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Talk
to Me
Black Äther
Im amerikanischen Kontext gilt Hollywood ja allgemein
als liberal und progressiv, aber wenn es um die harten Fakten geht, nämlich
darum, wer welche Jobs kriegt, ist es immer noch weiß, konservativ und
leicht senil. Kasi Lemmons gehört als Frau und als Schwarze gleich zu zwei
Randgruppen, deren jede man unter Hollywoods Regisseuren mit der Lupe suchen
kann. Doch zugleich war sie damit vermutlich die einzig richtige für den
Job, um den es hier ging.
»Petey« Greene war in den 1960ern als
Radiomoderator in Amerika eine Berühmtheit. Er kam aus dem Knast, bekam
seine Chance am Mikrophon, und schon bald liebten ihn die Leute, vor allem aus
der schwarzen Community, weil er der einzige war, der kein Blatt vor den Mund
nahm. Als Martin Luther King erschossen wurde und Washington in Flammen aufzugehen
drohte, war er es, der die richtigen Worte fand und die aufgebrachten Menschenmengen
über den Äther besänftigte. Zugleich war er zeitlebens ein Großmaul,
das sich vor allem unter Alkoholeinfluß gern danebenbenahm. So ein Leben
bietet genug Stoff für die Sorte Kino, wie Amerika sie liebt: Große
Geschichten aus der eigenen Geschichte, Aufstieg und Fall einer charismatischen
Figur, die wirklich mal gelebt hat, eine Handvoll griffiger Charaktere aus dem
wahren Leben, fest verwurzelt in einer Epoche, die auf der Leinwand akribisch
genau zum Leben erweckt wird. Das können sie, die Amis, aber die Europäer
wollen von solchen Filmen oft nichts wissen, weil sie zu oft pathetische Selbstvergewisserungsmelodramen
gesehen haben, bei denen man sich immer ein wenig fühlte wie auf einer
Familienfeier, bei der man nichts zu suchen hat.
Talk To Me
ist zum Glück anders. Der Film ist erfreulich unpathetisch und zeigt seine
Hauptfigur aus erfreulich unparteiischer Distanz. Kasi Lemmons weiß, wovon
sie erzählt, wenn sie die schwarze Community im Washington der 1960er zeigt
– da ist nichts behauptet, da fühlt sich nichts falsch an. Und sie läuft,
eventuell weil sie eine Frau ist, an keiner Stelle Gefahr, ihren Helden zum
Heiland zu stilisieren, der auch in seinen Schwächen noch messianische
Größe hat. Don Cheadle ist zwar der Star, er spielt seine Rolle virtuos,
aber er macht sich nicht breit. Chiwetel Ejiofor als sein Entdecker und Förderer
ist ein gleichwertiger Partner, und an erster Stelle steht erfreulicherweise
die Geschichte. Die hat ihren Höhepunkt bei den Krawallen nach dem King-Attentat,
da findet der Film zu einigen Momenten von wahrer Größe. Danach könnte
es aufhören, da verläppert es sich ein wenig, da weiß der Film
nicht so recht, wohin mit sich, wie es ja im wirklich Leben nach großen
Momenten auch manchmal ist. Trotzdem ist Talk
To Me ein sehenswerter Film – vielleicht
kein großer, aber ein sympathischer.
Dietrich Brüggemann
Dieser Text ist zuerst erschienen
im:
Talk to Me
USA 2007 - Regie: Kasi Lemmons - Darsteller: Don Cheadle, Chiwetel Ejiofor, Taraji P. Henson, Martin Sheen, Mike Epps, Cedric The Entertainer, Vondie Curtis Hall, Sean MacMahon, J. Miles Dale, Herbert L. Rawlings Jr. - FSK: ab 12 - Länge: 118 min. - Start: 7.2.2008
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