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Tatis
Schützenfest
„Heutzutage
schämt man sich
beinahe,
dass man sich immer
noch
für Dinge schämt, für die
man
sich auch früher geschämt hat.”
(Jacques
Tati)
Jacques
Tati (eigentlich: Tatischeff, *1907, †1982) gehörte und gehört wohl
zu den außergewöhnlichsten Schauspielern und Regisseuren der Filmgeschichte.
Ursprünglich wie sein Vater Bilderrahmenbauer, in seiner Freizeit aber
auch begeisterter Boxer und Rugby-Spieler, knüpfte Tati in seinen insgesamt
„nur” sechs Spielfilmen an die großen Stars des Stummfilmkinos an. Dialoge
spielen in Tatis Geschichten nur selten eine Rolle, eigentlich nur in „Jour
de fête” und „Mon
Oncle”.
Aber selbst in diesen Filmen zählen vor allem die Bilder einer dörflichen
Gemeinschaft und die Verschrobenheit ihrer Bewohner. Eigentlich erzählt
Tati gar keine Geschichten im üblichen Wortsinn. Seine Filme sind eher
zu meisterhaft verdichteten Bildern zusammengefasste intensive Beobachtungen
menschlichen Verhaltens im Übergang zur Postmoderne, wie dies heute so
unbeholfen genannt wird. Geräusche, wie die von Schuhen, Korkenziehern,
modernen Sesseln aus Kunststoff, und Bewegungen, nicht nur seine eigenen als
Monsieur Hulot, sind zentral für Tati. Buster Keaton meinte, Tati knüpfe
dort an, wo er und andere wie Chaplin oder Langdon vierzig Jahre zuvor stehen
geblieben seien.
Und tatsächlich
wirken Tatis bewegte Gemälde der beginnenden Postmoderne wie erneuerte
Stummfilme, die über sich selbst hinausgehen und das Geräusch, den
Ton, die Gebärde auf einer höheren Ebene und in bezug auf eine veränderte
Gesellschaft in den Film einführen, als seien sie dramaturgische Mittel
und keine wirklichen Lebensäußerungen.
In seinem
ersten Spielfilm war Jacques Tati noch nicht Monsieur Hulot, oder sagen wir:
er war es „nur” in Ansätzen. Der zunächst als Schwarzweißfilm
in den Kinos gezeigte Film wurde Jahre später u.a. von Tatis Tochter Sophie
Tatischeff durch die restaurierte ursprüngliche Farbfassung ersetzt. 20
Jahre nach Tatis Tod kam diese Fassung in die Kinos und findet sich auch in
der vor kurzem erschienenen Jacques-Tati-Collection von Universum-Film.
In „Tatis
Schützenfest” feiert Tati, der den Briefträger François spielt,
die französische dörfliche Gemeinschaft – mit kritischer Sympathie,
mit Leidenschaft, Liebe, aber ohne in idyllische Fahrwasser zu geraten. Schon
hier zeigt sich Tatis Distanz zur Stadt, zu modernen Technologien, zu festgefügten
Ordnungen, zu vermeintlich planbaren Abläufen.
Die Einwohner
von Saint Sévère erwarten zum alljährlichen Schützenfest
u.a. auch eine Schaustellertruppe mit Attraktionen aller Art. Alle sind in Hektik,
nur die weise, alte bucklige Frau mit ihrer Ziege an der Leine bleibt gelassen
und beobachtet, erzählt von diesem und von jener. Sie kennt hier jeden.
Wir treffen auf den griesgrämigen Wirt der Dorfkneipe, einen schielenden
Einwohner, vornehme Leute, und natürlich auf François, den schlaksigen
Briefträger mit den viel zu kurzen Hosen, einem Schnauzer und den unter
seiner Postbotenkappe hervor blinzelnden bauernschlauen Augen. Viele Szenen
dieses Films haben Slapstick-Charakter, etwa wenn mit Hilfe von François
der Fahnenmast für das Schützenfest aufgestellt werden soll, wenn
er später vor einem Bauern prahlt, er habe dafür gesorgt, dass der
Mast zum Stehen gebracht wurde – und prompt in eine Grube fällt. Oder wenn
er des nachts betrunken samt Fahrrad durch die Dunkelheit torkelt, einen Zaun
mit seinem Drahtesel verwechselt und kopfüber in einer Hecke landet, wo
ihn ausgerechnet die Biene wieder belästigt, die ihm auch tagsüber
bei der Arbeit zu schaffen macht.
Während
des Schützenfestes zeigen die Schausteller einen Film über moderne
Methoden der Postzustellung in den Vereinigten Staaten: Briefträger werden
dort von Flugzeugen durch die Lüfte gezogen, um schneller zu sein als andere.
Was die Amerikaner können, könne die Franzosen schon lange, meint
François – und fortan radelt er durch die Gegend wie ein wild gewordener
Stier – schneller als die Radrennfahrer, die er locker hinter sich lässt
–, klemmt einen Brief auch schon mal unter den Schwanz einer Kuh oder steckt
ihn auf eine Mistgabel. Anfangs belächelt von seinen Mitbewohnern, geht
denen François Hektik bald auf die Nerven.
Tati kehrt
hier der Welt der Moderne den Rücken, ignoriert sie allerdings nicht, sondern
sieht die Zeichen der Zeit durchaus. Irgendwann werden diese modernen Zeiten
auch vor Saint Sévère keinen Halt machen. Ohne die dörfliche
Idylle allzu sehr zu idealisieren, bleibt Tati / sein François doch lieber
das, was er war. Er pfeift irgendwann auf die amerikanische Methode der Briefzustellung.
(Jour
de fête)
Frankreich
1949, 77 Minuten
Regie:
Jacques Tati
Drehbuch:
Jacques Tati, Henri Marquet
Musik:
Jean Yatove
Director
of Photography: Jacques Mercanton, Jacques Sauvageot
Schnitt:
Marcel Morreau, Sophie Tatischeff (Farbversion)
Produktionsdesign:
René Moulaert
Darsteller:
Jacques Tati (François, der Briefträger), Guy Decomble (Roger),
Paul Frankeur (Marcel), Santa Relli (Rogers Frau), Maine Vallée (Jeannette),
Roger Rafal (Friseur)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0040497
©
Ulrich Behrens 2004
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