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Tagebuch
einer Kammerzofe
Todessehnsüchte
Die
visuelle Verschlüsselung sowie die Mischung aus realen und surrealen Elementen
spielt bei Luis Buñuels Filmen zumeist eine große Rolle. In dem
1964 in der französischen Provinz gedrehten Film „Le Journal d’une femme
de chambre” schien Buñuel darauf zu verzichten. Fast alles liegt offen
wie eine klaffende Wunde. Charaktere wie Handlung sind so durchsichtig wie Glas,
und doch, könnte man sagen, sind sie eher Repräsentanten, Charaktermasken
ihrer Zeit, Zeichen für eine Gesellschaft, in der sich alle bewusst oder
nicht auf eine Zeichen-Sprache, auf ein „gezeichnetes” Verhalten festgelegt
haben, dem sie gar nicht entrinnen wollen. Buñuel verlegte die im Roman
von Mirbeau im 19. Jahrhundert spielende Handlung in die Zeit Ende der 20er
Jahre.
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I N H A L T •
Céléstine
(Jeanne Moreau) kommt aus Paris in ein Provinznest, um dort die Stelle einer
Kammerzofe bei den Monteils anzunehmen. Der mürrische und wortkarge Angestellte
der Monteils, Joseph (Georges Géret), bringt sie mit dem Pferdegespann
zu Madame Monteil (Françoise Lugagne), die Céléstine in
ihre Arbeit einweist. Madame Monteil ist eine jener standesbewussten, in Hierarchiefragen
durch und durch „bewanderten” Frauen, die Céléstine zu jeder Zeit
spüren lässt, wie unverrückbar diese Hierarchie ist. Ihr Mann
vertreibt sich die Zeit mit Jagen: entweder ist er hinter Frauen her oder hinter
Wild. Schnell begreift Céléstine, in welche Gesellschaft sie geraten
ist. Der Vater von Madame Monteil, Monsieur Rabour (Jean Ozenne), bittet sie,
ihr abends vorzulesen, aber in Wirklichkeit geht es ihm um etwas anderes. Rabour
hat eine Sammlung von Frauenschuhen in seinem Zimmer – er ist Schuhfetischist.
Céléstine soll diese Schuhe anziehen und vor ihm auf und ab gehen.
Der
Nachbar der Monteils, Kapitän Mauger (Daniel Ivernel), der in ständiger
Feindschaft zu den Monteils mit der Angestellten Rose (Gilberte Géniat)
auf einem Nachbargrundstück lebt und ständig Müll über die
Mauer wirft, um Monteil zu provozieren, ist ein alter militärischer Haudegen
und Antisemit – wie Joseph im übrigen auch, der mit dem Küster (Bernard
Musson) antisemitische und antibolschewistische Parolen schwingt und Aktionen
vorbereiten will.
Während
sich Madame Monteil um den wertvollen Plunder in ihrem Haus sorgt, seltsame
chemische Experimente durchführt und ihr Herz dem örtlichen Priester
(gespielt von Drehbuchautor Jean-Claude Carrière) ausschüttet, jagen
Joseph, Monsieur Monteil und Nachbar Mauger Céléstine hinterher.
Doch die lässt alle abblitzen. Sie kündigt die Stellung, nachdem man
Rabour inmitten seiner Schuhe auf dem Bett tot aufgefunden hat. Als kurz vor
ihrer Abfahrt allerdings ein Mädchen, Claire (Dominique Sauvage), das Céléstine
eine Nacht bei ihr schlafen hat lassen, im Wald vergewaltigt und ermordet aufgefunden
wird, entschließt sich die Zofe zu bleiben. Sie gibt dem Drängen
von Joseph nach, der sie angeblich heiraten will. Die Ehe, sagt er, sei ihm
so heilig, dass er vor der Hochzeit nicht mit ihr schlafen wolle, es sei denn,
sie verspreche ihm, ihn auf jeden Fall zu heiraten. Céléstine
hält Joseph jedoch für den Mörder an Claire – und wenig später
zeigt sie ihn beim örtlichen Richter (Claude Jaeger) an ...
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I N S Z E N I E R U N G •
Charaktermasken,
eben doch verschlüsselte Zeichen und eine Art Initialzündung, die
durch den Mord an Claire ausgelöst wird, bestimmen die Handlung der Personen,
setzen aber zugleich die Gesellschaft, die Buñuel hier zeichnet, als
etwa Fixes, Unbewegliches, Starres. In gewisser Weise ist Céléstine
zunächst lediglich – wie der Zuschauer – Betrachter dieses sozialen Geschehens,
bevor sie dann, nach der Vergewaltigung und dem Mord, in dieses Geschehen gezielt
eingreift. Rabour, der Schuhfetischist, ist noch die harmloseste Gestalt in
einer maroden, aber nichtsdestotrotz funktionierenden und durchaus gefährlichen,
großbürgerlichen Gesellschaft, in der selbst die Hausangestellten,
allen voran Joseph, ihren Fetischen nachhängen und nachgehen. Céléstine
ist eher amüsiert über den alten Herren.
Eben
der Antisemitismus und Antibolschewismus Josephs, gepaart (auch über die
Gestalt des Küsters, seines Gesinnungsgenossen) mit einer düsteren
katholischen Mentalität, die die Religion akzeptiert, aber die Priester
ablehnt, könnten als Pendant, und eben auch als Fetisch, gesehen werden
zur „standesgemäßen” Arroganz und Lustfeindlichkeit der Hausherrin
einerseits, der verlogenen, egozentrischen Lüsternheit und dem ins Nichts
laufenden Jagdtrieb des Hausherrn Monteil. Diese Herrschaften tun im Grunde:
nichts. Aber, wie Marx sagen würde: dies ist ein bestimmtes Nichts, eines
dass vom gefährlichen Verfall einer Klasse handelt, der eben nicht zum
sozialen Kollaps führt, sondern sich ständig reproduziert.
Es
bleiben aber auch Geheimnisse, etwa die seltsamen chemischen Experimente der
Madame Monteil oder vor allem das Verhalten Céléstines gegenüber
Joseph, den sie einerseits für den Mörder Claires hält, dem sie
andererseits aber erlaubt, ihr nachzusteigen, und dem sie vormacht, sein Heiratsversprechen
zu akzeptieren. Ein Trick, um ihn geständig zu machen, sich an ihm zu rächen?
Oder ein zumindest teilweises Nachgeben auf eigenen Wunsch? Buñuel lässt
dies „offen”.
Die
Vergewaltigung und den Mord allerdings führt und Buñuel sozusagen
unverschlüsselt vor Augen. Claire streift durch den Wald, und die Bezüge
zu „Rotkäppchen” sind in dieser Szene derart offensichtlich, dass sie wirken,
als ob sie dem Publikum aufgezwungen werden sollen. Eine Schlüsselszene
zu den Verschlüsselungen? Sicher. Denn „Le Journal d’une femme de chambre”
zeigt den „diskreten Charme der Bourgeoisie” als fetischisierten Wahn, als Übertragung
(durchaus auch in einem psychologischen Sinn) der Lebenslust auf allerlei Fetische:
im Judenhass, in Kunstgegenständen, in chemische Experimenten, in der Jagd,
Schuhe usw., einer Übertragung, bei der diese Lebensfreude zerstört
wird.
Offen
bleibt, ob Joseph die kleine Claire wirklich ermordet hat. Vieles spricht dafür.
Er war mit seinem Gespann unterwegs im Wald, traf das Mädchen und sein
Blick sprach Bände. Aber letztlich ist diese Frage gleichgültig, denn
Täter hätte auch Monteil oder Mauger sein können. Claire (Rotkäppchen)
steht für die Unschuld, die in einer maroden Gesellschaft hilflose Unschuld.
Claire ist Zeichen und zugleich ein Moment für die einzige Verhaltensänderung,
die der Film zeigt und mit der sich die Zofe scheinbar oder anscheinend auf
einer höheren Ebene in diese Gesellschaft „einkauft”: Céléstine
kehrt um, anstatt nach Paris zurückzukehren. Warum? Wegen Claire? Kaum,
obwohl sie behauptet, entsetzt zu sein. Doch Entsetzt-Sein hat in diesem Film
Buñuels keinen Platz. Sämtliche Beteiligten nehmen das schreckliche
Ereignis als etwas Un-Schreckliches auf, als Alltag, als gewöhnlich, und
fast alle beklatschen eine antisemitische Demonstration als ebenso alltäglich,
gewöhnlich, bis Buñuel diese Demonstration durch rasche Schnittfolgen
am Horizont einer Straße „vergehen” lässt.
Wird
Céléstine, die das Verhalten der Männer Joseph, Monteil und
Mauger kalt und berechnend für sich auszunutzen weiß (oder dies zumindest
glaubt zu können) in den Kreis der „Besser-Gestellten” aufgenommen? Auch
dies könnte eine Konsequenz sein. Und doch lässt Buñuel auch
dies mit Zweifeln behaftet; denn zum Schluss wird Céléstine berichtet,
Joseph würde wohl bald wieder aus der Haft entlassen, weil man nichts gegen
ihn in der Hand habe.
So
könnte man den Film im übrigen auch als schwarze Komödie sehen,
als Abgesang auf eine kriegswillige und mordlüsterne Gesellschaft, die
in den Abgrund des Todes stürzt, um sich aus den Trümmern Jahre später
wieder zu regenerieren. Dann würde der Humor sozusagen aus der abstrusen,
ja absurden Lächerlichkeit einer Gesellschaft resultieren, die permanent
dem Tode nahe ist, ohne unterzugehen, weil die Überlebenden des Massakers
sie und sich schon bald rekonstruieren und rekonstituieren.
Jeanne
Moreau ist Céléstine, wie sie leibt und lebt. Michel Piccoli ist
Monteil, wie er leibt und lebt.
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D V D •
DVD
Region 1
Widescreen,
2,35:1
Englisch,
Dolby Digital 2.0 Mono, Französisch Dolby Digital 2.0 Mono
Untertitel:
Englisch
Erschienen
am 5.6.2001
Features:
Interview
mit Jean-Claude Carrière
Interview
mit Luis Buñuel auf Texttafeln
Preis
bei amazon USA / Kanada: $ 21,96
Leider
gibt es „Tagebuch einer Kammerzofe” nur auf einer englischen DVD zu kaufen.
Eine deutschsprachige Version des Films gab es auf VHS, ist aber leider vergriffen
und zumeist nur für viel Geld über Auktionen oder bei amazon zu haben.
Die
von Criterion Collection in englischer und französischer (Original-)Sprache
herausgegebene DVD ist relativ preiswert ($ 21,96, gleich etwa € 16,49), zumal
der Schwarz-Weiß-Film in angemessener Qualität wiedergegeben wird.
Außerdem enthält die DVD ein interessantes Interview mit Drehbuchautor
Carrière, einem Weggefährten Buñuels, der u.a. auch am Drehbuch
für „Die Blechtrommel” schrieb und für Godard, Malle, Forman und Wajda
arbeitete, sowie ein leider nur auf Texttafeln wiedergegebenes Interview mit
dem Regisseur.
Zu
empfehlen ist zudem, den Film in französischer Originalsprache (mit englischen
Untertiteln) zu genießen, da dies (wie so oft) die Atmosphäre des
Films wesentlich besser vermitteln kann. Sicherlich ist dieses DVD in aller
erster Linie etwas für Buñuel-Liebhaber, gleichzeitig ist der Film
aber auch ein guter Einstieg in das Werk des Regisseurs selbst.
Wertung
Film: 10 von 10 Punkten.
Wertung
DVD: 9 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist auch erschienen in:
Tagebuch
einer Kammerzofe
(Le
Journal d’une femme de chambre)
Frankreich,
Italien 1964, 101 Minuten (DVD: 95 Minuten)
Regie:
Luis Buñuel
Drehbuch:
Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière, nach einem Roman von Octave
Mirbeau
Director
of Photography: Roger Fellous
Montage:
Luis Buñuel, Louisette Hautecoeur
Produktionsdesign:
Georges Wakhévitch
Darsteller:
Jeanne Moreau (Céléstine), Georges Géret (Joseph), Daniel
Ivernel (Captain Mauger), Françoise Lugagne (Madame Monteil), Muni (Marianne),
Jean Ozenne (Monsieur Rabour), Michel Piccoli (Monsieur Monteil), Gilberte Géniat
(Rose), Bernard Musson (Der Küster), Dominique Sauvage (Claire), Jean-Claude
Carrière (Priester), Claude Jaeger (Richter)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0058249
©
Ulrich Behrens 2005
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