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Der
Stellvertreter
Inhalt:
Der
SS-Offizier Kurt Gerstein und der junge Priester Riccardo Fontana sind entsetzt
über die einsetzende Judenverfolgung in Hitler-Deutschland und sehen die
letzte Möglichkeit zur Rettung der Juden darin, Papst Pius XII im Vatikan
davon zu informieren, damit dieser in aller Öffentlichkeit scharfe Kritik
am Nazi-Regime übe. Der Papst aber schweigt und geht davon aus, dass jedes
Wort von ihm die Lage nur verschlimmern würde.
Kritik:
Das
Verstörendste am neuen, äußerst kontrovers diskutierten Film
des griechischen Regisseurs Constantin Costa-Gavras ist, dass man seltsam unberührt
und kaum beeindruckt nach der Vorstellung auf die Straße hinausgeht. Entsetzlich,
bei einem Thema, das schon zur damaligen Zeit, wie auch vor rund 40 Jahren,
als das umstrittene, berühmte Theaterstück "Der Stellvertreter"
von Rolf Hochhuth, auf welchem der Film basiert, aufgeführt wurde, Bestürzung,
Erklärungsversuche und große Debatten hervorrief. Hochhuths Stück
behandelt das Schweigen des Papstes (Pius XII) zum Holocaust, der die Leben
von über 6 Millionen Juden forderte. Die fehlende Stellungnahme des "Heiligen
Stuhls" zum größten Verbrechen der Menschheit ist bis heute
eine enorme Belastung für die römisch-katholische Kirche, wird gerne
verschwiegen und stellt das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma vor erhebliche
argumentative Probleme: Wie kann der Papst unfehlbar sein, wenn er geschwiegen
hat, als Millionen unschuldiger Menschen barbarisch ermordet wurden? Ein höchst
brisantes Thema, das eine differenzierte, ausgereifte Bearbeitung verdient hätte,
die die zahlreichen, komplizierten Faktoren, die zum Schweigen des Papstes führten,
auf fundierte Weise beleuchtet. Weder Hochhuths Stück, noch und erst recht
nicht Costa-Gavras' Film vermögen dies.
In
Amen.
wird der Zuschauer konfrontiert mit der Geschichte des SS-Offiziers Kurt Gerstein,
der innerhalb von Hitlers Schergen eine hohe Position erreicht, und durchaus
Ansehen bei seinen "Kameraden" genießt. Er ist Experte für
Desinfektion und beliefert die Lager mit Zyklon B, ohne zu wissen, dass dieses
für die Ermordung der Juden eingesetzt wird. Als er in einem polnischen
Lager allerdings dazu kommt, den Todeskampf Hunderter Juden in den Gaskammern
zu beobachten, erkennt er die wahren Absichten des Regimes und beginnt seinen
Kampf gegen die Barbarei der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie.
Hierbei stößt er auf Unglauben, Desinteresse, Verständnislosigkeit,
Furcht, Verdrängung und Hass, unter seinen Freunden wie unter seinen Kameraden.
Den einzigen Weg sieht er in der Benachrichtigung des Vatikans, denn ein verurteilendes
Wort des Heiligen Vaters, so denkt er, könnte die Vernichtung zum Stoppen
bringen. Auf seinem Weg zur Konfrontation mit dem Papst findet sich einzig der
Priester Riccardo Fontana, dessen Vater mit dem Papst vertraut ist, der bereit
ist, ihn zu unterstützen. Doch allem Bemühen zum Trotz schweigt der
Papst, davon ausgehend, dadurch ein noch größeres Unheil verhindern
zu können.
Was
hätte für ein großartiger Film aus Amen.
werden können; was für ein mäßiger ist es nur geworden!
Formal wie gehaltlich weist Costa-Gavras' Film erhebliche Mängel auf und
allenfalls die respektablen Leistungen von Tukur und Kassovitz geben dem Film
so etwas wie einen letzten Rest von Interesse, denn Amen.
ist über weite Strecken ein schier unfassbar belangloser Film - welches
Urteil über ein Werk mit dieser Thematik könnte vernichtender sein?
Es mag entschuldbar sein, dass Costa-Gavras in Hochhuths Vorlage, wie es für
ihn typisch ist, deutlich die spannungsgeladenen, effektvollen und fesselnden
Elemente sucht, die beinahe gänzliche Vernachlässigung einer Vertiefung
der Motivationen in der Charakterzeichnung aber ist es ganz bestimmt nicht.
Was Amen.
fehlt ist die Dichte in der Anlegung seiner Figuren. Anstatt die inneren Konflikte
seiner beiden Hauptfiguren zu verdeutlichen, stellt sie Costa-Gavras lieber
als klassische, verzweifelt gegen eine feindliche Übermacht ankämpfende
Helden dar, als makellose Stereotypen vom Märtyrer. Der Film neigt zuweilen
zu vollkommen unangemessener Versimplifizierung, gibt dem Zuschauer die ermüdend
oft gesehenen, dem Genre immanenten Figuren und zeigt zu keinem Zeitpunkt neue
Anhaltspunkte im Text von Rolf Hochhuth auf.
Tatsächlich
hat man zuweilen das Gefühl, der Regisseur wolle den Film in eine Richtung
lenken, in der Hoffnung auf ein "Machtwort" vom Papst bestünde,
als wolle er durch diese völlig absurde Möglichkeit so etwas wie thrillerartige
Spannung erzeugen. Ein Armutszeugnis, wenn man bedenkt, wie spannend der Film
allein schon durch eine psychologisch genauere Betrachtungsweise der beiden
Hauptfiguren hätte werden können, die doch gar nicht so "vollkommen
heilig" gewesen sein können (zumal von beiden nur Kurt Gerstein tatsächlich
eine reale Figur ist), wie der Film sie darzustellen versucht. Man kann zwar
den beiden ordentlich agierenden Hauptdarstellern das Bestreben nach einer Vertiefung
in der Interpretation ihrer Rollen in einigen raren Szenen anmerken, diese werden
aber sofort wieder überdeckt dadurch, dass sich Costa-Gavras dafür
scheinbar überhaupt keine Zeit nehmen will - er eilt durch den Film, klappert
ein paar historische Persönlichkeiten wie etwa den Bischof Clemens August
Graf von Galen sozusagen im Schnelldurchgang ab und rutscht dabei ebenso schnell
ab in eine uninteressante, längst bekannte Auflistung historischer Tatsachen
und deren unnötiger "Ausschmückung" durch diverse Hinzuerfindungen.
Man
kann zwar trotz der bereits erwähnten, zahlreichen Schwächen und einiger
schlechter Schauspielerleistungen in den Nebenrollen (Friedrich von Thun ist
in der Rolle von Gersteins Vater für mich eine Zumutung in seinem grobschlächtigen
Gebären und Antje Schmidt wirkt als Gersteins Frau ebenso wenig ambitioniert
und teilnahmslos) nicht direkt sagen, dass der Film in Inszenierung und Schauspielführung
gänzlich missraten sei, denn immerhin gelingt es ihm ja, dem Zuschauer
für über zwei Stunden sozusagen einen ganz durchschnittlichen Thriller
vorzusetzen; dass dies aber so überhaupt nicht die Intention des gesamten
Projekts gewesen sei kann, liegt auf der Hand oder besser in dem grotesken Versuch,
aus einer hochkomplizierten historischen Begebenheit wie dieser, eine hollywoodartige
Geschichte über zwei tadellose Helden im Kampf gegen eine verlorene, gänzlich
und ausnahmslos "böse" Welt machen zu wollen.
Janis
El-Bira
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei:
Zu
diesem Film gibt’s im filmzentralen-archiv
mehrere Kritiken
Der Stellvertreter
Amen.
Frankreich/BRD 2002. R: Costa-Gavras. B: Costa-Gavras, Jean-Claude Grumberg (nach dem Stück von Rolf
Hochhuth). P: Claude Berri. K: Patrick Blossier. Sch: Yannick Kergoat. M: Armand Amar. T: Pierre Gamet. A: Ari Hantke, Maria Miu. Ko: Edith Vesperini. Pg: Katharina/ Renn/TF
1/KC Medien. V: Concorde. L: 130 Min. DEA: Berlinale 2002. Da: Ulrich Tukur
(Kurt Gerstein), Mathieu Kassovitz (Riccardo Fontana), Ulrich Mühe (Arzt),
Michel Duchaussoy (Kardinal), Ion Caramitru (Graf Fontana), Marcel Iures (Papst),
Friedrich von Thun (Gersteins Vater), Antje Schmidt (Frau Gerstein), Hanns Zischler
(Grawitz). Start: 30.5. 2002 (D, CH).
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