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Der
Stellvertreter
"Schindlers
Liste" mit Tiefgang
DAS
MÄRCHEN VOM DEUTSCHEN WIDERSTAND
Nazis
hat es in Deutschland nie gegeben.
Die
Fackelzüge und die Aufmärsche, die zahllosen fahnengeschmückten
Häuser, die Hakenkreuzträger, das mochte auf den einen oder anderen
schon beunruhigend wirken. "Ja, wenn man damals schon gewußt hätte,
was man heute weiß..."
Daß
das nämlich alles Mitläufer waren. Die innerlich dagegen waren, und
weil das lebensgefährlich war, getarnt hatten. Manch einer hat sich bis
zum Gauleiter raufgetarnt.
Und
Widerstandskämpfer. Es gab in Deutschland überall Widerstandskämpfer.
Nationale, liberale, sozialdemokratische und kommunistische Parteien arbeiteten
im Untergrund gegen das System. Im diplomatischen Dienst, im Militär, in
den unterwanderten Nazi-Organisationen, in den Führungsetagen der Wirtschaft,
an den Universitäten - überall sabotierten Nazigegner das System,
allein oder in verschworenen Gruppen, versteckten Juden, halfen Homosexuellen,
setzten sich für verfolgte Kollegen ein, warnten politisch Verfolgte, legten
Betriebe und Organisationen lahm, lenkten Züge um, machten Kriegsgerät
unbrauchbar, verübten Attentate auf die (ganz, ganz wenigen) wirklichen
Nazis.
Und
das alles, ohne je von einem einzigen Nazi-Unrecht erfahren zu haben. Vor 1945.
Erstaunlich,
wie sich dennoch eine "ganz kleine Clique" (Adenauer) an der Macht
halten und Deutschlands Ruf so nachhaltig beschädigen konnte.
DIE
HOLOCAUST-INDUSTRIE
"Da
antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere
Kinder!", heißt es nach wie vor im vermutlich gesamtauflagenstärksten
Buch. Von den ersten christlichen Kaisern und Konzilien über Luthers Machwerk
"Von den Juden und ihren Lügen" bis zu den "Protokollen
der Weisen von Zion", einer Fälschung der zaristischen Geheimpolizei,
gibt es eine kontinuierliche Geschichte der Hetze und Diskriminierung, der regelmäßig
organisierte Verfolgungen (z. B. durch die Spanische Inquisition) und "spontane"
Pogrome folgten, teils mit mehreren tausend Toten an einem Tag.
Kein
deutscher Bischof widersprach Hitler dann auch, als er 1933 behauptete, der
Nationalsozialismus setze nur das fort, was die Kirchen über Jahrhunderte
betrieben hätten. Trotzdem gab es gewichtige Unterschiede: Die Nazis sahen
Juden weniger als Mitglieder einer bestimmten Religionsgemeinschaft denn als
Angehörige einer besonderen "Rasse", deren "Minderwertigkeit",
ja, "Schädlichkeit" erblich bedingt sei. Eine Vereinnahmung ("Konversion"),
wie sie die Kirchen anstrebten, war damit von vornherein ausgeschlossen.
Mit
Kriegsbeginn gaben die Nazis die bis dahin verfolgte Politik der Vertreibung
auf und begannen mit der systematischen Ermordung der 11 bis 12 Millionen europäischen
Juden - auch der Konvertierten. Der Völkermord begann mit Massenerschießungen,
systematischer Verschlechterung der Lebensverhältnisse, Ghettoisierung
und wurde allmählich immer weiter perfektioniert. Es entstand eine Industrie,
die sich ausschließlich der Vernichtung von Menschen widmete, mit etwa
40,000 bis 45,000 Mitarbeitern, vom Wachmann zum KZ-Architekten, vom Eisenbahn-Logistiker
bis zum Giftgasexperten.
Einer
von ihnen war Kurt Gerstein.
"DER
STELLVERTRETER" - Die Geschichte der Figur Kurt Gerstein
Sommer
in einer deutschen Stadt. Begleitet von Zurufen wie "Sieg Heil" oder
"Erst Frankreich, dann England!" marschiert eine Gruppe von Pimpfen
und Braunhemden eine Straße entlang. Links Häuser, rechts eine Mauer,
dahinter eine Schlange von Menschen in Kitteln. Einige haben die typischen Gesichtszüge
von Trisomie-23-Kranken, "Mongoliden". Rotkreuzschwestern schieben
sie weiter, zu einem zeltüberdachten Schreibtisch. Unsicher lächelt
eine junge Frau den Mann im Arztkittel an, reicht ihm eine Akte. Ein Blick zur
Seite, ein Nicken, der Arzt stempelt, wendet sich dem nächsten Wartenden
zu. Eine Busfahrt, eine neue Anstalt, Schlangestehen für die Duschen. Draußen
wirft ein SS-Mann einen Dieselmotor an.
"Tod
durch Lungenembolie", heißt es im bedauernden Schreiben, das die
Familie später enthält. Der SS-Mann Kurt Gerstein ist entsetzt, schenkt
den Beschwichtigungen seines Vaters keinen Glauben. Von einem befreundeten Priester
erfährt er, daß viele Menschen in den letzten Wochen ihre behinderten
Angehörigen verloren hätten. Wegen "Herzstillstand" oder
"Lungenembolie". Keine Frage, ein Massenmord unter Behinderten ist
im Gange, "Operation Gnadentod". Im münsteraner Bischof Graf
von Galen finden sie einen mutigen Fürsprecher: Er prangert die als "Euthanasie"
verniedlichte Aktion von der Kanzel des Münsters herunter an. Tatsächlich
wird sie gestoppt.
Kurt
Gerstein arbeitet im Hygieneinstitut der SS. Wasseraufbereitungs- und Desinfektionsanlagen
sind die Spezialität des Ingenieurs. Ein Einsatz bringt ihn in den Osten,
an einen Ort, wo ungewöhnlich große Mengen des Blausäurederivats
"Zyklon B" eingesetzt werden. Von einem SS-Arzt begleitet, der fortan
eine Art Mentorenrolle für Gerstein übernimmt, wird der Ingenieur
und strenggläubige Protestant Augenzeuge einer Judenvergasung. Er beschließt,
bei der SS zu bleiben, und die Verbrechen, deren Zeuge er geworden ist, öffentlich
zu machen. Nur wenige glauben ihm - darunter der junge Priester Ricardo, mit
dem zusammen Gerstein versucht, Papst Pius XII. zur öffentlichen Anprangerung
des Massenmordes zu bewegen...
FILMKUNSTASPEKTE
/ INTERPRETATION
Der
Film will keine authentische Biographie Kurt Gersteins sein, und in vielen Punkten
weicht er von gesicherten Fakten ab. Auf der Podiumsdiskussion, die der deutschen
Uraufführung voranging, stellte der griechisch-französische Regisseur
Constantin Costa-Gavras ("Vermißt", "Z", "Missing")
klar, daß die Geschichte Gersteins für ihn eine Allegorie sei. Zivilcourage
sei sein großes Thema, auch in diesem Film, der die Figur Gerstein bei
ihren Entscheidungen zwischen gut und böse zeige.
Wen
das an "Schindlers
Liste"
erinnert, liegt nicht ganz falsch, kann aber beruhigt werden: Costa-Gavras verniedlicht
den Holocaust nicht zum simplen Schwarz-Weiß-Hollywood-Film mit übergutem
Überhelden. Gerstein (facettenreich verkörpert von Ulrich Tukur) bleibt
zwiespältig, manchmal eigenartig naiv, immer wieder in der Gefahr, beim
Balanceakt zwischen seiner Tarnung als eifriger SS-Offizier und seinem Bestreben
nach Verrat und Sabotage umzukippen.
Costa-Gavras
stellt ihm zwei fiktive Figuren zur Seite, den Priester Ricardo und den (im
gesamten Film namenlosen) SS-Arzt. Beide symbolisieren auch die Seiten, zwischen
denen Gerstein steht. Ricardo bleibt gutgläubig, konsequent und folgt seinem
Gewissen bis in den Tod. Der SS-Arzt (glänzend-unterkühlt von Ulrich
Mühe gespielt) ist ein Zyniker, gefühllos, der sein "Gewissen
unterdrückt" und sich weder Idealismen noch Illusionen hingibt. So
kühl, wie er den Massenmord plant und durchführt, rettet er sich zum
Schluß auch mit der Hilfe der Kirche nach Südamerika.
Während
Gersteins Mitstreiter Ricardo (Mathieu Kassovitz) eine Ergänzung Costa-Gavras
ist, beruht der Film weitgehend auf einem Theaterstück Rolf Hochhuths.
Dieses hatte in den 1960ern für erhebliches Aufsehen gesorgt, prangerte
Hochhuth doch das Schweigen der katholischen Kirche zum Holocaust schonungslos
an. Costa-Gavras hält sich nicht streng an die Vorlage, kürzte endlose
Monologe heraus, "movie is telling with pictures, not with words",
sagte er auf der Premiere.
Dabei
bleibt er zurückhaltend: Keine Leichenberge, keine Massen ausgemergelter
Häftlinge, keine Effekthaschereien. Immer wieder rumpeln Güterzüge
durchs Bild, mal voll in die eine, mal leer in die andere Richtung. Das Grauen
in den Lagern wird angedeutet, durch Rauchfahnen aus Schornsteinen, in den Worten
und Andeutungen der SS -
Authentisch
rekonstruierte Uniformen, Hörsäle, Lagerbaracken, Vatikanhallen und
Werbeblechschilder liefern eine stimmige Kulisse, vor denen die zahlreichen
Figuren glaubwürdig agieren können. Neben den historischen Personen
wie Gerstein, Otto Dibelius und Pius XII. stehen allegorische Charaktere, in
denen die Züge mehrer Vorbilder zusammenfließen und die daher eher
als Typen funktionieren. Der Mord an den Juden interessiert sie nicht, wenn
sie Gerstein überhaupt glauben, zu sehr sind sie mit dem Krieg, mit Deutschlands
Größe respektive dem Erhalt des Kircheneinflusses beschäftigt,
zu sehr mit der Rettung der eigenen Besitzstände.
Zivilcourage
und moralische Korruption - Costa-Gavras nutzt einen historischen Stoff, um
ein zeitloses Thema zu behandeln. Wie ein gutes Theaterstück hält
er sich nicht streng an die historischen Begebenheiten, stellt aber das Denken
und Handeln seiner Hauptfiguren so authentisch wie möglich dar. So ist
auch die Konfrontation Gersteins mit Pius' Kardinälen nicht historisch,
sie ist nur eine Verdichtung des Grundkonflikts. Auch den evangelikal-missionarischen
Glaube, der den historischen Gerstein ausmachte, läßt der Regisseur
weitgehend außen vor: Zivilcourage - und ihr Fehlen - hat mit Religion
allenfalls am Rande zu tun.
Anders
als das Stück ist der Film daher auch keine explizite Anklage der Kirche.
Costa-Gavrad präsentiert die historischen Begebenheiten, die mutigen wie
letztlich fruchtlosen Aktionen Gersteins ebenso wie das vorsichtig-defensive
Taktieren der Kirchenvertreter. Auch die Motive der Figuren werden dargestellt,
insbesondere die Angst Roms vor dem Atheismus der Bolschewismus. Zu verständnisvoll
und genau ist "Der Stellvertreter" bei der Darstellung der Bösen,
um eine Hetze zu sein, zu differenziert, zu zwiespältig, zu erfolglos bleibt
Gerstein, um den Film zum Heldendenkmal abrutschen zu lassen. Costa-Gavras gab
dem Film in seinen Interviews keine Interpretation, keine einfache "Botschaft"
mit auf den Weg, so sehr er auch dazu gedrängt wurde. Anders als Spielberg
hat er den Mut, auf die Intelligenz und das Urteilsvermögen seiner Zuschauer
zu bauen und ihnen das Nachdenken nicht abzunehmen.
TROTZDEM
- Zeitgeschichte
Costa-Gavras
bringt Hochhuths Stück gerade jetzt auf die Leinwand, während die
Seligsprechung Pius XII. ansteht. Auch wenn - oder gerade: weil - er nur eine
Geschichte erzählt, die sich im großen und ganzen an bekannte historische
Fakten hält, kommen beide Kirchen und ihre Vertreter dabei nicht sonderlich
gut weg. Das gilt zwar im wesentlichen für jede historische Epoche, die
Verstrickung der Kirchen in den Holocaust hat ihnen allerdings in besonderem
Maße moralische Autorität geraubt.
Trotz
gegenteiliger Anschuldigungen ist Costa-Gavras Film eher noch beschönigend,
was die Kirchengeschichte betrifft. Nach dem Weltkrieg, dem damalige Optimisten
noch nicht die Nummer 1 gegeben hatten, gab es in Europa zahlreiche junge, instabile
Demokratien.
Die
Katholische Kirche stand Demokratie und Liberalismus ablehnend gegenüber.
Furcht vor pluralistischen Gemeinschaften, Furcht vor dem Abfall Gläubiger
zum Protestantismus oder gar zum Atheismus, Furcht vor dem Verlust von Einfluß
und Privilegien, vor dem Verlust einer als gottgegeben angesehenen Ordnung waren
virulent. In manchen Ländern, wie in Deutschland, brachte das Ende protestantischer
Herrscherhäuser zwar gewisse Vorteile mit sich, und der politische Arm
des Katholizismus - die Zentrumspartei - setzte sich lieber für den Erhalt
der bestehenden neuen Ordnung ein, als das Feld den Kommunisten zu überlassen.
Oder
den protestantischen Deutschnationalen. Die DNVP war zutiefst protestantisch,
ihre Mitglieder konnten sich nie mit der Republik anfreunden, die auch ein Ende
des Bündnisses von "Thron und Altar" bedeutete. Offiziell gaben
sich die evangelischen Kirchen der Weimarer Zeit politisch neutral, faktisch
bekämpften sie "sozialistisch" gesinnte Pfarrer und Gemeinden
in den eigenen Reihen recht vehement. Dezidiert national, waren sie anders als
die Katholiken auch nicht international orientiert.
Nach
und nach gelangten unter anderem in Italien, Spanien, Portugal, Polen und Österreich
autoritäre Regime an die Macht. Sie wurden von der katholischen Kirche
gestützt und wiederum von den strukturell ähnlich aufgebauten, ebenso
traditionsverbundenen Regierungen privilegiert. Am bekanntesten dürfte
der spanische Klerikalfaschismus des Franco-Regimes sein, der der Kirche die
Aufsicht über das Schulsystem und andere weitgehende Rechte einbrachte
- was noch bis in die 1970er harmonisch funktionierte. (Zugegeben, die hunderttausenden
von Sozialisten, die Franco umbringen ließ, hätten das vermutlich
anders formuliert.)
Am
drastischsten dürfte die Zusammenarbeit im kurzlebigen Nazi-Vasallenstaat
Ustascha-Kroatien gewesen sein, wo das herrschende Regime die orthodoxen Serben
zwangskatholisierte und oft auch gleich umbrachte, um einen Abfall vom neuen
Glauben zu verhindern - mehr als 200,000 Menschen wurden damals in den Lagern
im Namen des Katholizismus' umgebracht. Nach dem Krieg wurde der dortige Erzbischof,
der eng mit dem Regime zusammengearbeitet hatte, zum Kardinal befördert
und in Rom dem Zugriff Außenstehender entzogen.
Anders
als ihre faschistischen Schwesterparteien stand die NSDAP den Kirchen ablehnend
gegenüber. Neuheidnische Vorstellungen, die besonders im Umfeld des SS-Chefs
Heydrich gepflegt wurden, spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle: Der
totale Machtanspruch Hitlers duldete keine zweite Macht neben sich, die nicht
gleichgeschaltet und vollständig auf Kurs gebracht worden wäre. Im
Atheismus, wie er beispielsweise von den Kommunisten gepflegt wurde, sahen beide
einen gemeinsamen Feind.
In
seiner Regierungserklärung am 23.3.1933 versprach Hitler, die Privilegien
der Kirche insbesondere auch im Schulwesen nicht anzutasten. Wenige Tage später
sicherten ihm die deutschen Bischöfe ihre Unterstützung zu. Das war
durchaus praktisch gemeint: Von den zahlreichen "wilden" KZs, die
schnell zur Aufnahme der zahllosen inhaftierten Kommunisten und Sozialdemokraten
geschaffen wurden, wurde eines (Kuhlen bei Rickling) von der Inneren Mission
geführt. Die dort inhaftierten 200 Männer wurden nicht anders, insbesondere:
nicht besser behandelt als in anderen KZs auch.
Trotz
des "Reichskonkordats", das im Juli 1933 zwischen Vatikan und Deutschem
Reich geschlossen wurde und einen enormen Prestigeschub für Hitler bedeutete,
begannen die Nazis schon bald damit, die Gleichschaltung auch der Kirchen zu
versuchen. Es begann ein jahrelanges Taktieren, bei dem die Nazis versuchten,
Einfluß und Privilegien der Kirchen zu beschneiden, ohne die Öffentlichkeit
zu verärgern, und die führenden Kirchenvertreter versuchten, ihre
Vorrechte, ihre Organisationen, kurzum: ihre Macht zu erhalten. Diese Eigentümlichkeit
zieht sich durch den gesamten sogenannten "Kirchenkampf": Trotz der
Nazi-Versuche, auch die Kirchen zu vereinnahmen, verhinderten obrigkeitshörige,
"deutschnationale" und antisemitische Traditionen, aber auch gemeinsame
Feindbilder wie Homosexualität und Bolschewismus bei den meisten den endgültigen
Bruch mit dem Regime. Öffentliche, lautstarke Kritik wurde nur da laut,
wo die Kirchenfunktionäre ihre Freiheiten und die ihrer Organisationen
bedroht sahen - mit einer Ausnahme: der "Euthanasie" genannten Mordaktion
besonders an geistig Behinderten.
Bischof
Graf von Galens berühmte Predigt fällt in den August 1941. Seit 1939
waren bereits etwa 70,000 Menschen ermordet worden. Viele, wenn nicht die meisten
waren zuvor in kirchlichen oder kirchennahen Institutionen untergebracht gewesen,
und nicht selten sind solche Institutionen selbst zu Mordstätten geworden.
Der Predigt waren Versuche einzelner Priester und Pfarrer vorangegangen, mit
den Nazis zu verhandeln (teils mit dem Ziel, daß die Behinderten wenigstens
nicht vor Ort umgebracht würden) oder sich brieflich an "höchste
Stellen" zu wenden. Aber erst die Predigt Galens, in der die Rechtfertigung
des Tötens im Kriege und die Anprangerung von Übergriffen auf kirchliches
Eigentum insgesamt einen weit größeren Raum einnehmen, führte
zu einem weitgehenden Abbruch der Mordaktionen. Zwangssterilisationen fanden
weiterhin in großem Umfang statt.
Es
fanden sich keine Bischöfe, die im gleichen Maße gegen den Krieg
predigten - im Gegenteil, besonders der zum "Kreuzzug gegen den [atheistischen]
Bolschewismus" verklärte Überfall auf die Sowjetunion fand breiteste
kirchliche Unterstützung.
Es
fanden sich keine Bischöfe, die sich im gleichen Maße offen für
Kommunisten, Sozialdemokraten, russische Kriegsgefangene, Homosexuelle, Zeugen
Jehovas, Kriegsdienstverweigerer, "Asoziale" oder "Zigeuner"
eingesetzt hätten. Und vor allem nicht für die größte Verfolgtengruppe
- die Juden.
Es
ist dieser Hintergrund, vor dem die Filmfigur Gerstein, ihre Gedanken und ihr
Handeln stehen - und den Costa-Gavras zum Teil nur andeutet, zum Teil auch einfach
voraussetzt. (Was mich wiederum zu diesen Ausführungen brachte.)
Es
ist dieser Hintergrund, der erklärt, warum die Kirchen bei dem Versuch,
ihre moralische Autorität zu begründen, auich auf ambivalente historische
Personen wie den wirklichen Gerstein zurückgreifen.
KURT
GERSTEIN (1905-1945) - Der Mensch
(Darstellung
von B. Hey, Landeskirchliches Archivs der Ev. Kirche Westfalen)
"Gerstein
(geboren 1905 im westfälischen Münster) studierte nach dem Abitur
Bergbau und wurde Dipl.-Ingenieur und Bergassessor. Als Mitglied der Bekennenden
Kirche war er einer der Führer der deutschen Schülerbibelkreise und
legte sich bald mit den nationalsozialistischen Machthabern zunächst auf
dem Gebiet der Kirchenpolitik an. Propaganda für die Bekennende Kirche
führte zur zweimaligen Verhaftung, zum Ausschluss aus der NSDAP und zum
Berufsverbot. Gerstein schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und fing an, in
Tübingen Medizin zu studieren. 1941 entschloss er sich zum Eintritt in
die SS, um einen Blick hinter die Kulissen in die 'Feueröfen des Bösen'
zu tun und Genaueres [sic] über die Euthanasie und die Judenvernichtung
zu erfahren. Als Leiter der Abteilung Gesundheitstechnik im SS-Hygieneamt machte
er schnell Karriere [er wurde Obersturmführer, entspricht einem Oberleutnant].
Im August 1942 erlebte er in Belzek und Treblinka die Vergasung von Juden, worauf
er sofort begann, die schwedische und die schweizerische Botschaft, deutsche
Kirchenführer und über den holländischen Widerstand die Alliierten
in London zu informieren. Ferner versuchte Gerstein, Zyklon B-Lieferungen über
sich selbst zu lenken und sie zu sabotieren. Diese Widerstandshandlungen sind
zuverlässig bezeugt, auch wenn sie am Ende ergebnislos blieben. Bei Kriegsende
stellte sich Gerstein der französischen Armee und schrieb in der Internierung
seinen berühmten Augenzeugenbericht über die von ihm beobachteten
Gräuel in Belzek und Treblinka. Als Kriegsverbrecher angeklagt wurde er
in das Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi überführt,
wo er - an dem Widerspruch zwischen seiner Rolle als Zeuge der Naziverbrechen
und der Anklage, selbst an Kriegsverbrechen teilgenommen zu haben, zerbrochen
- am 25. Juli 1945 Selbstmord beging. Sein Grab ist nicht bekannt."
Gerstein
selbst scheint seine Rolle, die er als SS-Mitglied im Hygieneamt spielte, kritischer
gesehen zu haben als sein Kurzbiograf. Auch die Entnazifizierungskammer von
1950 kam zu einem zwiespältigen Ergebnis: Gerstein hätte nach dem,
was er in Belzec erlebt hatte, Mittel und Wege finden müssen, sich herausziehen,
anstatt durch das Sabotieren unerheblicher Mengen des Giftgases symbolischen
Widerstand zu leisten. - 1963 wurde Gerstein in Deutschland offiziell als "entlastet"
anerkannt und damit rehabilitiert. Rolf Hochhuths Stück "Der Stellvertreter",
das 1963 erschien, hat dazu entscheidend beigetragen.
Wie
dem auch sei: Anders als der Film-Gerstein wußte der wirkliche Gerstein
bereits vor seinem SS-Eintritt vom Holocaust. Auch spielte sein Glaube eine
große Rolle. Wie viele christliche Nazigegner stand er anfangs dem Nationalsozialismus
durchaus positiv gegenüber und wurde erst durch die Kirchenpolitik der
Nazis in die Opposition getrieben. Anders als andere beließ er es aber
nicht dabei, diesem Einzelaspekt des Regimes entgegenzuwirken. Gersteins Rolle
im System ermöglichte es ihm, detailliert und aus erster Hand Zeuge des
Massenmords zu werden, und er versuchte, sein Wissen zum Schaden des Systems
weiterzugeben. Letztlich bewirkte sein Mut und sein Einsatz wenig - nicht zuletzt,
weil er auf wenig Unterstützung traf.
Es
ist diese Tragödie, aus der Costa-Gavras seinen Film gemacht hat, und weniger
das einzelne Detail der Lebensgeschichte Gersteins.
BEWERTUNG
1945
streuten evangelische wie katholische Kirchenvertreter pauschal Asche auf ihre
Häupter. Schon bald wurde aus dem Geschacher um Macht, Einfluß und
Privilegien der "Kirchenkampf", schon bald wurden die wenigen einzelnen
mutigen Christen, die sich wie Bonhoeffer, Delp oder auch Gerstein uneigennützig
dem Nazi-Regime entgegengestellt hatten, pauschal für einen "kirchlichen
Widerstand" vereinnahmt. Der Vatikan ging sogar so weit, 1999 eine katholisch-jüdische
Historikerkommission zur Geschichtsaufarbeitung einzusetzen. Dieser wurde aus
angeblichen "technischen Gründen" der Zugang zu derart vielen
zentralen Dokumenten des Vatikan-Archivs verwehrt, daß die Kommission
2001 wegen dieser Behinderungen zurücktrat.
Die
Art und Weise, wie speziell die katholische Kirche dem drohenden und später
dem durchgeführten Völkermord in Rwanda begegnete, läßt
daran zweifeln, ob bei allen Fortschritten der Kirchen im Detail - Akzeptanz
der Demokratie, weitgehende Beseitigung des tradierten Antisemitismus, usw.
- ein wirklicher Wandel passiert ist. Allerdings: Für die Staatengemeinschaft
und die Bürger der heutigen "Freien Welt" kann man daran wohl
mit gleicher Berechtigung zweifeln.
Deshalb
ist das Thema von Costa-Gavras' Film, bei allen historischen Bezügen, nicht
zeitgebunden. Gersteins Konflikt, zwischen bequemem Eingebundensein und unbequemer
Zivilcourage, ist auch unser Konflikt - und wir, die wir unter erheblich einfacheren
Bedingungen leben, brauchen erheblich weniger Mut, um uns populistischen Bauernfängern
und dem Haß instrumentalisierender Machtpolitiker entgegenzustellen.
Unbedingte
Empfehlung!
Andreas
P. Rauch (31.05.2002)
Diese
Kritik ist vorher erschienen - unter dem Namen peregrinus - bei: ciao.de
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken
Bücher
zum Thema:
-
Neben Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" gibt es mehrere Biografien
Gersteins. Die detaillierte von Saul Friedländer, "Kurt Gerstein oder
die Zwiespältigkeit des Guten", Gütersloh 1968, wurde mir besonders
empfohlen.
-
Die vollständigste und aktuellste Darstellung der Hintergründe bietet
ein Buch, das treffenderweise "Zeit des Nationalsozialismus" heißt.
Der angelsächsische Historiker M. Burleigh beschränkt sich dabei nicht
nur auf Deutschland, sondern entwickelt ein Portrait Gesamteuropas in den Jahren
von 1918-1945. Erstaunlicherweise ist das Buch genauso detailliert und sachkundig
wie spannend und verständlich.
Der
Stellvertreter
(Frankreich: Amen.)
Frankreich, Deutschland 2002, 132 Minuten
Regie: Constantin Costa-Gavras
Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Jean-Claude Grumberg
Musik: Armand Amar
Kamera: Patrick Blossier
Schnitt: Yannick Kergoat
Hauptdarsteller: Ulrich Tukur (Kurt Gerstein), Mathieu Kassovitz (Riccardo Fontana),
Ulrich Mühe (Der Doktor), Michel Duchaussoy (Der Kardinal), Ion Caramitru
(Graf Fontana), Marcel Iures (Der Papst), Friedrich von Thun (Gersteins Vater),
Antje Schmidt (Frau Gerstein), Hanns Zischler (Grawitz), Sebastian Koch (Höss),
Erich Hallhuber (Von Rutta), Burkhard Heyl (Der Direktor), Angus MacInnes (Tittmann),
Bernd Fischerauer (Bischof von Galen), Pierre Franckh (Pastor Wehr)
Offizielle Homepage: www.concorde-film.de/trailer_0204/
Internet Movie Database: http://us.imdb.com/Title?0280653
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