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Tarnation
Jonathan
Caouettes autotherapeutisches Home Movie-Familienepos Tarnation
erzählt formal wendig und emotional aufwändig von einer leidgeprüften
Mutter-Sohn-Beziehung. Ein beeindruckend/beunruhigend persönlicher Film.
Das
erste (und sicher nicht das schlechteste), was sich über Tarnation sagen
lässt, ist: Dieser Film lässt den "professionellen" Kritiker
in uns (zumindest in mir) schön blöd aussehen. Der steht nach der
Vorstellung rat- und hilflos im Kinofoyer und fühlt sich ganz allein gelassen
von jenem handlichen Set an Prinzipien, Präzedenzfällen und Ansichten
Dritter, das meist so reibungslos beim Meinungsbilden hilft, dass man auf die
Idee kommen könnte, man hätte selber einen Geschmack. Was man von
diesem Film hält, das weiß man wirklich erst, wenn man ihn selbst
gesehen hat - wenn überhaupt.
Tarnation von
Jonathan Caouette ist nicht weniger (und wahrscheinlich sogar beträchtlich
mehr) als die Speerspitze des Talk Show-Survivalismus im Festivalkino: Abgebaut
aus einem Steinbruch an Familienfotos, Home Videos und traumatischen Erlebnissen
des zuvor unbekannten, 30-jährigen Filmemachers und seiner Familie, montiert
an einem normalen Apple-PC mit der Standard-Videobearbeitungs-Software iMovie,
schließlich entdeckt und gefördert von Indie-Ikone Gus Van Sant (Elephant) und
Indie-Star John Cameron Mitchell (Titelheld und Regisseur von Hedwig
and the Angry Inch)
und inzwischen vielfach ausgezeichnet (unter anderem 2005 als bester nicht-fiktionaler
Film von der US-amerikanischen National Society of Film Critics), ist Tarnation schon
seiner Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte nach ein triumphales Lehrbeispiel
der Selbstermächtigung durch öffentliches Bearbeiten durchlebter Krisen.
In
Jonathan Caouettes ganz und gar offenherzigem Selbstexhibitionismus verschmelzen
das sensible Künstler-Genie der Romantik und die talking
cure-Plaudertasche
der Spätmoderne zu einer logischen wie widersprüchlichen Einheit -
und das in einem Film, dessen Tonspur (Streicher, Gitarre, sensibler Pop) etwas
penetrant an ein Indie-Drama und dessen verblüffend einfallsreiches und
effektives Arrangement von Bildmaterial an experimentelle Videoarbeiten erinnert.
Tatsächlich
hat es die Familiengeschichte der Caouettes ziemlich in sich, und Jonathan ist
willens und vor allem fähig, seinem Publikum die Wucht jedes einzelnen
Schicksalsschlags um die Ohren zu hauen. Schon am Anfang, wenn in effektvoll
aufgegliederten Inserts zu illustrierenden Portraitfotos über die Jugend
von Jonathans Mutter Renee erzählt wird, packt es einen, als würde
man das Treatment zu Lars Van Triers nächstem Märtyrerinnen-Passionsspiel
lesen: Ein glückliches Kind glücklicher Eltern und regional bekanntes
Kindermodell, fiel Renee mit 12 beim Spielen vom Dach des Elternhauses. Um ihre
vorübergehende Lähmung zu behandeln, verabreichten ihr die Eltern
auf Anraten der Ärzte eine lange Zeit hindurch Stromschocks. Erst auf diese
brutale Therapie hin (so legt es Jonathan nachdrücklich nahe) entwickelte
Renee jene schweren psychischen Störungen (vorsichtig zusammenfassbar als
"Schizophrenie"), die sie bis heute immer wieder pflegebedürftig
machen. Als junge Frau wurde sie bald mit Jonathan schwanger, von einem Handelsreisenden,
der sie verlassen hatte, noch ehe er von der Schwangerschaft wusste.
Nach
einem ganzen Kreuzweg weiterer traumatischer Erfahrungen, deren drastischste
wohl die Vergewaltigung Renees vor den Augen ihres Sohnes im Kleinkindalter
war, wuchs Jonathan, ein "schwieriges" Kind, unter der Fürsorge
seiner bemühten, aber überforderten Großeltern auf. Hier setzen
auch seine Video-Aufnahmen ein: Mit 11 Jahren gibt Jonathan in einem verstörenden
Rollenspiel, flehend und hysterisch schluchzend der Kamera zugewandt, eine verfolgte,
bedrohte junge Frau. Ein Jahr darauf wird er, von seinen Lovern aus der lokalen
Schwulenszene motiviert, mit dem Drehen von Underground-Filmen beginnen, etwa
einem ultrabilligen Slasher-Movie mit einer Blut spuckenden Oma.
Später,
wenn er seine Jugend überlebt haben und nach New York gezogen sein wird,
werden seine Aufnahmen immer mehr den Charakter eines Tagebuchs seiner Bemühungen
um seine labile Mutter bekommen. Aber schon in den frühen "fiktionalen"
Aufzeichnungen ist jenes Paradoxon im Keim enthalten, das Tarnation so
berührend und zerrüttend, begeisternd und befremdlich macht: Ein unbedingter
Wille zum Ausdruck, zur Mitteilung, zum Durch- und Verarbeiten von Erlebtem
und Gefühltem, der das klassische teleologische Modell von der unmittelbaren
biographischen Motiviertheit künstlerischen Schaffens, wie es durch Hollywood-Biopics
(Ray,
Pollock) und
naiv auteuristische Filmbetrachtungen geistert, auf eine Weise über-erfüllt,
die dieses Modell von innen heraus zum Bersten bringt. Leben und Werk, Therapie
und Kunst sind hier auf eine Weise ineinander verwachsen, die zwar absolute
Glaubwürdigkeit garantiert, zugleich aber nachhaltig verunsichert. Denn
der, der da vor der Kamera leidet, um familiäre Vergangenheitsbewältigung
und Gleichgewicht für sich und seine Mutter kämpft, dass es uns packt
und schüttelt, das ist derselbe, der uns die ganze Zeit mit seiner ausgefeilt
emotionalisierenden Inszenierung und vor allem Montage packt und schüttelt.
Gibt
es in fiktiven Formaten, selbst in den intimsten Singer/Songwriter-Balladen
immer eine letzte Geschütztheit dessen, der sich offenbart, durch die Formeln,
Genres und Kunstfiguren, derer er sich bedient, so muss dieser Schutzmantel
hier fallen. Der Jonathan Caouette, den wir im Film sehen, der vor laufender
Kamera immer wieder von der Realität überrumpelt wird, muss der echte
sein, kein alter ego, aber wer ist es dann, der da im Hintergrund so kompetent
über das Erzählmaterial seines Lebens verfügt und tatsächlich
eine erzählerische Distanz zu ihm aufbaut? (In den Inserts schreibt Caouette
bezeichnenderweise von sich selbst in der dritten Person.)
Die
Selbstspaltung, die Caouette hier praktiziert, verweist zugleich auf psychische
Defekte (namentlich die depersonalization disorder, eine krankhafte Selbstwahrnehmung
"von außen", die in Jonathans Jugend diagnostiziert wurde) und
therapeutische Maßnahmen (durch objektivierendes Erzählen), die es
beide ermöglichen sollen, mit erlittenen Traumata weiterzuleben: Das durch
Stromschocks induzierte Unglück von Mutter und Sohn muss digital be- und
in einer Serie emotionaler Schocks abgearbeitet werden. Jonathan, der Filmemacher,
verarbeitet die Leiden des jungen Herrn Caouette zum modernen Familienfilm.
Mehr noch: Er inszeniert ihm sogar potentiell therapeutische Situationen, die
er dann auch neugierig mitfilmt.
Nicht
immer gehen diese therapeutischen Bemühungen auf, wie man das aus dem Kino
gewohnt ist. Eine der in jedem Sinne des Wortes peinlichsten Szenen des Films
dokumentiert zum Beispiel ein von Jonathan organisiertes allererstes Treffen
mit seinem Vater: Vater, Mutter, Kind sitzen oder gehen da angespannt vor der
Kamera herum, versuchen fahrig, nervös, und recht vergeblich, zwischen
netten Floskeln und verständlichen Vorwürfen wirklich miteinander
zu sprechen: betäubt, wie unter Schock nach diesem unvermittelten Zusammenprall:
Ein quälendes Nicht-Gefühl, das sich auf uns überträgt,
während Jonathan (der Filmemacher oder der Sohn?) fruchtlos versucht, endlich
jene große Szene zu kriegen, auf die er hingearbeitet hat: die Konfrontation
mit dem Vater, den er nie gesehen, der sich nie um ihn gekümmert hat. Dass
der ein mit der Situation überforderter älterer Herr ist, der beteuert,
er hätte sich um Jonathan gekümmert, hätte er von ihm gewusst,
entschuldigt sein Verhalten nicht, nimmt den nachbohrenden Fragen des Sohns
allerdings schnell den Biss.
Noch
manches bleibt in Jonathans Recherchen familiären Unglücks trotz insistierender
Fragen ungeklärt, und die Schwierigkeiten im Leben mit einer schizophrenen
Mutter sind am Ende eben nur für den Film vorbei, während im echten
Leben das Leben bekanntlich einfach weitergeht. Deshalb müssen Jonathan
- der Regie-Wunderknabe -, Caouette - der junge Mann, der noch immer tief im
Dreck seiner Familiengeschichte steckt -, und wir - die Zuschauer - schließlich
dasselbe lernen: mit der Kontingenz und Unabgeschlossenheit von Realität
auszukommen, mit dem beständigen Ausfransen des Lebens an allen Ecken und
Enden, das sich eben nicht ohne ein gerüttelt Maß an Verlogenheit
zu einer schönen runden Geschichte zusammenschneiden lässt. Aus dem
mutigen Nicht-Verleugnen dessen, was eben nicht so einfach durch Therapie verschwindet,
was nachwirkt und bleibt, gewinnt der Film eine Haltung, die ihn dann doch über
den Gutteil der handelsüblichen Therapie-Erzählungen - vom Talk-Show-Narzissmus
bis zum Läuterungs-Drama (Garden
State,
Good
Will Hunting)
- hinaushebt.
Joachim
Schätz
Dieser
Text ist auch erschienen in:
Tarnation
USA
2003,
88
min.
Regie,
Buch, Kamera, Musik: Jonathan Caouette
Schnitt:
Jonathan Caouette, Brian A. Kates
Produzenten:
Gus Van Sant, Stephen Winter, Jonathan Caouette
Mit:
Jonathan Caouette, Michael Cox, Adolph Davis, Rosemary Davis, Renée LeBlanc,
David Sanin Paz
Dt. Start: 27.04.06 und 8.6.06
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