Die Erfolgsgeschichte von Robert Rodriguez´ wurde einer jener Legenden der neunziger
Jahre, die man sich an deutschen Filmhochschulen mit leicht masochistischem Unterton
immer wieder gern erzählte. Als Versuchsperson für Pharma-Versuche 7000 Dollar
zusammengekratzt, einen der coolsten Independentfilme weit und breit gedreht, Erfolg in
Hollywood, Zusammenarbeit mit Tarantino, schließlich der beispiellose Höllenritt From
Dusk Till Dawn. Zwei Jahre später erstes Stirnrunzeln bei The Faculty: Ein
High-School-Teenie-Film, zu einer Zeit, als die Welle ihren Höhepunkt schon überschritten
hatte – Senor Rodriguez, wieso haben Sie sowas gemacht? Größer wurde das Befremden
noch, als sich Rodriguez vom Teenager- dem Kinderkino zuwandte und Spy Kids drehte.
Nun, Rodriguez schert sich einen Dreck um die Ansichten seiner Aficionados und
entwickelte sich künstlerisch konsequent weiter, diesmal vom Kinderfilm zum
Kinderfilm-Sequel, womit wir beim Thema wären.
Nun ist ja der Hollywood-Kinderfilm allgemein eins der hassenswertesten
Entertainment-Produkte überhaupt. Zugedröhnt mit Kitsch, Bombast und rasend machender
Hektik weckt er regelmäßig Horrorvisionen über die Zukunft der Kinder, die mit so etwas
ruhiggestellt werden. Schon die Trailer, bevölkert von monströs grinsenden
Showbiz-Kindern, sind meist brechreizerregend.
Hektik und Slapstick hat Spy Kids 2 nun zwar auch zu bieten, doch wo sonst die
Zielgruppe mit Kalkül umzingelt werden soll, da ist hier der Filmemacher selbst Teil der
Zielgruppe. Spy Kids 2 wirkt, als habe ein Achtjähriger sich ihn ausgedacht – und ist
dadurch schlichtweg großartig. Eine wahnwitzige Idee jagt die nächste, es gibt fliegende
Schweine, schwebende Großväter und gleich am Anfang den irrsinnigsten Vergnügungspark
der jüngeren Filmgeschichte. Rodriguez begegnet seinem Publikum auf Augenhöhe, weder
kommt er ihm pädagogisch noch schlägt er ihm mit dem Entertainment-Holzhammer auf den
Kopf. Und dazu ist es keiner jener Filme, die den Kids onkelhaft auf die Schulter klopfen,
gleichzeitig den Eltern kollegial zuzwinkern und auf diese Weise familienkompatibel sein
wollen. Nein, Spy Kids 2 ist trotz gelegentlicher filmhistorischer Verbeugungen so
konsequent kindisch, daß man als Erwachsener viel mehr Spaß hat, als man es durch alle
In-Jokes je haben könnte – es ist, als sähe man einer außer Rand und Band geratenen
Kindergartengruppe beim Abenteuerspiel zu.
Doch Rodriguez hat mit Spy Kids 2 nicht nur den Kinderfilm, sondern auch den
Autorenfilm um ein Meisterwerk bereichert. Wo der klassische Autorenfilmer selbst die Idee
hatte, sie aufschrieb, inszenierte und produzierte, da ist Rodriguez zusätzlich sein eigener
Kameramann, Cutter und Produktionsdesigner, er macht Musik und mischt beim Ton mit
und überwacht die Spezialeffekte. Die Postproduction fand zu großen Teilen zuhause in
seiner Garage statt. Nicht allein, daß damit einer die theorie des auteurs wirklich mal ernst
nimmt, er führt auch all das Gerede von arbeitsteiliger Professionalisierung, das hierzulande
gern mit wichtiger Miene verbreitet wird, grandios ins Abseits. Rodriguez ist als
Kameramann stets auf dem Punkt, als Komponist auch nicht schlechter als der Rest,
hingegen als Cutter inspirierter als neunzig Prozent seiner Kollegen.
Ganz zu schweigen vom Autor und Regisseur. Aber der wurde ja schon weiter oben
erwähnt.
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