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Taxi
Driver
Vietnam in New
York
Martin Scorseses "Taxi Driver" wird
wiederaufgeführt. In den 30 Jahren seit seiner Entstehung ist der Film
kaum gealtert - und im Kino ist er besser aufgehoben als im DVD-Player
Ein Klassiker des amerikanischen Kinos nicht nur
der Siebziger Jahre und ideologisch sicher einer der dubiosesten Filme der New
Hollywood-Ära, zeigt Martin Scorseses “Taxi Driver” auch dreißig
Jahre nach seiner Entstehung kaum Alterserscheinungen. Wahrscheinlich gehört
er sogar zu den wenigen Filme seiner Zeit, die die Jahre relativ unbeschadet
überstanden haben. Der Irrsinn von "Apocalypse
Now", die Travestie des Vietnamkrieges,
ist längst überflügelt worden von den Mythen, die die Produktionsgeschichte
und den Wahn Coppolas umranken. Und auch die Paranoia von "Parallax View"
wirkt heute im Anbetracht der realen politischen Verhältnisse eher wie
ein Scherz. "Taxi Driver" ist schon damals beides gewesen: der bessere
Film über Vietnam und die profundere Schilderung des amerikanischen Unbehagens
nach Watergate. Der englische Filmkritiker David Thomson schrieb vor einigen
Jahren, der Geist Richard Nixons schwebe über Scorseses Film, ohne dass
Nixon selbst je in Erscheinung trete. Die nixoneske Figur war in "Taxi
Driver" jedoch nicht Senator Charles Palantine, auf den Travis Bickle eine
seltsame Fixierung entwickelt, sondern Bickle selbst. Nixon und Bickle, so Thomson,
kamen mit Taten davon, die man ihnen nicht hätte durchgehen lassen dürfen.
In dieser Einschätzung steckt bereits die ganze
Ambivalenz von "Taxi Driver". Die reaktionären Züge der
Figur des Travis Bickle waren mit dem rebellischen Impetus von New Hollywood
kaum vereinbar. Vietnam-Heimkehrer Bickle hatte den Krieg mit nach Hause gebracht.
Er war der Krieg, und der Krieg war in ihm: der Rassismus, die Gewalt, der Anspruch
moralischer Überlegenheit, der schließlich in einem blutigen Rachefeldzug
gipfelte, den Kritiker schon damals als Kommentar auf das Massaker von My Lai
deuteten. Scorsese aber machte den einsamen Amokläufer, der davon fantasierte,
dass ein biblischer Regen den menschlichen Abschaum in die Gosse spülte,
zum Volkshelden. Wie konnte dieser Travis Bickle zu einer Symbolfigur von New
Hollywood werden?
Welchen Nerv Robert De Niros Darstellung von Travis
Bickle beim Publikum traf, zeigte schon die euphorische Reaktion der New Yorker
Kritikerin Pauline Kael. Zwar entgingen auch ihr die faschistischen Untertöne
von "Taxi Driver" nicht (die sie allerdings eher Paul Schraders Drehbuch
zuschrieb), aber da war auch etwas Unwiderstehliches im Auftreten De Niros,
diese naive Selbstsicherheit, die im Film auch die von Cybill Shepherd gespielte
Wahlkampfhelferin Betsy anzieht. "So einen wie dich hab ich noch nie kennen
gelernt", sagt sie einmal zu Bickle. Wie wahr das ist, erkennt sie, als
Bickle sie beim ersten Date in ein Pornokino schleppt.
Schrader erzählte später in Interviews,
dass der unverhohlene Rassismus in "Taxi Driver" im Original-Drehbuch
noch viel ausgeprägter gewesen sei und allein von Bickle ausging. Mitte
der Siebziger Jahre befand sich Schrader - wie seine Schöpfung Travis Bickle
- in einem äußerst labilen mentalen Zustand. Sein streng calvinistisches
Elternhaus hatte der junge Schrader als Hölle auf Erden empfunden, und
noch während der Arbeit am "Taxi Driver"-Drehbuch laborierte
er an den Spätfolgen seiner repressiven Erziehung. Unmengen von Alkohol
und Drogen konnten Schraders psychotische Ausbrüche kaum bändigen.
In der ersten Fassung des Drehbuchs sind die Opfer Bickles noch ausnahmslos
Schwarze gewesen. Scorsese musste einschreiten und Travis' asoziale Kommentare
auf Nebenfiguren verteilen (eine dieser Figuren spielt Scorsese selbst; seine
misogynen Sprüche lassen Travis wie einen Waisenknaben aussehen).
So lassen sich vielleicht auch die Widersprüche
in der Figur von Travis Bickle erklären. Erst die Korrekturen von Scorsese
machten aus dem schlüssigen Porträt eines Soziopathen, wie Schrader
es gezeichnet hatte, eine gebrochene Figur, deren Weltekel eine heroische Größe
annehmen konnte. Bernard Herrmanns Jazz-Motiv verlieh Travis' Nachtfahrten zudem
eine fast klassische Melancholie.
Rückblickend muss man sagen, dass die Entstehung
von “Taxi Driver” ein seltener Glücksfall gewesen ist. Der Zeitpunkt hätte
nicht besser gewählt sein können. Die jungen Wilden hatten ihr Pulver
fast schon wieder verschossen, die besten Filme aus der Zeit von New Hollywood
- "Die letzte Vorstellung", "Chinatown", "French
Connection", "Der Dialog", "Hundstage" - waren längst
gedreht, als Scorsese, Schrader und De Niro zusammenkamen. Keiner von ihnen
ist danach je wieder so gut gewesen. Ihre disparaten Kräfte - Scorseses
Rastlosigkeit, De Niros physische Intensität, die der Bressonschen Stoik,
die Schrader seiner Figur ursprünglich zugeschrieben hatte, komplett entgegenstand,
und Schraders wahnhafte Raserei - verwandelten "Taxi Driver" in ein
Pulverfass. Besonders der Clash von Scorseses stark katholisch geprägter
Bildsymbolik (Travis, der sich mit einer Gasflamme, dem Fegefeuer, für
das letzte Gefecht stählt; Betsy, die in ihrem weißen Kleid wie ein
Engel durch die schmutzigen Straßen schreitet; Handfeuerwaffen, die wie
Reliquien vorgeführt werden) und Schraders von protestantischen Tics durchzogenes
Drehbuch, seinen endlosen Tiraden gegen den menschlichen Abfall, die Huren,
die schwarzen Zuhälter, den Sündenpfuhl New York an sich, schaffte
interessante ästhetische Interferenzen.
Kein Wunder, dass „Taxi Driver“ auch nach drei Jahrzehnten
nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Seine inneren Widersprüche,
die moralische Fragwürdigkeit und die visuelle Eloquenz in der Beschreibung
eines großstädtischen Molochs verleihen "Taxi Driver" eine
Dichte, die seither kaum wieder erreicht wurde. Auch deswegen gehört dieser
Film einfach auf die große Leinwand. In der fein nuancierten Düsternis
von Scorseses Neo-Noir-New-York verbirgt sich etwas Albtraumhaftes, dem das
Heimkino unmöglich genügen kann.
Andreas Busche
Dieser Text ist in ähnlicher
Form auch erschienen in der: taz
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der
filmzentrale mehrere Texte
Taxi
Driver
TAXI
DRIVER
USA
- 1975 - 114 min. - Thriller, Drama - FSK: ab 16; feiertagsfrei (früher
18) - Verleih: Warner-Columbia - Erstaufführung: 7.10.1976 - Dt. Wiederaufführung:
13.7.2006 - Fd-Nummer: 19983 - Produktionsfirma: Taxi Driver Prod. - Produktion:
Michael Phillips, Julia Phillips
Regie:
Martin Scorsese
Buch:
Paul Schrader
Kamera:
Michael Chapman
Musik:
Bernard Herrmann, Jackson Browne
Schnitt:
Marcia Lucas
Darsteller:
Robert
De Niro (Travis Bickle)
Peter
Boyle (Wizard)
Cybill
Shepherd (Betsy)
Jodie
Foster (Iris)
Harvey
Keitel (Matthew ("Sport"))
Martin
Scorsese (Fahrgast)
Steven
Prince (Andy, der Waffenverkäufer)
Diahnne
Abbott (Süßwarenverkäuferin)
Victor
Argo (Melio)
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