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Superman IV – Die Welt am Abgrund

 

Glückwunsch! Jubiläum! Zehn Jahre Christopher Reeve als Superman. Wieder jagt er durch den Weltraum, das SM-Signet auf der stolzen Brust, und kämpft für das Gute. Und wieder sind sie dabei: Gene Hackman als Lex Luthor, Jackie Cooper als Perry White, Margot Kidder als Lois Lane und all die anderen. Aber etwas ist anders geworden: Superman spricht inzwischen perfekt russisch (wehe, wird das in der deutschen Fassung synchronisiert, wehe!!), und gleich als erstes rettet er ein havariertes sowjetisches Weltraumschiff mit seinen sowohl schwerelosen als auch fröhlichen Kosmonauten vor dem sicheren Untergang. Er steht auch nicht an, Gorbatschow sowie das vollzählige ZK der KPdSU auf dem Roten Platz im letzten, aber wirklich allerletzten Moment davor zu bewahren, von einer eigenen Atomrakete zerfetzt zu werden. Mühelos dreht Superman die SS 20, die sich während der Militärparade auf die uns allen so bekannte Tribüne gerichtet hatte, wieder zurück und entschärft sie. Beifall! Aber wer plante diesen heimtückischen Anschlag, welche böse Macht stand dahinter? Die Macht des Bösen, die Personifizierung von Kapital und Rüstungsindustrie, der schon in die Jahre gekommene und leicht schmierige Lex Luthor, welcher mit seinem ständigen, aber sehr jungen Begleiter Lenny (Jon Cryer), einem aufgemotzten Yuppiepunk, sich in Dallas-Denver-Pracht suhlt. Die atomare Aufrüstung des Weltraums, da ist Geld drin!

 

Daß gegen Lex Luthors Atomraketen nicht anzukommen ist, stürzt schon die Zwölfjährigen in Verzweiflung. Der Film zeigt eine Schulklasse, in der sich angesichts von SDI jeder Sorgen macht, weil er echt keine Perspektive für die Zukunft sieht, geschweige einen Ansatzpunkt für eine erfolgreiche Friedensinitiative. Doch in diesem Alter weiß man, wer helfen kann: Superman natürlich! Schon steht dieser auf der Rednertribüne im Plenarsaal der Vereinten Nationen in New York und verkündet den bis dato ratlosen, nun aber jubelnden Delegierten aus aller Welt seinen unabänderlichen einsamen Beschluß, fortan für die atomare Abrüstung zu kämpfen. Und schon sammelt er die im Weltall herumjagenden Atomraketen ein, bevor sie das jeweilige Ziel erreichen; im Nu hat er ein ganzes Netz voll, und das wird professionell in die Sonne geschleudert, wo es ohnehin ständig explodiert.

 

Ist das infantil? Und ob! Und es ist ein grandioser Tagtraum für alle Zwölfjährigen und all die anderen Friedenskämpfer, die an den Sieg glauben wollen. SUPERMAN IV ist schlüssig, wunderschön und recht ermutigend aus der Perspektive der Kinder gemacht: eine Botschaft für die Älteren. Christopher Reeve hatte die Idee zu diesem Plot gehabt, nachdem er zum Dokumentarfilm A MESSAGE TO OUR PARENTS - gedreht von Schülern in Boston - den Kommentar gesprochen hatte (die Schüler reisten von Washington bis Moskau, um in den Ministerien und im Politbüro ihre Zukunft im Atomzeitalter zu erkunden). Was den Einstieg sehr erleichtert: daß Superman über zwei Identitäten verfügt. Als schüchterner, angepaßter und bebrillter Clark Kent ist er für alle Nochnichtsupermänner die ideale Identifikationsfigur. - Mit Hilfe der zwei Identitäten absolviert Superman/Clark Kent ein anzügliches, aber folgenloses Doppelrendezvous. Das ist von schizoider Güte. Nur so vermag es Superman, die U-Bahn vorm Entgleisen, das kleine Mädchen vor der Windhose und die Zeitung Daily Planet vorm Abgleiten in den Sensationsjournalismus zu bewahren. Alle Kräfte aber braucht er, und nun kommt ja erst der Höhepunkt, um mit seinem Gegenspieler in den Clinch zu gehen: Nuclear Man (Mark Pillow). Ich möchte nun an diesem Punkt abbrechen, denn der Film endet ein wenig bieder damit, daß die Welt in Ordnung, nämlich der böse Onkel im Knast, der Motz-Punk im Heim und der Frieden gesichert ist. Doch tief in unserem Herzen wissen wir, daß es so leicht nicht geht und daß wir auch „Superman V" brauchen werden.       

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 4/88

 

 

Superman IV – Die Welt am Abgrund

SUPERMAN IV - THE QUEST FOR PEACE

USA 1987. R: Sidney J. Furie. B: Lawrence Konner, Mark Rosenthal. K: Ernest Day. M: John Williams. A: John Graysmark. Sp: Harry Ellenshaw. Pg: Golan/Globus. P: Menahem Golan. Yoram Globus. V: Scotia-Cannon. L: 92 Min. St: 24.3.1988. D: Christopher Reeve (Superman), Gene Hackman (Lex Luthor), Jackie Cooper (Perry White), Marc McClure (Jinuny Olsen). Sam Wanamaker (David Warfield), Mariel Hemingway (Lucy Warfield), Jon Cryer (Lenny).

 

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