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Eine
wahre Geschichte – The Straight Story
Das
entflochtene Band
David Lynchs neuer Film »The Straight
Story« überwindet das postmoderne Kino
Das »klassische« Mainstream-Kino,
der amerikanische Genre-Film und seine zumeist eher trashigen Ableger in Europa,
und das bürgerliche Erzählkino des »psychologischen Realismus«
befinden sich spätestens seit Mitte der fünfziger Jahre in einer Form
der permanenten Krise. Das Bedürfnis nach Wiederkehr des Gleichen, nach
ideologisch-ästhetischer Kontinuität, wurde vom Fernsehen besser bedient,
die Konkurrenz des einen Mediums mit dem anderen äußerte sich schließlich
vor allem auch als Konkurrenz des einen Films mit dem anderen: Statt einen Sinn-Markt
zu konstruieren und zu stabilisieren, mußte nun jeder einzelne Film auf
diesem Markt überhaupt überleben, und er konnte es nur, indem er versprach,
irgend etwas »anderes« zu bieten. Mehr Stars, größere
Schauwerte, technische Innovationen, moralische Grenzüberschreitungen,
schließlich sogar »unerhörte Botschaften«. Auf der anderen
Seite war die Industrie hoffnungslos überaltert, das Studio-System in den
USA und die »Tradition der Qualität« in Europa begannen, am
Publikum vorbeizuproduzieren, und gerade die Prestige-Produktionen, die den
nach wie vor beträchtlichen Reichtum der Traumfabrik ausstellten, zogen
kaum noch junge Leute an. Zwischen 1957 und 1966 betrug das Durchschnittsalter
der Regisseure, die bei der Oscar-Verleihung für den »besten Film«
ausgezeichnet wurden, 52 Jahre. Der Nachwuchs konnte unter den Bedingungen einer
versteinerten Gerontokratie nun nicht mehr aus dem Zentrum der Produktion selber
stammen, er entwickelte sich zum einen bei den Independents, wie Roger Corman
(sein Einfluß auf die Entwicklung eines »New Hollywood« ist
in doppeltem Sinne »legendär«), zum anderen bildeten die neuen
Film-Hochschulen eine Generation von Filmemachern heran, die in der Lage waren,
europäische Einflüsse zu absorbieren, und sich durch eine genaue Kenntnis
der Filmgeschichte auszeichneten. Einige überraschende Erfolge kleiner,
unabhängiger Produktionen führten zum Konzept der »Wunderkinder«
in der amerikanischen Film-Industrie. Zwischen 1972 und 1979 betrug das Durchschnittsalter
der Oscar-Gewinner 38 Jahre.
Einstige Wunderkinder wie Steven Spielberg
und George Lucas bildeten in den siebziger und achtziger Jahren neue Produktionszusammenhänge
aus, in denen effektvolle, selbstreferentielle und jugend-orientierte Filme
entstanden. Andere, z. B. Michael Cimino, verursachten heftige ökonomische
Katastrophen, die bis zum finanziellen Ruin »alter« Studios führten.
Wenige indes konnten sich entweder jenseits von Hollywood etablieren wie Jim
Jarmusch oder eine Art der künstlerischen Doppelexistenz führen wie
John Cassavetes, der als Schauspieler in Mainstream-Produktionen die Basis für
eigene, »moderne« Projekte schuf, oder wie John Sayles, der Drehbücher
für die Studios schrieb und eigene Filme in unabhängiger Arbeitsweise
herstellte. Schließlich gelang es einigen Regisseuren, als »Autoren«
zu reüssieren, wie Martin Scorsese oder David Lynch, die einen prekären
Außenseiter-Status einnehmen.
Am Ende aller dieser parallelen Entwicklungen
hatte sich Hollywood modernisiert, vor allem, um sich gleich zu bleiben. Ein
modernes Kino nach dem Vorbild der europäischen »Neuen Wellen«
war zwar gescheitert, aber die Produktion und der Markt selber hatten sich zeitgemäß
geöffnet. Zur gleichen Zeit war das Kino in Europa, gerade weil es sich
ästhetisch, ideologisch und ökonomisch als Gegenmodell anbot, zu einer
subventionierten Kulturware geworden, der das »Moderne« auf ganz
andere Weise ausgetrieben wurde. Der Kampf der »neuen« gegen die
»alten« Bilder im Kino wurde nationalisiert, während sich der
Mainstream-Markt zunehmend globalisierte. Die wirtschaftliche Gesundheit der
amerikanischen Filmproduktion war ursprünglich durch die Stärke des
Binnenmarktes gesichert, seit den achtziger Jahren aber sind die Export-Erlöse
keine Extraprofite mehr, sondern die Grundlage der Amortisationsrechnung. Die
Auslands-Erlöse übersteigen längst die Einnahmen aus dem heimischen
Circuit, so wie das Merchandising, die Verwertung der Zweitrechte, die topographische
wie semiotische Ausbreitung also, mediale Gesamtkonzepte produziert, für
die der Film eher Auslöser ist. Aber auch die Ansätze des »jungen«,
»modernen« und »unabhängigen« Kinos in Amerika
können nur durch die Aufmerksamkeit vor allem in Europa existieren.
Das Kino hatte sich damit modernisiert,
gleichwohl aber war der Angriff der Moderne auf das Kino, ästhetisch wie
politisch, abgeschlagen oder marginalisiert worden. Der dynamische Markt des
Kinos konnte nicht als ein entropisches System weiterexistieren wie das Fernsehen
(more of the same als Überbietungsstrategie), aber
es konnte auch nicht »revolutioniert« werden. In dieser Situation
mußte das »Postmoderne« als einzig mögliche Moderne im
Kino erscheinen, von dem sich allenfalls in Einzelfällen sagen ließ,
ob das Moderne als Schmuggelware in den Mainstream gelangte oder ob umgekehrt
der Mainstream Impulse der Moderne gefressen und verdaut hatte.
David Lynch gehört zu den prominentesten
Vertretern dieses postmodernen Kinos, das das Körperliche und das Mechanische,
Abbild und Sinnbild, Text und Bild in eine neue Beziehung brachte. Filme wie
»Blue
Velvet« oder »Wild at Heart« waren zugleich Kult-Stücke
des Neo-Pop-Diskurses und cinematographische Seitenstücke zu einem mehr
oder minder neuen Philosophieren. Sie gingen, oft ganz buchstäblich, »unter
die Haut« und setzten, statt einer mythischen Rekonstruktion der Wirklichkeit,
auf eine filmische Untersuchung neuer Wahrnehmungsweisen: Das Detail des Realen
wurde so fragmentiert und genau angesehen, daß es seine eindeutige Lesbarkeit
verlor, und die Realität wurde als Kulisse einer gesellschaftlichen Konstruktion
durchschaut, die man freilich nicht nur als Maske von Korruption und Wahn verstand,
die es zu »entlarven« gilt, um die »Wahrheit« dahinter
zum Vorschein zu bringen. Keine »echte« Realität hinter der
falschen. Lynchville war der (amerikanische) Ort, der förmlich cineastisch
aufgebrochen wurde, ein Bild- und Text-Cracking, das auch die letzte Einheit
der Erzählung, die bürgerliche »Person«, nicht heil ließ.
Während der Mainstream-Film mit den mehrfachen Codierungen ein mehr oder
weniger intelligentes, mehr oder weniger frivoles Spiel trieb, wurde das Codieren
bei Lynch selber zum Thema. Der Leitfaden dazu war die in den Filmen fortlaufend
entwickelte Geschichte eines »nicht zu Ende geborenen Mannes«, der
unter die Haut seines eigenen Familienromans, unter die Haut seiner selbst gelangte
und in dem sich die fundamentalen Ereignisse, Geburt, Liebe und Tod, in endlosen
Schleifen bewegten. Unter der Haut gibt es die ordentlichen Beziehungen von
Traum und Wirklichkeit, von Transzendenz und Materialität nicht mehr. In
Lynch-Filmen »dachten« wir in den Körpern und in den Mythen,
das Ich und die Welt flossen ineinander. Daher konnten sich die Verhältnisse
der Menschen und Dinge nicht mehr (allein) durch Erkenntnis und Interesse organisieren.
So wie in den Denkspiralen neuer Philosophen gelangte auch hier die Aufklärung
gleichsam über sich selbst hinaus, und es war höchst schwierig zu
bestimmen, ob dieser Weg vorwärts oder zurück
führte. Immerhin war es, wie bei einigen anderen Vertretern des
postmodernen Kinos, bei Atom Egoyan oder Pedro Almódovar zum Beispiel,
auch bei Lynch sehr deutlich, daß es sich weder um eine zynische noch
um eine nur ironische Auflösung handelte. Lynchs Filme haben den Verlust
des Menschlichen in seiner Realität nicht zelebriert, sie haben ihn zugleich
analysiert und betrauert.
Die Wahrnehmung des Realen, des Dings,
des Körpers, des Geschehens, das nicht identisch ist mit seiner Bedeutung,
beschrieb eine Suche nach dem Menschen in seiner Nach-Zeit. Fast noch naiv betrieb
Lynch in »The
Elephant Man« diese
Suche nach dem Menschlichen in der Gestalt eines Wesens, das so sehr aus Realem
(einem ungestalten, »unsinnigen« und wuchernden Körper) bestand,
daß ihm die Teilhabe an der gesellschaftlichen und moralischen Realität
verweigert wird. Wie wird der Körper zur Realität? Gewiß wie
alle Dinge durch die Konstruktion einer Oberfläche. Wenn das Reale aus
ihm hervorbricht, verliert er seine Realität. Nie hat jemand auf der Leinwand
einen Menschen so nackt gezeigt wie David Lynch Isabella Rossellini in »Blue
Velvet« (und die Grausamkeit dieses Aktes haben manche Menschen dem Regisseur
so wenig verziehen wie die Blicke unter die Haut, die flashes zwischen Gewalt und Kindertraum in »Wild at Heart«: Die Begeisterung, die Lynchs
postmoderne Filme auslösten, ist nicht zu denken ohne die reichlich hysterischen
Abwehrversuche gegen ihren Skandal). Was Lynch betreibt, ist nicht mehr das
Projekt der Überführung des Realen in die Realität, insofern
mögen sie weder in klassischer Weise Sinn produzieren, noch in der modernen
Weise die Kritik dieser Realität betreiben.
Die Fernsehserie »Twin
Peaks«, die einer
Ordnung der Genres so wenig mehr gehorcht wie einer konsistenten Erzählhaltung,
mag einerseits als Höhepunkt von Lynchs höchsteigener Anwendung der
postmodernen Ästhetik erscheinen. Andrerseits beginnt er darin aber auch
bereits damit, den Knoten zwischen dem Realen und der Realität aufzulösen,
die Fäden in der Vernetzung auszubreiten. Zwar geht es auch hier wieder
um eine Investigation eines jungen Mannes, der ganz buchstäblich unter
die Haut einer »elterlichen« Realität gelangt – es ist eine
lange Reise durch den »heiligen« Körper des Mädchens als
erster und letzter Einheit der gesellschaftlichen Realität: durch das Geschlecht,
das nicht seines ist – , aber andererseits läßt er hier auch den
Blickwechsel zu. Statt der undeutlichen und überdeutlichen Wesen, die sich
zeigen, wenn zwischen Ich und Welt keine »Haut« steht, sehen wir
fremde Subjekte, Erscheinungen des Realen, die Mensch werden wollen und sich
dabei unendlich spalten und vereinigen, sezieren und übermalen. Niemandem
gelingt es, ein »Individuum«, ein ungeteiltes oder gar unteilbares,
zu werden, auch dem Helden nicht, und die Ökonomie schafft es schon gar
nicht, den »ganzen Menschen« zu erzeugen. Doch die Vielzahl der
Erzählungen in »Twin Peaks«, die Lynch auch nicht mehr als
alleinigen Autor haben, verwandelt das mysteriöse Grundrauschen des Realen
in ein Stimmengewirr der Subjekte. Nachdem der Whodunit-Punkt der Erzählung
passiert war, verlor »Twin Peaks« so rapide an Zuschauerzuspruch,
daß die Serie abgesetzt wurde. Die Geschichte des nicht zu Ende geborenen
Mannes war nun paradoxerweise eine nicht zu Ende erzählte Geschichte geworden.
Lynch kehrte in dem Kinofilm »Twin
Peaks – Fire Walk With Me«
zu ihr zurück und überforderte dabei nicht nur durch seine Erzählstruktur,
prospektiv und retrospektiv zugleich, seine Gefolgschaft. In der Mitte dieses
Filmes gibt es einen radikalen Stimmungswechsel; das ironische Spiel mit den
Mehrfachcodierungen weicht einem nachgerade heiligen Ernst. Wir sehen einer
Figur und einem Künstler zu, die zwar nicht zu Ende geboren, nicht erlöst
werden konnten, aber dennoch erwachsen werden mußten. Das vollkommene
Scheitern dieses Prozesses schilderte dann »Lost
Highway«, eine filmische
Erzählung in Form eines endlos geflochtenen Bandes, in dem sich das innere
nach außen kehren und der Weg von Spaltung und Vereinigung sich um die
beiden Zentren Sexualität und Mord ewig weiterbewegte. »Lost Highway«
war kein überkompliziertes Spiel mit Figuren und Erzählungen, sondern
viel eher ein weiterer Schritt der Entknotung. Der Held ist erwachsen, und das
heißt unter vielem anderen, daß er von seiner Einsamkeit weiß.
Und der Künstler David Lynch weiß, daß er in die polymorphe
Welt von »Blue Velvet« nicht wird zurückkehren können.
Anders gesagt: Mit »Twin Peaks« begann David Lynch sich von der
postmodernen Phase seiner Arbeit zu trennen.
In »The Straight Story« löst
er das Band weiter auf, es ist, scheinbar, nur noch ein einziger Faden, das
letzte Stück einer Lebenslinie, in dem sich das Subjekt weder spaltet noch
mehrfach codieren läßt. Dieser alte Mann, dessen Reise auf einem
kleinen Mähtraktor durch einen Teil des mittleren Amerika der Film begleitet,
scheint der Prototyp eines Mannes, der ist, was er ist, der tut, was er tun
muß, die Wiederkehr des Cowboys. Einfacher kann auch ein Plot kaum konstruiert
werden, der überdies auf eine wahre Begebenheit zurückgeht: Alvin
Straight, bewundernswert verkörpert von Richard Farnsworth, dem ehemaligen
Rancher, Stuntman und Schauspieler, der schon vor zwanzig Jahren alte Männer
spielte, die das Ende ihres Lebens in Würde und Eigen-Sinn erleben, erfährt
vom Schlaganfall seines Bruders Lyle, mit dem er sich vor zehn Jahren zerstritten
hat, und weil auch er körperlich höchst dezimiert ist – seine Augen
sind so schlecht, daß er keinen Führerschein mehr besitzt, seine
Hüfte ist kaputt, Herz und Lunge sind krank, Diabetes beeinträchtigt
ihn – macht er sich auf seinem Rasenmäher mit einem Anhänger auf den
600-Kilometer-Weg, um sich mit Lyle zu versöhnen, noch einmal mit ihm in
den Sternenhimmel zu sehen, wie sie es als Kinder taten. Auf seinem Weg begegnen
ihm eigenartige, doch im Wesen freundliche Menschen: eine Busladung voll Witwen
auf dem Weg zur Besichtigung der »Grotto«, eine schwangere jugendliche
Ausreißerin, der er den Weg zurück in die Familie nahelegt, eine
Schar sportiver Biker, eine Frau, die auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit
immer wieder Hirsche auf der Straße totfährt, obwohl sie die Tiere
so liebt, eine freundliche Neighbourhood, in deren Vorgarten er campiert, als
seine Maschine kaputtgeht, ein Weltkriegs-Veteran, der, wie er selbst, unter
den Erinnerungen leidet, streitsüchtige Zwillinge – und am Ende sitzt er
wirklich mit seinem Bruder vor dessen Hütte, und die beiden schauen, Tränen
in den Augen, in den Sternenhimmel. Die Geschichte ist so straight und anrührend,
daß der Film in den USA von Walt Disney in den Verleih genommen wurde.
Schnell war man sogar bei der Hand, den Film zu feiern als das Werk eines, der,
nachdem er so lange Amerika als Hort des verborgenen Grauens durchreist hatte,
nun heimgekehrt war ins Land der Väter und der in dieser Reise, die voller
Verweise auf seine früheren Filme steckt, eine Selbstrevision per Leitfaden
der Zärtlichkeit vorgenommen hätte.
Selbst wenn man den Film auf diese Weise
sieht, bleibt er verstörend schön. Jede Einstellung, jeder Übergang,
jede Geste der Kamera, die ihren Helden in respektvoller Nähe begleitet
und sich zugleich immer wieder in die Lüfte erhebt, wie ein Vogel, der
mit seinem Helden zieht, über die Felder und die riesigen Mähdrescher
darin, die kleinen Städte und bewaldeten Hügel, jeder dieser poetisch-verschobenen
Dialogsätze voller biblischer, historischer, geographischer Anspielungen,
die genauen Porträts, allen voran das von Sissy Spacek als Alvins Tochter,
die ihre Kinder verlor und beinahe auch ihre Sprache – sind Kunstwerke im Kunstwerk.
Selbst wer auf die Versprechungen der Einfachheit hereinfällt, vergißt
diese Bilder nicht so leicht.
Aber schon wie Lynch uns in diese Geschichte,
wie er uns in den Ort Laurens einführt, dessen Name gewiß nicht umsonst
beinahe identisch ist mit der Figur des mysteriösen Toten in »Lost
Highway«, nähren Zweifel an dieser beinahe parodistisch konzentrierten
Einheit von Zeit, Raum und Person. Laurens ist so fremd und seltsam wie Lynchville
seit eh und je, eine Kulisse der Realität, hinter der das Reale verborgen
bleibt. Schon erwarten wir, daß die Kamera in den Schlund der dicken Dame
fährt, mit all den üblen Süßigkeiten, die sie in sich hineinstopft,
Dorothy heißt sie – ist dieser fettgepanzerte Körper, was aus der
Dorothy von »Blue Velvet« wurde? Aber die Kamera geht nicht unter
die Haut. Im Gegenteil, sie geht so sehr auf Distanz, daß wir den Fall,
den Alvin in seiner Küche tut, nicht einmal sehen. Wir haben ihn nur gehört,
und dann sehen wir Alvin da liegen. Sein Tod ist sicher. Wir bräuchten
die Ausführungen des Arztes nicht mehr, kaum noch diese Lynchschen Nahaufnahmen
auf das ärztliche Gerät, nicht einmal die Abschiedsgesten, den ersten
Anlauf der Reise, der an der »Grotto« endet, um zu wissen: Dieser
Film ist ein einziges, großes Todesbild: die Reise eines Mannes, der das
Gespaltene vereinen will, ein Abschiedstraum von Vater und Tochter, ein Weg,
den man, wie Alvin mehrmals betont, allein gehen muß, aber doch im Blick
der anderen. So begegnet er weniger den netten Menschen von middle
america als seltsamen
Engeln, die ihm ein Stück dieses Weges erleichtern, jedem gibt er etwas,
von jedem erhält er etwas, das ihn auf diesem Weg weiterbringt, am Ende
tatsächlich über den großen Fluß, zum Mount Zion, zur
Vereinigung mit dem verlorenen Bruder, zum Blick in den Sternenhimmel. Schon
immer hat Lynch in seinen Filmen die Toten mit einer Zärtlichkeit angesehen,
die er den Lebenden verweigern mußte, waren seine Bilder am intensivsten,
wo es um die Übergänge ging. Nun dehnt er den Augenblick des Sterbens
auf 111 Minuten, darauf bedacht, jede davon kostbar zu machen.
Versöhnung also? Erlösung gar?
Nur, wenn wir blind sein wollen. Wir werden durch diesen Film getragen wie Walter
Benjamins Angelus Novus, rückwärts, mit dem Blick auf das Grauen,
das wir hinterlassen, auf die furchtbaren Verletzungen des Familienromans, den
Verlust der Liebe, den Krieg, in dem man so nachhaltig den Bruder ermordet hat,
die ewigen Ketten der Schuld, das groteske Töten dessen, was man liebt,
das Feuer, das man legte, den Zwang des Blickes auf das Böse. Und auch
Amerika ist in diesem sanften, herbstlichen Blick des Engels der Geschichte
keineswegs ein geheiltes Land, es ist ein Land, in dem alle einander Fremde
bleiben, dessen Realität nur ein obskures Spiel der Bilder und Begriffe
ist. Amerika ist in diesem Abschiedsblick nicht etwas, das verloren wird, Amerika
ist etwas, das nie wurde. Man muß wahrlich blind sein, um nicht zu sehen,
wie wenig Chancen zur Versöhnung diese Geschichten bieten: die von der
Frau, der man die Kinder nahm, weil jemand das Feuer nicht bewahren konnte (wer
es war, erfahren wir nicht, aber wir können das Schlimmste nur vermuten),
die von dem Mann, der als Scharfschütze den eigenen Scout erschoß,
die von der Frau, die immer wieder den Hirsch überfährt (als verzweifeltste
Umkehrung des »Deerslayer«-Mythos), die von den Zwillingen, deren
ganze Lebens- und Arbeitskraft in törichten Kämpfen draufgeht. Bilder
der Lähmungen, Bilder der Verdammnis, Bilder von Menschen, die nicht Menschen
werden können. Lynchs Film beginnt mit langen Blicken auf eine Frau, die
sich vollstopft und durch eine dieser Sonnenschutzmasken blind macht, die sich
obendrein mit einem Reflektor blendet und dann noch in aller Unschuld behauptet,
sie habe ihren Nachbarn nicht gesehen. »Cheap laughs« meinten die
amerikanischen Kritiker und Kritikerinnen zu dieser Szene, um sodann »The
Straight Story« als feelgood-movie eines einstigen Rebellen zu goutieren.
Konnten oder wollten sie nicht sehen, wie genau Lynch in dieser Eingangssequenz
das vollgestopfte und blinde Amerika porträtierte, und wie sehr er hier
schon davor warnt, »The Straight Story« als straight
story mißzuverstehen?
Lynchs Blick auf den Menschen, auf das
Land, die Geschichte und den Mythos, ist so genau geworden, daß er den
Umweg über die postmodernen Brechungen nicht mehr benötigt. Aber ohne
sie hätte er nicht hierher gelangen können: zu einem Blick, der den
Menschen liebt, ohne sich mit seiner Geschichte zu versöhnen. David Lynchs
schönster Film ist zugleich sein grausamster. Oder umgekehrt.
Dieser Text ist zuerst erschienen in:
konkret 12/1999
Anrührend
und einfach
Alvin
Straight ist über siebzig Jahre alt, lebt mit seiner Tochter Rose in einem
Städtchen namens Laurens, und gesundheitlich geht es ihm nicht gerade blendend.
Seine Augen sind so schlecht, daß er nicht mehr Auto fahren kann, zum
Gehen benötigt er wegen eines Hüftleidens zwei Krückstöcke,
und daß er seine Zigarren nicht aufgeben will, macht seinen Arzt auch
nicht gerade glücklich. Und da erhält Alvin auch noch die Nachricht,
daß sein Bruder Lyle einen Schlaganfall erlitten hat. Lyle, mit dem er
vor zehn Jahren im Streit auseinanderging. Seitdem haben die beiden sich nicht
mehr gesehen. Alvin Straight möchte sich mit seinem Bruder versöhnen,
mit ihm zusammen in den Sternenhimmel sehen, wie sie es als Kinder getan haben.
Weil er nicht mit dem Auto fahren kann, kein Bus ihn zum Mount Zion bringt,
wo sein Bruder lebt, macht er sich mit seinem Rasenmäher auf die Reise.
Tagsüber fährt er mit seinem kleinen, langsamen Gefährt, die
Nächte verbringt er in einem selbstgebauten Anhänger. Unterwegs macht
er ein paar Bekanntschaften, hört ein paar Menschen bei ihren Erzählungen
zu und erzählt ein bißchen von sich. Manchmal wird er eingeladen,
aber länger aufhalten läßt sich Alvin Straight nur durch einen
Motorschaden seines 1966-John Deere. Mehr als sechshundert Kilometer durchs
Herzland geht seine Reise, über den Mississippi und dann rechts den Herbstwald
hinauf. Am Ende sitzen die beiden Brüder wirklich vor der Hütte und
sehen in den Sternenhimmel. 1997 ist Alvin Straight gestorben.
Eine
wahre Geschichte, so anrührend und einfach, daß sie auch durch den
kleinen Medienrummel nicht kaputtgemacht werden konnte, den Alvin Straights
Reise auf dem Rasenmäher auslöste. Eine Geschichte vom letzten Cowboy.
Und vielleicht ist der Name des Regisseurs, der Alvin Straights Geschichte verfilmt,
nichts weiter als eine zusätzliche kleine Pointe. David Lynch, der Kerl,
der mit seinen Filmen »unter die Haut« gehen wollte, der das Grauen
hinter den Gartenzäunen der Kleinstadt-Idyllen zeigte, der sich weder um
die Ikonographien der Genres noch um die Regeln des Geradeaus-Erzählens
kümmerte, der postmoderne Filmautor, der am Ende mit »Lost Highway«
das endlos geflochtene Moebius-Band als Erzählmodell benutzte, David Lynch,
der Weltmeister cineastischer Mehrdeutigkeit, inszenierte »The Straight
Story« schnörkellos mit respektvoll-zärtlichen Blick auf den
alten Mann auf seinem Rasenmäher. Keine Rückblenden, keine Lynchschen
Traumsequenzen, nur die lakonische Ganzheit eines Mannes, den Richard Farnsworth
spielt, ein Stuntman und Pferdespezialist, der erst spät Schauspieler wurde.
Er spielte schon vor zwanzig Jahren alte Männer
auf letzten Reisen, Outlaws, die ihren eigenen Weg zu Ende gingen. Sissy Spacek
gibt ein bewundernswertes Portrait seiner Tochter, eine Frau, die man für
»langsam« hält, die mit dem Sprechen ihre Schwierigkeiten hat,
der man nach einem Brandunfall die Kinder weggenommen hat. Ein einziger Blick
von ihr aus dem Fenster, wenn ein Ball vorüberrollt und ein Kind läuft,
um ihn zu holen, reicht aus, um einem das Herz zu zerreißen. Wenn die
beiden bei der nächsten Oscar-Verleihung übergangen werden, stimmt
etwas mit der Academy nicht.
Was
»The Straight Story« von anderen sanften Road Movies mit alten Helden
wie, sagen wir, »Harry & Tonto« unterscheidet, ist nicht nur
Lynchs künstlerische Meisterschaft: Jede Einstellung eine perfekte Komposition,
jeder Übergang ein genau tariertes Wechselspiel, jedes Dialog-Stück
ein poetisches Mini-Drama voller Anspielungen (ebenso auf religiöse und
historische Motive wie auf Lynchs eigene Filme), Namen- und Wortspiele, komische
Verknüpfungen (eine Idee, die in einer Dialogszene geäußert
wurde, taucht in einer anderen unvermutet wieder auf). Während die Kamera,
was die straighte Story anbelangt, stets auf der Höhe des Helden bleibt,
gibt es eine kontrapunktisch wiederkehrende zweite Kamerabewegung: wie ein Vogel,
der Alvin Straight auf seiner letzten Reise begleitet, erhebt sich diese Kamera
in die Lüfte, kreist über den Feldern, auf denen riesige Erntefahrzeuge
ihren Dienst versehen, über den Wäldern und Straßen.
Die
Einführung, in der wir das Ambiente von Laurens kennenlernen, ist purer
Lynch-Stoff. Diese Stadt ist nicht weniger fremd und seltsam als Lumberton oder
Twin Peaks, ihre Einwohner nicht weniger halluzinatorisch. Aber nicht nach innen
geht der geheimnisvolle Weg für diesmal, sondern auf die Straße,
die Alvin Straight so langsam befährt, daß wir Zeit haben, die Risse
im Asphalt zu beobachten. Er begegnet unter anderem einer schwangeren jugendlichen
Ausreißerin, einer Schar Bikern, streitsüchtigen Zwillingen, die
seinen Rasenmäher reparieren, und einem Mann, der wie er selbst, im Krieg
gelitten hat. Die Geschichte, die Alvin ihm erzählt, etwas, das er los werden muß, ist so hoffnungslos wie das Trauma
der Autofahrerin, der er begegnet. Immer wieder fährt sie einen Hirsch
tot, sie kann machen, was sie will, ob sie mit Aufblendlicht fährt oder
»Public Enemy« mit voller Lautstärke spielt. Dabei liebt sie
die Hirsche, die sie totfährt auf ihrem Weg zur Arbeit und wieder zurück.
Alvin Straights letzte Reise führt durch ein Amerika, das sich bemüht,
freundlich zu sein, und das sich doch in absurden Kreisen bewegt.
Ist
»The Straight Story« ein Film der Erlösung oder der Unversöhntheit?
Es kommt darauf an, wie man ihn sieht. Alvins Reise in den Tod vermittelt manchmal
pures Glück. Aber von dem, was er zurückläßt, geht kaum
ein Trost aus. Es ist David Lynchs schönster Film, vielleicht auch sein
grausamster. »The Straight Story« hat (beinahe) alle postmoderne
Frivolität überwunden; das Reale lauert nicht mehr hinter den Kulissen,
es ist der Kamera nur allzu nahe in Sprache und Körper. So nahe, daß
jede Einstellung zu einer filmischen Überlegung zu Distanz und Intimität
wird. Zu einer solchen Einfachheit in der Darstellung der menschlichen Tragödie
und ihrer Komödie kommt man nicht auf geradem Weg. »The Straight
Story« ist einer jener Filme, auf die das Kino lange Jahre hingearbeitet
hat. Das cineastische Kunstwerk der neunziger Jahre, auf das es sich zu warten
gelohnt hat.
Note:
2
Georg
Seeßlen
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: www.strandgut.de
Eine
wahre Geschichte - The Straight Story
THE
STRAIGHT STORY
Regie:
David Lynch
Buch:
John Roach, Mary Sweeney
Kamera:
Freddie Francis
Musik:
Angelo Badalamenti
Schnitt:
Mary Sweeney
Darsteller:
Richard
Farnsworth (Alvin Straight)
Sissy
Spacek (Rose)
Harry
Dean Stanton (Lyle)
Jane
Galloway Heitz (Dorothy)
Joseph
A. Carpenter (Bud)
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