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Die
Spielwütigen
Black Box Probebühne
Tränen fließen im Dozentenzimmer.
Für eine Handvoll Auserwählte endet die Aufnahmeprüfung glücklich.
Die „Ernst Busch“-Schauspielschule in Berlin rühmt sich, die beste im Land
zu sein. Wer alle Prüfungshürden geschafft hat, weint erstmal oder
stößt Jubelschreie aus. Nur Constanze reißt es nicht vom Stuhl.
Wahrscheinlich spürt sie schon, wie hart sie sein werden - die Bretter,
die ihr alles bedeuten. Neben Constanze Becker sind es Prodromos Antoniades,
Karina Plachetka und Stephanie Stremler, die Andres Veiel über einen Zeitraum
von fünf Jahren mit der Kamera begleitet hat. Inzwischen spielen alle vier
an renommierten deutschen Bühnen.
„Die Spielwütigen“ gehört
eigentlich zur Kategorie Dokumentarfilm, obwohl der Film auch Drama, Komödie,
Krimi ist. Dazu leistet der Film Aufklärungsarbeit, indem er einen Kontrapunkt
setzt zu den grassierenden Talentschnuppen-Fernsehshows. Nicht mit einem Fingerschnips,
sondern nach Plackereien ohne Ende schaffen es "Die Spielwütigen",
auch nur in Reichweite des Erfolgs zu kommen.
Ich treffe Andres Veiel in den
Hackeschen Höfen. Er ist Anfang Vierzig, ein sympathischer und doch zurückhaltender
Mann, dem man seine Stuttgarter Herkunft anmerkt. Wenn er über die "Ernst
Busch" redet, wird er allerdings deutlich: „Für die Vier war diese
Zeit eine Achterbahnfahrt zwischen höchster Euphorie und tiefster Depression“,
sagt Veiel und erklärt damit die Intensität, die noch auf der Leinwand
vibriert. „Das Infragestellen ist an einer Schauspielschule wie der "Ernst
Busch" Programm. Es heißt: Du gehst falsch, Du atmest falsch, Du
denkst falsch. Das muss in die Existenzkrise führen". Jeder der Protagonisten
ist irgendwann im Film ganz unten. Zum Beispiel Constanze. Erst geht ihr alles
zu leicht, später bleibt ihr in manch anstrengender Probe die Luft weg.
Karina hadert mit ihrer Einsamkeit. Und die blonde Stephanie scheint die Aufs
und Abs gepachtet zu haben. Sie schafft die Aufnahmeprüfung erst ein Jahr
später als die anderen, später geht ihr Knie kaputt. Prodromos kriegt
ein Fähnchen. Diese anstaltstypischen Minuszeichen bedeuten die mittlere
Katastrophe, denn schon mit drei Fähnchen fliegt ein Schüler raus.
Und so bläht Prodromos seine Babyspeckbacken zum Gegenangriff: „Hier geht´s
darum uns zu brechen“, zischt er einen Ausbilder im Film an. Irgendwann bekommt
Prodromos doch Oberwasser, aber Andres Veiel hat sich oft überlegt, was
ohne "Schauspielschule" aus Prodromos geworden wäre. Der Filmemacher
denkt im selben Atemzug an Wolfgang Grams, den er in seiner gefeierten Doku
„Black Box BRD“ portraitiert hat. Grams wollte Schauspieler werden, bevor er sich für die RAF entschied.
In der Ausbildung setzt sich Prodromos,
der Sohn griechischer Auswanderer, mit Trotzreaktionen zur Wehr. Ähnlich
wissen sich Constanze, Karina und Stephanie zu schützen. Andres Veiel erzählt
aber, dass ehemalige Schauspielschüler auch schon in der Psychiatrie gelandet
sind statt im Staatstheater. Das sind die dunklen Seiten des Berufs. Im Schulgebäude
in der Schnellerstraße 104 scheint auch nicht immer die Sonne. „Ich trat
zum ersten Mal in die „Ernst Busch“ ein und dachte, hier ist die DDR noch anwesend“,
sagt Veiel, „Nicht nur wegen des Lehrerkollegiums. Es riecht dort einfach noch
nach diesen alten Zeiten.“
Stephanie Stremler, die Robuste,
lässt sich am wenigsten ins Bockshorn jagen. Nicht nur, dass sie nach ihrer
ersten „Ernst-Busch“-Absage mit fröhlichem Augenaufschlag der Kamera anvertraut,
sie peile den Rekord im bundesweiten Vorsprechen an - „Warum nicht hundert Mal?“.
Die blonde Stephanie ist es auch, die der Mühle zwischen Fechtübungen
und Rollenpauken zumindest psychisch entkommt, indem sie sich unsterblich verliebt
und heiratet. Und später trotzdem ein Engagement am Staatstheater Kassel
bekommt. Kunst ist nicht alles.
Um sein Protagonisten-Quartett
zusammenzustellen, musste Veiel in einem aufwändigen Castingprozess „Spielwütige“
testen, die eine Aufnahmeprüfung wirklich bestehen würden. Anfangs
zeigt der Film, wie die Vier ihren Eltern vorbereitete Parts vorspielen. Gretchen,
Travis Bickle aus „Taxi Driver“ oder einen Kabarett-Song. „Kind,“ gibt eine
Mutter zu bedenken, „willst Du nicht lieber doch Journalistin werden?“ Eine
andere Mutter ist da lockerer: „Beim Finanzamt gibt´s das auch, das der
Chef mit seiner Angestellten ins Bett will.“ Dann strahlt sie über ihre
Tochter.
Andres Veiel hat selbst einen
Sohn. Noch gehen sie zusammen rodeln. Was passiert, wenn der eines Tages zur
Schauspielschule will? „Ich würde ihm den Film zeigen. Weil er beides zeigt:
die Demütigungen und die Belohnungen." Dann, nach einigem Zögern:
"Entscheiden müsste er.“
Jens Hinrichsen
Dieser
Text ist zuerst erschienen am 11. Februar 2004 in der: „Braunschweiger Zeitung“
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Die
Spielwütigen
Deutschland
2003 - Regie: Andres Veiel - Darsteller: Constanze Becker, Karina Plachetka,
Stephanie Stremler, Prodromos Antoniadis, Jochen Becker, Jutta von Zitzewitz,
Ilse Plachetka, Helmut Plachetka - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge:
108 min. - Start: 3.6.2004
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