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Spur
der Steine
Sieben Zimmerleute
proben die Anarchie
Vitales Meisterwerk Über Partei und Planwirtschaft
Filme haben ihre Schicksale, zumal dann, wenn sie
in der DDR 1965/ 88 entstanden und der Zensur durch das SED-Politbüro zum
Opfer fielen. Ihr Schicksal lagert sich im Material der erzählten Geschichten
ab und schreibt ihnen neue Bedeutungen ein; „lesbar" werden sie jetzt auch
als Dokumente einer außerfilmischen Wirklichkeit, die brutale Rache nahm
und gerade damit eine im Film verborgene, in seiner Geschichte noch unentfaltete
Wahrheit bestätigte. So können Filme, ihren Zensoren und 25jähriger
Verbannung trotzend, „reicher" werden. Zu ihnen gehört Frank Beyers
nach einem Roman von Erik Neutsch gedrehter Film „Spur der Steine" aus
der DEFA-Produktion des Jahres 1966.
Da ist zunächst die Geschichte selbst, wie sie
sich vor etwa 30 Jahren in der fernen DDR ereignet haben könnte, von Frank
Beyer mit Verve erzählt und mühelos entzifferbar auch für uns
Heutige, die wir nie auf einer Großbaustelle Schkona malocht, nie den
Druck „sozialistischer Arbeitsmoral" oder der Allgegenwärtigkeit der
Partei am Arbeitsplatz kennengelernt haben. In Schkona herrscht ein rauhes Klima
- und ständig dicke Luft, weil ein unfähiger Bauleiter ängstlich
zwischen Planziffern und Materialmangel laviert und eine disziplinlose Zimmermannsbrigade
unter ihrem Wortführer Hannes Balla (Manfred Krug) vergeblich in Schach
zu halten versucht.
Die sieben „Ballas", entschlossen, ihre männlichen
Machtphantasien auszuleben, arbeiten wie die Pferde, vermeiden keine Keilerei
und nehmen jede Gelegenheit wahr, um die Parteibeamten vor den Kopf zu stoßen.
Fehlendes Baumaterial organisieren sie sich auf eigene Faust, und im nahegelegenen
Stadtzentrum springen sie auch mal nackt in ein den Enten vorbehaltenes Wasserbecken.
Kurzum, die „Ballas" produzieren, mitten in der preußisch-grauen,
humorlosen, der sozialistischen Askese ergebenen DDR lebensfroh-barockes Imponiergehabe;
sie sind mit der Anarchie im Bunde und spucken auf die Planwirtschaft. Zwei
„Neue" betreten die bewegte Szenerie - und mit ihnen beginnen die Probleme;
chronische Defekte wie Schlamperei in der Produktion und Opportunismus in der
Politik werden akut.
Die junge, auffallend hübsche Ingenieurin Kati
Klee (Krystyna Stypulskowska) bringt alle Anlagen mit, um sich in dieser Männerwelt
durchzusetzen. Selbst Balla nötigt sie Achtung ab, und mit ihm und dem
neuen Parteisekretär Horrath (Eberhard Esche) könnte sie ein Fähnlein
der Aufrechten gegen Produktionsleerlauf und politische Verlogenheit bilden
- wenn die drei nicht Menschen und zwischen ihnen die Risiken der Liebe wären.
Zwar gelingt es dem klugen, mit Widersprüchen
und Selbstzweifeln vertrauten Horrath, das Vertrauen des widerstrebenden Balla
zu gewinnen, und gegen seinen eigenen rebellierenden Haufen stimmt der Brigadeführer
sogar der Einführung des umstrittenen Drei-Schichten-Systems zu. Indes
- Kati Klee und der verheiratete Horrath verlieben sich ineinander; ratlos gegenüber
seinem eigenen inneren Zwiespalt verstößt der Parteisekretär
gegen eben jene „sozialistische Moral", die er als leuchtendes Vorbild
zu vertreten hat.
Von hier an wird Beyers Film zum Drama eines schwachen
Parteikaders und seiner starken Geliebten: selbst als sie nicht mehr verbergen
kann, daß sie schwanger geworden ist, verweigert Kati gegenüber den
Parteischnüfflern jede Auskunft über den Vater. Horrath selbst muß
diese hochnotpeinliche Untersuchung leiten - und verstrickt sich hoffnungslos.
Nur Balla, der selbst ein Auge auf Kati geworfen hat, kommt dem Verhältnis
auf die Spur, er entwickelt für Horraths prekäre Lage solidarisches
Verständnis, und der entnervten Kati gegenüber zeigt er eine unvermutet
fürsorgliche Sensibilität.
Frank Beyers Film gehört zu jenen zwölf
Defa-Produktionen, die Mitte der 60er Jahre die SED-Forderung nach „freimütiger
Kritik" an den Hemmnissen auf dem Weg um Sozialismus beim Wort nahmen und
prompt vom stalinistischen Bannstrahl der Parteiführung ereilt wurden.
„Spur der Steine" erlebte einige Aufführungen und eine vielversprechende
Publikumsresonanz; dann sorgten planmäßig gesteuerte Störaktionen
in den Kinos dafür, daß sämtliche Kopien im Archiv verschwanden.
Dieser Film decouvriert die Rede von der „allseitig entfalteten sozialistischen
Persönlichkeit" als Lüge und beleuchtet den gesellschaftlichen
Prozeß, der Menschen zu Funktionsträgern umgebogen und persönliche
Entfaltung ins Gegenteil, in Regression und psychische Verarmung pervertiert
hat.
Erstaunlich, wie versiert Beyer die Bauformen des
klassischen Gerichtsfilms handhabt, die Geschichte aus Rückblenden zusammensetzt
und das Parteiverfahren, das dem Film zu seinem Gerüst verhilft, als ein
kompliziertes Netz von Schuldverstrickung organisiert. Ganz nebenbei, doch stilsicher
in der Handschrift des schwarzweißen Breitwandkinos huldigt Beyer dem
Western und seinen Mythen: Schkona könnte beinahe ein verlassenes Nest
in Texas sein. „Spur der Steine" ist großes Kino - und ein Schlüssel
zum besseren Verständnis eines Systems, das mit jeder seiner Maßnahmen
den Zusammenbruch seiner eigenen Ideologie betrieb.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist zuerst
erschienen im: Kölner Stadtanzeiger vom 12./13. 5. 1990
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Spur der Steine
DDR 1966
Start: 10.09.1990 (BRD)
Laufzeit:129 min.
Drehbuch: Frank Beyer, Karl-Georg Egel, nach dem Roman
von Erik Neutsch
Regie: Frank Beyer
Darsteller: Manfred Krug, Krystyna Stypulkowska, Eberhard
Esche, Johannes Wieke, Walter Richter-Reinick, Hans-Peter Minetti, Walter Jupé,
Ingeborg Schumacher, Gertrud Brendler , Helga Göring, Erich Mirek, Karl
Brenk, Helmut Schreiber, Fred Ludwig, Hans-Peter Reinicke, Detlef Eisner
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