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Die
Spur des Fremden
Die
Falle schnappt zu
Orson
Welles, der mit "Citizen
Kane"
fünf Jahre zuvor einen der besten Filme aller Zeiten inszeniert hatte,
drehte diesen "sanften" film noir "The Stranger" um die
Verfolgung eines NS-Verbrechers ein Jahr nach Kriegsende vor aktuellem Hintergrund.
In Nürnberg war der Internationale Militärgerichtshof dabei, die noch
lebenden Hauptschuldigen der NS-Verbrechen anzuklagen und zu verurteilen. Etliche
weniger bekannte NS-Verbrecher hatten sich dem Zugriff der Alliierten durch
Flucht ins Ausland, vor allem nach Südamerika, entzogen, wo sie unter falscher
Identität hofften, ein neues Leben zu beginnen und ihrer Verurteilung zu
entgehen. Andere Spezialisten des NS-Regimes wie der Raketenforscher Wernher
von Braun, der 1943 die "Vergeltungswaffe 2", kurz V2, entwickelt
hatte (mit 12.000 dieser Raketen wurden 1944 die Niederlande, Belgien und London
beschossen), hatten sich den Amerikanern gestellt und wurden später zu
den Protagonisten der US-Raumfahrt. Erst 2004 wurde durch die "Nazi War
Crimes and Japanese Imperial Government Records Interagency Working Group"
in den USA das Ausmaß der Aufnahme von Nationalsozialisten in die CIA
und andere Regierungsbehörden nach 1945 im Zusammenhang mit dem beginnenden
"Kalten Krieg" bekannt (man hoffte in der CIA auf Kenntnisse der Nazis
über die Sowjetunion usw.). Auch fünf Mitarbeiter des später
in Israel zum Tode verurteilten NS-Kriegsverbrechers Adolf Eichmann hatten für
die CIA gearbeitet (1).
Von
alldem war 1946 so gut wie nichts bekannt. Und so ist "The Stranger"
einer jener Filme, deren Macher es für selbstverständlich hielten,
vor den Gefahren untergetauchter Nazis und Kriegsverbrecher zu warnen und die
Notwendigkeit der gesamten Gesellschaft aufzuzeigen, solche NS-Verbrecher dingfest
zu machen und vor Gericht zu stellen.
•
I N H A L T •
Es
ist Frieden. Erst recht in der kleinen amerikanischen Stadt Harper im mittleren
Westen, die wie das Land insgesamt von den Gräueln des zweiten Weltkrieges
verschont worden war. Europa ist weit entfernt, und in Harper scheint alles
zum Besten zu stehen. Die Tochter des örtlichen Richters Longstreet (Philip
Merivale), Mary (Loretta Young), will den Lehrer Prof. Charles Rankin (Orson
Welles), einen im Ort beliebten Mann, heiraten, dessen Hobby alte Uhren sind
(Rankin will für die Gemeinde auch die Kirchturmsuhr wieder in Gang setzen).
Die neuesten Neuigkeiten erfahren die Einwohner im Laden des zumeist gut gelaunten
Mr. Potter (Billy House) beim Dame-Spiel - bis, ja bis eines Tages ein Unbekannter
in Harper eintrifft, der seinen Koffer bei Mr. Potter zur Aufbewahrung gibt,
im Telefonbuch eine Nummer sucht und wieder verschwindet. Auch das wäre
nicht weiter erwähnenswert, wenn dieser Unbekannte nicht plötzlich
verschwunden wäre, nachdem er kurz zuvor bei Mary nach deren Verlobten
gefragt hatte.
Der
Unbekannte, ein gewisser Konrad Meinike (Konstantin Shayne), passt Prof. Rankin
ab. Die beiden kennen sich. Kurze Zeit später ist Meinike tot und im Park
des Ortes vergraben.
Noch
ein merkwürdiger, aber sehr freundlicher Herr taucht in der Kleinstadt
auf - ein gewisser Wilson (Edward G. Robinson), ein Mann, der es offenbar gelernt
hat, Leute auszufragen, ohne dass die es merken. Kurz zuvor war Wilson in einer
Sporthalle niedergeschlagen worden - von wem, weiß er nicht. Wilson befragt
alle, auch Marys Bruder Noah (Richard Long), der seinen Schwager in spe nicht
besonders mag, und den Richter. Wilson gibt sich als Antiquitätenhändler
aus. Als er von Richter Longstreet zum Essen eingeladen wird, philosophiert
Rankin über die Mentalität der Deutschen. Er glaube nicht daran, dass
man dieses Volk demokratisieren könne; eher solle man es vernichten. Alle
sind für einen Moment entsetzt über diesen Satz. Dann entgegnet Noah
ihm, schließlich hätten die Deutschen nicht nur Verbrecher hervorgebracht,
sondern z.B. auch Karl Marx.
Man
verabschiedet sich. Doch dann fällt Wilson eine Bemerkungen Rankins ein,
mit der er Noah geantwortet hatte: Marx sei kein Deutscher, sondern ein Jude
gewesen ...
•
I N S Z E N I E R U N G •
Schon
bald ist klar, dass Wilson im Auftrag einer alliierten Kommission einen NS-Verbrecher
namens Franz Kindler sucht. Und ebenso bald ist klar, dass es sich bei Prof.
Rankin um die gesuchte Person handelt. Die Kommission hatte auf Anraten Wilsons
Kindlers Ex-Mitarbeiter in einem KZ, Meinike, laufen lassen, damit dieser Wilson
zu Kindler führt.
Der
Film selbst gewinnt seine Spannung also nicht aus der Frage nach dem großen
Unbekannten, sondern daraus, dass allmählich immer mehr Personen deutlich
wird, wer Rankin wirklich ist - bis hin zu seiner Frau Mary, die er an dem Tag
heiratete, an dem er Meinike ermordet und vergraben hat. Zum anderen zeigt Welles,
der die Hauptrolle des Bösewichts in überragender Weise selbst spielt,
wie Rankin immer wieder auf's Neue versuchen muss, seine Identität zu verbergen
- insbesondere durch mehr oder weniger intelligente Lügengeschichten gegenüber
Mary. Dieser kommt an einem bestimmten Punkt der Geschehnisse eine Schlüsselrolle
zu, die sie in einen starken, kaum auszuhaltenden emotionalen Konflikt bringt:
Sie ist die einzige, die bezeugen kann, dass Meinike nach Rankin gefragt hat.
Von ihr hängt ab, ob Wilson Kindler überführen kann. Zugleich
aber bedeutet dies, dass für Mary die Hoffnung auf ein glückliches
Leben mit Rankin zusammenbricht. Sie versucht sich, durch Ableugnen der Tatsachen
vor der bitteren Wahrheit zu schützen. Sie will in Rankin nicht den sehen,
der er ist.
Der
Titel des Films "The Stranger" ist mehrdeutig: Zwei Fremde kommen
in die Stadt, Meinike und Wilson, aber in der Stadt befindet sich auch ein Fremder,
Rankin, über dessen wahre Identität nur niemand Bescheid wusste.
"The
Stranger" gehört zu jenen Filmen, in denen der Bösewicht (von
Anbeginn an bekannt) immer weiter in die Enge getrieben wird. Welles spickt
die Geschichte mit einigen durchaus unheimlichen und spannenden film-noir-Szenen
- auch die Schlussszene gehört hierhin -, aber insgesamt fällt "The
Stranger" hinter viele andere Filme des Meisterregisseurs eben doch zurück,
vor allem weil die politische Brisanz des Themas selbst im Film nur am Rande
zum Ausdruck kommt. "The Stranger" bleibt vor allem Krimi. Auch die
Zuspitzung auf den emotionalen Konflikt Marys bleibt dramaturgisch etwas mager,
weniger wegen ihrer Rolle als einzige Zeugin (von Kindler existiert kein Foto,
weil er alle Dokumente vor seiner Flucht verbrannt hatte), sondern wegen der
wenig überzeugenden, mir zu theatralischen Performance von Loretta Young.
So
bleibt ein Film, den man einmal gesehen haben sollte.
•
D V D •
Sprachen:
Deutsch (Mono) Englisch (Mono) Französisch (Mono) Spanisch (Mono) Italienisch
(Mono)
Untertitel:
Französisch, Italienisch, Spanisch, Schwedisch, Finnisch, Norwegisch, Dänisch,
Griechisch, Rumänisch, Deutsch, Englisch
Bildformat:
4:3
HiFi
Sound, PAL
DVD
Erscheinungstermin: 10. Februar 2004
Die
von MGM herausgegebene DVD kann in Bild und Ton durchaus überzeugen. Es
empfiehlt sich, die englischsprachige Originalversion anzusehen, bei der die
zumeist düstere Atmosphäre der Geschichte auch in den Dialogen einfach
besser zum Tragen kommt. Zwar kostet die DVD "nur" € 10,99 (amazon
und jpc). Dafür muss man allerdings in Kauf nehmen, dass sich auf ihr kein
Bonusmaterial befindet. Dies ist vor dem historischen Hintergrund des Films
umso ärgerlicher. Gerade die 2004 in vollem Umfang aufgedeckten Fakten
über geflüchtete NS-Verbrecher, von denen etliche Informationen aber
auch schon vor 2004 bekannt waren, aber auch die Umstände, unter denen
der Film selbst entstanden ist, hätten für interessante Dokumentationen
genutzt werden können.
Wertung
Film: 7 von 10 Punkten.
Wertung
DVD: 6 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
(1)
Vgl. dazu u.a.: "Nazi-Kriegsverbrecher wurden von der CIA gedeckt",
unter: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/17/17439/1.html
sowie:
"Thousands of Intelligence Documents Opened under the Nazi War Crimes Disclosure
Act", unter: http://www.archives.gov/media_desk/press_releases/nr04-55.html
und:
"Documents Show U.S. Relationship With Nazis During Cold War", in:
New York Times vom 14.5.2004.
Die
Spur des Fremden
(The
Stranger)
USA
1946, 95 Minuten
Regie:
Orson Welles
Drehbuch:
Anthony Veiller, Victor Trivas
Musik:
Bronislau Kaper
Kamera:
Russell Metty
Schnitt:
Ernest J. Nims
Darsteller:
Edward G. Robinson (Mr. Wilson), Loretta Young (Mary Longstreet), Orson Welles
(Prof. Charles Rankin / Franz Kindler), Philip Merivale (Richter Adam Longstreet),
Richard Long (Noah Longstreet), Konstantin Shayne (Konrad Meinike), Byron Keith
(Dr. Jeffrey Lawrence), Billy House (Mr. Potter), Martha Wentworth (Sara)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0038991
©
Ulrich Behrens 2005
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