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Der
Tag des Malers
Der
Blick des Mannes. Werner Nekes zeigt in immer neuen Varianten die subjektive
Perspektive des malenden Genies. Ihm gegenüber verhält sich das Objekt
der Betrachtung und/oder der Begierde, das Modell, bestimmungsgemäß,
also ruhig. Es setzt sich dem begierigen/begehrenden Auge nicht nur des Malers,
sondern auch des Experimentators (Nekes) aus. Da dieser kein bildender Künstler
ist, wird der Tag des Malers zur Nacht des Voyeurs. Aber sauber ist die Trennung
nicht. Als Kunstfreund durfte der Mann in aller Öffentlichkeit geile Blicke
aufs Modell werfen. Im Freiraum der Kunst war erlaubt, was sonst der Öffentlichkeit
verwehrt ist, zum Beispiel in die gespreizten Schenkel einer Frau zu schauen.
Dieser voyeuristische Blick wurde doppelt legitimiert, wenn es galt, nicht nur
den Ursprung der Welt zu erforschen, sondern außerdem "L'Origine
du Monde" von Gustave Courbet zu goutieren. In Nekes' Plansequenz schauen
wir vier Minuten lang aufs Geschlecht. Als Höhepunkt und Schluss des Films
wird Courbets Bild zum Laufen gebracht; das Modell/die Frau masturbiert und
gelangt zum Orgasmus. Diese Schlusssequenz, in fahlen Blautönen gehalten,
kommt hyperrealistisch prägnant und gegenwärtig daher. Zum Finale
lässt Nekes den Pinsel fallen, genauer: er verzichtet auf den Einsatz seiner
reichhaltigen experimentellen Filmmittel. Zuvor wird das Modell immer neuen
(Mal- und Film-) Techniken unterworfen.
Nekes
beginnt mit dem perspektivischen Messgerät, das Dürer 1538 einsetzt,
um den weiblichen Akt - die Schenkel noch geschlossen - aufs Papier zu bannen.
Vom 16. Jahrhundert aus ruht der männliche Blick forschend und wägend
auf unterschiedlichen Modellen, dem Wechsel der Zeiten ungeachtet, als da sind
Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus, abstrakte Kunst, Kubismus und
wieder Realismus. Notgedrungen bewegen sich die Modelle im Medium des bewegten
Bildes, d.h., es wird gespielt, laienhaft. Lange läuft eine nackte Frau
durch die Landschaft, eine Öllampe in der Linken, Duchamps "Etant
donnés" illustrierend. Die Schreitende soll auf dem Versuchsfeld,
die Hi-8-Kamera an den Fuß gebunden, den Blick in den Schritt freigeben.
Womit Nekes 30 Jahre nach Kelek wieder unter den Rock guckt.
Inzwischen
ist diese Perspektive nicht mehr das sexuelle Skandalon. Tabus werden vom Tag
des Malers
nicht gebrochen. Wohl aber demonstriert die exponierte Kamera die Reichweite
experimenteller Techniken. Es wird durch Textil gefilmt (Japan, 17. Jahrhundert),
aufgerastert, schraffiert, diagonal zerlegt, über- und unterbelichtet,
maskiert, gefärbt, getönt, gelegt, gewellt und gespiegelt. Der Mann
zeigt, was er kann; er geigt die Frau. Aber es ist eher ein Cello, das er ihr
auf den Rücken malt, und dazu, jedem Irrtum vorzubeugen, erklingt auf der
Tonspur das passende Saiteninstrument.
Der
Maler-Blick wird gemischte Gefühle auslösen. Er gerät kalt, wenn
das Modell ihm in den unschicklich/ungeschickten Spielsequenzen ausgesetzt wird.
Aber immer dann, wenn Nekes den Film genug digitalisiert und computerisiert
hat, wird im Kino das, was er gesehen hat, als blickfreies Manifest wahrgenommen
und geliebt werden können. Immer dann, wenn der Film seine pädagogische
und dominierende Perspektive aufgibt, wird der Zuschauer animiert, selbst tätig
zu werden, sich die vielen schönen Stellen des Films auszusuchen und freudig
zu rezipieren.
Dietrich
Kuhlbrodt
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: epd Film
Der
Tag des Malers
BRD
1997. R, P, Sch, K: Werner Nekes. M:
Anthony Moore. Sp:
Rajele Jaim, Werner Nekes. Pg: Werner Nekes Filmproduktion. V: Werner Nekes
Film, Kassenberg 34 b, 45479 Mülheim/Ruhr, Tel: 0208/427399. L:
84 Min. St: 28.10.1999. Mit:
Kirsten Dressler, Helde Jansen, Maria Mascuilli, Judith Verberne.
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