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Tarnation
Die Darstellung von psychisch kranken Menschen gilt
in Hollywood als sicheres Oscar-Ticket, wie die Erfolge von Jack Nicholson (Einer
flog über das Kuckucksnest),
Peter Sellers (Willkommen, Mr. Chance), Dustin Hoffman (Rainman) und Russell Crowe (A
Beautiful Mind) in der Vergangenheit
zeigten. Das Hineinversetzen in andere Bewusstseinszustände gehört
zu den größten schauspielerischen Herausforderungen. Darum gilt in
Hollywood längst das ungeschriebene Gesetz, dass jeder Schauspieler, der
etwas auf sich hält, zumindest einmal in seiner Karriere einen psychisch
Kranken gespielt haben sollte. Es ist ein kluger Karriereschritt.
Niemand hat je Renee LeBlanc zu einer Oscar-Verleihung
eingeladen, und es ist äußerst unwahrscheinlich, dass dies in Zukunft
geschehen wird. Renee ist die Mutter des Filmemachers Jonathan Caouette, der
sich in seinem Film „Tarnation“ auf schmerzvolle Weise mit der Krankengeschichte
seiner Mutter auseinandersetzt. Renee LeBlanc leidet seit ihrer frühen
Kindheit unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Im Alter von
zwölf Jahren fiel sie vom Dach ihres Elternhauses, worauf sie kurzzeitig
gelähmt blieb. Auf Anraten eines Arztes, der Renees Lähmung als psychosomatische
Erkrankung diagnostizierte, unterzogen ihre Eltern das Mädchen einer einjährigen
Elektroschocktherapie, die seinen mentalen Zustand rapide verschlechterte. Seit
Mitte der Sechziger Jahre befand sich Renee über einhundert Mal in psychiatrischer
Behandlung. Heute ist die Frau nur noch ein Schatten ihrer selbst. So beginnt
Caouettes Film auch mit der Nachricht, dass seine Mutter mit einer Überdosis
Lithium, einem starken Antidepressivum, ins Krankenhaus eingewiesen wurde.
„Tarnation“ ist der bestürzende Versuch Caouettes,
den Ursachen seiner zerrütteten Familiengeschichte auf den Grund zu gehen:
dem Vater, den er nie kennengelernt hat; seinen Großeltern, die ihre Tochter
jahrelang drastischen Therapiemethoden aussetzten; seiner Mutter, die er kaum
noch wiedererkennt; und nicht zuletzt sich selbst, als Kollateralschaden dieses
familiären Irrsinns. Denn auch Caouette leidet nach einem missglückten
Drogenexperiment als Teenager an einer Persönlichkeitsstörung. Oft,
so sagt er, fühle er sich, als würde er sich selbst als Außenstehender
betrachten. Tatsächlich wirkt „Tarnation“ streckenweise, als versuche Caouette
Distanz zu den Traumata seiner Kindheit zu finden - schon in der Art, wie er
von sich stets in der dritten Person spricht.
„Tarnation“ ist kein gewöhnliches Filmportrait.
Eher erinnert er in seinem wilden Mix aus alten Familienfilmen und –fotos, Anrufbeantwortertexten,
Videotagebüchern, Fernsehshows und Lieblingsliedern an einen Bewusstseinsstrom.
Die Dichte an Erinnerungsbildern, Klängen und inszenierten Momenten verleiht
der Geschichte eine ergreifende Unmittelbatkeit, als befände sich Caouettes
Film selbst noch in einer Art emotionalem Rohzustand. “Tarnation” gewinnt als
filmisches Bekenntnis auch an Komplexität, weil Caouettes eigene narzisstische
Neigungen im Laufe des Films immer wieder die Oberhand gewinnen und es ihm nie
ganz gelingt, die psychologisch so wichtige Distanz zu seiner Vergangenheit
herzustellen. Doch gerade dieses Unvermögen macht “Tarnation” einmalig:
als filmisches Dokument zwischen Therapie und Selbstausbeutung.
Mit Voyeurismus hat das nur bedingt zu tun. Schon
frühe Filme zeigen den elfjährigen Jonathan bei Rollenspielen als
misshandelte Hausfrau. Bereits in jungen Jahren schien er zu spüren, welche
Veränderungen in seiner verstörten Mutter vor sich gingen, und immer
wieder musste die Kamera zur Kompensation herhalten. Seine Obsession für
dominante Frauenfiguren wie Dolly Parton oder Joni Mitchell sind daher kein
Zufall. “Tarnation” ist eine beeindruckende Schilderung einer psychischen Erkrankung,
nicht zuletzt, weil der Film sich und die Gesundheit seines Machers wiederholt
zur Disposition stellt. Denn mehr als alles andere, das wird sehr früh
deutlich, erzählt “Tarnation” auch von der panischen Angst Caouettes, so
zu enden wie seine Mutter.
Andreas Busche
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: Financial Times Deutschland
Zu diesem Film gibt’s im archiv
mehrere Texte
Tarnation
USA
2003,
88
min.
Regie,
Buch, Kamera, Musik: Jonathan Caouette
Schnitt:
Jonathan Caouette, Brian A. Kates
Produzenten:
Gus Van Sant, Stephen Winter, Jonathan Caouette
Mit:
Jonathan Caouette, Michael Cox, Adolph Davis, Rosemary Davis, Renée LeBlanc,
David Sanin Paz
Dt. Start: 27.04.06 und 8.6.06
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