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Die
Stunde des Wolfs
Manchmal ist
eine Minute eine Ewigkeit
Johan kann nachts nicht schlafen, weil ihn die Dämonen
nicht lassen. Er wird von Nachtmahren verfolgt, die erst verschwinden, wenn
die Sonne aufgeht. So verbringt er die Nacht in der Dunkelheit seiner Hütte,
die auf der Insel Baltrum steht, zusammen mit seiner Frau Alma, und zählt
die Sekunden. Wie quälend langsam die Zeit für beide vergeht, verdeutlicht
Ingmar Bergman in seinem 1968 erschienenen Film "Vargtimen" (dt. Die Stunde des Wolfs),
indem er Johan die Sekunden einer Minute zählen läßt. Während
diese verstreichen, scheint es so, als rücke die Dunkelheit der Hütte
um beide herum immer näher und drohe das kleine Öllämpchen zu
ersticken.
Die Geschichte von Johan und Alma, die "Die
Stunde des Wolfs" erzählt, basiert auf einem Tagebuch, das Alma einem
Filmteam vorstellt - Wochen nachdem Johan auf mysteriöse Weise verschwunden
ist. In diesem Buch hat er die schönen Momente der beiden festgehalten
- etwa wie der Kunstmaler Johan sich vornimmt, seine schwangere Frau jeden Tag
zu malen, oder wie beide, nachdem Johan von einem Ausflug auf die Insel zum
Haus zurückgekehrt ist, einander unter flatternden weißen Bettlaken
an der Leine vor dem Haus küssen. Solche intimen Augenblicke beschwören
einen insularen Sommer, der scheinbar endlos ist.
Doch mehr als diese Momente, sind es Johans bedrohliche
Imaginationen einer illustren Gesellschaft, die auf der anderen Seite der Insel
in einem verfallenen Schloß lebt, die das Tagebuch füllen. Diese
Menschen verfolgen Johan - sie sind die Bestandteile seiner Lebensgeschichte,
die er mit der Heirat Almas hinter sich gelassen zu haben glaubt. Vor allem
eine ehemalige Geliebte namens Veronica Vogler wird immer wieder genannt. Die
Beziehung und Trennung von ihr war für Johan ein schweres Trauma, und die
Schloßgesellschaft scheint alle einzelnen Aspekte dieses Traums zu personifizieren:
Die Sehnsucht, die Vergänglichkeit, die Eifersucht, den Neid - ja sogar
einen den Namen der Geliebten aufnehmenden "Vogelmenschen" gibt es,
der Johan verfolgt.
Alma weiß nicht, wie sie Johan helfen kann
- sie wird vielmehr selbst Opfer von Visionen. Als eines Tages eine alte Frau
bei ihrem Haus auftaucht und sie auf das unter Johans Bett versteckte Tagebuch
hinweist, vermischen sich für sie - wie auch für den Zuschauer - die
Grenzen von Einbildung und Wirklichkeit. Ab jetzt begleitet Alma ihren Mann
zu den Treffen im Schloss, sieht dieselben Personen über die Insel geistern
wie er und erlebt die Verfolgung und (wahrscheinliche) Ermordung Johans durch
die Alptraumwesen vis-à-vis mit.
Ingmar Bergman hat - das haben zahlreiche Kritiker
falsch aufgefasst - mit "Die Stunde des Wolfs" keineswegs einen Horrorfilm
inszeniert. Zwar verfügt der Film über die Struktur und das Motivinventar
eines Films dieses Genres, doch ist die Erzählung ganz klar in der Realität
verankert, entbergen sich die Figuren und Geschehnisse deutlich als Zerrbilder
einer Psychose. Alma selbst nennt den Grund zweimal, warum nicht nur Johan,
sondern auch sie diese Zerrbilder wahrnimmt: "Ist es nicht so, dass eine
Frau, die lange mit einem Mann zusammenlebt, im Laufe der Jahre diesem Mann
ähnlich wird? Wenn sie ihn liebt, beginnt sie, zu denken wie ihr Mann,
zu sehen wie er. Es heißt, dass sich dadurch ein Mensch verändert."
Dies fragt sie nicht nur Johan, der darauf nicht antwortet, weil er - wohl nach
seiner Beziehung zu Veronika Vogler - weiß, dass Alma Recht hat, sondern
sie fragt es auch uns, die Zuschauer, in der letzten Einstellung des Films.
Der Blick in die Kamera ist konstitutiv
für die Erzählhaltung des Films.
Bergman rahmt seinen Film durch eine Interviewsituation,
in der Alma mit dem Interviewer spricht und ihm die Geschichte Johans erzählt.
Doch außer in der allerersten Einstellung des Films, in der das Bild noch
schwarz ist und ein erläuternder Prätext auf dem Schirm erscheint,
hört man den Interviewer oder die Filmcrew nicht, und es ist der Zuschauer,
mit dem Alma spricht. Der Film selbst macht uns - je mehr Zeit vergeht - zum
Verbündeten der Visionen von Alma und Johan. Wir sehen die Gestalten aus
Johans Tagträumen und werden Zeugen seiner Erlebnisse in Rückblenden.
Das ohnehin stark kontrastreiche Schwarzweiß-Bild des Films wird in solchen
Flashbacks noch stärker mit Schwarz gesättigt, wirkt wie solarisiert.
Wie in einem Stummfilm erleben wir, wie Johan einen kleinen Jungen erschlägt
und im Meer versenkt, und hören dazu jene atonale Orchestermusik (die streckenweise
an die Werke Bartoks erinnert), die sonst nur selten in die Stille des Films
einbricht.
Den Höhepunkt des Films bildet jene obskure
Feier, zu der der Schlossherr Johan und Alma einlädt. Hier verdichten sich
etliche Motive des bergmanschen Œuvres. Vor allem seine Vorliebe für Mozarts
"Zauberflöte" findet sich hier - wenn auch in nuce, als ein Puppentheater,
in dem die Puppen wie miniaturisierte Menschen aussehen. Im Verlaufe dieser
Feier werden die peinlichen und pikanten Details aus Johans Vergangenheit enthüllt
und der Lächerlichkeit preisgegeben. Alma, die das eigentliche Ziel der
Demütigungen ist, erträgt dies mit Fassung, weil sie sich der Liebe
Johans sicher ist. Doch gerade nach diesen Ereignissen ändert sich ihre
Beziehung; Johan wird ablehnend, bösartig, ja aggressiv. Er schießt
auf Alma mit einer Pistole, die er von einem der Schlossbewohner bekommen hat,
und flieht ins Schloss, um Veronika Vogler zu finden. Was er dort findet, ist
sein Ende. Die angeschossene Alma folgt ihm, kann aber nur noch hilflos zusehen,
wie ihn die Nachtmahre in das tiefe Sumpfland ziehen.
"Die Stunde des Wolfs" ist dem nur wenige
Jahre später erschienenen "Schreie und Flüstern" sehr ähnlich.
Wie in diesem Film verwendet Bergman auch hier Elemente des Fantastischen, um
eine psychische Extremsituation zu inszenieren: War die Frage in "Schreie und Flüstern", wie sich Lebenslügen im Angesicht des
Todes offenbaren, so wirft "Die Stunde des Wolfs" die Frage danach
auf, wie ein Lebenspartner die psychische Dissoziation des Gegenübers erlebt.
Ein Motiv, an dem Bergman auch in seinen künftigen Filmen festhalten wird
und das etwa in "Die Seeligen" (1997) zu einem realistischen Höhepunkt
gelangt.
"Die Stunde des Wolfs" ist, weil er über
einen solch unkenntlichen Gegenstand erzählt, ein äußerst minimalistischer
Film. Fast vollständig wird er vom Spiel Max von Sydows und Liv Ullmanns
getragen. Letztere
führt hier den Höhepunkt ihres Kunstschaffens vor. Von der unbeschwerten,
fast mädchenhaften Frau am Filmbeginn über die vor Angst fast gelähmte
bis hin zu einer von existenziellen Fragen und Trauer bestimmten Frau am Filmende
(in der Rahmenhandlung) reicht ihr Spiel. Die Dominanz der Nah- und Großaufnahmen
der Gesichter verlangen den Schauspielern viel Können ab. In ihnen ruht
die psychologische Authentizität des Stoffes.
Bergmans Film ist ein Kleinod des europäischen
Autorenfilms, das jahrzehntelang nur in gelegentlichen TV-Ausstrahlungen zu
sehen gewesen ist und dort mit einer - wie der Vergleich mit der neuen Untertitelung
des Originals zeigt - schon fast sinnentstellenden Synchronisation.
Die Aufbereitung des 4:3-Bildes auf der Kinowelt-DVD
ist exzellent geglückt. Ein Film, der derartig von seinen Kontrasten und
seinem tiefen, symbolischen Schwarz lebt, verträgt keine Kompressionsartefakte
und kein Bildrauschen. Hier hat Kinowelt ganze Arbeit geleistet. Leider verfügt auch diese DVD - wie schon vorangegangene
der Bergman-Edition - über kein nennenswertes Zusatzmaterial. Hatte die
US-Veröffentlichung von MGM neben einem Audiokommentar von Marc Gervais
noch ein Featurette namens "The Search for Sanity" (Interviews mit
Liv Ullmann und Erland Josephson) als Beiprogramm, so fügt Kinowelt neben
zwei Texttafeln mit Regisseur-Biografie und Produktionsnotizen von Hauke Lange-Fuchs
lediglich Trailer zu weiteren Veröffentlichungen hinzu. Eine andere Unsitte
ist es, dass vom laufenden Film aus die Untertitel und die Tonspur nicht mehr
zu wechseln sind. Damit wird eine der wesentlichen Techniken der DVD nicht ausgenutzt,
die es gerade angesichts der verzerrenden deutschen Synchronisation verunmöglicht,
schnell die Untertitel ein- und auszublenden, ohne erst zum Menü zurückgehen
zu müssen und den Film zu unterbrechen.
Stefan Höltgen
Dieser Text ist zuerst erschienen im: schnitt
Die
Stunde des Wolfs
Vargtimmen.
S 1968. R,B: Ingmar Bergman. K:
Sven Nykvist. S: Ulla Ryghe. M: Lars-Johan Werle. P: Svensk Filmindustri, AB.
D: Max von Sydow, Liv Ullmann, Ingrid Thulin, Erland Josephson u.a. 89 Min.
DVD:
Kinowelt/Arthaus
Sprachen:
Deutsch, Schwedisch (mit opt. dt. UT)
1:1,33,
DD 1.0
84
Min.
DVD-Erscheinungstermin:
21.2.2006
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