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Der
Stachel des Bösen
Ein
anderes „Moskau“
Film
mit Beipackzettel. Der Umgang mit dem Bösen. Wie das Böse sich selbst
richtet. Fabulöser Skorpion, der im Moment größter Gefahr den
giftigen Stachel gegen sich selbst richtet. Das Böse in diesem Film ist
eine Frau, Rose mit Namen (Bette Davis). Rose ist mit Henry (Joseph Cotton)
verheiratet, sie wohnen in einem kleinen Ort vor den Toren Chicagos. Henry ist
Arzt, zuständig für alles und jeden, ein Hausarzt, wie man ihn kaum
noch kennt. Die Leute lieben ihn. Mit dem Geld ist er nicht so streng, die Leute
sind eher arm und können ihn nicht so schnell bezahlen.
Das
wurmt Rose. Sie träumt von ganz anderen Verhältnissen. Aber sie ist
keine Träumerin, Melancholie liegt ihr ganz fern, eher müsste man
sie depressiv nennen. Und gefährlich. Sie kann ihre Träume nicht vergessen,
ein Leben in einer Großstadt, und das Fatale an ihr ist, dass sie der
festen Überzeugung ist, dass ihr dieses andere Leben auch zusteht. Sie
ist klug, attraktiv (ohne schön oder gar bloß hübsch zu sein,
sie hat sogar etwas dezidiert Hässliches im Vergleich zu den gewohnten
Hollywood-Schnepfen), und sie hat die Hosen an, auch wenn sie die ganze Zeit
Röcke trägt. Bis auf einmal, als sie von Zuhause ausbricht und nach
Chicago geht, um dort mit ihrem Liebhaber Ron zusammenzukommen, der ihr versprochen
hat, sie zu heiraten. Der aber sagt kurzfristig ab, da er eine andere kennen
gelernt hat. Rose bricht zusammen, lässt sich aber finanziell nicht ausstopfen
als Entschädigung. Soviel Würde muss sein.
Der
Gatte trägt es mit Fassung, als sie wieder zu ihm zurückkommt. So
eine Frau wird er nie wieder finden. Wie finden solche Menschen überhaupt
zusammen? Wie viel Blindheit braucht es? Liebe macht wirklich blind? Und das
ist dann also das Böse? Wenn jemand merkt, dass er plötzlich sieht
und alles ganz anders aussieht? Der Gatte ein Helfertyp, aber kein Liebhaber.
Ein Arzt, kein Dandy. Ein vom Beruf geknechteter, und kein lebensfroher Unternehmer
in Sachen Leben. Die Realität öffnet die Augen, und ein Stachel wächst
(im amerikanischen Originaltitel ist es das Haus im Hinterwäldlerischen,
das sich bemerkbar macht). Dann steht Ron wieder zur Verfügung. Die beiden
planen, nach Mexiko zu gehen. Doch da ist eine Person, die zu viel weiß.
Die die Reise stornieren könnte, wenn Ron erführe, dass Rose schwanger
ist. Das würde ihm gar nicht gefallen. Also muss dieser Wissende sterben.
So
setzt der Film auch ein. Schwenk über die Stadt, ein akustisch erstaunlich
modern wirkender Sprecher (frisch synchronisiert) zeigt uns einen menschenleeren
Ort, alle sind im Gerichtssaal, wo Rose des Mordes angeklagt ist. Dann wird
im Rückblick die Geschichte erzählt, bis man erneut im Gerichtssaal
ist und Rose freigesprochen wird. Rose drängt, jetzt zu gehen, Ron ist
vorsichtiger, will ein paar Monate abwarten. Dann wäre das Kind da. Jetzt
fängt der Stachel an, sich umzukehren. Rose will nicht Mutter werden. Stürzt
sich aus dem Auto, fällt einen Abhang runter, überlebt, ist aber mental
doch schon sehr angeschlagen. Ihr Traum hört auch jetzt noch nicht auf,
auch wenn es jetzt keine Grundlagen mehr gibt, die ihn irgendwie stützen
könnten. Völlig haltlos bricht sie auf, verlässt Bett und Haus,
es zieht sie zum Zug, dem nach Chicago, dieser bläst und dampft und tutet
wie wild, im Hintergrund schmettert das Sägewerk sein Feuer in den Nachthimmel,
das Leben ist so brutal, so brutal wie der Schnitt zwischen Kuss und Axt in
der Mitte des Films, dann fährt der Zug, und Rose ist nicht dabei. Sie
stirbt, in den Händen ihres treuen Gatten. Dann ist das Melodram zu Ende,
und man hat doch Lust bekommen, mehr Filme mit Bette Davis zu sehen.
Dieter
Wenk
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
Der
Stachel des Bösen
BEYOND
THE FOREST
USA
- 1949 - 89 min. – schwarzweiß - Literaturverfilmung, Melodram - Verleih:
offen - Erstaufführung: 18.12.1994 WDR - Produktionsfirma: Warner - Produktion:
Henry Blanke
Regie:
King Vidor
Buch:
Lenore Coffee
Vorlage:
nach dem Roman von Stuart Engstrand
Kamera:
Robert Burks
Musik:
Max Steiner
Schnitt:
Rudi Fehr
Darsteller:
Bette
Davis (Rosa Moline)
Joseph
Cotten (Dr. Lewis Moline)
David
Brian (Neil Latimer)
Ruth
Roman (Carol)
Minor
Watson (Moose)
Dona
Drake (Jenny)
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