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Stay
Mit sehr stilisierten Bildern erzählt Stay die
Geschichte des Psychiaters Sam Foster, dessen Leben durch einen neuen Patienten
aus der Bahn geworfen wird. Der Mysterythriller definiert sich vor allem über
seine Technik.
Die Weiterentwicklung der Filmtechnik hatte stets
auch ästhetische Konsequenzen. Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm
beendete avantgardistische Montagekonzepte zumindest im Mainstreamkino, die
flächendeckende Einführung des Farbfilms in den 50er Jahren sorgte
dafür, dass vor allem in Hollywood Stoffe mit hohem Schauwert, wie etwa
Historienfilme, an Popularität gewannen. Die digitale Revolution seit Beginn
des letzten Jahrzehnts brachte dem Kinopublikum bislang vor allem einen beispiellosen
Special-Effects-Overkill und damit verbunden die Renaissance fantastischer Genres
wie des Superheldenfilms. Langsam werden die Auswirkungen der neuen Technik
jedoch auch in den Bereichen des Kinos spürbar, in welchen Special Effects
im klassischen Sinne eine viel geringere Rolle spielen. Stay, eine Mischform aus Melodram und Mysterythriller,
kann hierfür als Beispiel dienen.
Der in Deutschland geborene Marc Forster, hierzulande
vor allem durch den Film Monster’s
Ball (2001), der Halle Berry
einen Oscar einbrachte, bekannt geworden, erzählt in seinem neuen Werk
Stay
die Geschichte des Psychiaters Sam Foster (Ewan McGregor). Dieser übernimmt
von einer Kollegin den nach einem Unfall an Amnesie leidenden Kunststudenten
Henry Letham (Ryan Gosling) als Patient, der ihm gegenüber seltsame Prophezeiungen
ausspricht, die sich allesamt erfüllen. Als Letham schließlich seinen
eigenen Selbstmord ankündigt, beginnt Foster die Geschichte seines Patienten
genauer zu untersuchen. Er gerät dabei unter immer stärkeren psychischen
Druck und gefährdet auch die Beziehung zu seiner ebenfalls mental instabil
erscheinenden Frau Lila (Naomi Watts).
Auf der Handlungsebene ist Stay ein Mysterythriller, der mit ähnlichen Motiven
spielt wie M. Night Shyamalans The
Sixth Sense (1999) und zahlreiche
andere Filme, die nach dessen überraschendem Erfolg erschienen. Forster
adressiert Themen wie Gedankenübertragung und Spiritismus, der Zuschauer
muss sich stets die Frage stellen, ob die Bilder die Realität der Protagonisten
darstellen oder deren Träume, und, soviel sei verraten, das Ende stellt
noch einmal den gesamten, überaus komplexen Plot auf den Kopf. Was Stay
jedoch von anderen Genrebeiträgen abhebt, ist sein außergewöhnlicher
visueller Stil.
Von Anfang an fällt auf, dass Forster seine
Geschichte fast ausschließlich in Groß- und Nahaufnahmen erzählt,
die Kamera ist stets nah an den Figuren und bleibt auf ihre Gesichter fixiert,
während der Hintergrund durch den Einsatz von Weichzeichnern verschwimmt.
Fast nie verschafft die Regie dem Zuschauer einen Überblick über den
gesamten Handlungsraum, verweigert ihm oft jegliche Orientierung, auch die Wechsel
zwischen den unterschiedlichen Örtlichkeiten erschließen sich meist
nicht sofort, sondern müssen aus dem Kontext rekonstruiert werden. Die
Montage in Stay
gehorcht nicht immer der klassischen Logik des Erzählkinos, welches auf
dem Prinzip der Einheit von Zeit und Raum beruht, sondern verbindet unterschiedliche
Zeit- und Realitätsebenen auf assoziative Weise. Außerdem sorgen
immer wieder ungewöhnliche Kamerapositionen, etwa direkt über den
Figuren, dafür, dass die Räumlichkeiten, in denen Sam Foster das Geheimnis
seines seltsamen Patienten zu lösen versucht, jegliche Tiefe zu verlieren
scheinen, was die Orientierung zusätzlich erschwert. Stellenweise lösen
sich die Aufnahmen fast in abstrakten Mustern auf.
Mit zunehmendem Fortgang der Handlung werden obige
Techniken augenfälliger. Das letzte Drittel des Films erinnert an einen
Fiebertraum, die Orientierungslosigkeit der Hauptfigur wird auf stilistischer
Ebene durch hektischer werdende Kamerabewegungen und teilweise unmotiviert erscheinende
Zeit- und Raumsprünge fast im Sekundentakt dargestellt. Die Gesetze der
Physik scheinen außer Kraft gesetzt. Immer deutlicher wird der Einsatz
digitaler Verfahren bei der Bildbearbeitung. Die realen Kulissen treten im Verlauf
des Films zunehmend in den Hintergrund und werden von atmosphärischen Licht-
und Farbeffekten dominiert, die den gesamten Bildraum mit zusätzlichen
Texturen überschreiben.
Stay
ist ein Film, der sich vor allem über seine Technik definiert und als solcher
ist er durchaus interessant. Wo Peter Jacksons King
Kong (2005) und zahllose andere
Blockbuster digitale Verfahren dazu einsetzen, den Zuschauer mit spektakulären
Effekten, die sich vor allem durch ihre pure Quantität auszeichnen, zu
überwältigen, gelingt es Marc Forster, die neuen Produktionsmöglichkeiten
für eine in sich schlüssige Ästhetik nutzbar zu machen – nur
gelingt ihm dabei kein wirklich guter Film.
Die zu wenig ausgearbeiteten und teilweise stark
stereotypen Charaktere tragen die Thrillerhandlung nicht wirklich, von den Schauspielern
in den Hauptrollen überzeugt nur Naomi Watts. Vor allem Ewan McGregor als
Sam Foster bleibt bis zum Ende blass, bietet dem Zuschauer keinen Halt. Auch
die mystisch esoterischen Elemente der Handlung erscheinen teilweise etwas beliebig
und distanzieren den Zuschauer noch weiter von der Geschichte und den Charakteren.
Weil Forster die stilistische Extravaganz seines Werkes nicht mit angemessenen
Inhalten füllen kann, wirkt der Film so stellenweise extrem manieristisch,
die Technik wird, und hier ähnelt der Film vielen aktuellen Blockbustern,
zum Selbstzweck. Stay ist letztlich nur als Beitrag zur Entwicklung einer
digitalen Ästhetik gelungen.
Lukas Foerster
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: www.critic.de
Stay
USA
2005; 99 Minuten; Regie: Marc Forster; Drehbuch: David Benioff; Produzent(en):
Tom Lasally, Eric Kopeloff; Mit Ewan McGregor, Ryan Gosling, Naomi Watts, Bob
Hoskins, Janeane Garofalo
Kinostart:
23.2.2006
DVD-Angaben:
Stay
Vertrieb:
Kinowelt Home Entertainment
Bild:
16:9, 2,35:1
Sprache(n):
Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel:
Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe:
ab 12 Jahren
Spieldauer:
95 Minuten
Extras: Szenenspezifische
Kommentare von Regisseur & Crew; Star Featurettes; Interviews; Fotogalerie;
Featurettes: „Departing Visions“, „The Music of Stay“;TV-Spots & Trailer;
Presseheft im DVD-Rom-Part
Verleih
ab: 20.6.2006
Verkauf
ab: 25.8.2006
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