was sind wir selbst? Sind wir "nur" Erinnerung? Was macht unsere Subjektivität
aus - und unser "Jetzt"?
•
D V D •
Sprache:
Deutsch (Dolby Digital 1.0)
Bildformat:
4:3
Dolby,
HiFi Sound, PAL
DVD
Erscheinungstermin: 6. April 2004
Auch
dieser Film wurde von Icestorm Entertainment in der dortigen Reihe "Russische
Klassiker" (neben Tarkowskijs Filmen "Solaris",
"Andrej
Rubljow",
"Iwans Kindheit" und "Der
Stalker")
editiert und zeichnet sich durch exzellente Bild- und Tonqualität aus.
Die DVD ist u.a. für € 19,99 bei amazon bzw. € 14,99 bei jpc erhältlich.
Gleichzeitig kann sie als Teil der Tarkowskij DVD-Collection erworben werden
(amazon € 67,99, jpc € 59,99).
Neben
Biografie und Filmografie auf Texttafeln und einer Bilder-Galerie enthält
die DVD ein von Walera Kanitscheff und Veronika Kzuhlova in einer Winterlandschaft
vorgetragenes Gedicht von Arseni Tarkowskij "Alles ist unsterblich"
(6.43 min.), aus dem hier stellenweise zitiert wurde.
Wertung
Film: 10 von 10 Punkten.
Prädikat:
Besonders wertvoll.
Wertung
DVD: 10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei: http://www.follow-me-now.de
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Texte
(1)
Arseni Tarkowskij: "Alles ist unsterblich" (Auszüge).
Der
Spiegel
(Zerkalo)
Sowjetunion
1975, 108 Minuten (DVD: 102 Minuten)
Regie:
Andrej Tarkowskij
Drehbuch:
Alexander Mischarin, Andrej Tarkowskij
Musik:
Eduard Artemjew; zusätzlich: Johann Sebastian Bach, Giovanni Battista Pergolesi,
Henry Purcell
Kamera:
Georgij Rerberg
Schnitt:
Ludmilla Fejginowa
Produktionsdesign:
Nikolaj Dwigubski
Darsteller:
Margarita Terechowa (Masha / Natalia), Ignat Danilzew (Ignat / Aljoscha, Aleksej),
Larisa Tarkowskaja (Nadeshda), Alla Demidowa (Lisa, Freundin Mashas), Anatoli
Solonizyn (Arzt / Fußgänger), Tamara Ogorodnikowa (Nanny / Nachbarin
/ seltsame Frau am Tisch), Jurij Nasarow (Ausbilder beim Militär), Oleg
Jankowski (Vater), Filip Jankowski (Aleksej, fünf Jahre alt),
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0072443
zur
startseite
zum
archiv