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Sunrise
Man fühlt schon das Besondere in diesem Moment von Sunrise, wenn die Welt zweier Menschen für Sekunden aus allen Fugen
gerissen wird, wenn Leben und Tod, Geburt und Vernichtung auf einem sehr schmalen
Grat beieinander liegen: Unfähig, den geplanten Mord an seiner Frau durchzuführen,
schlägt der Mann, vor ihr stehend und nach einer langen Zeit des Haderns
endlich die Hände vor dem Gesicht zusammen, sackt in sich zusammen und
symbolisiert mit dieser schlichten Geste, verbunden mit einem Glockenläuten
aus der musikalischen Unterlegung die Niederlage des Bösen, die Rückbesinnung
auf das, was ihm im Leben am wichtigsten und durch die "Liebesroutine"
des Alltags nur aus dem Blickpunkt geraten war und öffnet den Weg für
eine Wiedergeburt der Beziehung zu seiner Frau. Doch sie flüchtet in Panik
vor ihm, glaubt noch immer, er habe es auf ihr Leben abgesehen. "Hab keine
Angst vor mir!", offenbart er sich ihr voller Reue. Die Berechtigung dieses
Satzes unter Beweis zu stellen, wird für ihn zum Auftakt für eine
gemeinsame Reise mit seiner Frau ins Reich von Schuld, Gnade und Vergebung.
Dass sich dieses Reich decken darf mit dem, aus welchem die personifizierte
"Sünde" selbst zu Beginn des Films kam, zählt zu den schönsten
und modernsten Ideen von Sunrise.
An nur sehr wenige Filme kann ich mich erinnern, in denen das Kino
so sehr unabhängig von den ihm am engsten verwandten Kunstformen steht,
wie dies in Murnaus Film der Fall ist. Manche (auch manche großartigen)
Filme könnten theoretisch durchaus eine Umsetzung etwa auf der Bühne
erfahren, oder auch als lediglich geschriebenes Wort auf dem Papier funktionieren,
weil ihr Schwerpunkt auf dem Erzählenden liegt - weil sie sich auf die
Ausarbeitung ihrer Geschichte, ihrer Charaktere und deren Handeln so sehr fixieren,
dass allein dies einen Reiz gewinnen kann. In den "filmischsten Filmen"
wird hingegen, vor allem und am anschaulichsten mit den Mitteln der Schnittkunst,
dem Element, das den Film vielleicht am ehesten von allen anderen Kunstformen
rigoros abtrennt, eine große Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit
des Kinos zu erschaffen versucht. Die Werke der sowjetischen Montagetheorie
der mittleren und späten 20er-Jahre gelangen sogar vorrangig auf diese
Weise, während sich vor allem Filme aus dem politischen Kino etwa der 60er-
und 70er-Jahre aufgrund ihrer natürlichen Komplexität als gute Gegenbeispiele
aufführen lassen. So könnte ich mir durchaus vorstellen, dass ein
The Manchurian Candidate (Botschafter der Angst, 1962) auch auf der Bühne nicht außerordentlich viel von
seiner starken Wirkung verlöre, wohingegen ein Film wie - freilich ein
Extrembeispiel - Dziga Vertovs Chelovek S Kinoapparatom (Der Mann mit der Kamera, 1929) in keinem anderen Medium eine "Chance" hätte,
da seine Beschaffenheit in jeder Hinsicht völlig filmischer Natur ist.
Mit Sunrise verhält es sich ganz ähnlich: Auf der Bühne beispielsweise
würde die beinahe triviale Handlung einer akuten Lächerlichkeit preisgegeben
werden und eben genau jene Mittel, die Murnau nutzt, um sie genau dieser nicht
verfallen zu lassen, hätten auf der Bühne kaum eine Wirkung. Denn
Sunrise ist sowohl eine "Rechtfertigung des Stummfilms", wie auch
eine Verteidigung des Kinos an sich gegenüber all jenen, die in ihm eine
eklektische, unselbständige Kunstform sehen wollen.
Die ersten Szenen von Sunrise legen uns unmissverständlich das "Setting" offen:
Es ist Sommerzeit, Ferien, Züge fahren ab, Menschen vergnügen sich
an den Stränden und genießen ihre freie Zeit miteinander. Wir fahren
mit auf einer kleinen Fähre, die uns über einen See trägt, hin
zu einem ruhiger und abgeschiedener dargestellten Ufer, vielleicht sogar dem
einer beschaulichen Insel. Erste Häuser zeigen sich, sie wirken bäurisch,
erscheinen uns fast wie Relikte einer europäischen Landidylle, wie man
sie aus den Malereien flämischer Meister des 16. Jahrhunderts kennt. Die
Insel und das Dorf bleiben namenlos, ebenso wie die Charaktere, die nun eingeführt
werden, denn Sunrise ist eine Geschichte, die keinen Bezug hat zu Zeit und Ort, und dieses
Bezuges auch nicht bedarf. Denn alles nun Folgende hat mehr den Charakter einer
Fabel, eines moralischen Märchens und ist folglich nicht gefangen in Epochen
und Historie. Wenn man Sunrise sieht, bedarf es auf wundersame Weise keiner Kenntnisse, die über
das Verstehen der reinen Handlung hinausgehen. Der Film hat wenig zu tun mit
Filmthesen und Strömungen (obwohl ein Anteil vom deutschen Expressionismus
der klassischen Schule aufmerksamen Zuschauern sicherlich augenfällig werden
wird), ist nicht politisch oder von einer spezifischen Ideologie durchsetzt,
die zum "vollständigen" Erleben des Films zuerst eine Kenntnis
von Persönlichkeit und Weltanschauung des Regisseurs voraussetzen würde,
wie es bei so vielen großartigen Filmemachern von Fellini bis Bergman
unumgehbar ist. Sunrise ist schlicht und in seiner Schlichtheit perfekt. Eine geschlossene
Symbiose auf Filmformen, die im Morgengrauen des Tonfilms - The Jazz Singer (Der Jazz-Sänger, 1927) erschien nur wenige Tage nach der Premiere von Friedrich Wilhelm
Murnaus Film - gewirkt haben muss, wie ein verzweifeltes Aufbäumen der
"stummen Kunst" gegen das drohende (und schließlich auch für
einige Jahre eingetretene) Verkommen des Films und seiner urtypischen Eigenschaften
zum Beiwerk eines neu entdeckten "Zelluloid-Hörspiels". Murnau
nutzte alle Möglichkeiten der Technik aus, um der Euphorie und dem Massenwahn
nach dem Ton im Film ein klassisches Meisterwerk entgegenzuhalten, das jeder
Form von Sprache, abseits der dem Film eigenen, nicht bedurfte.
Betrachtet man Sunrise einmal nur von der Seite her, was er handlungstechnisch aufweist,
und wiegt es dann auf gegen das, was der Film zu bewegen im Stande ist, so wird
uns bewusst, dass ein Anschauen und Auswählen von Filmen erfolgend nach
dem "Interessegrad" ihrer Handlung gleichkommt mit einer völligen
Unterschätzung und Degradierung des Kinos selbst. Die Geschichte von Sunrise ist ebenso einfach, wie sie einen gleichnishaften, beinahe biblischen
Charakter hat: Ein junger, verheirateter Farmer wird von einer mondänen
Großstädterin um den Finger gewickelt und gibt sich in einem Moment
der liebestollen Unbekümmertheit sogar damit einverstanden, seine Frau
- ein unscheinbares Mauerblümchen - bei einem Bootsausflug zu ertränken.
Bei selbiger Bootsfahrt kommt es aber kurz vor der grausigen Tat wie durch eine
höhere Macht über ihn, dass er diesen Mord nicht begehen darf. Seiner
entsetzen Frau, die bemerkte, dass er augenscheinlich plante, sie zu töten,
muss er nun klarmachen, wie sehr er sie liebt und wie groß seine Reue
ist. Gemeinsam fahren sie hinüber in die Stadt am anderen Ufer des Sees,
wo sie zu Jazz-Klängen, Tanz und fremden Hochzeitsglocken die Auferstehung
ihrer Liebe feiern. Bis die Katastrophe, wiederum evoziert durch eine höhere
Gewalt, über sie kommt und sie sich beinahe doch wieder verlieren. Dies
sind die Mittel, die Murnau auf der erzähltechnischen Ebene brauchte, um
ihnen allein durch die Form eine Gravität zu geben, als sei diese Geschichte
von alles überschattender Bedeutungsschwere und enormem Gewicht. Dass sie
das eigentlich auch ist, wir sie durch unsere Flutung mit Überreizungen
im "Höher-schneller-weiter"- beziehungsweise (künstlerisch
gesprochen) "Abstraker-komplexer-besser"-Sinne jedoch nur nicht mehr
als eine solche wahrnehmen, wird uns durch Murnaus Stilmittel bezogene Akzentuierung
ihrer Dringlichkeit erst wieder bewusst. Denn worüber der größte
deutsche Filmemacher hier meditiert sind einige der essentiellen Themen menschlichen
Da- und Zusammensein: Liebe, Schuld, Reue, Vergebung und Gnade. All diese Themen
finden wir jeden Tag um uns, erleben sie in größeren und kleinen
Zusammenhängen und dies macht Sunrise zu einem zeitlosen Filmgedicht.
Ja, es ist tatsächlich ein Gedicht oder eine musikalische Komposition,
was Murnau hier schuf. Denn so wie Nosferatu (1922) im Untertitel eine "Symphonie des Grauens" war,
in der sich die verschiedenen Elemente von Handlung und Form wie in einer bombastischen
Tondichtung ergänzten und virtuos-theatralisch am Ende "explodierten",
so ist Sunrise in seinem Untertitel "a Song of two Humans" - ein Lied
also, das sicherlich nicht die Urgewalt der morbiden, tief dramatischen und
überhöhten Vampir-Allegorie von Nosferatu innehatte, sich dafür
aber einer in ihrer Schönheit kaum greifbaren Traumlyrik bedient. In der
Tat wirkt Sunrise in vielen Momenten wie Auszüge aus einem alten, poetischen Lied
von unbekannter, sagenumwobener Herkunft. Um diesen Eindruck gezielt zu verstärken
formte Murnau eine Poetik, die sich ganz bewusst an die aus romantischen Dichtungen
und Liedern anlehnte. So verwendete er eine erhebliche Anzahl von lyrischen
Stilmitteln, die erst beim wiederholten Anschauen vollends auffallen: Am augenfälligsten
ist hierbei seine sich durch den ganzen Film ziehende Dichotomie, in der er
strikte Gegensätze definiert und sie nebeneinander stellt. Der deutlichste
und zugleich auch intelligenteste Kunstgriff im Rahmen dieses Stilmittels ist
hierbei die Unterteilung der Filmwelt in zwei scheinbar gänzlich konträre
Hauptschauplätze: Während das Dorf als Idylle und Ort der Reinheit
und Unverdorbenheit erscheint, ist die Stadt auf den ersten Blick sogleich der
Sündenpfuhl. Nicht nur, dass die den Farmer bezirzende Frau ein typisches
Kind dieses "Molochs" ist; auch die Metropole selber hat etwas Sündiges,
Lautes an sich. Wilde Gesellschaftsveranstaltungen, schreiende Bands, Achterbahnfahrten,
Alkohol prägen das Stadtbild und geben Anlass, die bei vielen Filmemachern
der damaligen Zeit so oft anzutreffende, verklärte Skepsis gegenüber
Neuem und Ungewohntem auch auf Friedrich Wilhelm Murnau umzumünzen. Aber
Murnau, ganz Genie, zeigt uns freudig, wie falsch wir in dieser Annahme laufen,
wenn er quasi das Klischee konterkariert: Die Stadt, Geburtsort des beinahe
vollzogenen Mordes unter den Eheleuten, wird zu jenem Platz, an dem sie wieder
zu einander finden und die höchste Gnade Einzug hält.
Geradezu entscheidend untermauert wird dieser Einsatz von Stilmitteln
und erzähl- und darstellungstechnischen Kunstgriffen durch die für
Murnau typische Ausreizung der technischen Finessen seiner Zeit: Wie vielleicht
kein zweiter Stummfilm zelebriert Sunrise die "entfesselte Kamera", wie Murnau selbst sie 1924 in
Der letzte Mann mit einer wunderbaren Fahrt durch eine Glasscheibe hindurch definierte.
Die Bilder wie in einem Traum mit seichten Überzeichnungen versehend schwebt
sie den Charakteren hinterher, begleitet sie mühelos und ist scheinbar
an keine Grenzen gebunden. Sowohl in ihr, als auch im Spiel, der Effektinszenierung
und Architektur lassen sich denn auch die in Sunrise nur noch im Detail vorhandenen Spuren des klassischen deutschen Expressionismus
erkennen: Besonders anschaulich ist hierbei die berühmte Szene, in der
der Mann seine Frau im Boot töten will. In einer fast schon exemplarisch
expressionistischen Interpretation seiner Rolle wankt George O'Brien auf seine
Partnerin Janet Gaynor zu, wirkt dabei wie eine wandelnde Leiche - als sei er
unter einem Trancezustand gefangen. Auf interessante Weise erinnert er, den
die Kamera zur Heraushebung seiner Bedrohlichkeit in der Größe verstärkend
von schräg unten filmt, hier für Sekunden an den Somnambulen aus dem
einzigen rein expressionistischen Film der Kinogeschichte, Robert Wienes Das Kabinett des Dr. Caligari (1920). Während auch einige Bauten expressionistische Züge
tragen (man beachte hierfür den dichotomen Zusammenhang zwischen der verkeilten
Enge des Farmhauses gegenüber der Weite und Tiefe der Gebäude in der
Stadt), offeriert diese Betrachtung eine interessante Intentionshypothese aus
der Sicht Murnaus: Sunrise war 1927 sein erster US-amerikanischer Film. Mit ungeheurem Aufwand
realisiert war der Film das bis dato teuerste Projekt von Produzent William
Fox und dessen gleichnamigen Unternehmen. Angesiedelt in einem vorrangig naturalistischen
Stil ohne überschwängliche, typisch expressionistische Verfremdungen
der Umwelt geprägt durch das Innenleben der Charaktere, zeichnen sich die
früher so auffallenden Züge der deutschen Schule Friedrich Wilhelm
Murnaus in Sunrise nur noch in kleinen Details ab. Sie wirken wie ein "Herüberretten"
von kleinen, persönlichen Dingen in eine neue, anders geartete Welt. Die
Darstellung der Insel des Ehepaares als ruhiges, altertümliches Idyll,
das für die fremde, pulsierende und aufregende Stadt zurückgelassen
wird, verstärkt nur noch den gewonnen Eindruck, dass Sunrise auf einer weit interpretierten Ebene möglicherweise viel persönlicher
gemeint sein könnte, als man es ihm zuerst ansieht.
Janis
El-Bira
Dieser Text ist zuerst erschienen bei:
Zu "Sunrise" gibt es im archiv mehrere Texte
Sunrise
(Sunrise,
1927)
Regie:
F.W. Murnau
Premiere:
23. September 1927 (USA)
Drehbuch:
Hermann Sudermann, Carl Mayer
Dt.
Start: 17. November 1927
Land:
USA
Länge:
95 min
Darsteller:
George
O'Brien (Der Mann), Janet Gaynor (Die Frau), Margaret Livingston (Die Frau aus
der Stadt), Bodil Rosing (Das Zimmermädchen), J. Farrell MacDonald (Der
Fotograph), Ralph Sipperly (Der Friseur), Jane Winton (Die Maniküre), Arthur
Housman (Der aufdringliche Gentleman), Eddie Boland (Der höfliche Gentleman),
Barry Norton (Tänzer)
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