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Die
Straßenwalze und die Geige
Sascha ist ein etwa siebenjähriger, überaus
sensibler Junge, der lieber Geige als Fußball spielt und dafür von
den Nachbarskindern als »Musikant« verspottet und derart übel
malträtiert wird, daß dabei fast seine Geige zu Bruch geht. Unerwartete
Hilfe kommt von Igor, einem jungen Straßenarbeiter, der mit seiner roten
Walze gerade den Hof teert: er nimmt Sascha nicht nur in Schutz, sondern setzt
ihn vor den Augen seiner neidisch zuschauenden Widersacher sogar ans Steuer
der vielbewunderten Straßenwalze. - Auf dem Weg zum Geigenunterricht bleibt
Sascha immer wieder träumerisch fantasierend stehen. Vor einem Schaufenster
etwa, in dessen Spiegeln er sieht, wie einer Frau Äpfel davonrollen. Einen
dieser Äpfel hebt er auf und schenkt ihn seiner ebenfalls schüchtern-braven
Mitschülerin. Gemeinsam warten sie im langen Korridor der Musikschule auf
einen Unterricht, in dem die gestrenge ältere Lehrerin die fantasievollen
Improvisationen ihres kleinen Schülers mit dem Metronom zu disziplinieren
versucht. - In der Mittagspause gesellt sich Sascha zu seinem neuen Freund,
dem Straßenarbeiter, der ihn auffordert, nun seinerseits einem kleinen
Knirps zu helfen, dem ein älterer Junge den Ball weggenommen hat. Sascha
bezieht dabei zwar Prügel, rettet aber den Ball und ist stolz auf seinen
neuen Mut. Zusammen mit Igor und anderen Schaulustigen beobachtet er den Abriß
eines alten moskauer Bürgerhauses der Vorrevolutionszeit, hinter dessen
einstürzender Fassade die Fantasielosigkeit eines Neubauviertels sichtbar
wird. Als Igor seinen kleinen Freund harmlos-scherzend »Musikant«
nennt, fühlt sich dieser verletzt und wirft das geschenkte Pausenbrot in
den Straßenschmutz, wofür er sich eine Belehrung über den Wert
des mit schwerer Arbeit verdienten Brotes anhören muß. Zusammen werden
die beiden von einem leichten Sommergewitter überrascht, das die leuchtenden
Spiegel großer Pfützen hinterläßt. In einer hohen, widerhallenden
Toreinfahrt weiht schließlich Sascha den Straßenarbeiter in die
Geheimnisse und die Schönheit, aber auch in die Mühen des Geigenspiels
ein. Auf die kleine Druckstelle am Kinn, wo die Geige angesetzt wird, ist der
Junge ebenso stolz wie Igor auf die Schwielen an seinen Händen. - Die wiederversöhnten
Freunde verabreden sich zu einem gemeinsamen Kinobesuch. Auf dem Programm steht
Tschapajew, der nach wie vor erfolgreich laufende Bürgerkriegs-Klassiker
der Brüder Wasiljew aus dem Jahre 1934. Doch aus diesem Plan wird nichts:
Saschas Eltern, für die ein Straßenarbeiter nicht der rechte Umgang
für ihren streng behüteten Sohn ist, erteilen Sascha Stubenarrest.
Igor wartet vergeblich und geht schließlich zusammen mit seiner Arbeitskollegin
ins Kino, die die Freundschaft mit Sascha bereits eifersüchtig beobachtet
hat. Sascha selbst bleibt nur noch die Flucht in seine Fantasie: in rotem Hemd
läuft er über den grau glänzenden Asphalt zur leuchtend roten
Straßenwalze.
Ähnlich wie verschiedene andere WGIK-Absolventen
griff Andrej Tarkowskij in DIE STRASSENWALZE UND DIE GEIGE also ein »Kinderfilm«-Sujet
auf, eine einfache, unprätentiöse Geschichte, die mit poetisch-psychologischem
Realismus erzählt wird. Traditionelle Elemente des alten Erzählkinos,
des Sentimentalen und Belehrenden verknüpfen sich dabei mit einer bereits
symbolisch über sich selbst hinausweisenden Bildsprache, die Wadim Jusow
strukturiert. In relativ koventionellem Rahmen antizipiert dieser Diplomfilm
zentrale Motive und Stilformen späterer Tarkowskij-Filme. Bereits der Titel
signalisiert gleichsam Leitmotivisches: den spannungsgeladenen Gegensatz von
erdnah Pragmatischem und poetisch Fantastischem. Die freundschaftliche Verständigung
von künstlerisch fantasiebegabtem Kind und Straßenarbeiter formuliert
hier noch eine Hoffnung auf mögliche Harmonie, die später in die Harmonie
des Spirituellen transzendiert wird. Doch auch das Hauptthema Tarkowskijs ist
schon präsent: die Bedrohung der aus Einsamkeit und subjektiver Fantasie
(später dann aus der »duchownost«, der Spiritualität)
aufblühenden Kreativität durch eine pragmatisch und nach dogmatisch
strengen Regeln funktionierenden Alltagswelt. Im Mittelpunkt aller Tarkowskij-Filme
steht die Kraft der Schwachen und Gefährdeten, derer, die sich den Gesetzen
der »Normalität«, der Alltagslogik des materiell Pragmatischen
verweigern. Das sind vor allem Kinder und Künstler (zu denen noch der ihnen
verwandte »heilige Narr« kommt). Sascha ist beides zugleich - das
künstlerisch fantasiebegabte Kind und der werdende Künstler. Sein
Widerstand gegen das Metronom der Lehrerin ist gleichsam ein Vorgriff auf Andrej
Rubljows Kampf gegen den erstarrten Normenkanon überlieferter Ikonenmalerei.
Zugleich ist Sascha aber ein Verwandter, ein Vorläufer des in unbekannt-bedrohliches
Gelände vorstoßenden Frontaufklärers (IWANS KINDHEIT), des halbwüchsigen
Glockengießers Borischka (ANDREJ RUBLJOW), der einsamen Kinder des autobiografischen
DER SPIEGEL, der verkrüppelten Stalker-Tochter, die traumverloren translogisch-kinetische
Kräfte entwickelt, schließlich aber Jungchens, in den Alexander in
OPFER die scheinbar widersinnige Hoffnung auf eine Errettung der Welt setzt.
In DIE STRASSENWALZE UND DIE GEIGE finden sich charakteristische
Bildmotive. Etwa das der verschütteten Äpfel, das in IWANS KINDHEIT
wiederaufgenommen wird (und von Felicitas Allardt-Nostitz in durchaus sinnvollen
Zusammenhang mit der Eingangs-Szene des Goldenen Topfes von E. T. A. Hoffmann
gebracht wird, dem Tarkowskijs letztes Filmprojekt Hoffmanniana gewidmet ist). Wichtiger noch sind die bereits in
diesem frühen Film auftauchenden Spiegel, Wasserpfützen und plötzlich
einsetzenden Regenschauer. Jene für Tarkowskij so zentralen Elemente einer
inneren Dramaturgie, einer über sich selbst hinausweisenden Abbildrealität,
zu der immer auch die bewußte Orchestrierung der Farben und Geräusche
gehört.
Maja Turowskaja erwähnt Auseinandersetzungen
mit einer Studioleitung, die Andrej Tarkowskijs Figurenentwürfe und Schauspielerführung
kritisiert habe. Damit antizipiert auch die Entstehungsgeschichte von DIE STRASSENWALZE
UND DIE GEIGE die permanenten Konflikte mit Leitungsorganen und Ministerialbürokraten,
die von nun an die gesamte Filmarbeit dieses Regisseurs behindern und ihn schließlich
ins Exil treiben werden. Bereits 1960 formuliert Tarkowskij das Credo seines
Künstlertums mit kompromißloser Standfestigkeit: »Die Probeaufnahmen
sind schlecht, aber, was das Konzept des Filmes angeht, ich habe es vorgelegt
und werde an ihm festhalten. Denn sonst wird Süßholz-Geraspel daraus.
Wir brauchen aber kein Herumgefasel, sondern die Wahrheit. Eben um das Konzept
selbst geht es doch hier und nicht um den Schauspieler. Eine dogmatische Sprache
aber kann ich nicht sprechen.«
Hans Joachim Schlegel
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: Andrej Tarkowskij; Band 39 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek
von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien
1987, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung
des Carl Hanser Verlags
Die
Straßenwalze und die Geige
[Katok
i skripka]
UdSSR
1961
Regie:
Andrej Tarkowskij
Drehbuch:
Andrej Tarkowskij, Andrej Michalkow-Kontschalowskij; Kamera: Wadim Jusow; Schnitt:
L. Butusowa; Ton: W. Kratschkowskij; Musik: Wjatscheslaw Owtschinnikow; Dirigent:
E. Chatschaturjan; Bauten: S. Agojan; Kostüme: A. Martinson; Maske: A.
Makaschewa; Regie-Assistenz: O. Gerz; Spezialeffekte: B. Pljuschnikow, W. Sewostjanow;
A. Rudaschenkow.
Darsteller:
Igor Fomtschenko (Sascha), W. Samanskij (Sergej), N. Archangelskaja (Mädchen),
Marina Adshubej (Mutter), Jura Brusser, Slawa Borisow, Sascha Witoslawskij,
Sascha Ilin, Kolja Kosarew, Gena Kljakowskij, Igor Kolowikow, Shenja Fedtschenko,
Tanja Prochorowa, A. Maksimowa, L. Semjonowa, G. Schdanowa, M. Figner
Produktion:
Mosfilm; Produktionsleitung: A. Karetin; Format:35 mm; Farbe (Sowcolor); Originallänge:
46 Minuten. Deutsche Erstaufführung: 29.4.1977, Westdeutsche Kurzfilmtage
Oberhausen (Sonderprogramm); Verleih: in der Bundesrepublik nicht verliehen.
Marina
Adshubej ist die Enkeltochter Nikita Chruschtschows
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