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Tartüff
Ein Tartüff ist
seit Molières gleichnamiger Komödie im allgemeinen Sprachgebrauch
eine Person, die fromm tut, um insgeheim ganz auf den eigenen Vorteil bedacht
zu sein. Eine Figur, die, so Murnaus Adaption des Stoffes, typisch ist auch
noch für die moderne Zeit. Der Film verdeutlicht dies durch eine auffällig
ausführliche Rahmung: Ein alter, wohlhabender Herr hat seinen Sohn verstoßen,
weil dieser sich der Schauspielerei verschrieben hat (im übrigen ein autobiografisches Detail aus Murnaus Leben). Seine Bedienstete,
ebenfalls schon im gesetzten Alter, umhegt ihn gar mütterlich, schielt
dabei aber doch nur auf das enorme Vermögen des Senioren, das ihrer Familie
testamentarisch zuzugestehen sie ihm mit Beharrlichkeit nahe legt. Als dies
endlich geschehen ist, verspricht sie sich viel vom heimlich ins Wasser gemischten
Gift, um den Segen noch ein wenig schneller ins Haus zu bringen. Der verstoßene
Sohn bekommt von der Sache Wind, doch ist an den Vater kein Herankommen mehr,
die boshafte Frau tut ihr Übriges. Also ersinnt er eine List: Als verkleideter
Schausteller macht er der Haushälterin schöne Augen, um, nach anfänglicher
Skepsis – Schauspielerei und Kinematograph, das sei doch alles nichts -, eine
private Kinovorstellung mit Hintersinn im Hause des Vaters zu organisieren.
Gezeigt wird – als eigentlicher Film - die moralisch erbauliche Geschichte,
in der ein erzfrommer Christ in ein bürgerliches Haus einkehrt, um den
von der tiefen Religiosität des Mannes beeindruckten Patriarchen zu christlicher
Demut und den Herrgott freudig stimmende Armut zu ermahnen. Nach und nach geht
der Besitz des einst wohlhabenden Mannes unter den misstrauischen, ja ungläubigen
Augen von Frau und Gesinde in den des Tartüffs über. Erst weibliche
List wiederum ist es, die dem Betrogenen die Augen öffnet, wie auch jenseits
der Leinwand-im-Film der Vater seine Lektion versteht...
Nach der „entfesselten
Kamera“ im zuvor entstandenen und bei Transit ebenfalls vorliegenden Der
letzte Mann gibt sich Tartüff im gemeinsamen Werk von Murnau und Kameramann Karl Freund
zuweilen den Anschein einer Rückkehr zur statischen Einstellung. In der
Tat gibt es nur einen sehr pointierten Einsatz von Kamerabewegung zu verzeichnen:
Wo es dramaturgisch Sinn macht, wird der im Stummfilm für gewöhnlich
durch den Bildrahmen recht geschlossen wirkende Raum mit viel Effekt durch achsenparallele
Kamerafahrten aufgebrochen und erweitert. Etabliert wird dergestalt ein relativ
kontingentes Spielraum-Gefüge, eine Art Sphäre üblicher Alltagsansichten,
in denen aber das Besondere des Details, das vielleicht das wahre Wesen einer
Sache überhaupt erst erschließen lässt, unterzugehen droht.
Entsprechend sorgfältig gehen Murnau/Freund mit Großaufnahmen um,
die in den Raum „hineinspringen“ und in unmittelbarer/unnatürlicher Nähe
zu Personen und Gegenständen Ansichten erlauben, die etwa den Tartüff
- mittels Hinweise auf listig eingesteckte Ringe und verschlagene Fältchen
um das Lächeln - schon frühzeitig als frömmelnden, an sich aber
durchtriebenen Hund erahnen lassen (die glücklicherweise vorliegende Originalmusik
tut ihr übrigens, wenn sie der Person ein ironisch eingespieltes „Vom Himmel
hoch, da komm ich her“ als Leitthema anträgt). Über dieses dramaturgisch
sehr bewusste Spiel von Orientierung stiftenden Gesamtansichten und analytischen
Großaufnahmen – im Gegensatz etwa zur Großaufnahme mit bloßem
Zeigecharakter des frühen Kinos - wird eine zweite Sphäre, eine des
Heimlichen und Versteckten, geschaffen: Erst im Rahmen des Spielraums und der
auch im Alltag gewahrten Distanz wird die Heuchelei effizient. Die relative
Statik des Bildes ist also keineswegs als formaler Rückschritt zu verstehen,
sondern, ganz im Gegenteil, als bewusste ästhetische Entscheidung, die
das bereits hochentwickelte Gespür für die Kommunikation des Films
und seine Differenzqualitäten (etwa zum Theater, welches das Detail als
dramaturgische Zutat naturgemäß kaum kennt) erahnen lässt. Interessanterweise
hat auch der Filmtheoretiker Béla Balász etwa zur gleichen Zeit
die Großaufnahme als das „eigenste Gebiet des Films“ ausgewiesen, in der
die neue Qualität der Sichtbarkeit durch den Kinematographen selbst wiederum
sichtbar wird. Und nicht zuletzt durch die seinerzeit als unnötig gescholtene
narrative Rahmung durch eine Kinovorführung unter fingierten Vorzeichen
gibt sich Tartüff auch als augenzwinkernde
Reflexion über das Wesen der Heuchelei der eigenen Kunst zu erkennen: In
dieser Télescopage der Räume – Kinoraum, Spielraum, „analytischer
Mikroraum“ – und Heucheleien – Kino als Heuchelei, 24 mal pro Sekunde, die wiederum
andere Heucheleien sichtbar werden lässt – steckt doch mehr Hintersinn
und Ironie als man ersten, bloß zur Kenntnis nehmenden Blickes meinen
könnte.
Aber von solchen Beobachtungen
abgesehen ist Tartüff auch einfach ein bis heute funktionierender, ästhetisch
sehr schöner und nicht zuletzt auch recht humorvoll geratener Beitrag aus
der Stummfilmzeit, den es – letzten Endes auch aufgrund seiner vergleichsweise
geringeren Prominenz (im Vergleich etwa zum Golem oder zu Caligari) – zu entdecken lohnt. Schön geraten sind zum Beispiel
eben auch der schon leicht parodistisch wirkende Umgang mit den gerne als typisch
für diese Zeit apostrophierten „expressionistischen“ Stilmitteln (eine
Ansicht vom Weimarer Kino im Übrigen, die unter empirischen Gesichtspunkten
nicht zu halten ist). Lange Schatten, low-key-Belichtung und so weiter, das
ganze schwerfällig gewordene Arsenal der in Dunkelheiten raunenden Seelenmalerei,
das sind die Mittel, die Tartüffs erste Auftritte Ehrfurcht evozieren lassen
sollen – um sich letzten Endes mit dem Wesen des Tartüffs als fauler Zauber
zu entpuppen! Ein augenzwinkernder, von der Werkperspektive her gesehen – Nosferatu! - sogar leicht selbstironischer
Umgang mit Stilmitteln, der mithin auch unter Beweis stellt, dass im Weimarer
Kino vor zackigen Schatten nicht nur ehrfürchtig pathetisch niedergekniet
wurde.
Wie bei Transit üblich,
ist auch dieses, bis ins Detail sorgfältig gestaltete Set wieder ein kleines
Fest für filmhistorisch Interessierte geworden. Angefangen vom schönen
Digi-Pack mit Schuber im ansprechenden Design über die gut gelungene Restaurierung
und den tollen Transfer bis hin zur wieder äußerst spannenden Dokumentation
über die Bedingungen der Produktion und der Restaurierung des Films (wieder
mit vielen historischen Dokumenten aus den wunderschönen Archiven der Filmmuseen
der Republik): Hier wurde wieder eine dieser schönen „Scheiben für
die Ewigkeit“ geschaffen, die man gerne in sein Privat-Archiv stellt. Höchst
erfreulich ist auch, dass die für das im historischen Sinne adäquate Erlebens des Films wichtige Originalmusik neu und im glasklaren Klang
eingespielt wurde. Selbst im Kino kommt man kaum mehr dichter an das (ohnehin
nur sehr selten mögliche) authentische Erleben eines Stummfilms.
Thomas Groh
Dieser Text ist zuerst erschienen bei: jump cut
Tartüff
Deutschland
- 1925 - 74 min. – schwarzweiß - Verleih: Deutsches Institut für
Filmkunde (DIF), DIF/atlas (16 mm), Erstaufführung: 25.1.1926/27.2.1973
ZDF/2.5.1981 DFF 1 - Produktionsfirma: Universum-Film AG – DVD: Weltvertrieb:
Transit Film - Produktion: Erich Pommer
Regie:
Friedrich Wilhelm Murnau
Buch:
Carl Mayer
Vorlage:
nach einer Komödie von Molière
Kamera:
Karl Freund
Musik:
Giuseppe Becce
Darsteller:
Emil
Jannings (Tartüff)
Werner
Krauss (Orgon)
Lil
Dagover (Elmire)
Hermann
Picha (Der Alte)
Lucie
Höflich (Dorine)
André
Mattoni (Enkel)
DVD:
Tartüff
(F.W. Murnau, Deutschland 1926)
Technische
Details:
Laufzeit:
63 Min.
Ton:
DD 5.1
Untertitel:
Deutsch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch
Bildformat:
4:3
Zusatzmaterial:
- Tartüff, der verschollene Film, ein Film-Essay von Luciano Berriatua
-
Biografien zu 13 Stab- und Besetzungsmitgliedern
Weltvertrieb:
Transit Film, [www.transitfilm.de]
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