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Wenn einer eine blonde Frau hat,
dann träumt er insgeheim von einer schwarzhaarigen. Wenn einer in der Stadt
wohnt, dann träumt er vom einfachen Leben auf dem Land - und umgekehrt.
So ist das immer schon gewesen. Dieser Traum von etwas anderem, die Unzufriedenheit
mit dem, was man hat - der Reiz des Exotischen -, ist das, was das Leben in
Schwung hält. Der Preis, den wir für die Veränderung bezahlen
müssen, spielt dann manchmal fast keine Rolle mehr.
In Murnaus »Sunrise«
ist der Bauer Anses bereit, Haus und Hof zu verlassen und seine Frau Indre zu
töten, um mit einer schwarzhaarigen Frau aus der Stadt in die Stadt zu
ziehen. Allerdings erzählt Murnau diese Geschichte einer Verführung
nicht objektiv und wertfrei. Die Frau aus der Stadt ist ein böser Vamp.
Ihre Liebe zu dem Bauern Anses ist nicht rein und unschuldig. Sie will ihn besitzen.
Sie will ihn einer anderen Frau wegnehmen. Sie will sein Geld. Das Geld, das
er hat, wenn er seinen Hof verkauft. Vieles spricht dafür, daß das,
was sie fühlt, alles andere ist als Liebe. Wenn sie ihn in der Nacht im
Moor trifft, dann malt sie sich an, macht sich für ihn verführerisch.
Und wenn er sie in die Arme nimmt, setzt sie eine Maske auf, spielt ihm Sehnsucht
und Hingabe nur vor, um ihn dazu zu bringen, das zu tun, was sie will. Im Grunde
reizt sie nur die Macht, die sie in solchen Momenten über ihn hat.
Ganz anders ist Indre, seine Frau.
Bescheiden und demütig tut sie die Arbeit, die auf einem Bauernhof getan
werden muß. Sie füttert die Tiere, versorgt das Kind, und hat, wann
auch immer Anses nachhause kommt, das Essen fertig auf dem Tisch.
Und als er - am Anfang des Films
- von seinem Rendezvous mit der Geliebten vor Müdigkeit und Erschöpfung
angezogen auf seinem Bett eingeschlafen ist (die Geliebte hat ihn gerade in
ihren Mordplan eingeweiht und von dessen Notwendigkeit überzeugt), erfaßt
sie Mitleid mit ihm. Obwohl sie weiß, daß er mit der anderen zusammen
war, macht sie es ihm ganz zart und vorsichtig, damit er nicht aufwacht, etwas
bequemer und deckt ihn liebevoll mit einer Decke zu. Sie ist schon fast eine
Heilige in diesem Moment. Natürlich hat sie keine Zeit, daran zu denken,
wie sie aussieht, ob sie für ihren Anses auch verführerisch genug
aussieht. Ihr blondes Haar ist glatt und streng nach hinten gekämmt und
zu einem Dutt zusammengesteckt. Wenn sie sich einmal schön macht, dann
muß es einen besonderen Grund dafür geben. Einen solchen Grund gibt
ihr ihr Mann am nächsten Morgen. Er schlägt ihr vor, mit dem Boot
über den See nach Tilsit zu reisen. Er will endlich einmal - was er ihr
schon immer versprochen hat - die Stadt zeigen (die Novelle von Sudermann nach
der Carl Mayer das Drehbuch geschrieben hat, heißt „Die Reise nach Tilsit").
Auf dem See will Anses das Boot
kippen und seine Frau, die nicht schwimmen kann, ertränken. Er selbst will
sich mit zwei zusammengebundenen Schilfbündeln ans Ufer retten und hinterher
das ganze als tragischen Unfall darstellen. Aber als es soweit ist und er den
Mordplan ausführen müßte, bringt er es nicht fertig. Er ist
so verstockt, in sich zusammengekrampft, damit er die Frau, seine Frau, nicht
ansehen muß, daß er in dem Augenblick, in dem sie sieht, was er
vorhat, unfähig ist, überhaupt etwas anderes zu tun, als zu rudern.
Und das tut er dann wie ein vom Wahnsinn Besessener. Kaum berührt das Boot
Land, springt Indre auf und rennt davon. Er läuft hinterher, sie springt
in eine Straßenbahn, die kaum daß sie eingestiegen ist, auch schon
anfährt. Aber ihm gelingt es, auf die schon fahrende Bahn aufzuspringen.
Und so beginnt ihre Fahrt in die Stadt. Er ist bedrückt und zerknirscht.
Sie ist zu Tode erschrocken. Als sie, in der Stadt angekommen, aus der Straßenbahn
aussteigen, rennt sie einfach mitten in den Verkehr. Er rettet sie vor einem
Auto, das sie sonst überfahren haben würde und unternimmt alles nur
Denkbare, um sie wieder aufzuheitern. In einem Cafe kauft er ihr Gebäck,
aber sie kann nichts essen. Er kauft einen Blumenstrauß und gibt ihn ihr,
aber das läßt sie nur noch mehr weinen. Dann geraten sie in eine
Kirche, in der gerade eine Hochzeit stattfindet. Während der Pfarrer spricht,
fällt Anses seine eigene Hochzeit ein und plötzlich fällt es
ihm wie Schuppen von den Augen: er sieht wieder klar. Er kann seine Frau wieder
wahrnehmen und erkennt, was er zu tun im Begriff war. Und er ist so verzweifelt
in diesem Augenblick, daß er nichts anderes mehr tun kann, als hemmungslos
zu weinen.
Indre, die das, was in ihm vorgegangen
ist, miterlebt und nachvollzogen hat, lächelt in diesem Augenblick wieder
und kann ihm, weil sie ihn wirklich liebt, auch verzeihen. Das ist der schönste
Augenblick in diesem Film (und sicherlich einer der schönsten der Filmgeschichte).
Und jetzt zeigt Anses, der soeben
im Geiste seine Frau Indre zum zweiten Mal geheiratet hat, ihr das Leben in
der Stadt. Das, was er sich von seiner Geliebten erhofft und erträumt hatte,
erlebt er jetzt gemeinsam mit seiner eigenen Frau (die er vor ein paar Stunden
noch töten wollte). Sie gehen zum Frisör (denn er ist unrasiert gewesen),
lassen sich zusammen fotografieren und gehen in den Lunapark. Und jetzt, als
Anses sieht, wie schön die anderen seine Frau finden, sieht auch er, daß
sie schön ist und liebt sie wie am ersten Tag.
Auf der Heimfahrt mit dem Boot
bricht ein Sturm aus und es scheint, als würde jetzt das Schicksal dafür
sorgen, daß das doch noch passiert, was Anses ursprünglich plante.
Obwohl Anses die vorbereiteten Schilfbündel seiner Frau um den Körper
bindet, wird er und nicht sie aus dem See gerettet. Verzweifelt geht er nachhause
und die Geliebte, die von allem was geschehen ist, nichts weiß, muß
glauben, daß er das getan hat, was sie beide geplant hatten. Sie will
ihn sehen und pfeift vor seinem Haus. Er hört sie und rennt aus dem Haus
und will sie erwürgen. Da hört er andere Bauern rufen, daß man
seine Frau doch noch lebendig, auf dem Wasser treibend, gefunden hat. Er läßt
die schon halb erwürgte Geliebte fahren und läuft zu seiner Frau.
In der letzten Einsteilung fährt die Geliebte mit einer Kutsche zurück
in die Stadt.
Murnau erzählt diese pathetische
Geschichte von der Anziehungskraft zweier Welten mit fast asketischer Strenge
und Einfachheit. Denn er konzentriert sich, obwohl er für diesen Film von
seinem Hollywoodproduzenten William Fox alle Mittel zur Verfügung gestellt
bekam, auf das Wesentliche, auf das, was zwischen diesen beiden Menschen passiert.
Für ihn selbst muß Hollywood etwas ähnliches bedeutet haben
wie für den Bauern Anses das Leben in der Stadt. Er hat das Geld, das William
Fox ihm geboten hat, ausgegeben, aber er hat sich nicht verführen lassen.
Rudolf Thome
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 1/1984
Zu "Sunrise" gibt es im archiv mehrere Texte
USA
1927. Regie: Friedrich Wilhelm Murnau. Drehbuch: Carl Mayer nach der Novelle
„Die Reise nach Tilsit" von Hermann Sudermann. Kamera: Charles Rosher;
Karl Struss. Musik: Hugo Riesenfeld. Bauten: Rochus Gliese; Edgar G. Ulmer,
Alfred Metscher; Produktion: Fox Film Corporation. Produzent: William Fox. Verleih:
Concorde. Länge: 106 Min. Erstaufführung: 23.9.1927, New York. Kinostart:
16.12.1983. Darsteller: Janet Gaynor (Die Frau), George O'Brien (Der Mann),
Bodil Rosing (Magd), Margaret Livingston (Frau aus der Stadt), J. Farrell MacDonald
(Fotograf), Eddie Arnold (Gentleman).
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