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Stirb
langsam 4.0
Schneller Überleben
Sogar am berühmten Twentieth-Century-Fox-Logo
gehen anfangs die Suchscheinwerfer aus. Stromausfall! Dahinter steckt eine Terroristenbande,
die unverzichtbar zum Personal eines jeden „Stirb Langsam"-Films gehört.
Schnell lernen wir die Allmacht des Cyberterrors kennen, der mit wenigen Tastengriffen
den Berufsverkehr lahm zu legen und Milliardenkonten zu plündern vermag.
Mehr denn je tritt den FBI-Oberen der Angstschweiß auf die Stirn. Und
nur einer könnte helfen. Aber den - auch das ist Gesetz der Serie - fragt
mal wieder keiner.
Nichtsdestotrotz steckt John McClane, der unfassbar
leidensfähige Polizist, bald mittendrin im Schlamassel. Wie immer. Aus
mehreren Gründen. Zum Beispiel kann der Schauspieler Bruce Willis nicht
ohne diese Rolle leben, die er 1988 für „Stirb
langsam" kreiert hat. Außerdem
scheint die Zeit ohnehin reif für die reifen Actionstars, noch einmal die
Boxerfaust, das Dschungelmesser, die Peitsche, was auch immer zu schwingen.
„Rocky" alias Sylvester Stallone machte es im Februar
vor. Und lässt „Rambo" im Spätsommer folgen. Während Schwarzenegger
schön im Gouverneurssessel sitzen bleibt, dreht Harrison Ford zurzeit „Indiana
Jones 4". Lukrativ ist das allemal. Bruce Willis hatte für seinen
ersten McClane-Auftritt vor 19 Jahren die damalige Rekordgage von fünf
Millionen Dollar eingestrichen. Viel Geld für viel Körpereinsatz.
Aber Willis wird nicht müde zu betonen: „Ich liebe es, Stunts zu machen.
Das bietet mir die Möglichkeit, die Sau rauszulassen."
Die „Stirb langsam"-Filme nehmen das Sprichwort
„Mit dem Kopf durch die Wand" wörtlich. Und das funktioniert mit schöner
Regelmäßigkeit so: McClane, ein Mann mit notorischen Ehe- und Familienproblemen,
hat gerade Feierabend oder ist vom Polizeidienst suspendiert. Zufällig
wird er in den Strudel einer Verschwörung gerissen. In einer spektakulären
Abfolge von Nahkämpfen, Kugelgewittern und Detonationen wird McClane von
den Bösen gleichsam durch den Fleischwolf gedreht. Wenn er seine überzähligen
Gegner nach gut zwei Stunden Fegefeuer dann ausnahmslos zur Strecke gebracht
hat, kriecht er - blutüberströmt, aber doch - über die Ziellinie.
Im Finale von „Stirb Langsam 4.0" jagt er sich
sogar eine Kugel durchs Schlüsselbein, um einen Gegner abzuschütteln,
der ihn im Würgegriff hält. Trotzdem muss man sich diesen Kämpfer
zwischen Macho, Maso und Martyrium als glücklichen Menschen vorstellen.
Ein Leben abseits der Gewaltspirale liegt ja ohnehin außerhalb seines
Denkhorizonts. Dem Hamsterrad der handfesten Verbrechensbekämpfung entkommt
er nicht, auch wenn die Handlungsschauplätze seit 1988 kontinuierlich geöffnet
wurden: Es fing im begrenzten Ambiente eines Bürohochhauses an. „Die Hard 2" (1990) war dann in und um einen Flughafen
lokalisiert. Teil Drei (1995) bot eine brenzlige Schnitzeljagd im Großraum
New York. In Teil Vier vollführt McClane schließlich erstaunliche
Sprünge zwischen Washington D.C. und West Virginia. Am packendsten ist
der Film freilich, wenn er zur Klaustrophobie und zum Nachtstück-Charakter
des ersten Films zurückkehrt: in einem weit ab vom Schuss gelegenen Kraftwerk
kabbelt sich der Polizist mit einer asiatischen Kampf-Amazone und gibt der schönen
Schurkin in einem Auto, das im Fahrstuhlschacht hängt, den - nun ja - endgültigen
Laufpass.
Diesmal droht also der Computerterror, zwölf
Jahre nach dem dritten Teil, in dem Mobiltelefone noch Brikettgröße
hatten. Eine harte Nuss für den in die Jahre gekommenen McClane, der sich
mit Bits und Bytes so überhaupt nicht auskennt und dem das Drehbuch daher
einen jugendlich-käsegesichtigen Computerexperten zur Seite stellt. Leider
reicht das altersungleiche Gespann an die witzigen Wortgefechte des schwarz-weißen
Paars Bruce Willis / Samuel L. Jackson in „Stirb Langsam - Jetzt erst recht"
nicht heran. Und da hinter den Flachbildschirmen doch wieder bis an die Zähne
bewaffnete Mordsgesellen zum Vorschein kommen, bleibt McClane alleiniger Herr
der Lage. Einmal mehr sorgt er für allerlei pittoreske Kollateralschäden
auf dem steinigen Weg zum Sieg. Allerdings trägt die hier notorische Überspitzung
der Stunts ins Hyperreale - und damit in Richtung „Matrix" oder „Mission
Impossible" - eher nicht zur
Schärfung des Serienprofils bei. In einer Epoche der totalen tricktechnischen
Machbarkeit wirkt es ein bisschen lächerlich, wenn McClane einen Polizei-Chevrolet
als Lufttorpedo gegen einen Schurken-Hubschrauber einsetzt. Anderes hat man
dagegen schon zu oft und auch atemberaubender gesehen: Im Showdown zerhäckselt
ein F-14-Kampfbomber, der hinter McClanes Truck hinterher rast, ganze Autobahnbrücken
- in Steven Spielbergs „Krieg
der Welten" taten Raumschiff-Laserkanonen
Ähnliches. Die Beteuerung aller am Film Beteiligten, 80 Prozent der Aufnahmen
seien mit nicht-digitalen Mitteln entstanden, ist dabei nicht von Belang. Denn:
mit allzu hektischem Schnitt und hyperaktiver Kamera sogar in Ruhephasen schmiegt
sich der Film so oder so an die hohe Stresskurve von Computerspielen an - wo
die bisherigen „Stirb Langsam"-Macher immerhin noch solide Spannungsbögen
an- und absteigen ließen.
Quotenmäßig gesehen hat Regisseur Len
Wiseman (34) aber vielleicht keine Wahl: In den Kinosesseln lümmelt sich
vor allem jugendliches Publikum, das möglichst viele Reize pro Popcornhappen
verlangt. Dabei kommt Teil 4 keineswegs grausamer daher als seine Vorläufer.
Im Gegenteil: durch nachträgliche Schnitte wurde der Film so entschärft,
dass er in den USA ab 13 freigegeben werden konnte. Eine gute Entscheidung,
weil sich „Stirb Langsam 4.0" damit vom wahrhaft langsamen und leidvollen
Sterben absetzt, mit dem das aktuelle Splatterkino um ästhetisch abgestumpfte
Klientel buhlt. Nein, was sich gesteigert hat im Actiongenre, ist eher die Quantität
der Gewalt. 1988 dauerte es noch 20 Minuten, bis in „Stirb Langsam" der
erste Schuss fiel. Der Nachfolger ließ es bereits nach 12 Filmminuten
knallen. „Stirb Langsam - Jetzt erst recht" eröffnete gleich mit einer
Bombenexplosion - und im neuen Film geht schon zum Vorspann eine Villa in die
Luft. Manifest wird ein Zwang zur Selbstüberholung, der mit wachsender
Einfallsarmut einhergeht. Mutlose Macher? „Casino Royale" hat im Vorjahr
allerdings bewiesen, wie gut es einer Serienfigur wie James Bond bekommt, wenn
man sie einmal ausscheren lässt. Dieser 007 war weniger glatt als seine
Vorgänger, er trat kapriziös, verletzlich, aber männlich auf
- ein bisschen wie John McClane. Die Action-Konkurrenz nähert sich bedrohlich
an. Schwimmen dem legendären Polizisten jetzt die Felle weg?
Im neuen Film kann der inzwischen haarlose Dickkopf
immerhin gegen eine wahrhaft jugendliche Verbrecherschar punkten. Mag man auch
etwas bedauern, dass der reife Bruce Willis nicht mehr so mühelos durch
Trümmerwüsten und Blutlachen tanzt wie früher - sein Körper
erweist sich immer noch als erstaunlich choreographierbar. Und Willis’ mimisches
Funkeln ergibt einen interessanten Kontrast zur Gefühlsglätte des
Erzbösewichts namens Gabriel, der sein Schwiegersohn sein könnte.
Nur, dass dieser sich überaus ungalant gegenüber McClanes Tochter
benimmt. Die hatte sich anfangs noch sehr abschätzig über ihren Vater
geäußert und begreift am Ende, was Vaterliebe sein kann: Liebe, die
über Leichen geht.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
im: „Rheinischen Merkur"
Zu diesem Film gibt’s im archiv
der filmzentrale mehrere Texte
Stirb
langsam 4.0
LIVE
FREE OR DIE HARD, USA 2007 - Regie: Len Wiseman. Buch: Mark Bomback. Nach dem
Artikel "A Farewell to Arms" von John Carlin und Figuren von Roderick
Thorp. Kamera: Simon Duggan. Musik: Marco Beltrami. Schnitt: Nicolas De Toth.
Mit: Bruce Willis , Justin Long, Timothy Olyphant, Cliff Curtis, Maggie Q, Mary
Elizabeth Winstead, Kevin Smith. 20th Century Fox, 129 Min. Start (D): 27.06.07
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