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Taxi
Driver
Auch
eine Bürgerinitiative
Travis
(Robert de Niro) ist noch nicht so lang aus Vietnam zurück. Seine Familie,
Vater und Mutter, wohnen irgendwo in Philadelphia, er selbst ist in New York,
allein, orientierungslos. Er schreibt Tagebuch, einmal fällt ihm ein, dass
ihm wohl nichts anderes fehlt als ein Freund. Nachts kann er nicht schlafen.
Er wird Taxi-Fahrer. Unerschrocken fährt er überall hin und nimmt
jeden Fahrgast mit. Sein Arbeitstag ist von 6-Uhr Abends bis 6-Uhr Morgens,
mindestens, 6 Tage die Woche. Oft ist er sogar nach der Arbeit noch nicht müde,
dann geht er in Porno-Kinos, deren Filme er anschaut wie Zahnpasta-Werbung.
Dann
passiert es. Er sieht die Frau seines Lebens, Betsy. Betsy arbeitet als Wahlhelferin
eines US- Präsidentschaftskandidaten. Travis beobachtet Betsy von seinem
Taxi aus. Einige Tage später geht er in das Büro, in dem Betsy arbeitet,
und bekennt, dass sie die hübscheste Frau in New York sei. Etwas später
sitzen sie schon zusammen bei einem Kaffee. Travis beschreibt die Begegnung
in dem Büro für beide, er unterstellt, dass auch sie Interesse für
ihn hat, und seine Art, wie er das macht, ist zugleich unverfroren, frech und
einzigartig. So kühn und unbeschwert ist noch keine Frau erobert worden.
Der Mann hat was, das hat man gleich am Anfang des Films gemerkt, auch wenn
er so merkwürdige Sachen über den Abschaum dieser Stadt sagt. Es gibt
also so einen blinden Fleck bei Travis, manches sieht er nicht, obwohl es auf
seinem Schirm ist. Aber warum muss er unbedingt mit dieser Frau in einen Pornofilm
gehen? Das Händchen der ersten Stunde doch nur das Organ eines Grobmotorikers?
Natürlich
kommt es zum Eklat, nichts kann diesen Fehler ausmerzen, keine Anrufe, keine
Blumen, keine Besuche, Betsy schmeißt ihn raus. Travis ist untröstlich,
auch wenn man ihm das nicht ansieht. Mittlerweile hat er den besagten Präsidentschaftskandidaten
persönlich als Kunde im Taxi kennen gelernt. Was ihn am meisten beschäftige,
wird Travis gefragt. Und da kommt es wieder, die apokalyptische Phantasie, dass
New York einen totalen Neuanfang bräuchte. Der Kandidat hat verstanden,
sein Motto ist ja auch: Wir sind das
Volk. Kurze Zeit später ist Travis gut eingedeckt mit Waffen, eine Walter,
eine Magnum 44 zum Abknallen von Elefanten und noch zwei schöne Objekte.
Travis macht sich bereit. Er übt zu Hause. So was macht bestimmt viel Spaß,
die lässige Frage: Meinst du mich?, redest du mit mir? – und immer enden
diese Spielchen damit, dass Travis die Pistole oder den Revolver zieht und schneller
ist als sein fiktiver Gegner. Dann geht er zu einer Wahlkampfveranstaltung dieses
Kandidaten, schwer bepackt, was hat er vor, er wird doch nicht total blöde
Amok laufen… Man wird auf ihn aufmerksam, Travis schmeckt die wirkliche Wirklichkeit,
und sie schmeckt ihm gut.
Kurze
Zeit später stößt er zum dritten Mal auf dieses junge Mädchen
(Jodie Foster), das ihren Körper verkauft. Er spricht sie an, sie verweist
ihn auf ihren Pimp (Harvey Keitel), im Zimmer packt er dann aus, dass er, Travis,
sie, Iris, da raus holen wolle. Ein Paar Tage später gibt es ein paar Tote
und einen neuen Helden in New York. Aber Travis bleibt auf dem Boden. Fährt
weiter Taxi. Dann sitzt da eine Kundin auf dem Rücksitz, die er kennt.
Er fährt sie nach Hause, sie erzählt, dass sie von seinem Abenteuer
in der Zeitung gelesen habe, dann ist sie am Ort der Bestimmung, weiß
aber vielleicht nicht so genau, was da noch kommen soll, fragt, was sie schuldig
sei, und Travis sagt natürlich, dass sie, Betsy, ihm nichts schulde, und
mit einem Gesicht völlig ohne Ressentiment, völlig einverstanden mit
seiner Geschichte, fährt er wieder los, in die Nacht, und das ist ein großartiges
Ende eines sowieso großartigen Films.
Dieter
Wenk
(01.04)
Probleme
sind weniger dazu da, dass man sie löst als dass man darüber spricht.
Die meisten Probleme sind unlösbar. Wenn zum Beispiel Travis (Robert de
Niro) mit seinen Kollegen im Bistro sitzt und die beiden Schwarzen ein paar
Tische weiter taxiert, dann weiß er nicht, was er machen soll. In seinem
Hirn existiert eine Verknüpfung, die er mit vielen anderen Nicht-Schwarzen
teilt, wonach schwarz und dreckig etc. eine Einheit bilden. Travis steht oder
genauer gesagt sitzt also vor einem Entsorgungsproblem. So bekommt es auch der
demokratische Präsidentschaftskandidat zu hören, den Travis zufällig
kutschiert; natürlich gehört es zu dessen Job, dem Volk aufs Maul
zu schauen, aber letztlich verwundert es ihn doch, dass da jemand so unverhohlen
zugibt, wovon andere eben auch träumen, nämlich denen, die angeblich
die Schuld haben, aufs Maul hauen zu wollen. Alles nur eine Frage des Ressentiments?
Oder die alte Leier mit dem Sündenbock? Travis träumt einen Traum
von Sauberkeit und hat doch nichts dagegen, in die dunkelsten Straßen
New Yorks zu fahren. Das Dunkle zieht ihn an. Die Nacht, die Zeit, in der er
fährt, die Pornokinos, in denen er alleine sitzt, und wenn zu zweit, dann
gibt es eine Katastrophe, natürlich zu Recht. Dann will er mit einem Kollegen
reden und weiß doch (noch) nicht, was er will. Etwas später aber
schon der Waffenhändler. Erinnerungen des Zuschauers werden wach an präpubertäre
martialische Verkleidungsorgien. Selber Staat spielen. Familiale
GSG-Neun. Die
fantasierten Kurzdialoge mit dem Vertreter des Üblen und Bösen. „Hey,
redest du mit mir…?“ Nichts befriedigender, aber auch nichts zwanghafter als
das. Die Kränkung, kurz vorher oder alt eingesessen. Endlich kann man aufräumen.
Die Wege vom stillen zum verzweifelten Außenseiter mit durchgehendem Außenbordmotor
sind kurz, aber nicht determiniert. Travis hätte nur in ein anderes Kino
gehen müssen. Aber so will er vielleicht immerhin einer gewesen sein, der
angefangen hat, angefangen mit aufräumen. Nur hat er bei seinem Attentatsversuch
das Terrain gewechselt und ist in einer anderen Fiktion angekommen. Hallo Oswald,
gib mir die Sonne. Dieses Rührstück hat Gerhard Richter 1964 in einem
Gemälde (natürlich nach einem Foto, und zwar aus dem „Stern“) festgehalten.
Man bleibt den Vorlagen gnadenlos verbunden, ob man will oder nicht. Und Travis
hat besonders wenig Auswahl. Betsy jedenfalls hätte ihn früher oder
später entlarvt, denn sie hat ihn anfangs für jemand anderes gehalten,
obwohl oder gerade weil Travis sich nicht für jemand anderes ausgegeben
hat. Beim zweiten Selbstmordkommando kommt etwas mehr Logik ins Spiel. Immerhin
gibt es jetzt tatsächlich jemanden zu retten und nicht so etwas Abstraktes
wie die Welt. Iris (Frieden) heißt das Kind und damals ist Jodie Foster
noch richtig groß, die Hackenschuhe. Sport ist ihr Pimp, und mit langen
Haaren sieht Harvey Keitel letztlich auch nicht richtig gut aus, was seine schauspielerischen
Fähigkeiten in keiner Weise schmälert. Zwar muss auch Travis Blut
lassen, aber insgesamt geht die Sache richtig gut aus, die Prinzessin befreit
und an den Ort der ursprünglichen Bestimmung zurückgeführt, Travis
selbst wieder eingeführt in die Gesellschaft – vor allem der Taxifahrer.
Herrn Hegel hätte der Film bestimmt sehr gut gefallen.
Dieter
Wenk
(10.04)
Diese
Texte sind zuerst erschienen bei:
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der
filmzentrale mehrere Texte
Taxi
Driver
[Taxi
Driver] USA 1975
Start:
07.10.1976
Verleih:
UIP
Laufzeit:
114
FSK:
16
Drehbuch:
Paul Schrader
Regie:
Martin Scorsese
Darsteller:
Robert De Niro, Cybill Shepherd, Jodie Foster, Harvey Keitel, Albert Brooks,
Peter Boyle, Diahnne Abbott, Martin Scorsese
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