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Die
Spitzenklöpplerin
Abseits
...
"Er
ist an ihr vorbeigegangen,
knapp
an ihr vorbei, ohne sie
zu
sehen, weil sie eine dieser
Seelen
war, die man geduldig
befragen
muss, die man betrachten
können
muss. Ein Maler hätte
früher
damit ein Genrebild gemacht.
Er
hätte sie als Wäscherin
dargestellt,
als Wasserträgerin,
oder
Spitzenklöpplerin."
Paris.
Ein Friseursalon. Lauter nette Damen unter der Haube, die viel reden und wenig
sagen. Daneben Marylène (Florence Giorgetti), eine der Friseusen, und
Beatrice (Isabelle Huppert), die es lernen will, wie man die Damen unter der
Haube zufriedenstellt. Beatrice, die alle Pomme nennen, ist klein, ein bisschen,
aber wirklich nur ein zartes bisschen pummelig, so, dass man es kaum wahrnimmt.
Pomme ist gerade einmal 18 Jahre alt. Ihre eigene Frisur ist nicht gerade der
letzte Schrei. Das Haar fällt ihr in die Stirn - gerade noch kann man ihre
Augen sehen. Ihre Sommersprossen überdecken das ganze Gesicht. Pomme ist
das, was man einen unscheinbaren Menschen nennen könnte. Sie ist ruhig,
spricht von sich aus kaum etwas, es sei denn sie wird angesprochen. Pomme hat
eigentlich nur Kontakt zu ihrer Mutter (Annemarie Düringer) und zu Marylène
- eine lockere Freundschaft könnte man das nennen.
Als
sich Marylènes Freund am Telefon von einer Sekunde auf die andere von
ihr trennt, ist sie enttäuscht, wütend, zutiefst verletzt. Sie muss
raus aus Paris, aber nicht allein. Pomme und Marylène fahren ein paar
Tage in die Ferien - nach Cabourg in der Normandie, einem jener Feriendomizile,
die im Hochsommer völlig überlaufen sind, ein Ort, in dem noch ein
bisschen erhalten ist von der Atmosphäre des 19. Jahrhunderts: ein Strandhotel
aus dieser Zeit zeugt davon ebenso wie das Casino. Marcel Proust hat hier gewohnt.
Blumenparks, ein Golfplatz und eine einladende Strandpromenade locken die Gäste
ins Freie. Das Meer bietet sich in mattgrüner Farbe dar, als die beiden
Frauen in Cabourg ankommen. Der Himmel ist grau. Es ist regnerisch. Nur die
Autos, eine Disco und einige wenige andere Neubauten zeugen davon, dass man
sich inzwischen im 20. Jahrhundert befindet - und die vielen Familien, die Kinder,
die am nächsten Tag, an dem die Sonne wieder scheint, den Strand bevölkern.
Claude
Goretta und Jean Boffety verstehen es, diese Atmosphäre in eindrucksvollen
Bildern einzufangen, vor allem aber, die Geschichte von Pomme in diese Bilder
in einer Weise einzubetten, wie es besser kaum geht. Pomme, die stille Pomme,
die nie etwas fordert, nie von sich aus Ansprüche stellt, die zufrieden
und unzufrieden zugleich erscheint, die sich vielleicht langweilt, vielleicht
auch nicht, geht durch Cabourg, isst Eis im Café, wird von niemandem
beachtet, geht an den Strand und kehrt gleich wieder um, weil zu viele Menschen
dort ihrem Badevergnügen nachgehen. Still isst sie ihr Eis in einem dieser
Cafés, und still setzt sich ein junger Mann neben sie und bestellt eine
Cola. Es ist François (Yves Beneyton), ein Philosophiestudent aus Paris,
der versucht, mit Pomme ein Gespräch anzufangen. Er erzählt ihr, dass
er schon sehr oft in Cabourg ein paar Tage Urlaub verbracht habe. Er scheint
gelangweilt, vielleicht ein wenig bedrückt. Pomme spricht kaum ein Wort.
Man verabschiedet sich.
Kurze
Zeit später sieht François Pomme auf der Strandpromenade wieder,
stoppt sie. Die beiden gehen am Strand spazieren. Es ist vor allem François,
der redet. Man sitzt in Pommes Hotelzimmer, François ist kein Draufgänger,
keiner, der nach einem kurzen Abenteuer sucht. Er ist vorsichtig, ja behutsam,
versucht immer wieder, mit Pomme zu sprechen. Aber meist spricht er nur über
sich selbst. Eine vorsichtige Annäherung, kaum merklich bei Pomme, nur
in ihren Augen sichtbar, beginnt. Alles scheint den gewohnten Gang zweier Verliebter
zu gehen. Die beiden schlafen miteinander, François besucht Pommes Mutter,
Pomme wird François Eltern vorgestellt, die Mutter ist distanziert, der
Vater scheint die junge Frau zu mögen. Schließlich ziehen die beiden
in Paris zusammen. Ein Liebespaar?!
Und
dann, nach einigen flüchtigen Anzeichen, nach einigen Wochen, trennt sich
François von Pomme. "Ich werde nie dahinter kommen, was du denkst",
sagt François. "Ich habe wirklich geglaubt, du würdest dich
ändern", meint er. "Ich weiß nicht, ob du glücklich
bist oder nicht", konstatiert er. Pomme schweigt. Pomme geht. Es scheint,
dass die sozialen Differenzen zwischen den beiden zu groß wären,
als dass aus ihnen ein Paar werden könnte.
Doch
dieser Schein von der Unverträglichkeit zwischen Friseuse und Philosoph
trügt. Claude Goretta zeigt etwas anderes. Er ergreift Partei - für
Menschen wie Beatrice, die ihre Gefühle zumeist nicht verbalisieren können,
die nichts zu fordern, die keine Ansprüche zu haben, die fast völlig
in sich gekehrt scheinen und in denen nichts Verborgenes auf Entdeckung zu warten
scheint. Als sich François von ihr trennt, muss Pomme kotzen; sie malt
sich im Friseursalon an, bricht auf der Straße zusammen. Die Ohnmacht
aber ist bei Pomme nicht nur eine äußere Reaktion - sie ist innere
"Einstellung". Pomme kann nicht einmal ihre Verzweiflung äußern.
Sie kehrt auch sie nach innen und landet für Monate in der Psychiatrie.
Diese
tragische Liebesgeschichte ist nicht nur für Pomme tragisch, auch für
François. Er erkennt, dass er nichts erkannt hat. Er bekommt eine Ahnung
davon, dass der Vorwurf Mariannes, einer Studienkollegin, richtig ist, dass
er nicht einmal versucht hat, Pomme zu verstehen.
Isabelle
Hupperts Pomme sitzt in der letzten Einstellung des Films vor einem Plakat mit
dem Bild einer griechischen Insel. Sie hat ihre Hände in den Schoß
gelegt. Die Kamera fährt auf sie zu, und dann schaut Pomme etliche Sekunden
direkt in die Kamera. Es ist dieser Blick, den glaube ich - schon damals - nur
die Huppert zustande bringt, dieser Blick, der mehr sagt, als jedes Wort es
auszudrücken vermag, der die Geschichte der Pomme wie in einem Konzentrat
auf den Punkt bringt. Es ist kein hilfloser Blick, keiner, der um Hilfe schreit,
und doch ist es der Blick einer Ertrinkenden, einer, die ertrinken würde,
ohne um Hilfe zu schreien, einer, die in ihrem jungen Leben niemanden kennt,
der sie auch nur zu verstehen versucht hat. Die Reaktion Pommes auf diese Erfahrung
erschließt sich logisch. Phantasie ersetzt eine Realität, in der
sie niemand wirklich: sieht! Sie erzählt, fast ein wenig apathisch, François,
der sie nach Monaten in der Psychiatrie besucht, sie sei inzwischen auf einer
griechischen Insel gewesen. Das Plakat wird zu ihrer Realität.
Goretta
zeigt aber in dem Schicksal von Pomme auch eine Art "Zug der Zeit".
François gehört zu einer Gruppe von Studierenden, die - damals en
vogue - viel von Marxismus reden, aber selbst wenig verstehen. Der "blanke"
Verstand bemächtigt sich der Realität, wo die Fähigkeit, sich
einem außergewöhnlichen, das bedeutet: der nackten Gewohnheit, der
gesetzten Normalität sich entziehenden, außer ihr stehenden Menschen
emotional zu widmen (im wahrsten Sinn des Wortes) gefragt wäre, ja bitter
nötig wäre. Einzig Marianne scheint erkannt zu haben, dass man mit
Menschen wie Pomme anders umgehen muss. Denn in dieser Pomme, dieser von Isabelle
Huppert so grandios gespielten jungen Frau, steckt mehr Leben, mehr als in manch
anderem.
Diese
gesetzte Normalität desintegriert Menschen wie Pomme. Die Psychiatrie ist
die äußere Bestätigung dieser Desintegration. Die nackte Gewohnheit
erlaubt nur Menschen, die über ihre Gefühle sprechen können,
die sagen, was sie wollen, die selbstbewusst sein sollen, die fordern, die Ansprüche
stellen, die sich wehren, die desto besser sind, je mehr sozialen Kontakt sie
haben - und so weiter und so fort. Pomme kann diese Normalität nicht erfüllen.
Sie ist anders und sie will anders entdeckt werden, ohne es formulieren zu können.
Sie muss anders gesehen werden, der Blick muss sich verändern, der Blick
in ihr Inneres, der Blick auf sie. François ist der erste Mensch, von
dem Pomme annimmt, er ergründe sie; er ist der erste Mann in Pommes Leben,
ihr erster Liebhaber. Umso tiefer fällt sie, als sich alles als Trug, als
Unfähigkeit herausstellt.
"La
Dentellière" ist einer jener leider fast vergessenen Meisterwerke
der Filmgeschichte, die es wert wären, wieder öfter gezeigt zu werden.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Prädikat:
Besonders wertvoll.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
Zu
diesem Film gibt’s im archiv
mehrere Texte
Die
Spitzenklöpplerin
(La
Dentellière)
Frankreich
(Schweiz, Deutschland) 1977
Regie:
Claude Goretta
Drehbuch:
Claude Goretta, Pascal Lainé, nach dessen gleichnamigen Roman
Musik:
Pierre Jansen
Kamera:
Jean Boffety
Schnitt:
Joëlle van Effenterre
Produktionsdesign:
Claude Chevant, Serge Etter
Darsteller:
Isabelle Huppert (Beatrice, genannt Pomme), Yves Beneyton (François),
Florence Giorgetti (Marylène), Annemarie Düringer (Pommes Mutter),
Renate Schroeter (Marianne), Monique Chaumette (François Mutter), Jean
Obé (François Vater), Christian Baltauss (Gérard)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0075932
©
Ulrich Behrens 2005
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